Übungsstunde mit Älteren | Bildquelle: DTB/Dedicated Sports
Fit & Gesund

Aktiv mit Rock und Rollator

Hang on Sloopy 100

Fragt man Gabriele Borrometi nach einem Song, den sie mit dem Projekt Aktiv bis 100 – Sitzgymnastik verbindet, dann muss die 67-Jährige nicht lange überlegen.

"Hang on Sloopy", ein Ohrwurm aus den Mittsechzigern, der es in der Version von den McCoys an die Spitze der Charts geschafft hat und seitdem etliche Male gecovert wurde.

Die McCoys sind heute schon lange Geschichte, Borrometis Seniorengruppe von 60 bis 97 dagegen ist noch quicklebendig. Doch Senioren und Rock’n’Roll? Wie passt das zusammen?

"Sie glauben nicht, was für einen Twist meine Senioren hinlegen können", sagt sie. "Let’s Twist Again" von Rock’n’Roll Legende Chubby Checker oder der Peppermint Twist von Entertainerin Catarina Valente lassen alte Erinnerungen aufleben und bringen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ordentlich in Bewegung. Rollatoren, künstliche Gelenke, Gedächtnisprobleme oder andere Handicaps werden plötzlich zweitrangig. Die Füße im Takt, Ellenbogen zeigen, Unterarme zur Stirn, Haare nach hinten kämmen und dabei synchron bleiben. "Das ist Dual-Tasking", sagt Borrometi und ein Blick in die Runde verrät ihr, dass sie auf dem richtigen Weg ist. 100-Jährige hat sie in ihrer Gruppe zwar nicht. Noch nicht. "Die kommen aber schon teilweise mit dem Rollator zu uns. Doch das funktioniert", sagt sie.

Angefangen hat alles, als Borrometis eigener Ruhestand immer näher rückte. "Was mache ich bloß, wenn ich in Rente oder Altersteilzeit gehe? Ich brauche eine Aufgabe", dachte sie sich damals.

Da kam das Projekt "Aktiv bis 100" des Deutschen Turner-Bundes gerade recht. "Das war der Start. Und dann bin ich da hineingewachsen".

Gesundheitstrainerin, Übungsleiterlizenz, erste Schritte mit einer Gruppe. Beim TuS Schwanheim, für den sie heute gleich mehrere Veranstaltungen pro Woche abhält, stieß sie allerdings erst einmal auf verhaltene Begeisterung. Man sorgte sich, dass die Rollatoren den Hallenboden in Mitleidenschaft ziehen könnten. Doch Borrometi blieb hartnäckig, schaffte es mit viel Überzeugungsarbeit zu einem ersten Versuch.

Bewaffnet mit einem Ghettoblaster stand sie bei ihrer Premierenveranstaltung ziemlich aufgeregt parat. "Ich hatte zu meinem Mann gesagt, wenn 12 Leute kommen, dann kann ich es schaffen", erinnert sie sich. Es kamen 54 Senioren.

"Auch später war ich nie unter 50 Teilnehmern", sagte sie. Mittlerweile hat sie alle auf drei Termine verteilt, in Gruppen von 15 bis 20 Personen.

Gemeinsam bewältigt die Gruppe Übungen zur Koordination, Mobilisation, für Bein-, Bauch- und Brustmuskulatur und natürlich für Senioren besonders wichtig, Übungen für das Gleichgewicht. Auch für Borrometi selbst ist das ein anstrengendes Programm. Die größte körperliche Beanspruchung, sagt sie, erfahre allerdings ihre Stimme: "Die einen hören nicht gut, die anderen sehen nicht gut", lacht sie. Ihren Spaß hat sie trotz aller Anstrengung nie verloren. Und die Senioren ohnehin nicht. "Für die Gruppe ist das wie früher die Disco", erklärt sie. 

Sie selbst, sagt sie, sei in den acht Jahren ihres Wirkens für viele von ihnen zur Bezugsperson geworden.

Auch wenn für das Besprechen alltäglicher Probleme neben dem Kurs nur wenig Zeit bleibe. "Aber wir haben eine tolle Eisdiele in der Nähe. Und manche machen sogar gemeinsame Busreisen", sagte sie. Und das ist vom Konzept auch so gewollt. Denn das Zusammenbringen der Menschen sei der eigentliche Kern der Sache, findet Borrometi und freut sich, wenn sich auch untereinander fleißig verabredet wird. Besondere Behandlung oder Zusprache brauchen die Mitglieder ihrer Gruppe aber nicht.

"Die sind mega pflegeleicht", erzählt sie. Und im Grunde seien sie auch nicht anders, als jeder typische Durchschnittsdeutsche. "Ja klar, Stammplätze haben wir natürlich. Und die Handtasche wird auch ausgelegt, denn die Frau Soundso kommt ja schließlich auch noch. Und der Herr Sowieso ebenfalls".
 

Für Frau Borrometi ist ihre Leidenschaft manchmal eine kräftezehrende Berufung.

Auf der anderen Seite verspürt sie jedoch eine Verpflichtung gegenüber ihren Schützlingen. "Was machen sie denn, wenn ich nicht mehr komme?", fragt sie. Und so macht die Übungsleiterin einfach weiter und weiter und weiter. Und bekommt Beifall, für sie der schönste Moment.

"Wenn sie nach jedem Mal klatschen und sagen, wie toll es heute wieder war", erzählt sie und fügt hinzu: "Dann sehe ich das Strahlen in ihren Gesichtern". Regelmäßig spüre sie auch die aufkommende Freude, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer plötzlich bemerkten, dass sie sich wieder besser bewegen könnten.

Übungsleiterin im Programm "Aktiv bis 100" zu sein, sei dennoch keine einfache Aufgabe.

"Das kann nicht jeder machen. Sie brauchen viel Empathie", sagt Borrometi. Eine Übungsleitung, der die nötige Wärme fehle und das Gefühl für den Menschen, der werde wohl oder übel scheitern, denn es benötige viel Feingefühl. "Der kann das nicht unterrichten. Dann fehlt etwas und es wird kalt."

Ältere Menschen seien auf diesem Gebiet sehr sensibel. Sie bräuchten zumeist das Gefühl, dass sie dem Anderen sehr wichtig seien. "Wenn das nicht passt, dann kommen sie einfach nicht mehr", ist Borrometi überzeugt. 

Für sie persönlich ist daher eines besonders wichtig: "Ich brauche die Schwingung im Raum. Ich fühle das".

So legt sie noch einmal "Hang on Sloopy" auf. Das "Halte durch, Sloopy" schallt erneut durch den Raum und die Füße ihrer Gruppe beginnen wieder zu Schwingen. Glücklich, im Takt und absolut synchron.

AUSGABE  Training 03-2021 | Fit & Gesund | Hang on Sloppy 100
AUTOR       Nils Bohl