Die SPROSSENWAND | Bildquelle: iStock/OCMLABS

Wer kennt sie nicht – die Sprossenwand?

Die Sprossenwand hängt in jeder Turn- und Sporthalle, in jedem Sport- und Fitnessstudio und in vielen Kellern von Eigenheimen, die zum Fitnessraum umgebaut wurden – gerade jetzt in Coronazeiten. Man munkelt, manche nutzen sie gar als Garderobe. Und nun kann sie auch noch ins Bücherregal gestellt oder als Ordner in der Cloud abgespeichert werden.

SPROSSENWAND heißt es - unser neues Online-Magazin des Deutschen Turner-Bundes.

Der Name ist Programm: Die Sprossenwand ist eines der ältesten Turn- und Gymnastikgeräte, seit mehr als 200 Jahren im Einsatz und angesagter denn je. Sie ist vielfältig nutzbar, für Jung und Alt, für jeden Zweck, für Schlappis und Geübte, zum Üben und Trainieren, zum Schwitzen und Dehnen.

Aber wer weiß schon, seit wann es die Sprossenwand gibt, wer auf die Idee kam, eine solche breite Leiter zu bauen und zu welchem Zweck?
 

Der Erfinder

Die Sprossenwand ist eine Erfindung des schwedischen "Gymnasiarchen" Pehr Henrik Ling (1776 - 1839). Im Jahre 1813 gründete er in Stockholm das Gymnastische Zentralinstitut zur Ausbildung von Turn- und Gymnastiklehrern für Schule und Armee. Es besteht bis heute – als schwedische Sporthochschule. Die schwedische Gymnastik nach Ling verbreitete sich weltweit als ein System von Leibesübungen für Heilgymnastik, ästhetische Gymnastik und nicht zuletzt pädagogische Leibesübungen für Kinder und Jugendliche, Jungen und vor allem Mädchen.

Schweden:

Der Gymnasiarch – Pehr Henrik Ling

Als Gymnastik wurden damals in ganz Europa Leibesübungen nach dem Vorbild der alten Griechen bezeichnet, die systematisch betrieben und gelehrt werden sollten. Deshalb mussten auch Gymnastiklehrkräfte ausgebildet werden, die diese Gymnastik unterrichten konnten – für die königliche Armee in Schweden, aber auch für die Schulen, die erst allmählich im Lauf des 19. Jahrhunderts für alle Kinder zur Verfügung standen, um sie an Leib und Seele gesund erziehen zu können. Diese Lehrer der Gymnastik – die Gymnasten – wurden von Ling und seinen Nachfolgern ausgebildet. Deshalb nannte er sich Gymnasiarch: Lehrer der Gymnastiklehrer.

Deutschland:

Johann Christoph Friedrich GutsMuths

In Deutschland hatte zur selben Zeit bereits Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839) in Schnepfenthal in Thüringen einen Gymnastikplatz eingerichtet und 1793 sein in ganz Europa verbreitetes Buch „Gymnastik für die Jugend“ geschrieben. Ling kannte GutsMuths und dessen Buch, in dem zahlreiche Übungen systematisch beschrieben wurden – nach dem „generischen Prinzip“, wie GutsMuths das genannt hatte, also nach den Übungsarten gegliedert, wie Laufen, Springen, Hüpfen und auch Klettern an verschiedenen Gerüsten. Und Ling wusste auch, dass in Berlin auf der Hasenheide Turnvater Jahn 1811 einen Turnplatz eröffnet hatte, auf dem es zahlreiche Klettergerüste gab, neben Schwingel (Pferd), Barren und Reck. 

Militärische, pädagogische und ästhetische Gymnastik

Ling gliederte seine Gymnastik jedoch nicht wie GutsMuths und Jahn nach den Übungsarten, sondern nach bestimmten Zwecken. Für die Zwecke der Ausbildung von Soldaten in der Armee die militärische Gymnastik, für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen die pädagogische Gymnastik, für die Verbesserung der Gesundheit die Heilgymnastik und für die Verbesserung von Schönheit und Anmut der Bewegung die ästhetische Gymnastik.

In Preußen sollte diese schwedische Gymnastik ebenfalls verbreitet werden.

Hanns Ferdinand Maßmann (1797-1874), ein Philologe sowie Schüler und Freund von Turnvater Jahn, übersetzte die Werke Lings ins Deutsche. In seinem 1847 erschienenen Buch zu „P.H. Lings Schriften über die Leibesübungen“ beschrieb er auch die Erstausstattung des Gymnastischen Zentralinstituts in Stockholm.

Voilà, da ist sie also die erste
SPROSSEN­WAND: 

„...ein eckiger, senkrecht und fest stehender Steigebaum mit eingelegten, je 1 F. voneinander entfernten, ungefähr ebenso weit über den Baum herausragenden Sprossen...“

Die preußische Zentralturnanstalt – mit „Rüstsaal“

In den 1840er Jahren war Major Hugo Rothstein (1810-1865) im Auftrag der preußischen Regierung nach Stockholm gereist, um das schwedische Gymnastiksystem kennenzulernen und für die Ausbildung der Soldaten der preußischen Armee in Deutschland einzuführen. Rothstein wurde nicht nur zum größten Fan der Ling’schen Gymnastik, sondern sollte auch nach dem Vorbild der Schweden eine zentrale Turnanstalt in Berlin einrichten und leiten. Statt Barren und Reck wollte Rothstein lieber die Sprossenwand. Aber letztlich scheiterte er im so genannten preußischen Barrenstreit (1860-1863) an den deutschen Turnern.

Dennoch setzte Rothstein Maßstäbe.

Als Leiter der preußischen Zentralturnanstalt* in der Scharnhorststraße statte er auch den „Rüstsaal“, wie er die Turnhalle nannte, nach dem Vorbild Lings in Stockholm aus.

*„Ein langer, höher oder niedriger, fest oder schwankend, Balancierbaum, zwei Querbaumgerüste mit Sprossenständern, ein Steige- und Klettergerüst mit Kletter-Tauen und Stangen, mit Kletter- und Steigemasten, mit einer pendelnden Doppelleiter, einer Strickleiter und einer gewöhnlichen einfachen Leiter und Steigebohle; ferner ein großes Schwungtau, sowie verschiedene Sprunggestelle (Schnursprunggestelle, Sprungtreppe, Sprungkasten, Sprungbock), zwei Voltigirböcke und noch eine Steigewand. Außerdem sind auch noch manche kleine Handgeräthe (Sprungstäbe, Handseile, Bälle, Keulen ec.) vorhanden zum Betrieb von Geräthübungen.“

Aus dieser Beschreibung ließe sich im Prinzip bis heute auch eine Bewegungsbaustelle basteln

natürlich mit SPROSSENWAND.

 

Quellen und Literatur:

Maßmann, Hanns Ferdinand (1847). P. H. Ling’s Schriften über Leibesübungen. Aus dem Schwedischen übersetzt von H. F. Maßmann. Magdeburg 1847.

Rothstein, Hugo (1862). Königliche Central-Turn-Anstalt zu Berlin. Berlin: Verlag E.H. Schröder.

Schöler, Julia Helene (2005). Über die Anfänge der Schwedischen Heilgymnastik in Deutschland - ein Beitrag zur Geschichte der Krankengymnastik im 19. Jahrhundert. Diss. Münster.
 

AUSGABE  Olympia 01-2021Die Sprossenwand
AUTOR       Prof. Dr. Michael Krüger