Showgruppen Generalprobe der Stadiongala | Bildquelle: Minkusimages
Einblicke

Kostümbildnerin Gabriele Frauendorf

Ein kleiner Stern fürs große Ganze

Die Kindersterne kommen immer noch hier und da zum Einsatz, auch 20 Jahre nach ihrer großen Premiere beim Deutschen Turnfest 2002 in Leipzig. Die Kostüme sind aus glänzendem Stoff in Blautönen, Silber und Gold. Arme, Beine und Kopf der Kinder ergeben fünf Zacken.

Das Bild mit all den Sternen war einfach großartig.

Gabriele Frauendorf hatte die Sterne damals entworfen und liebt das Kostüm bis heute so sehr, dass sie es noch immer nutzt, wenn sich eine Gelegenheit ergibt: Etwa, wenn in einem Film ein Kind auf einer Eisfläche in Szene gesetzt werden soll. 

Premiere der Kindersterne beim Internationalen Deutschen Turnfest 2002 in Leipzig

Schneiderfamilie, Modedesign, Fotografin

Gabriele Frauendorf entwirft Kostüme für Theater, Film und Großveranstaltungen. Sie stammt aus einer Schneiderfamilie, Modedesign war immer ihr Traum, doch dann machte sie eine Ausbildung zur Fotografin – was sich später beim Entwerfen von Kostümen für große Showgruppen als Glücksfall erweisen sollte. Erst auf Umwegen kam Frauendorf ans Schauspielhaus in Leipzig und stattete dort das Schiller-Drama Kabale und Liebe aus.  

So fand sie ihre Passion, die bis heute ihr Beruf ist. Und als im Vorfeld des Leipziger Turnfestes 2002 der Deutsche Turner-Bund (DTB) auf sie zukam mit der Bitte, Kostüme für die Großgruppen zu entwerfen, war Frauendorf direkt begeistert. "Man wollte weg von den Turnleibchen und hin zu mehr Show, zur großen Präsentation", erzählt sie. Der Auftrag kam ihr gelegen, denn sie liebt die Abwechslung. "Das hält den Kopf fit", sagt Frauendorf.

4.500 Kostüme für Leipzig

Rund 4.500 Kostüme mussten damals für Leipzig entworfen und produziert werden. "Das war ein Riesending, und ich habe mich selbst beeindruckt", erinnert sich die Kostümbildnerin.

Es gab die Sterne für die Kinder, eine Gruppe mit Feuer und Trapez, die sie in verspieltes Rot kleidete, eine Großgruppe in Neongrün. "Laien greifen beim Entwerfen von Kostümen gern zu Stoffen, die sie selbst mögen", sagt Frauendorf. Doch das sei ein Fehler. Bei Kostümen, vor allem für große Formationen, gehe es um die Außenwirkung. Da seien glänzende Stoffe angesagt, ruhig in Neonfarben, mit Pailletten und allem Tamtam.

Da muss man mutig sein, denn mit Showbeleuchtung wirkt das dann gigantisch.

Michael Jackson 
Der Sänger, Tänzer und begnadete Entertainer betonte seinen berühmten Moonwalk

Geheime Kostümbildner-Tricks

Die Darsteller reagierten manchmal "etwas irritiert" auf fürs große Bild entworfene Kostüme. "Die wollen alle schön aussehen", sagt Frauendorf. Und halbwegs wohl fühlen wollen sie sich, vor allem bei Auftritten mit Tanz- oder Akrobatik-Einlagen. "Es muss alles gut verpackt sein, durchsichtig geht gar nicht."

Und bei besonders sportlichen Stücken müsse mit enganliegenden, dehnbaren Materialien gearbeitet werden. Und mit diversen Kostümbildner-Tricks: Etwa, dass das Hemd in der Hose angeknöpft wird, damit es nicht unglücklich verrutschen kann. Oder dass Ärmel und Hosenbeine mit Stegen an Händen und Füßen in Position gehalten werden.

Noch so ein Trick: Die Bewegungen der Darsteller mit Hilfe des Kostüms optisch verstärken. "Man muss die Gesten größer machen", sagt Frauendorf. Bestes und nahezu jedem bekanntes Beispiel: Michael Jackson. Der Sänger, Tänzer und begnadete Entertainer betonte seinen berühmten Moonwalk und seinen exzentrischen Griff in den Schritt so gekonnt wie kein anderer durch weiße Socken zur leicht zu kurzen schwarzen Hose und einen weißen Handschuh. "Das macht Arme und Beine länger, Bewegungen markanter, so kann auch eine einzige Person eine große Bühne vor einem riesigen Publikum füllen", sagt Frauendorf.

Kleinere Gruppen oder im Theater

Bei kleineren Gruppen oder im Theater ist der Zuschauer und die Zuschauerin näher dran. Da gelte es, weniger plakativ zu kostümieren, dafür individueller. Da seien dann auch Stoffe mit Struktur möglich – deren Wirkung vom Stadionlicht weggeleuchtet würde. "Es ist ein großer Unterschied, ob ein einzelner Darsteller im Rampenlicht steht und das Kostüm vielleicht noch seine Rolle stützen muss", sagt Frauendorf, "oder ob es um ein Muster geht, das sich bewegt, um die Magie, die aus fließenden Bewegungen und Synchronität entsteht".

Turnfest Berlin 2017 | Bildquelle: Turnfestfotos
Turnfest Berlin 2017 | Bildquelle: Benjamin Heller
Großgruppenbild Berliner Luft, Turnfest Berlin 2017 | Bildquelle: Turnfestfotos
Großgruppenvorführung Turnfest Berlin 2017 | Bildquelle: Turnfestfotos

XS bis XXL – allen muss es passen

Das nächste Problem bei Kostümen für große Gruppen: Sie müssen in allen möglichen Kleidergrößen produziert werden, von XS bis XXL – und Frauendorf muss sich dabei auf die Selbstauskunft der Darsteller verlassen. "Manche mogeln natürlich, und dann müssen bei den Proben Notmaßnahmen ergriffen werden", erzählt sie. Deshalb habe sie bei solchen Gelegenheiten immer ihre Nähmaschine und das Team dabei. Dann werden zwei Hosen auch schonmal zu einer einzigen umgestaltet. 

Gabriele Frauendorf kam gut an mit ihren Kostümen 2002, sie durfte weitere Turnfeste ausstatten. "Ich liebe die Herausforderung", sagt sie. Und dank ihrer Fotografinnenausbildung hat sie ein besonders gutes Auge für die Wirkung des großen Ganzen. Für Berlin entwickelte sie mal ein Stadtplan-Kostüm. Dafür holte sie bei Falk extra eine Lizenz zum Bedrucken von Stoff im Stadtplan-Design ein. Die zweite Seite des Kostüms war glitzernd – "das ergab ein megatolles Bild", sagt Frauendorf. Aktuell merke sie allerdings die Krisenstimmung. An Kostümen wird oft als erstes gespart.

Großer Traum: Olympia

Ihr großer Traum bleibt dennoch: Olympia. Kostüme entwerfen für die Eröffnungsfeier Olympischer Spiele. Am liebsten der nächsten Spiele in Deutschland. Mit einem Schmunzeln fügt Frauendorf an: "Wann immer das sein wird!" Und auch dann wird sie sicher einen Weg finden, nochmal einen blau-weiß-goldenen Kinderstern unterzubringen.

Den Stern, mit dem alles begann.

AUSGABE  SHOWS 05-2022 | Einblicke | Ein kleiner Stern fürs große Ganze
AUTORIN   Susanne Rohlfing