Deutsche Mannschaft Athen 1896 | Bildquelle: Picture Alliance
Turn-Team Deutschland

Seit 1896

Turnen unter den olympischen Ringen

Seit den ersten Olympischen Spielen der Moderne, die 1896 in Athen stattfanden, ist Turnen im olympischen Programm. Deutsche Turner waren von Anfang an, und seit 1928 auch Turnerinnen, am Start. 1896 gewann Carl Schumann (1869-1946) drei Medaillen, davon eine im Ringkampf. Die Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow waren ebenfalls erfolgreich. Die Turnriege stammte aus Berlin und reiste auf eigene Faust nach Athen. Willibald Gebhardt (1861-1921), das erste aktive Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), hatte sie angeworben. Die Chance wollten sich die jungen Athleten um ihren Riegenführer Fritz Hofmann (1871-1927) nicht entgehen lassen, obwohl die Deutsche Turnerschaft (DT), der damalige Dachverband für das Turnen in Deutschland, dagegen war. 

Das Turn-Team Deutschland für die Olympischen Spiele 2020/21 in Tokio

Heute ist das anders

Der Deutsche Turner-Bund (DTB) ist stolz auf seine Athletinnen und Athleten, die trotz widriger Umstände und erschwerten Trainingsbedingungen, die die COVID-19 Pandemie mit sich bringt, nach Tokio reisen und sich für dieses Fest des Weltsports qualifiziert haben. Für die diesjährigen Olympischen Spiele in Tokio wurden für die deutsche Mannschaft die Turnerinnen Kim Bui (MTV Stuttgart), Pauline Schäfer-Betz (KTV Chemnitz), Elisabeth Seitz (MTV Stuttgart) und Sarah Voss (TZ DSHS Köln) nominiert. Bei den Männern werden Lukas Dauser (TSV Unterhaching), Nils Dunkel (MTV 1860 Erfurt), Philipp Herder (SC Berlin) und Andreas Toba (TK Hannover) an den Start gehen. Leider hat es im Trampolinturnen und in der Rhythmischen Sportgymnastik nicht für eine Nominierung gereicht.

"Wilde Turner" reisen 1896 nach Athen

Die Beziehungen zwischen der deutschen Turnbewegung und dem olympischen Sport waren immer etwas kompliziert. Dies zeigte sich schon zu Beginn, als die Deutsche Turnerschaft die erfolgreichen Olympiateilnehmer aus Athen nicht nur nicht ehrten, sondern sie sogar rügten, weil sie ohne Genehmigung des Turnverbandes als "wilde Turner" nach Athen gereist waren. Die Arbeiterturner waren erstens gar nicht eingeladen worden und hielten außerdem nichts von den Olympischen Spielen, bei denen Einzelsieger besonders ausgezeichnet wurden und Wettkämpfe statt gemeinschaftlichem Turnen im Vordergrund standen. 

Entwicklung zum Spitzensport

"Deutschlandriege" von 1936 in Berlin

1936 - Turnerinnen maschieren zu ihrer Gymnastik

Die "Deutschlandriege" um Alfred Schwarzmann

Die Entwicklung zum spitzensportlichen, olympischen Kunstturnen wurde in der Turnbewegung auch nach den ersten Spielen von Athen noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eher kritisch gesehen. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde allerdings gerade der Spitzensport besonders gefördert, weil die deutschen Athletinnen und Athleten bei den XI. Olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 gut abschneiden sollten und wollten. Tatsächlich gelang der Turnriege um ihren Star Alfred Schwarzmann (1912-2000) ein fabelhafter Auftritt. Die "Deutschlandriege" von 1936 war, abgesehen von den "wilden Turnern" von 1896, die erfolgreichste deutsche Turnmannschaft bei Olympischen Spielen ever. Sie gewann die Goldmedaille vor der Schweiz. 

1936 – erste Turnerinnen bei Olympischen Spielen

Nicht nur die Herren waren erfolgreich. Erstmals gab es in Berlin auch einen Mannschaftswettbewerb der Turnerinnen – erstmals an den Geräten, die bis heute im olympischen Kunstturnprogramm stehen: Boden, Balken, Sprung und Stufenbarren. Die deutschen Turnerinnen mit Anita Bärwirth, Erna Bürger, Isolde Frölian, Friedl Iby, Trude Meyer, Paula Pöhlsen, Julie Schmitt und Käthe Sohnemann gewannen vor der Tschechoslowakei die Goldmedaille. Die Besucherinnen und Besucher in der Waldbühne, die damals Dietrich Eckart Bühne hieß, benannt nach einem NS-Ideologen und Schriftsteller, waren begeistert.

Die Spiele von Berlin und der Nationalsozialismus

Die Spiele von Berlin waren natürlich stark von den Nationalsozialisten und ihrer "Weltanschauung" geprägt, obwohl sie nach außen gegenüber der Öffentlichkeit im In- und Ausland so taten, als ob es sich einfach um tolle Olympische Spiele handelte, die erstmals in Deutschland ausgetragen wurden. Dass es sich jedoch um besondere Spiele im Reich des Bösen handelte, wie man das Dritte Reich nennen muss, zeigt sich auch am Schicksal Alfred (1869-1942) und Gustav Felix Flatows (1875-1945), der deutschen Turn-Olympiasieger von Athen 1896. Besonders perfide war es, dass die nationalsozialistischen Machthaber die Flatows als Ehrengäste zu den Spielen von Berlin einluden, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt im Sommer 1936 die antisemitische Politik der nationalsozialistischen Regierung überall im öffentlichen Leben deutlich spürbar war. Sie traf schließlich auch die Flatows mit aller Wucht und Grausamkeit. Schon 1933 wurden sie wegen ihrer jüdischen Herkunft auf Druck des "Turnführers" Edmund Neuendorff aus der Berliner Turnerschaft ausgeschlossen, in der sie seit Jahren aktiv als Turner und Turnlehrer engagiert und anerkannt waren. 

Als die Spiele vorbei waren, wurde die Deutsche Turnerschaft als Dachverband der Turnvereine und Turnkreise in Deutschland aufgelöst. Neuendorff verlor alle seine Ämter. Gustav Felix Flatow emigrierte schon 1933 in die Niederlande. Jedoch konnten weder Gustav Felix noch Alfred Flatow den Nazi-Schächern entkommen. Die Olympiasieger Flatow von 1896 wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. 

Die Flatow-Medaille des DTB

Zur Erinnerung an das grauenhafte Schicksal der Flatows wurden in Berlin an ihren ehemaligen Wohnorten Stolpersteine angebracht. Seit 1987 erinnert der Deutsche Turner-Bund (DTB) an Alfred und Gustav Felix Flatow durch die Verleihung der Flatow-Medaille. Damit wird an die Schuld der Deutschen Turnerschaft (DT) an der Ausgrenzung jüdischer Mitglieder aus den Turn- und Sportvereinen im Nationalsozialismus erinnert. Die Flatow-Medaille wird an Turner und Turnerinnen vergeben, die sich sowohl durch ihre sportlichen Erfolge als auch im zivilen, bürgerlichen Leben besondere Verdienste erworben haben. 

1936 – Kunstturnen entwickelt sich zum Hochleistungssport

Die Olympischen Spiele 1936 bedeuteten einen Durchbruch für die Entwicklung zum Kunstturnen als Hochleistungssport sowohl für Männer als auch für Frauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte der 1950 gegründete Deutsche Turner-Bund in Westdeutschland und der im Deutschen Turn- und Sportbund der DDR organisierte Deutsche Turnverband (DTV) der DDR daran anzuknüpfen. Kunstturnen wurde zu einem olympischen Hochleistungssport. Im internationalen Turnsport dominierten insbesondere die Athletinnen und Athleten aus der Sowjetunion. Bei den Männern entdeckten die Japaner das Kunstturnen als eine moderne, kreative Sportart, die der japanischen Kultur besonders entsprach: Körperkunst und Perfektion der Bewegung auf der Grundlage beharrlichen und geduldigen Übens und Trainierens.

1954 – Ausstieg aus dem „olympischen Frauenturnen”

Während in der DDR der Turnsport konsequent am Vorbild der Sowjetunion aufgebaut wurde, regte sich im Deutschen Turner-Bund in der Bundesrepublik Kritik an der Leistungs- und Wettkampforientierung des Kunstturnens, insbesondere bei den Frauen und den Vertreterinnen der Frauen im DTB. Das internationale Frauen-Kunstturnen erschien ihnen wegen der zunehmenden Leistungs- und Wettkampforientierung und den kraftbetonten, akrobatischen Elementen als unweiblich. Deshalb beschlossen sie 1954 den Ausstieg aus dem "olympischen Frauenturnen". Die Olympischen Spiele von Montreal 1956 fanden deshalb ohne Beteiligung von Turnerinnen aus Deutschland statt. Bei den Männern gewann dagegen Helmut Bantz (1921-2004) die Goldmedaille im Pferdsprung mit einem "Hecht" vom Reutherbrett. Bantz war schon bei den ersten Nachkriegsspielen in London 1948 dabei, die als Austerity-Games in die olympische Geschichte eingegangen sind – allerdings nicht als Turner, sondern als Kriegsgefangener in Großbritannien, der als Trainer für die britischen Turner abgeordnet wurde.

Herausragende Athletinnen und Athleten bei Olympischen Spielen

In der Folgezeit schafften es immer wieder einzelne Athletinnen und Athleten aus West- und Ostdeutschland, in den vorderen Rängen bei Olympischen Spielen zu landen: Eberhard Gienger, Wolfgang Thüne, Klaus Köste, Sven Tippelt, Holger Behrendt, Silvio Kroll, Andreas Wecker, Erika Zuchold, Karin Janz, Maxi Gnauck … und zuletzt Fabian Hambüchen waren die herausragenden Athletinnen und Athleten des deutschen Gerätturnens bei Olympischen Spielen. 

Die DDR-Turnerin und Goldmedaillengewinnerin Karin Janz 1972 bei den Olympischen Spielen in München im Mannschaftswettbewerb der Turnerinnen. Erika Zuchold gewinnt die Silbermedaille.

Reck-Weltmeister Eberhard Gienger gewinnt am 25.07.1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal an seinem Spezialgerät, dem Reck, eine Bronzemedaille.

Andreas Wecker am Barren beim DTB-Pokal 1999 in Stuttgart. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul errang Wecker mit der DDR-Riege die Silbermedaille im Mannschafts-Mehrkampf.

1984 – Die Rhythmische Sportgymnastik wird olympisch

Turnen wurde immer weiblicher und gymnastischer. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wurde erstmals die neue Sportart Rhythmische Sportgymnastik ins olympische Programm aufgenommen. Es handelt sich um eine exklusive und ästhetische Sportart für Frauen. Die erfolgreichste Sportgymnastin aus Westdeutschland war Regina Weber aus Wattenscheid, die in Los Angeles die Bronzemedaille gewinnen konnte. Seitdem gelang es keiner Sportgymnastin aus Deutschland, eine Medaille in der RSG bei Olympischen Spielen zu erringen. Regina Weber und ihr Ehemann Souleymane Sané haben ihr sportliches Talent und Engagement an ihre Kinder weitergegeben, darunter Nationalspieler Leroy Sané, derzeit einer der besten Fußballspieler der Welt.

2000 – auch Trampolinturnen ins olympische Programm aufgenommen

Schließlich kam bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 noch eine weitere turnerische Sportart ins olympische Programm: das Trampolinturnen. Die erfolgreichste Teilnehmerin und der erfolgreichste Teilnehmer aus dem Deutschen Turner-Bund waren Anna Dogonadze, die 2004 in Athen die Goldmedaille gewann, wo auch Henrik Stehlik eine Bronzemedaille erringen konnte. 

Das Turnen ist in Olympia nicht nur angekommen, sondern die Turnsportarten haben sich zu einem wesentlichen Element von Programm und Idee moderner Olympischer Spiele entwickelt. Sie repräsentieren zum einen die ästhetisch-kompositorischen Sportarten, die neben den Spiel- und Kampfsportarten die Rolle des olympischen Sports als Bereich anspruchsvoller Körper- und Bewegungskultur definieren. Zum anderen handelt es sich um Sportarten, die besonders für die herausragenden Leistungen von Mädchen und Frauen im Leistungs- und Wettkampfsport stehen.

 

Wir drücken allen Turnerinnen und Turnern, die bei diesen besonderen Olympischen Spielen von 2020/21 in Tokio an den Start gehen, ganz fest die Daumen.

AUSGABE  Olympia 01-2021Turn-Team Deutschland | Turnen unter den olympischen Ringen
AUTOR*IN  Prof. Dr. Annette R. Hofmann | Prof. Dr. Michael Krüger