Jungs springen über Steine | Bildquelle: LIBRAIRIE VUIBERT PARIS
Einblicke

Georges Hébert, Margarete Streicher und Friedrich Ludwig Jahn

Freies und natürliches Turnen

Dass Turnen nicht nur drinnen in der Turnhalle und an Geräten stattfinden kann, sondern auch draußen an der frischen Luft, ist eine alte, eigentlich die ursprüngliche Idee des Turnens.

Als Turnvater Jahn das Turnen vor mehr als 200 Jahren erfand, gab es noch gar keine Turnhallen, sondern einfach einen Turnplatz, auf dem gespielt und geturnt wurde. Turnen war etwas "Natürliches" – laufen und springen, hüpfen und drehen, steigen und klettern, überschlagen und Hindernisse überwinden.

Die Turngeräte waren abstrakte Konstruktionen natürlicher Hindernisse, an denen man üben konnte, wie man am besten und am geschicktesten drübersteigen oder springen konnte. Reck und Barren wurden die berühmtesten Turngeräte. Am hölzernen Turnpferd konnte man reiten üben, Kunsttücke machen und springen; so ähnlich wie heute beim Voltigieren. 

Der junge Turner dachte an Freiheit, schrieb Ernst Bloch über das frühe Jahn’sche Turnen in seinem großen philosophischen Werk "Das Prinzip Hoffnung". "Dies Freie allerdings: aufrechter Gang, Kraft, vor dem Feinde sich nicht zu ducken, sondern seinen Mann zu stehen, Männerstolz vor Königsthronen, Zivilcourage, ist danach nicht gekommen, wie bekannt.

Turnen wird zum Schulfach

Dieses freie und natürliche Turnen wurde verboten, weil die Turner mit der Revolution in Verbindung gebracht wurden. Der Staat wollte jedoch nicht darauf verzichten, das Turnen als ein Mittel der systematischen körperlichen Erziehung zu nutzen.

Turnen wurde zum Schulfach. Man baute extra Turnhallen, um das ganze Jahr über dieses Fach in den Schulen unterrichten zu können. Ein Nebeneffekt bestand darin, dass das Turnen nun unter Aufsicht von Lehrern kontrolliert und diszipliniert stattfinden konnte.

Turnhallenmief vs. natürlich und frei

Diese Verschulung des Turnens prägte die Entwicklung der Turnkultur und Körpererziehung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert. Viele empfanden dieses Turnen als starr und statisch, künstlich und unnatürlich. Der Turnhallenmief und die strengen Frei- und Ordnungsübungen hatten nichts mehr mit dem ursprünglichen, freien und natürlichen Turnen der Anfangszeit zu tun. Aber es regte sich Widerstand. Der Ruf wurde immer lauter, Turnen und Spielen wieder natürlicher, freier und spielerischer zu gestalten. 

Turnmethode "méthode naturelle"

Georges Hébert (1875-1975)

"PARKOUR" geht auf Héberts "methode naturelle" zurück.

Pädagoge und früherer Marineoffizier Georges Hébert

In Frankreich hatte der Pädagoge und frühere Marineoffizier Georges Hébert (1875-1975) eine neue Turnmethode, die er "méthode naturelle" nannte und an den französischen Schulen eingeführt wissen wollte. Körperliche und geistige Bildung und Erziehung sollte – ganz nach dem Vorbild des großen Rousseau – in der freien Natur und in der Auseinandersetzung mit der Natur geübt und trainiert werden.

Da Hébert als Marineoffizier viel in der Welt herumkam, insbesondere in den französischen Kolonien, war er begeistert, wie geschickt, stark und widerstandsfähig die in natürlicher Umgebung aufwachsenden jungen Menschen bei den Naturvölkern aufwuchsen – im Unterschied zur dekadenten Zivilisation in Europa.

Lauf- und Trimm-Dich-Pfade, Sport- und Bewegungsparks

Lauf- und Trimm-Dich-Pfade, Sport- und Bewegungsparks oder andere, eher natürliche "Fitness-Locations" und nicht zuletzt "Parkour" gehen auf Héberts "méthode naturelle" zurück.

Hébert blieb in Europa nicht allein mit seiner Kritik an den traditionellen und starren Formen der Körpererziehung. Spiel und Sport, Sportspiele wie Fußball und Rugby sowie weitere Rasen- und Sommerspiele sowie Wintersport, Baden und Schwimmen verbreiteten sich überall in Europa.

In Österreich und Deutschland entwickelt: Methode des "Natürlichen Turnens"

In Österreich und Deutschland entwickelten Turnlehrer und Leibeserziehung, wie sie nun genannt wurden, eine eigene Methode des "Natürlichen Turnens".

Die österreichische Biologie- und Turnlehrerin Margarete Streicher (1891-1985) steht zusammen mit ihrem Kollegen Karl Gaulhofer (1885-1941) für dieses neue didaktische Konzept des Turnens. Es wurde zum Vorbild einer grundlegenden Reform der Körpererziehung sowohl in Österreich als auch in Deutschland und weiteren Ländern in Europa.

"Natürliches Turnen" beinhaltete mehr als nur Turnen an der frischen Luft oder das geschickte und schnelle Überwinden natürlicher Hindernisse wie Parkour. Natürlich bedeutete – ganz im Sinne Rousseaus – der Natur des Menschen und seiner natürlichen Bewegungsmöglichkeiten entsprechend. Die freie Natur und die natürliche Umgebung sahen Streicher und Gaulhofer zwar als eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung des didaktischen Konzepts des Natürlichen Turnens an, aber es eignete sich auch für das Turnen in der Turnhalle.

Freie Bewegungsaufgaben

Ausgangspunkt körperlicher Bildung und Erziehung sollten das Kind und die Jugendlichen sein, aber nicht eine vorgegebene Struktur, ein Bewegungsmuster, dem sie sich anpassen mussten, wie dies bei den traditionellen Frei- und Ordnungsübungen der Fall war. Turnlehrerinnen und Turnlehrer sollten freie Bewegungsaufgaben stellen, bei deren Lösung die Schülerinnen und Schüler wachsen können, Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit erwerben, ihre Sinne schulen, fit und widerstandsfähig werden und sich auf diese Weise nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch bilden würden.

Mädchen und Frauen nicht in Watte gepackt

Margarete Streicher dachte beim Natürlichen Turnen besonders an die Mädchen und Frauen. Turnunterricht, Gymnastik, Spiel und Sport sollten der Natur, dem Wesen und der Biologie der Frau entsprechen, wie sie als Biologin immer wieder betonte. Sie waren bisher beim Thema Körpererziehung sträflich vernachlässigt worden. Das bisherige, strenge, "männliche" Turnen oder auch aggressiver Sport oder Kampfspiele wie Fußball entsprachen aus ihrer Sicht nicht den natürlichen Anlagen und Bedürfnissen von Mädchen und Frauen.

Natürliches Turnen und Gymnastik schienen ihr dagegen geeignete Übungsgebiete für Frauen und Mädchen zu sein. Allerdings wollte sie auch nicht, wie dies viele scheinbar fürsorglich-patriarchalisch denkende Männer taten, Frauen in Watte packen. Im Gegenteil: Streicher sah ihre Methode des Natürlichen Turnens als besonders geeignet an, eine starke, gesunde und widerstandsfähige Generation von Frauen zu erziehen.

Ausgangspunkt Mensch

Dieses biologistische Menschenbild der Pionierin des Natürlichen Turnens und des weiblichen Turnens hat sich bis heute ebenso überholt wie ihr bipolares Geschlechterverständnis. Beides war geprägt vom Stand der Wissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Geblieben ist jedoch die Idee, dass erstens die freie Natur Raum für Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport bietet und zweitens, dass der Ausgangspunkt körperlicher Bildung und Erziehung in erster Linie nicht die "Systeme" von Turnen und Sport sein sollten, sondern der Mensch.

LITERATURHINWEIS: Margarete Streicher/ Karl Gaulhofer (1930/31). Natürliches Turnen. Gesammelte Aufsätze I/II. Wien/ Leipzig.

AUSGABE  OUTDOOR 02-2021Einblicke | Natürliches Turnen
AUTOR       Prof. Dr. Michael Krüger