Schafstallthaler | Foto: Privatbesitz
Fundstück

Fantasie ist gefragt

"Crowdfunding" in früherer Zeit

Um zu eigenem Besitz zu kommen, bedarf es manchmal fantasievoller Verfahren. Die Idee, durch massenhafte Spenden vieler Einzelner die nötige Grundlage dafür zu schaffen, ist indes nicht neu. Was wir heute als "Crowdfunding" bezeichnen, hat es in der Turnbewegung vor mehr als einhundert Jahren schon gegeben, vor allem zur Beschaffung der finanziellen Basis für das Eigenheim der Turner. Nur wenige große städtische Vereine verfügten im 19. Jahrhundert über eigene Hallen. Das Turnen spielte sich überwiegend im Freien ab. Geräte und Gerüste waren die Saison über meist fest verankert und wurden im Winter eingelagert. Dann musste in Behelfsunterkünften geturnt werden, in Gastwirtschaften, Viehhallen, Keltern oder Geräteschuppen. Dieses Provisorium abzuschaffen, sich die Turnzeiten nicht von Wetterbedingungen diktieren zu lassen, war jeder Verein bemüht. Wenn nicht gerade, wie z. B. in Baden-Baden, ein großzügiger Spender vorhanden war, musste der Weg der Finanzierung über kleine Beiträge von vielen Mitbürgern beschritten werden. Hierzu hat man sich verschiedene mehr oder weniger erfolgreiche Verfahren einfallen lassen, wie wir an einigen Beispielen zeigen wollen.

Da gab es einmal die "klassische" Zirkulation von Spendenlisten in der Einwohnerschaft, wie dies am "Aufruf an die Einwohnerschaft Mannheims" deutlich wird.

Abbildung: General-Anzeiger Mannheim, 2. April 1890.

Aktien oder Anteilscheine

Verbreitet war die Ausgabe von Aktien oder Anteilscheinen, die üblicherweise verzinst waren. Deren Rückgabe wurde nach einiger Zeit anhand der ausgeschriebenen Seriennummern ausgelost. Mancher "Aktionär" verzichtete und wandelte seinen Anteilschein in eine Spende um.

Abbildung: Anteilschein zum Bau eines Turn- und Spielplatzes, 1921. TSV Mannheim von 1846.

Gleich zur Ausschreibung einer Lotterie griff der Turnverein Schiltigheim (damals im deutschen Elsass), die im vorliegenden Fall aber verschoben werden musste.

Über die Deutsche Turn-Zeitung sind einige Beispiele überliefert, die zeigen, mit welchen Einfällen manche Vereine operierten. Da gibt es den einfachen Aufruf, doch für den Hallenbau in xy zu spenden, unter Angabe der Adresse von Verein und Kassierer, aber auch die fantasievollere Variante, im Gegenzug etwas anzubieten, in der Hoffnung, dass über den Spendenbeitrag mehr Einnahmen erzielt werden würden als für Herstellung und Versand der Ware.

Der Turnverein Murg im Badischen bot z. B. "ein paar Dutzend hübsche Taschentücher" zur Abnahme an, bat aber bei Nichtverwendung um frankierte Rücksendung.

"Ist" und "Soll"

Mit der dramatischen Gegenüberstellung von "Ist" und "Soll" operierte der Turnverein "Hermannia" Hermsdorf, der von seiner winterlichen Behelfsunterkunft wegkommen wollte. Er bot einen "Schafstallthaler" an, auf dem schon die erträumte neue Turnhalle abgebildet war.

Bausteine

Der per Aktien finanzierte schöne Turn- und Spielplatz des Mannheimer Turnvereins mit seinen Holztribünen war im 2. Weltkrieg den Phosphorbomben zum Opfer gefallen. Das Gelände wurde nach der Besetzung durch die US-Armee zum Panzerparkplatz "umgewidmet", mit entsprechendem Ergebnis. Zur Finanzierung des Wiederaufbaus wurden 1947 Bausteine im Wert von ein, zwei, fünf oder 10 DM verkauft.

Wenigstens am Fall Mannheims kann der Nachweis erbracht werden, dass Aufrufe, Aktien und Bausteine gefruchtet haben. Der Verein verfügt über ein großes Sportgelände nebst Eigenheim. In Murg hat man von der frühen Initiative des Vereins bislang keine Kenntnis gehabt und ob Schiltigheim und Hermdorf letztlich zu ihrer Turnhalle kamen, bedarf noch der Überprüfung.

AUSGABE         Nachwuchs 02-2024 | Historisches | Crowdfunding in früherer Zeit
AUTOR              Dr. Lothar Wieser