Sinfonisches Landesblasorchester des Hessischen Turnverbandes im Staatstheater Darmstadt | Bildquelle: Sinfonisches Landesblasorchester des Hessischen Turnverbandes
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Oliver Nickel vom Sinfonischen Landesblasorchesters des Hessischen Turnverbandes

Viel Ahnung von Tuben und Blasen

Geht es um seinen Job, muss Oliver Nickel immer ein bisschen weiter ausholen. "Wenn man Blasmusik hört, dann ist es oft Bier und Bratwurst, was die Leute so vor den Augen haben", bestätigt er die landläufig herrschende Meinung. Aber das sei eben nur ein Teil der Wahrheit, erklärt der Chefdirigent des Sinfonischen Landesblasorchesters des Hessischen Turnverbandes.

"Ich war vor Weihnachten fünf Tage in Chicago, da findet jedes Jahr der größte Blasmusikkongress der Welt statt. Da kommen Komponisten und Militärkapellen, aber das, was wir unter Blasmusik verstehen, findet da überhaupt nicht statt", berichtet er.

Große deutsche Tradition: DIE BLASMUSIK

(Bild: Sinfonisches Landesblasorchester des Hessischen Turnverbandes)

Dabei hat Blasmusik in Deutschland eine große Tradition. Nicht nur bei den Turnern, sondern auch unter den vermeintlich "seriöseren" Komponisten. "Entschuldigen muss man sich dafür nicht. Das fängt schon früh mit Mozart an, über Beethoven, der Märsche für Militärmusik schreibt und Wagner, der selbst Bearbeitungen seiner Werke für Blasmusik in Auftrag gab", zählt er auf. Die Blasmusik sei früher praktisch das Radio für das normale Volk gewesen, dass sich keine teuren Opernaufführungen leisten konnte.

"Und deswegen war sie natürlich auch für die Komponisten ganz wichtig. Dass man da heute eher an Bier und Bratwurst denkt, liegt an der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg", erklärt der Hesse, der auch als Oberstudienrat an einem katholischen Privatgymnasium und als Chefdirigent des Musikvereins Viktoria Altenmittlau arbeitet.

Aber was hat die Musik mit Turnen zu tun?

Sehr viel.

"Das liegt an Turnvater Jahn. Die Verbindung zwischen den Turnern und der Blasmusik ist schon sehr alt. Die liegt auch darin begründet, dass Trommeln und Flöten den Festzug der Turner angeführt haben", weiß Nickel.

Früher habe es die Spielmanns- und Fanfarenzüge gegeben, die ganz typisch für das Turnen seien. Irgendwann habe sich das Ganze verselbstständigt. "Dann gab es plötzlich viele Blasorchester, die zu Turnvereinen gehörten. Das ist auch der Grund, warum sich der Hessische Turnverband ein eigenes Auswahlorchester leistet und auch finanziert", erklärt er.

Sinfonisches Landesblasorchester des Hessischen Turnverbandes

Dieses Auswahlorchester ist ein Projektorchester.

Wer mitmachen möchte, kann sich bewerben, regelmäßig gibt es ein Vorspielen.

"Dann kommen Leute aus allen hessischen Vereinen", sagt Nickel. Wird der Musiker oder die Musikerin aufgenommen, gibt es mehrere Wochenenden im Jahr, an denen sich das Orchester zum gemeinsamen Arbeiten trifft. "Eine wöchentliche Probe lässt sich ja zeitlich gar nicht vereinbaren", sagt Nickel.

Er selbst komme aus dem südhessischen Weiterstadt, der Weiteste komme aus Kassel. "Und wir haben sogar Leute dabei, die aus dem Gebiet des Hessischen Turnverbands stammen, jetzt aber bspw. beim Marine Musikkorps in Wilhelmshaven spielen.

Da muss man schon langfristig planen", betont Nickel.

 

Erfolg in der tschechischen Hauptstadt Prag

Für den letzten Auftritt seiner Amateur-Musikerinnen und -Musiker bei der internationalen WASBE-Konferenz in Prag musste Nickel zusätzliche Aushilfen für fehlende Positionen organisieren. "Da hatten wir eine Welt-Uraufführung. Es war das Stück des deutschen Komponisten Hubert Hoche für Marimbaphon und Blasorchester", erzählt der Dirigent. Der Erfolg in der tschechischen Hauptstadt hat das Orchester ermutigt, das Stück auch in Deutschland aufzuführen. "Im April wollen wir das Ganze auch in Deutschland als Premiere uraufführen, im Großraum Bad Gandersheim zum Jubiläum der Turner-Musik-Akademie", verrät er.

Den Vereinsorchestern Konkurrenz machen will Nickel mit seinem Projekt aber in keinem Fall. "Es geht uns vor allem darum, Stücke zu spielen, die ein normaler Verein so nicht stemmen kann. Würden wir das Gleiche spielen wie alle andern, dann würden wir dem Orchester ja ein Stück der Existenzgrundlage entziehen", ist er überzeugt.

Oliver Nickel

– Fachmann für Blasorchester im In- und Ausland

Nickel weiß, wovon er redet. Im In- und Ausland gilt er als Fachmann für Blasorchester. Man kennt ihn dort nicht nur als Gastdirigenten, sondern auch als Verfasser von Artikeln für Fachzeitungen. Auch als Dozent für Vorträge und Präsentationen im Bereich der Blasmusik ist er gefragt.

Als Musiker spielte er unter renommierten Dirigenten der Blasorchesterszene wie Henk van Ljinschooten und Heinz Friesen, ist in der internationalen Szene bestens vernetzt. Seine Dirigierausbildung schloss er mit einem Master am Königlichen Konservatorium in Den Haag bei Alex Schillings ab.

Zuvor hatte er ein Dirigierstudium bei Pierre Kuijpers am Konservatorium in Maastricht durchlaufen, welches er mit dem Bachelor of Music beendete. Seine erste musikalische Ausbildung verfolgte er an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, wo er das erste Staatsexamen in Schulmusik ablegte.

Entwicklungsland Deutschland

"In Sachen Blasmusik sind wir in Deutschland generell noch Entwicklungsland", urteilt Nickel nach seinen internationalen Stationen. Viele andere Länder seien da deutlich weiter.

Zum einen natürlich, weil die eine andere Geschichte hätten. Aber auch, weil sich die deutsche Blasmusik selbst oft so klein mache und die Sinfonieorchester in Deutschland so einen großen Stellenwert hätten.

"Dass die Entfernung zwischen einem Sinfonieorchester und einem Blasorchester nicht so groß sein muss, wie sie ist, das sehen viele nicht. Und das ist schade", bedauert Nickel.

Blasorchester seien keinesfalls ein Auffangbecken für diejenigen, denen das Spielen im Sinfonieorchester zu schwer ist, schreibt er auch seinen Dirigentenkolleginnen und -kollegen hin und wieder ins Stammbuch. "Da sieht man die Berliner Philharmoniker. Die stehen ganz weit oben. Und die Blasmusik, die ist weit unten. Das machen andere Länder ein bisschen geschickter. Die zelebrieren sich mehr", findet er.

Nachwuchs gesucht

Die Nachwuchsarbeit ist durch die Pandemie nicht einfacher geworden. "Man muss schon aktiv suchen. Die Vereine sind selbst am Kämpfen, um die Leute in die Probe zu bekommen", räumt Nickel ein.

Doch das, was die Vereine investieren müssten, um die Menschen zurückzuholen, falle beim Hessischen Turnverband noch um ein Vielfaches stärker aus, wenn man als überregionales Orchester versuche, Leute zu requirieren.

Nickel fordert Blick über den Tellerrand

Von den Verantwortlichen in den Vereinen fordert Nickel daher ein wenig mehr Weitsicht zu entwickeln. "Was ich mir wünschen würde, wäre, dass viele Vereinsorchester und Dirigenten den Blick ein bisschen weiter fassen. In dieser Szene ist es gerade so, dass jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass man zu wenig über den Tellerrand hinausschaut", findet er. Schauen, was machen die professionellen Orchester? Was machen überregionale Orchester wie wir? Wo kann man daraus etwas lernen? Wo kann man Energien herausziehen? "Mein Gefühl ist, dass wir da zu wenig über den besagten Tellerrand hinausschauen. Gerade in den kleinen Orchestern. Die sollten ihren Blick ein wenig weiten und schauen. Wie kann man etwas entwickeln, gerade im eigenen Orchester? Das ist eine Sache, die finde ich ungemein wichtig."

 

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AUSGABE  Musik 01-2023 | Mehr Sport | Viel Ahnung von Tuben und Blasen
AUTOR       Nils B. Bohl