Hecker als Freischarenführer in der Schlacht bei Kandern | Bildquelle: Archiv
Fundstück

Anstoß zur Erinnerung an die Rolle der Turner in der Revolution von 1848/49

Ein Satzungsfragment von Franz Wilhelm Metz

In zahlreichen Veranstaltungen wird derzeit der Bewegung der Jahre 1848/49 gedacht. Auch der Deutsche Turner-Bund bekennt sich zu seinen Wurzeln in der demokratischen Bewegung vor 176 Jahren. Das Jahr 1848 bescherte der Turnbewegung gleich zwei nationale Verbände, den im April in Hanau gegründeten Deutschen Turnerbund und den "Demokratischen Turnerbund" im Juli des gleichen Jahres, mit dem Ziel der Einführung eines "volksthümlichen Freistaates, der demokratischen Republik". Mit dieser Zielsetzung hatte sich zuvor bereits der Oberrheinische Turnerbund gegründet, was die Gegner aus Liberalen und Konservativen auf den Plan rief.

An manchen Orten, wie z. B. in Heidelberg unter Führung des Turnlehrers Carl Wassmannsdorff, gründeten sich gegenerische Vereine, die strikt auf politische Abstinenz pochten.
Besonders die süddeutschen und sächsischen Turnvereine haben sich an den Aufständen in Baden und den Kämpfen des Jahres 1849 um die Durchsetzung der Reichsverfassung beteiligt. An vorderster Front standen dabei die Turner Badens, Hessens, der Pfalz und Württembergs, wo sich aus den Vereinen heraus "Turnerwehren" bildeten, um die Einführung der in Frankfurt am Main ausgehandelten Verfassung mit Gewalt zu erzwingen.

Erste Satzungen aus dem Gründungsjahr 1846

In den Akten des Turn- und Sportvereins Mannheim von 1846 findet sich ein Fragment der ersten Satzungen aus dem Gründungsjahr. Dies ist um so erstaunlicher, als alle Unterlagen des "Mannheimer Turnvereins", wie er damals hieß, seit dem Verbot im Jahr 1849 als verschollen galten.

Ein vollständig erhaltenes Exemplar der Satzungen gibt uns Auskunft: Es wurde dem Verein nach 50 Jahren zum Jubiläum im Jahr 1896 von ihrem ersten Turnlehrer Franz Wilhelm Metz aus Hannover mitgebracht, zusammen mit einer beachtlichen Spende von 1000 Goldmark für den Neubau einer Turnhalle.

Wer war Franz Wilhelm Metz und was hat es mit diesem Fragment auf sich?

Kein Zweifel, die schriftlichen Anmerkungen stammen von Metz. Er hat sie unterschrieben. Sein kurzer Hinweis öffnet ein Zeitfenster zu den turbulenten Revolutionsjahren 1848/49:

"x Adjutant von Hecker, damals vortrefflicher Turnwart!", ist da notiert. Der gebürtige Sachse Franz Wilhelm Metz, der vorher in Darmstadt lebte, wurde vom Mannheimer Turnverein 1846 als Turnlehrer verpflichtet, nachdem er bei einem Turnfest in Mainz durch seine Leistungen beeindruckt hatte. Am 26. Juni 1846 kam er nach Mannheim, wo er als Vereinsturnlehrer und (als Privatlehrer) an Schulen unterrichtete. Die Übungen im "neu gegründeten weiblichen Turnverein" leitete er ab 18. November 1846.

Doch sein Wirken war von kurzer Dauer. Der Mannheimer Turnverein wurde am 11. Juni 1847 als "das öffentliche Wohl gefährdend" behördlicherseits aufgelöst. Er hatte dem deutsch-katholischen Prediger Dowiat ein Forum gegeben. Dieser hatte - höchst anstößig – von einer bevorstehenden Revolution in China gesprochen und unter dem Gelächter des Pubikums versichert, er meine nicht Deutschland sondern wirklich China. Jeder der Anwesenden wusste, was er damit ausdrücken wollte.

Der Verein konnte zwar wenig später mit neuer Vorstandschaft wieder gegründet werden, aber da war Metz schon, ausgestattet mit sehr lobenden Empfehlungen, u. a. von Gustav Struve, auf Wanderschaft. Sie führte ihn ins damals noch englische Hannover. Dort hat man sich gleich von seinen Fähigkeiten überzeugen lassen und ihn im April 1848 zum Turnwart erwählt. Bereits das erste große Turnfest im Oktober 1848 stand unter seiner Leitung.

Mit Friedrich Hecker haben wir den Anführer des ersten badischen Aufstandes im April 1848 und Turnwart Jakob Schöninger als Adjutant an seiner Seite. Franz Wilhelm Metz war ein Freund Gustav Struves (dieser hatte 1847 auf seinen Adelstitel verzichtet), der treibenden Kraft hinter der Gründung des Mannheimer Turnvereins und Anführer des zweiten badischen Aufstandes im September 1848.

In der Zeile über Schöninger finden wir den Namen des bekannten "Turnerdichters" Carl Heinrich Schnauffer.

Diese wenigen Hinweise mögen hier genügen, um die Beteiligung der Turner und Turnvereine am Kampf gegen die alten Mächte und Versuch der Demokratisierung Deutschlands zu belegen.1  Bekanntlich unterlagen sie wegen mangelnder Unterstützung aus dem Bürgertum den gut ausgerüsteten Truppen des Deutschen Bundes unter Führung Preußens.

1 Weiterführende Literatur: Wieser 2000, 2007 und 2011 und die dort angegebene Literatur.

Friedrich Hecker, Jakob Schöninger und Carl Heinrich Schnauffer flüchteten nach der Niederschlagung des ersten badischen Aufstandes in die nahe Schweiz, wo Schnauffer einen Gedichtband "Neue Lieder für das Teutsche Volk" drucken ließ.

Das Vorwort dazu schrieb Friedrich Hecker. Zusammen mit seinem Adjutanten wanderte der Freischarenführer noch im Jahr 1848 in die USA aus, wo sie in Cincinnati, Ohio, im September an der Gründung des ersten Deutschen Turnvereins auf nordamerikanischem Boden beteiligt waren.

Gustav Struve und Karl Blind wurden nach dem Septemberaufstand 1848 verhaftet und angeklagt, jedoch im Rahmen des Aufstandes 1849 aus dem Gefängnis befreit.

Karl Heinrich Schnauffer war, zusammen mit Struve, sowohl am zweiten badischen Aufstand beteiligt als auch an der "Reichsverfassungskampagne" des Jahres 1849. Nach seiner Flucht über die Schweiz und England, wo er im Sommer 1850 auf einem Bauernhof mit dem Ehepaar Stuve wohnte, wanderte er ebenfall in die USA aus. Dort gründete der "Turnerdichter" die Zeitung "Baltimore Wecker".

Der Schriftführer des I. Republikanischen Regierungsblattes, Carl Blind, ehemaliger Turner im Heidelberger Turnverein und ebenfalls ein Anhänger Struves, ließ sich in London nieder. Dort war er Mitglied im 1860 gegründeten Deutschen Turnverein.

Franz Wilhelm Metz heiratete die Tochter des Frankfurter Turnlehrers August Ravenstein. Mehr als 50 Jahre wirkte er als Turnlehrer nicht nur in der Stadt sondern für die ganze Provinz Hannover, gab Unterricht, bildete Vorturner aus und half bei der Gründung von Vereinen und Turner-Feuerwehren. Er gilt als einer der ersten Radfahrer und Rollschuhfahrer Hannovers. Zahlreiche Ehrungen von Vereinen, darunter die Ehrenmitgliedschaft im Mannheimer Turnverein und ein Ehrengrab auf dem Friedhof in Hannover-Stöcken zeugen der Nachwelt von seinem Einfluss auf die Entwicklung des Turnens in Norddeutschland.

Franz Wilhelm Metz als Rollschuhfahrer in Hannover. Quelle: Quietmeyer

Die dem demokratischen Turnerbund angeschlossenen Turngemeinden wurden nach der Niederschlagung der Revolution 1849 verboten. Die Vereine des Deutschen Turnerbundes rangen in mehreren Turntagen um die Festlegung ihrer "Zwecke", meist mit widersprüchlichen Ergebnissen, Abspaltungen und Zusammenschlüssen. Zeitweilig existierten vier Bünde gleichzeitig. Letztlich überlebte der Deutsche Turnerbund die turbulenten Jahre als Rumpforganisation in Norddeutschland, von wo auch im Frühjahr 1859 der "Ruf zum Turnen" ausging, ein Jahr bevor Carl Kallenberg und Theodor Georgii den "Ruf zur Sammlung" veröffentlichten.2

Mit dem Turnfest in Coburg des Jahres 1860 begann eine neue Ära des Turnens in Deutschland. Viele Vereine wollten lieber nicht an ihre "Jugendsünden" der 48/49er Jahre erinnert werden. Spätestens nach er Reichseinigung im Jahr 1871 machte die Deutsche Turnerschaft ihren Frieden mit den alten Mächten. Der "Traum der Achtundvierziger", so die Lesart, habe sich im Wilhelminischen Reich erfüllt. Das sahen die Emigranten anders. Vom Eintreten für Demokratie und Volksrechte war keine Rede mehr. Dies sollte sich erst wieder mit dem Erstarken der Arbeiter-Turnbewegung in den 1890er Jahren ändern.

2  Wieser 2017.

Quellen:

Akten des Mannheimer Turnvereins von 1846. Auszug aus den Satzungen. Marchivum, Dep TSV 1846, Sign. Zug. 7/1982, Nr. 1.

Literatur:

Quietmeyer 1909
Quietmeyer, K. H.: Franz Wilhelm Metz, Vorkämpfer für alle Leibesübungen, Bahnbrecher und Organisator des Turnwesens in der Provinz Hannover. Hannover / Leipzig: Hahn, 1909.
Reiß 2007
Reiß, Ansgar: Ein ernstes Spiel. Carl Heinrich Schnauffer, Dichter der Turnbewegung und Emigrant. In: Wieser, Lothar / Wanner, Peter (Hg.): Adolf Cluss und die Turnbewegung. Vom Heilbronner Turnfest 1846 ins amerikanische Exil. Vorträge des gleichnamigen Symposiums am 28. und 29. Oktober 2005 in Heilbronn. Heilbronn: Stadtarchiv, 2007.
Wieser 2000
Wieser, Lothar: "Für die Freiheit Deutschlands ist uns jedes Mittel recht" – Turner in Vormärz und Revolution von 1848/49. In: Sportwissenschaft 2000, Heft 2, Mai, 141-155.
Wieser 2007
Wieser, Lothar / Wanner, Peter (Hg.): Adolf Cluss und die Turnbewegung. Vom Heilbronner Turnfest 1846 ins amerikanische Exil. Vorträge des gleichnamigen Symposiums am 28. und 29. Oktober 2005 in Heilbronn. Heilbronn: Stadtarchiv, 2007.
Wieser 2011
Wieser, Lothar: Die "künftige Armee der radikalen Parthei"? - Badische Turner in Vormärz und Revolution von 1848/49. In: Furtwängler, Martin / Pfanz-Sponagel, Christiane / Ehlers, Martin (Hg.): Nicht nur Sieg und Niederlage. Sport im Deutschen Südwesten im 19. und 20. Jahrhundert. Ostfildern: Thorbecke, 2011, 123-154.
Wieser 2017

Wieser, Lothar: Vom Deutschen Turnerbund zur Deutschen Turnerschaft – und zurück. Turnen in Hannover 1848-1860. In: Becker, Christian et. al. (Hg.): Geschichte des Turnens in Norddeutschland. Berlin: Hopf, 2017.

AUSGABE         Fitness 01-2024 | Historisches | Ein Satzungsfragment von Franz Wilhelm Metz
AUTOR              Dr. Lothar Wieser