Gedenktafel München | Bildquelle: Picture Alliance
Historisches

Drei Zeitzeugen

… und ihre persönliche Geschichte der Spiele 1972

Um 04:10 Uhr am Morgen des 5. September 1972 kletterten acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" über den Zaun des Olympischen Dorfs von München. Die Terroristen nahmen elf israelische Geiseln:

David Mark Berger (Gewichtheber)
Zeev Friedman (Gewichtheber)
Yossef Gutfreund (Ringer-Kampfrichter)
Eliezer Halfin (Ringer)
Josef Romano (Gewichtheber)
André Spitzer (Fecht-Trainer)
Amitzur Schapira (Leichtathletik-Trainer)
Kehat Shorr (Schützen-Trainer)
Mark Slavin (Ringer)
Yakov Springer (Gewichtheber-Kampfrichter)
Mosche Weinberg (Ringer-Trainer)

Was als Geiselnahme begann, endete in der Nacht zum 6. September mit der Ermordung aller elf israelischen Olympiateilnehmer sowie mit dem Tod von fünf Geiselnehmern und einem Polizisten.

Das Attentat legte sich nicht nur wie ein dunkler Schatten über die bis dahin heiteren Spiele von München 1972, es änderte auch die Durchführung von Olympischen Spielen in den Folgejahren grundlegend. 

Reck-Weltmeister Eberhard Gienger, DDR-Spitzenturner Wolfgang Thüne und Ilona Gerling, Teilnehmerin des Internationalen Olympischen Jugendlagers, erinnerten sich in einer Podiumsdiskussion im Juli 2022 im Rahmen des Olympic Study Day der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg - durchgeführt von der DTB Vizepräsidentin Prof.´in Dr. Annette Hofmann mit Unterstützung von Ulla Koch, DTB Vizepräsidentin Leistungssport - daran, wie sie die Tage der Entführung erlebten.

Ilona Gerling – Teilnehmerin Olympisches Jugendlager München 1972

Gerling, die sich ihren Platz im Olympischen Jugendlager in einer Vorauswahl aus über 6.000 Interessenten erkämpft hatte, erinnert sich noch sehr gut an die offene Atmosphäre der Spiele von 1972.

"Wir hatten olympische Ausweise, zur Unterscheidung mit einem "J" für Jugendlager gekennzeichnet, und waren voll olympisch eingekleidet worden. Wir hatten sogar das Emblem der Bundesrepublik auf unserer Kleidung", erklärte sie.

Es sei zwar nicht offiziell gewesen, aber es sei Gang und Gäbe gewesen, dass sie im olympischen Dorf damit ein und ausgehen konnten. "Da habe ich im Olympischen Dorf natürlich auch die Disco voll ausgeschöpft. Das heißt, dass ich in der Nacht vom 4. auf den 5. morgens noch immer in dieser Disco war. Irgendwann morgens wurde dann mitgeteilt, dass im Dorf geschossen wurde", sagt sie. Dann sei die Musik runtergedreht worden.

"Wir haben uns alle angefasst und ‚We Shall Overcome‘ gesungen", erinnert sie sich. Danach haben alle die Disco und das Dorf verlassen. "Das ist für mich die Erinnerung des Moments", berichtete sie.

Keiner habe gewusst, was überhaupt passiert war. Aber danach war es nicht wieder möglich, in das Olympische Dorf zu kommen.

Eberhard Gienger – Teilnehmer als Athlet für die Bundesrepublik Deutschland

Ähnlich hat es auch Eberhardt Gienger erlebt. "Die heiteren Spiele haben sich danach ins Gegenteil verkehrt. Nach dem Überfall kam weder eine Maus rein noch eine Maus raus. Wir wurden nicht aus dem Dorf geleitet, es war ja unsere einzige Möglichkeit zu wohnen. Aber auch wir kamen nicht mehr in den Bereich, wo die israelische Mannschaft gewohnt hatte", erzählt er.

Auch er erlebte, in der Nacht zum 6. September, einen Teil des Attentats in der Disco. Die war damals der zentrale Treffpunkt des Olympischen Dorfs. "Irgendwann kam eine Durchsage vom DJ, es sei ein Befreiungsversuch gestartet worden, alle Geiseln seien befreit worden, die Terroristen seien tot", erinnert sich Gienger.

Alle seien sehr glücklich und zufrieden gewesen und sich gegenseitig in die Arme gefallen. "Als wir am nächsten Morgen mit dem Aufzug nach unten gefahren sind, hing da ein Zettel, auf dem stand, dass wir uns alle um 11:00 Uhr im Stadion zur Trauerfeier treffen. Die sei kurzfristig anberaumt worden. Da waren wir sehr verwirrt, weil wir ja mit dem Umstand der Befreiung der Geiseln ins Bett gegangen waren", sagte Gienger.
 

Trauerfeier im Olympiastadion 1972, alle Fahnen sind auf Halbmast gesetzt.

Wolfgang Thüne – Teilnehmer als Athlet für die Deutsche Demokratische Republik

Die Mannschaft der DDR war da schon auf dem Rückweg. "Wir sind genau an dem Tag abgefahren, als das Attentat passierte. Wir sind morgens aufgestanden, da wurde uns direkt gesagt, nicht auf den Balkon gehen, weil die israelische Unterkunft bei uns über die Straße direkt gegenüber war. Neugierig wie wir waren, sind wir trotzdem rausgegangen. Ich habe noch den Typen mit dem Hut und der MP, der später verhandelt hat, auf dem Balkon rumrennen sehen", beschreibt Thüne seine Eindrücke. Doch die Delegation drängte auf die Rückreise. "Die DDR hatte sehr wenig Westgeld. Das bedeutete, dass wir nach der Beendigung unserer Wettkämpfe nicht auch noch die restlichen 14 Tage da bleiben durften."

Die eigene Staatsführung brachte das Attentat in argumentative Schwierigkeiten. "Das Problem der DDR war, das zu erklären. Die Erklärung war dann, wir tolerieren keinen Terrorismus, wir unterstützen aber den Freiheitskampf der Palästinenser. Die Methode ist nicht die, die wir wollen, aber irgendwas müssen sie ja machen, um Aufmerksamkeit zu erregen", hieß es nach Thünes Erinnerung damals. Hinter vorgehaltener Hand habe er dann von einigen Funktionären gehört, die Spiele in München seien das Beste gewesen, was es je gegeben hätte. Man habe es beinahe als "Glück" betrachtet, dass so etwas passiert sei, um der herrschenden Euphorie einen Dämpfer zu verpassen.

Zuvor hatte auch er die Spiele als offen und frei empfunden. "Bis zum Attentat natürlich. Dieses Bunte, dieses Ungezwungene, dieses Freudige. Das hat einen richtig tiefen Eindruck bei uns hinterlassen. So hatte ich mir das vorgestellt. Ich bin froh und glücklich, die mitgemacht zu haben", betont er. An die Rasenflächen des Olympiaparks kann er sich noch äußerst gut erinnern. "Als wir zum ersten Mal zur Trainingshalle gegangen sind, hab ich zum ersten Mal diesen Rasen gesehen. Ich habe noch nie einen so grünen und weichen Rasen gesehen. Ich habe mich auf den Rasen gesetzt und gedacht, ich sitze auf einem Perserteppich", erzählt er.

Deutsch – deutsche Sportgeschichte

Die Wege von Gienger und Thüne sollten sich einige Jahre später, bei den Turn-Europameisterschaften von Bern 1975, noch einmal auf dramatische Weise kreuzen und beide Sportler ein weiteres Kapitel deutsch-deutscher Sportgeschichte schreiben.

"Wir hatten uns bei den Olympischen Spielen 1972 gesehen, aber nicht gesprochen, weil das seitens der DDR-Mannschaftsführung nicht erwünscht war", erzählt Gienger. Der unvermeidliche Austausch erfolgte aber ein Jahr später.

"Wir haben uns eine ganze Nacht lang unterhalten im Nachtzug von Moskau nach Riga", sagt er. Man habe sich auf dem Weg von einem zum anderen Turnier sehr gut verstanden. "Da hat sich offensichtlich niemand mehr dafür interessiert, ob wir kapitalistisch oder sozialistisch geprägt waren", betont er.

Das Geheimnis, dass die beiden verbindet, hielt 25 Jahre lang. Bei Fraktionssitzungen im Bundestag, sagt der ehemalige Bundestagsabgeordnete Gienger, habe ein Geheimnis manchmal nur zwei oder drei Stunden gehalten. "Unser Geheimnis hat 25 Jahre gehalten. Das ist, wie ich finde, eine Leistung", betont er.

Die Flucht

Denn Thüne wollte raus aus der DDR und hatte Gienger, der gerade den Europameistertitel am Reck gewonnen hatte, zu seinem Helfer erkoren. 

Nach der Niederlage gegen den Klassenfeind Gienger hatte die Analyse ergeben, dass Thünes Übungen zu "leicht" waren und zusätzliche Schwierigkeiten benötigten. Was folgte war der dienstliche Befehl, den Star aus dem Westen zu schlagen. Auch wie das zu stemmen war, hatte der Staatsapparat schon geplant. Zum Beispiel mit einem Dreifachsalto beim Abgang. "Ich habe öfter gesagt, das will ich nicht. Ich will andere Teile. Dann hat man sozialistische Überzeugungsarbeit mit mir gemacht und so lange geredet und manipuliert, bis ich die Sachen im Training teilweise gemacht habe", erzählt Thüne.

Das erwies sich als hoch gefährliche Idee. "Es kam zweimal im Training dazu, dass mir mein Trainer das Leben gerettet hat, weil ich sonst senkrecht mit dem Kopf in den Boden rein wäre. Das hätte für mich im günstigsten Fall den Rollstuhl bedeutet", sagt Thüne, dessen Entschluss unter diesem Eindruck immer weiter reifte. "Das war für mich ein Punkt, wo ich gesagt habe, bis hier hin und nicht weiter. Ich will selbst darüber entscheiden, wann ich mir das Leben nehme oder nicht und nicht für irgendwelche Ideologien. Der letzte Punkt war, dass mir der Club-Chef gesagt hat, wenn ich das nicht trainiere, brauchen wir auch gute Panzerfahrer", erzählt er.

Der Plan: Thüne musste nach Bern. Trotz Verletzung ließ er sich fit spritzen, um die einmalige Gelegenheit nicht zu verpassen. "Bern war ja im Westen, da musste ich nicht über die Mauer", betont er.

Für Gienger, der in Bern gerade seinen Europameistertitel am Reck geholt hatte, kam das Ansinnen einigermaßen überraschend. "Ich kam zum Bankett, da kamen meine Freunde aus der Delegation schon auf mich zu und sagten, der Thüne ist auf der Toilette, der ist schon ganz nervös und möchte abhauen. Du sollst kommen", erinnert sich Gienger.

Die beiden sportlichen Kontrahenten unterhielten sich und Thüne eröffnete Gienger, dass er rüber wolle. "Ich habe gesagt, weißt du was auf dich dann zukommt? Du wirst drei Jahre gesperrt. Er sagte, ja. Das sei alles geklärt und familiär sei auch alles geklärt", habe dieser geantwortet.

Gienger fackelte nicht lange: "Also haben wir uns verabredet, wir treffen uns in 10 Minuten draußen, dann zu seinem Hotel und von dort rüber in die Bundesrepublik", erzählt er.

Fluchtgemeinschaft Eberhard, Wolfgang und Sybille

Unterwegs bastelte die Fluchtgemeinschaft dann am richtigen Narrativ. Gienger als Fluchthelfer zu benennen, hätte mit großer Wahrscheinlichkeit zu dessen Nichtteilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau geführt.

"Uns fiel nichts Besseres ein, als zu sagen, er sei per Anhalter geflohen", lacht Gienger. Das habe natürlich niemand geglaubt. "Man hat über die Hintertür versucht herauszufinden, wie es wirklich war. Ein Journalist rief bei meiner Mutter an und sagte, Frau Gienger, ihr Sohn hat den Wolfgang Thüne rübergefahren. Ich hatte es meinen Eltern aber auch nicht gesagt. So antwortete sie im tiefsten Glauben: ‚Mein Sohn macht so etwas nicht‘. Damit war das Thema gegessen", sagt er.

Am Ende gelang die Flucht, nicht zuletzt wegen Giengers Freundin Sybille. "Wolfgang saß hinten im Fond des Wagens mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau und hat mit ihr geknutscht. Das war dem Zöllner offenbar unangenehm und  er hat uns rübergewunken", schildert Gienger den genauen Ablauf. Andere Varianten des Fluchtverlaufs, die im Umlauf seien, entsprächen dagegen nicht den Tatsachen.

Start in ein neues Leben

Für Thüne war es der Start in ein neues Leben. Er turnte noch 10 Jahre für die Bundesligamannschaft von Bayer Leverkusen und wurde 1977 Deutscher Meister im Zwölfkampf, sowie am Pauschenpferd und Sprung.

Er beendete sein Sportdiplom, bevor er eine Trainerstelle in Leverkusen fand. Dort arbeitete er bis 2004 und anschließend noch als Lehrer und Trainer. Seit sieben Jahren ist der 72-Jährige nun im Ruhestand.

AUSGABE  München 04-2022 | Historisches | Drei Zeitzeugen 
AUTOR       Nils B. Bohl