Medaillen von Tokio | Bildquelle: Picture Alliance
Einblicke

Olympischer Umweltsieger

Die Medaillen von Tokio

Geht es nach Junichi Kawanishi, dann werden die Medaillen der Olympischen Spiele von Tokio eine bleibende Hommage an die Leistung der Athletinnen und Athleten sein.

Sie sollen ihren Ruhm widerspiegeln und zugleich ein Symbol der Freundschaft der Völker sein. Ihre reflektierenden Lichtmuster, so will es der Designer aus der Hafenstadt Osaka, sollen die Energie der Athletinnen und Athleten und ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer symbolisieren und hinaus in die Welt tragen. Es war dieses, sein Konzept, welches für das Auswahlgremium der Spiele von Tokio am Ende aus den 400 eingereichten Ideen herausstach.

Insgesamt 30,3 Kilogramm Gold, 4.100 Kilogramm Silber und 2.700 Kilogramm Bronze benötigten die Japanerinnen und Japaner für die Herstellung ihrer 5.000 Medaillen.

100 Prozent Elektroschrott

Denn diese von Kawanishi gewollte energetische Eigenschaft des 8,5 Zentimeter großen Metallteils schlägt eine nahezu perfekte Brücke zu einer weiteren Idee der Organisatoren von Tokio. Deren Radikalität ist eine bislang einmalige Besonderheit in der Geschichte olympischer Siegeszeichen: Die Medaillen wurden erstmals zu 100 Prozent aus Elektroschrott hergestellt.

80 Tonnen ausrangierte Geräte

Für die Erstellung der Medaillen hat die Bevölkerung des technologiebegeisterten Inselstaates die Rohstoffe geliefert. In Postämtern und an Straßenecken im ganzen Land wurden gelbe Spendenboxen aufgestellt. Ein Unternehmen ermöglichte es den Menschen, gebrauchte Telefone in seinen 2.400 Ladengeschäften im ganzen Land zu spenden. Fast 80 Tonnen ausrangierter Geräte wurden so gesammelt, darunter über sechs Millionen gebrauchter Mobiltelefone. Auch Digitalkameras, Handheld-Spiele und Laptops wurden für den olympischen Ruhm klassifiziert, demontiert und von hochqualifizierten Auftragnehmerinnen und Auftragnehmern eingeschmolzen.

Der Materialwert

Die goldene Version besteht aus einem 550 Gramm schweren Silberkern, der mit sechs Gramm Gold vergoldet wurde. Erscheint sie der Sportlerin und dem Sportler auch mit kaum etwas aufzuwiegen, ihr nüchterner Materialwert liegt derzeit bei nur rund 670 Euro.

Genau 550 Gramm reines Silber erhält die oder der Olympiazweite, was einem Materialwert von rund 385 Euro entspricht. Die Bronzemedaille besteht aus 427,5 Gramm Kupfer und 22,5 Gramm Zink und wäre damit verglichen für ein Taschengeld zu haben.

Das Medaillenband

Verbunden wurde das nachhaltig gewonnene und anschließend gegossene Edelmetall mit besonderen Bändern, deren traditionelle Designmotive "ichimatsu moyo" und "kasane no irome" sich auch im Olympialogo wiederfinden. Die Muster spielen den Ball zurück ins Volk, spiegeln sie doch seit Generationen neben Japan selbst auch dessen Einheit in der Vielfalt wider.

Die Medaillenverpackung

Verpackt wurden die Olympiamedaillen in einem Gehäuse, das mit Hilfe perfekter Handwerkskunst aus japanischer Asche gefertigt wurde. Versehen mit ihrem eigenen, individuellen Holzfasermuster, wurde jede Box zu einem Unikat. Und symbolisiert so auch die Einzigartigkeit jeder einzelnen Athletin, jedes einzelnen Athleten. 

Recycelte Plastikabfälle

In Sachen Nachhaltigkeit gingen die Japanerinnen und Japaner schließlich sogar noch einen Schritt weiter: Auch die 100 Siegertreppchen, auf denen die strahlenden Gewinnerinnen und Gewinner im August mit den zurückgewonnenen Medaillen geehrt werden, wurden aus recycelten Haushalts- und Meeresplastikabfällen hergestellt. Wobei wieder die japanische Öffentlichkeit zum Erfolg beitrug, indem sie rund 45 Tonnen Haushaltskunststoff als Grundlage beisteuerte.

Der Designer Junichi Kawanishi

Ihn erfüllt dies alles mit großer Freude. Denn eigentlich hatte der Designer aus Osaka, der sich sonst mit der Gestaltung von Beschilderungen und Raumgrafiken beschäftigt, seinen Entwurf ja nur für sich selbst hergestellt. Er sollte dieses Lebensereignis für ihn persönlich festzuhalten. Und so hatte er selbst am wenigsten damit gerechnet, dass sein Werk am Ende den finalen Zuschlag erhalten würde. Und darf damit wohl nun auch als erster Überraschungssieger der Olympischen Spiele von Tokio gelten.
 

AUSGABE  Olympia 01-2021Einblicke | Olympischer Umweltsieger
AUTOR       Nils Bohl