Johannes während der Ausbildung | Bildquelle: DTJ/Petra Stauch
Die Familie

Übungsleiterassistent mit Handicap

Im Tandem zum Erfolg

Eigentlich hatte Johannes Hohl mit Turnen bis zum November vergangenen Jahres nicht so viel am Hut. Großgeworden ist der sportbegeisterte Sachse seit seinem sechsten Lebensjahr auf dem Fußballplatz des FV Dresden Süd-West. Als A-Jugendlicher spielte er sogar in der Landesliga.

2018 wechselte der Dresdner in die Leichtathletik, um über die 400 Meter Strecke sein großes Ziel zu verfolgen: eine Teilnahme bei den Paralympics. Immer an seiner Seite dabei ist sein Vater, Thomas Schulz.

Johannes größte Herausforderung: sein Kurzzeitgedächtnis ist sehr schlecht ausgeprägt. Nach einem Besuch eines Spiels seines Lieblingsclubs SG Dynamo Dresden zum Beispiel, kann er rein emotional zwar durchaus sagen, ob die Dynamos gewonnen oder verloren haben. "Wenn ich ihn aber nach dem Ergebnis frage, weiß er es nicht mehr. Ein halbes Jahr später dagegen erzählt er mir exakt, wer die Tore geschossen hat", erklärt Schulz die Symptomatik seines Sohnes.

Auf einem von der Aktion Mensch unterstützten Lehrgang erwarb der 23-Jährige nun im Tandem mit seinem Vater in Regensburg unter Federführung des Bayerischen Turnverbands (BTV) ein Zertifikat als Übungsleiterassistent.

"Ich erzähle ihm jedes Mal, dass er dort vor Erwachsenen, normalen Kindern und geistig behinderten jungen Menschen selbst in der Lage war, die Übungen zu erklären. Dann steht er mit geschwollener Brust da. Für sein Selbstbewusstsein und sein Selbstwertgefühl war das ein sensationeller Erfolg. Und es hat ihm dazu noch großen Spaß gemacht", erzählt der Vater. Nicht von ungefähr: Johannes wurde schon in seiner Schulzeit immer wieder als Trainer bei den Kleineren eingesetzt. "Denn mit Kindern kann er sehr gut umgehen", weiß Schulz.

Nach einem theoretischen Teil gab es in der Sporthalle dann Aufwärmrunden und Kennenlernspiele, bei denen jeder von sich erzählen musste. Auch Johannes hatte dort viel zu erzählen. Von seiner Teilnahme mit der Fußball-Nationalmannschaft an der EM der Behinderten, seinen Trainingslagerreisen nach Südafrika oder nach Dubai. "Ich war so überrascht, wie frei er seine Dinge erläutert hat. Da habe ich mir gedacht, das ist tatsächlich etwas Gutes für ihn", sagt sein Vater.

Dass die in Bayern erworbene Lizenz keine Freikarte für die berufliche Zukunft auf dem normalen Arbeitsmarkt ist, ist ihm jedoch bewusst. "Natürlich müssen wir die Kirche im Dorf lassen. Es ist ein Unterschied, ob jemand bei der IHK eine Prüfung ablegt oder ob es in dieser Form angeboten wird. Es geht schlichtweg darum, einen Übungsleiterassistenten auszubilden. Methodiken darzustellen, das Warmmachen, Spiele erläutern, worauf muss man achten", erklärt er. Dennoch sei der Schritt für Johannes ein immens wichtiger gewesen. Aber auch für seinen Vater. "Irgendwann muss man einmal einen Startpunkt setzen. Egal, ob wir wissen, ob es sich mal lohnen wird oder nicht", betont er.

Denn die Behörden im Sächsischen hatten sich im Laufe seiner Bemühungen um einen außergewöhnlichen Weg oft ablehnend oder ganz einfach überfordert gezeigt. Schließlich sei ja über den Weg in die Behindertenwerkstätten und das Sozialgesetzbuch die Zukunft von Johannes gut abgesichert. In Bayern, das hat Schulz aus der Übungsleitenden-Ausbildung mitgenommen, werde das Thema Inklusion dagegen bereits gelebt. In Dresden schreibe man da im Vergleich gerade einmal den ersten Buchstaben auf ein Blatt Papier, findet der Vater.

Johannes großes Ziel, unser gemeinsames großes Ziel, ist, nach dem Hochleistungssport seinen jetzigen Beruf ‚Sport‘ auch weiterführen zu können. Ich will es partout nicht akzeptieren, dass Johannes für 1,30 EUR oder 1,50 EUR pro Stunde in einer Behindertenwerkstatt arbeiten muss.

Dass sein Sohn keinen Bachelor oder kein Diplom bekommen werde, sei ihm bewusst. "Aber warum soll man den Menschen in eine Werkstatt stecken, wenn seine Fähigkeiten offensichtlich ganz woanders liegen?", fragt er.

Das sieht auch Astrid Hess vom Bayerischen Turnverband so. Sie hat den Pilotkurs organisiert, an dem Johannes teilgenommen hat.

"Ein Ziel dieses Projekts ist es, dass mehr Kinder mit Handicap den Weg ins Turnen finden. Ein weiteres, dass mehr Vereine Kooperationen mit Einrichtungen und Förderschulen machen. Und, dass Menschen mit (geistiger) Behinderung diesen Übungsleiterschein machen", zählt sie auf.
 

Sie haben Fragen an Astrid Hess?

Mail an Astrid Hess senden

Astrid Hess anrufen

Der Idealfall wäre ihrer Ansicht nach, dass diese danach im Kinderturnen im Verein mithelfen können. Drei Menschen mit geistiger Behinderung und einer mit körperlicher Behinderung waren dem Angebot gemeinsam mit anderen, interessierten Teilnehmern gefolgt. "Interessant war, dass alle bereits einen Bezug zu behinderten Menschen hatten. Sei es über das eigene Kind, den Bruder oder die Vereinsarbeit", erzählt Hess.

Über Johannes Engagement im Kurs und seinen gezeigten Leistungen ist sie voll des Lobes. "Gerade in dem Spielbereich war er unheimlich gut dabei", erinnert sich die Kursleiterin. Auch bei der anschließenden Mini-Lehrprobe vermochte er zu überzeugen. "Er hat das sehr schön hinbekommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass, wenn er in der Heimat von jemanden an die Hand genommen wird, der sagt, ich kann Dich brauchen, er das auch wirklich könnte", sagte sie. 

Im Mai 2022 wird es einen weiteren Kurs geben, diesmal beim Schwäbischen Turnerbund (STB).

Schulz hofft, dass nach Johannes dort auch noch weiteren Menschen mit Behinderungen eine Tür ins "ganz normale" Leben geöffnet wird.

"Denn natürlich hat der Sport auch in der Vergangenheit immer wieder versucht, Inklusion zu machen. Aber diese Inklusion fand dann häufig nur unter den Betroffenen selbst statt", kritisiert er. Das liege auch daran, dass viele Menschen unsicher seien im Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Auch sich selbst ertappt Schulz immer wieder dabei, dass er zum Beispiel einem Rollstuhlfahrer anbietet, ihm beim Einstieg ins Auto zu helfen. Das sei aber im Normalfall gar nicht nötig.

"Ich sage immer, achtet nicht so sehr darauf. Diese Menschen wollen einfach normal behandelt werden", rät Johannes Vater. Denn nur so könne am Ende eine echte Inklusion gelingen. 

Weitere Informationen, Projekte und Angebote zum Thema INKLUSION finden Sie auch auf der Website der Deutschen Turnerjugend.

AUSGABE  Familie 02-2022 | Die Familie | Übungsleiterassistent mit Handicap
AUTOR       Nils Bohl