Thore Beissel | Bildquelle: Tilo Wiedensohler
Turn-Team Deutschland

Turner Thore Beissel auf dem Sprung

Von der Wohngruppe zur Sportfördergruppe

Zeit ist im Leben eines Spitzensportlers ein kostbares Gut. Gefühlt gibt es davon wohl immer zu wenig. Es gilt sie zu sparen. Sei es im Training, sei es in der Schule oder sei es für die privaten Dinge des Lebens. Turner Thore Beissel kann davon ein Lied singen. Derzeit kämpft sich der 19-Jährige zurück von einer Knie-OP. "Um 13:00 Uhr habe ich schon wieder Therapie", sagt er, für das Gespräch bleibt eine Stunde. Denn seine Reha ist für Beissel im Moment einer der wichtigsten Tagesbausteine. Schließlich will der gebürtige Kieler ab April den Sprung in eine der 15 deutschen Sportfördergruppen der Bundeswehr schaffen.

"Aber Verletzungen gehören nunmal zum Sport dazu. Das ist ein Risiko, das man eingehen und auch damit umgehen können muss“, sagt er. Ein allgegenwärtiges Problem, auch wenn er selbst bislang von schlimmen Verletzungen verschont geblieben sei. "Daher ist es eine neue Situation für mich. Gerade im Hinblick auf Motivation", sagte er. Mit dem Münchner Olympiamedaillengewinner Lukas Dauser, der selbst auf eine leidvolle Verletzungsgeschichte zurückblickt, hat er flüchtig mal ein paar Worte dazu wechseln können.

Er hat mir gesagt, was ihm geholfen hat. Immer an das Positive zu denken. Und das hilft wirklich!

Von Kiel nach Berlin

Mittlerweile betreibt Beissel seinen Sport seit 14 Jahren, im Sommer hat er sein Abitur erfolgreich bestanden. "Ich war eigentlich von Anfang an im Leistungssport unterwegs", sagt er. In seiner Heimatstadt Kiel habe er zunächst einen völlig "normalen" Alltag gelebt. Morgens bis zum frühen Nachmittag Schule. Dann bis zum Abend ab ins Training. "Auf die Dauer ist das natürlich ziemlich viel, was man da bewältigen muss. Denn die Kooperation der normalen Schulen mit dem Leistungssport gestaltet sich zumeist schwierig", berichtet er.

Deswegen begann er irgendwann, sich gemeinsam mit seinen Trainern Gedanken über seine sportliche Zukunft zu machen. Ein Wechsel in eine Sportschule schien bald die beste Lösung. "Da ist insgesamt mehr Zeit für das Training und die Schule wird dennoch nicht krass vernachlässigt. Das war mir sehr wichtig", sagt er. Die Standorte Berlin, Hannover und Cottbus machten für den Norddeutschen am meisten Sinn.

Davon hat mir Berlin am besten gefallen. Besonders, weil da die meisten in meinem Alter sind. Das war am Ende auch der ausschlaggebende Punkt.

Der Schulwechsel selbst sei ihm gar nicht so schwergefallen wie viele glaubten. "Ich habe damals nur an den Sport gedacht. Ich habe für mich da herausgefiltert, wie ich mich sportlich weiterentwickeln kann und welche Vorteile das für mich hat. Über die schulische Situation, die ganzen neuen Leute und der Abschied von den alten Freunden, darüber habe ich mir kaum Gedanken gemacht“, verrät Beissel.

Wohnen mit WG-Charakter

Thore Beissel an seinem Schreibtisch im Internat

Im Trainingszentrum Berlin wohnt er nun in einem von mehreren Internatswohnblöcken, die dort für die Sportler zur Verfügung stehen. In einem davon leben die Jüngeren, zumeist in Zweierzimmern. Die anderen zwei Häuser sind alles Einzelzimmer. Jeder hat sein eigenes Appartement mit Bad und Bett, nur die Küche wird gemeinschaftlich genutzt. "Wenn man sich dort trifft, dann herrscht schon so eine Art WG-Charakter", erzählt er. 

Wenige Minuten zu Fuß sind es dort nur zum Training. Sich morgens zu überwinden, aufzustehen und pünktlich zum Training zu gehen, dafür trägt jeder selbst Verantwortung. "Aber wenn ich das nicht wollen würde, dann wäre ich hier ohnehin am falschen Ort", sagt er. Für die Jüngeren gebe es aber dennoch Hauserzieherinnen und -erzieher, die ein wachsames Auge darauf hätten, dass das auch richtig funktioniere. 
 

6:30 Uhr

Der Wecker klingelt

Typischerweise klingelt Beissels Wecker um 6:30 Uhr. Nach der Morgenroutine geht es knapp eine Stunde später dann direkt zum Frühtraining in die Halle.

"Meistens ist es so, dass morgens noch nicht so viel im Training möglich ist. Ganz einfach, weil man gerade aufgestanden ist und der Körper erst einmal in Fahrt kommen muss", erklärt er. In der ersten Trainingseinheit gehe es daher meistens darum, Grundlagenarbeit zu betreiben. "Einfache Sachen. Schwerpunkte haben wir meistens in den Nachmittag verlegt. Da ist der Körper in Fahrt", sagt Beissel.

Nach zwei Stunden Training geht es weiter zur Schule. Praktisch, dass die nur zehn Minuten Fußweg entfernt liegt. "Alles ist sehr gut und schnell erreichbar“, lobt er. Von zehn bis 15 Uhr herrscht dann auch für Beissel normaler Schulalltag. In der Mittagspause dort habe man die Wahl, selbst zu kochen oder eine der beiden Mensen in Anspruch zu nehmen. "Drei oder vier Gerichte gibt es zur Auswahl, vorab im Internet bestellbar“, erzählt er. Man spüre dort auch die Bemühungen, den Fokus sportlergerecht auf frische, gesunde Sachen zu legen. "Vielleicht ist es nichts für Gourmets, aber für mich als Sportler, war es immer top", findet er.

Nach Beendigung des Unterrichts geht es zurück in die Trainingshalle. Die zweite Einheit, erklärt Beissel, laufe dann bis 18:30 Uhr. "Danach haben wir meist passive Regeneration gemacht. Oft einen Gang in die Sauna. Oder Physiotherapie. Als Sportler ist sowas sehr wichtig, deswegen haben wir das auch mindestens zwei, dreimal die Woche in Anspruch genommen", betont er.

Der typische Abend eines Sportlers unterscheidet sich nach Beissels Ansicht dann auch nicht so sehr von dem jedes anderen Durchschnittsjugendlichen.

"Mit mir waren noch drei gleichaltrige Turner im Internat. Das war cool, denn man hatte seine engen Freunde immer um sich. Deswegen haben wir nicht nur zusammen trainiert, sondern auch die Abende gemeinsam verbracht. Wir haben zusammen Konsole gespielt. Oder wir sind gemeinsam Einkaufen gefahren, wenn wir am nächsten Tag selbst was kochen wollten", erklärt Beissel.

18:30 Uhr

Feierabend.

Internats-Mitbewohner werden zur Familie

Der Alltag allerdings, räumt er noch ein, sei oft so voll gepumpt gewesen, dass sich die Lust, abends noch Großartiges zu vollbringen, ohnehin meist in Grenzen gehalten habe. Turnen spielt dann jedoch eine eher untergeordnete Rolle. "Wenn man zuhause ist, spricht man eher über andere Dinge. Über Turnen meist dann, wenn man ohnehin am Trainieren ist", sagt er. Seine Vierergruppe im Internat sei so etwas wie seine Familie geworden. Heimweh habe er wenig verspürt, zumindest nicht in der Art, wie er es sich vorher ausgemalt habe. "Aber natürlich hat man das dann auch richtig genossen, wenn man einmal im Monat nach Hause fahren konnte", erzählt er. Wann am Ende die Lichter ausgingen, konnte jeder Sportler selbst entscheiden. "Aber meistens waren wir ohnehin so müde, dass wir um 23 Uhr im Bett lagen. Jeder hat da seinen eigenen Rhythmus gefunden".

Immer erreichbar sein - Doping-Prävention

Ein wichtiger Teil von Beissels Sportlerleben ist mittlerweile auch die Doping-Prävention. Das ADAMS System verrät den Doping-Kontrolleuren, wo sie einen zu testenden Sportler finden können. "Du musst da pro Quartal eintragen, wann und wo du erreichbar bist. Wo Du trainierst, wo und wann Du Wettkämpfe hast. Das ist sehr aufwändig", erklärt der Turner. Eine Stunde pro Quartal sei da schon allein für die Eintragungen notwendig, plus die Aktualisierungen bei allen Änderungen. "Wenn man ganz streng ist, müsste man sogar eintragen, wenn man ins Kino geht. Aber eigentlich passiert da nichts, wenn man das einmal vergisst. Wenn der Kontrolleur theoretisch zu Dir nach Hause fährt und Dich nicht antrifft, dann bekommst Du eine Mahnung. Oder Du fährst eben kurz nach Hause, wenn er warten möchte. Aber meistens kommen die ohnehin zur Turnhalle ins Training, weil sie dich da am einfachsten antreffen können".

An seine erste Doping-Kontrolle kann er sich noch gut erinnern. "Ich hatte plötzlich Angst, dass ich vielleicht unbewusst gedopt hätte. Es gibt bestimmte Lebensmittel, auf die solche Tests reagieren", erinnert er sich. Unbegründet, wie sich bald zeigte. Dennoch: Eiweiß- und Lifestylepräparate sind für Sportler oft ein gefährliches Terrain. Aber auch Mohnkuchen kann zu einer Gefahr für den Sportler werden. Ein Versuch brachte ans Licht, dass schon der Verzehr von einem Stück davon zu einem positiven Dopingbefund führen kann. "Aber am Ende war es halb so wild", lacht Beissel. Eine unterschwellige Unsicherheit jedoch, räumt er ein, sei immer geblieben. Das ADAMS System empfindet er dennoch nicht als Belastung. "Natürlich, man macht es nicht gerne, weil es einfach dauert und ein wenig kompliziert ist. Aber davon abgesehen, ist es eine gute und wichtige Sache", findet Beissel. Denn der Kampf gegen Doping sei wichtig, für alle Sportler. Damit die Chancengleichheit für alle gewahrt bleibe.
 

Zukunftsplan Sportfördergruppe

Beissels Zukunftspläne in Sachen Sportfördergruppe haben durch die Verletzung erst einmal einen Dämpfer erhalten. "Das ist natürlich doof, weil andere durch Wettkämpfe wichtige Punkte vorweisen können", räumt er ein. Das sei immer mehr wert, als mit einer Verletzung zu argumentieren. 

Sollte es im April aber tatsächlich für ihn nicht klappen, hätte Beissel die Chance, sich im Laufe des Jahres noch über das Erlangen des P-Kaderstatus für die Sportfördergruppe zu empfehlen. "Je nach dem, wie viele Plätze von der Bundeswehr zur Verfügung gestellt werden", weiß er.
Auch Bundespolizei und Zoll hätten ähnliche Angebote im Programm, allerdings verbunden mit einer festen Berufsausbildung. Es gebe darüber hinaus die Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen und zu strecken, um es besser auf die Sportlerkarriere anzupassen. "Aber es geht natürlich auch ein bisschen um Geld", sagte er. Rund 2.500 Euro gibt es bei der Bundeswehr im Durchschnitt zu verdienen. Auch deswegen sei die Truppe bei vielen Sportlern die erste Wahl. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es Zeit ist. Zeit, sich zurückzukämpfen, um die Karriere als Spitzensportler am Laufen zu halten.
Denn sein Nahziel Sportfördergruppe hat Beissel trotz Verletzung nicht aus den Augen verloren, würde ihm das Erreichen doch den Weg zu seinen sportlichen Zielen wieder ein Stückweit erleichtern.