Bundesfinale 2019 Showgruppe Frames | Bildquelle: Juri Reetz
Einblicke

Sarah Hensiek und ihre Showgruppe "SCrebel Dance & Trix"

Mit Kirchenbänken und Paletten

Wenn Sarah Hensiek über ihre Showgruppe SCrebel Dance & Trix erzählt, dann weckt sie bei ihren Zuhörer*innen die gleiche Begeisterung wie bei den Zuschauer*innen, die sie mit ihren Rebellen und Rebellinnen über die Bühne wirbeln sehen.

Die Objekte, welche die Gruppe in die von ihr geschaffene Welt aus getanzten Bildern faszinierend einbaut, sind ungewöhnlich bis spektakulär.

Mörtelkübel, Mülltonnen, Paletten oder sogar Kirchenbänke

Die Teammitglieder von SCrebel Dance & Trix machen vor nichts Halt.

Und wurden so bei den Welt-Gymnaestradas in Helsinki 2015 und in Dornbirn 2019 gefeierte Show-Acts.

Die Kirchenbänke

Moment, Kirchenbänke?

Das sei eher aus der Verlegenheit entstanden, lacht Hensiek. Ihr damals aktuelles Stück sei aus verschiedenen Gründen nicht für die Ausbildung zur DTB-Choreografin zugelassen worden. So habe sie dieses Stück für ihren Vater gemacht.

"Der ist evangelischer Pastor und ging in jenem Jahr in Ruhestand", erzählt sie. In Dornbirn führte die Gruppe später das Stück auf – und erzeugte damit hochunterschiedliche Reaktionen. "Nicht jeder kann sich eben heute mehr mit Kirche identifizieren", sagte sie. Überwiegend seien die Rückmeldungen aber positiv ausgefallen. "Die beiden Kirchenbänke, die wir verwendet haben, waren eigentlich gar keine und sind verdächtig ähnlich zu Bänken, die in den 80er Jahren in Partykellern verbaut wurden…", verrät sie noch.

Hensiek, die im richtigen Leben als psychologische Psychotherapeutin arbeitet, ist der kreative Kopf hinter der Gruppe. Wo die Ursprünge ihres Talents liegen, vermag sie nicht mehr genau zu sagen.

"Meine ersten choreografischen Vorstellungen habe ich wohl aus dem Fernsehen. Ich habe schon immer gerne Eiskunstlaufen geschaut", vermutet sie.

Von dort aus ist das dann immer ein kleines Stück weitergegangen.

Melle im Landkreis Osnabrück

Und nein, Melle sei nicht etwa eine Kurzform von Melanie, sondern tatsächlich der Name einer 50.000-Einwohnerstadt im Landkreis Osnabrück. "Der SC Melle 03 ist erst 2003 im Rahmen einer Fusion gegründet worden", erklärt Hensiek. Und so fanden auch 2011 die Gründungsmütter zusammen, allesamt Übungsleiterinnen aus den Vor-Vereinen, die den Jugendangeboten entwachsen waren. "Die eine kam aus dem Karnevalstanz, die andere mehr aus Musical/Jazz und ich kam aus dem Jazz/Modern Dance Wettkampfsport", erinnert sie sich.

Der SC, Scrabble und dann noch rebellisch

Man habe ein bisschen zusammen trainiert und zusammen getanzt. Und man gelangte dann irgendwann zu der Überzeugung, dass das Kind nun einen Namen haben müsste. "So entstand er. Ganz klassisch nach dem Training auf dem Parkplatz bei einer Diskussion. Wenn SC darin vorkommt, fanden wir, wäre das ganz cool. Und das Zusammengebaute, ja da gibt es doch dieses Spiel, Scrabble. Und rebellisch sind wir auch. So entstand der Name SCrebel", verrät sie.

"SCrebel" – kleines Wortspiel.
Gesprochen "Screbbel", wie das Brettspiel.
 

Weitere Mitglieder aus dem Tanzbereich stießen zum Projekt und irgendwann 2013, nach dem Turnfest in Mannheim, gelang es der bis dahin reinen Frauengruppe, auch Männer für das Projekt zu begeistern. Zwei Leistungsturner und einige Tricker schlossen sich an.

"Da hat man schon den Unterschied im Training gesehen. Die Leistungsturner gingen strukturiert an die Sache heran, die Tricker waren einfach… wild", lacht sie und lobte die Vorteile der nunmehr gemischten Gruppe.

Zum einen seien da aufgrund der besseren Hebelverhältnisse mehr Kraftteile möglich geworden, aber auch untereinander habe es von diesem Zeitpunkt an noch besser harmoniert.

Und so habe man auch den Namen wieder angepasst: "SCrebel Dance & Trix". Auch da sei das Wort "wieder so ein bisschen Analogie zum Spiel, also einfach so zusammengesetzt" gewesen, sagt sie. Eines habe sich allerdings auch danach nicht geändert. "Wir finden nach wie vor schwer männlichen Nachwuchs, dabei bleibt es", bedauert sie.

Feuerwerk der Turnkunst, Tournee OPUS, 2020. Tricking ist eine der drei sportlichen Grundpfeiler des Teams. 

Wochenlanges, inneres Brainstorming

Die aktuelle Choreografie von SCrebel Dance und Trix "Blood // Water" beim NTB-Kongress 2022 in der Stadthalle Osnabrück. Tricker: Alessandro Domscheit. Bild: NTB/Katrin Hoffmann.

Doch wie entstehen die Shows von "SCrebel Dance & Trix"?

"Meist entstehen die ersten Ideen in meinem Kopf in einem ziemlich langen, manchmal wochenlangen, inneren Brainstorming. In einem weiteren Schritt tausche ich mich mit meinen Teammitgliedern aus und wir entwickeln die Ideen gemeinsam weiter", erklärt Hensiek.

Das aktuelle Stück zum Beispiel sei eine relativ punkige Nummer mit Euro-Paletten. "Nach der Nummer ‚Frames‘, die ja von der Musik her sehr klassisch war, kam vom Team der Wunsch, mal wieder etwas Poppigeres zu machen", sagt sie. In diesem Fall sei auch sie bei der Entwicklung des Stücks den Weg über die Musik gegangen und habe zuerst den Song ausgewählt und danach Inhalt und Dramaturgie der Choreografie aufgebaut.

"Ich arbeite bei der Choreografieentwicklung unterschiedlich. Manchmal ist es der Anlass oder das Event, manchmal das Thema oder die Message, die man rüberbringen will, das ausgewählte "Tanz"-Objekt oder eben schlicht und einfach das Musikstück", betont sie und nennt als Beispiel eine Nummer für das Oktoberfest einer Firma, bei der eben der Anlass Ausgangspunkt der Überlegungen gewesen sei.

Die Paletten-Nummer

Anders lief es bei der Paletten-Nummer. "Ich habe zuerst nach einem Musikstück gesucht, welches viel Power hat und abwechslungsreich ist und bin dann auf den Song "Blood // Water" von "Grandson" gestoßen. Dann habe ich mich mit dem Songtext auseinandergesetzt und dessen Message aufgegriffen. Ich habe mir gedacht, okay, das Thema könnte jetzt sein, dass sich junge Menschen in ihrem Alltag treffen und feststellen, ‚irgendwie läuft es nicht so in dieser Welt‘. Sie treffen aufeinander, verbringen ihre Zeit und entwickeln diese Idee, dass sie zusammen auf die Straße müssten", fasst sie die Überlegungen zusammen. Die Gruppe habe bislang immer ausgemacht, dass sie mit sehr großen Objekten gearbeitet habe. Mit Kübeln, Kirchenbänken, Holzrahmen oder jetzt mit den Paletten. "Ich habe dann überlegt, was könnte den Street-Charakter, eine Art Hinterhofwelt auf möglichst einfache Art symbolisieren. Denn ich mag es immer, wenn es abstrakt bleibt. Da kamen uns irgendwann diese Europaletten in den Sinn", erinnert sich die 37-Jährige.

Besondere Raumgestaltung

Mit einem Augenzwinkern blickt sie dann auf die entstandene Situation: "Es ist tatsächlich so, dass wir uns immer wieder fragen, warum wir uns auf so große Objekte einlassen. Die sind schwer und es bedeutet immer wieder eine logistische Herausforderung beim Transport", sagt sie. Und das sei beileibe nicht das einzige Problem: "Man muss auch schauen, wie man diese schwere, große Palette mit einer tänzerischen Leichtigkeit über die Bühne getragen bekommt", erklärt sie. Aber es mache ja das Team am Ende gerade aus, mit solchen Objekten schöne Bilder zu gestalten. "Ich merke immer wieder, dass diese großen Objekte die Chance einer besonderen Raumgestaltung ermöglichen", findet Hensiek.

Die aktuelle Choreografie von SCrebel Dance & Trix "Blood // Water" beim NTB-Kongress 2022 in der Stadthalle Osnabrück. Tricker: Alessandro Domscheit. Bild: NTB/Katrin Hoffmann.

Höhepunkt Welt-Gymnaestrada

Höhepunkte in der Gruppenkarriere waren die Welt-Gymnaestradas 2015 in Helsinki und 2019 im österreichischen Dornbirn. "Da werden vom DTB immer verschiedene Gruppen zusammengebracht, da jeweils zwei bis drei Teams einen Vorführungsblock bilden. Das ist tatsächlich etwas, was ich sehr schön finde. Auch dass man überregional oder international mit Gruppen zusammenkommt, die gleiche Interessen haben. Denn es bleibt doch immer eine Nischensportart. Gleichgesinnte findet man vor Ort meist nicht so schnell", weiß Hensiek. 

Großveranstaltungen wie die Weltfestspiele seien eine riesige Motivation. "Wir haben da schon zweimal sehr eng mit Gruppen zusammenarbeiten können. Da entstehen dann auch Freundschaften. Auch wenn es vielleicht nicht die Freundschaften sind, wo man sich jede Woche abends zur gemeinsamen Pizza trifft, weil man so weit auseinander wohnt. Aber es bleiben dennoch überdauernde und bereichernde Verbindungen", erzählt sie.

Welt-Gymnaestrada 2019 in Dornbirn, Österreich. SCDT wartet mit 20.000 Sportlern, darunter ca. 2.250 deutschen Sportlerinnen und Sportler auf den Einlauf der Nationen in das Stadion zur Eröffnungsveranstaltung.

Ausbildung zur DTB-Choreografin

Nach den Übungsleiterscheinen C und B nahm Hensiek beim Deutschen Turner-Bund die Zusatzausbildung als DTB-Choreografin in Angriff. "Bei mir waren das acht Module. Also Wochenendseminare, wo man zu den verschiedensten Themen sein Wissen erweitern konnte. Mir hat es tatsächlich sehr viel Spaß gemacht, auch, weil man da viele Gleichgesinnte getroffen hat, mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Von der Schulzirkus-AG bis hin zur Männerturngruppe. Im direkten Lizenzsystem ist das ganze allerdings leider nicht integriert", berichtet sie.

Was braucht es?

Um eine eigene Gruppe zu starten, bedarf es nach Hensieks Meinung nicht allzu viele Voraussetzungen. "Man sollte natürlich ein paar Leute haben, die wirklich Lust haben, etwas zu kreieren, denn man braucht natürlich viel Zeit", sagt sie. Wolle man gar eine eigene Show ins Leben rufen, dann gelte es zu überlegen, was man denn rüberbringen wolle. "Womit möchte ich denn eigentlich meinen Zuschauer begeistern?", sei die Frage, die man sich ganz zuerst stellen sollte. Dann könne man mit spannenden, manchmal auch ganz minimalistischen Bewegungsbildern eine mitreißende Choreografie erzeugen. "Wir kommen zum Beispiel aus einem kleinen Ort, sind Freizeit-Breitensportler, die nicht aus dem Leistungssportbereich kommen. Bei geworfenem Doppelsalto oder sportakrobatischen Höchstschwierigkeiten, da können wir nicht mithalten", sagt sie. 

Doch sie habe in den letzten Jahren gelernt, dass das auch gar nicht sein müsse. "Man braucht nicht immer das teuerste Kostüm. Unser größter Erfolg, das Stück mit der Kirchenbank, da haben die Kostüme nur wenige Euro gekostet. Es muss da nicht immer dick aufgetragen sein, sondern es muss stimmig sein. Es muss den Zuschauer ansprechen und mitnehmen", weiß sie heute.

Unser Motto war da ganz klar: ‚Weniger ist mehr.‘

"Bach on Bench" Uraufführung beim Examen DTB-Choreografie, Turnfest Berlin, direkt nach der Aufführung inkl. der Choreografin Sarah Hensiek (weißes Kleid). 

 Mehr Impressionen vom Team

Sarah Hensiek als Vertreterin der Sportlerinnen und Sportler des DTB beim Empfang des norwegischen Königs Harald V. vor der Eröffnungsveranstaltung der Gym for Life Challenge 2017 in Vestfold, Norwegen.  

Nie entmutigen lassen!

Hinzu kommt nach Hensieks Ansicht ein weiterer Aspekt, der für alle Sportarten gilt: Man sollte sich nicht entmutigen lassen. Auch dann nicht, wenn ein Stück mal nicht sofort ankomme, weil das choreografische Konzept noch nicht ganz ausgefeilt war. "Manchmal lohnt es sich dann, auch ein bisschen über den Tellerrand hinauszuschauen. Was will ich denn eigentlich mitteilen? Wie passt es zu meiner Musik? Ist es abwechslungsreich genug?", rät sie.

Genau das sei etwas, was man auch in der Fortbildung beim Deutschen Turner-Bund lernen und ausprobieren könne. "Denn woher soll man es schließlich wissen?", sagt sie. Eine gute Choreografie könne schon mal ein kleines Kunstwerk sein, das aus verschiedenen Bausteinen zusammengebaut werden müsse. "Und das lernt man dort noch einmal ganz gezielt." Für alle, die sich Hensieks Kunstwerk einmal anschauen wollen, gibt es gute Nachrichten. Zu sehen sein wird "SCrebel Dance & Trix" auch bei der kommenden Tournee des Feuerwerk der Turnkunst, für das sich die Gruppe beim Landesfinale in Emden qualifiziert hat.

Lust auf eine Ausbildung DTB-Choreograf*in?

Alle Informationen, Termine und alles zur Anmeldung finden Sie unter dem folgenden Link:

DTB-Choreograf*in

AUSGABE  SHOWS 05-2022 | Einblicke | Mit Kirchenbänken und Paletten
AUTOR       Nils B. Bohl