Showgruppe vor dem Brandenburger Tor | Bildquelle: Thomas Schumann
Die Familie

Wie die "Dreamdaddys" den TSV Falkensee zum Erfolg stemmten

Höhere Töchter

Welch langfristige und weitreichende Auswirkungen auf den Verein ihre spontane Idee einmal haben würde, war Birgit Faber an diesem Abend des Trainingslagers 2003 sicher noch nicht ganz klar. Der Grund für ihren Einfall dagegen schon:

Mir fehlten im Kinderturnen, diesem hochgradig von Frauen dominierten System, immer eines: MÄNNER.

So erinnert sich die Trainerin, die mit ihrem Verein TSV Falkensee im Trainingszentrum Kienbaum für die vereinseigene Weihnachtsgala geübt hatte.

"So kam es irgendwann, dass wir gesagt haben, alle Mädchen von sechs bis acht Jahren rufen heute Abend ihre Vatis an und fragen, ob sie uns morgen hier besuchen kommen und mit uns gemeinsam ein Training machen", erzählt sie.

Und so sei es auch gekommen.

"Am nächsten Tag standen von den 16 Mädchen insgesamt 15 Vatis auf der Matte. Alle mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen. Wir haben sie an diesem Tag einfach in das eiskalte Wasser geworfen, mit ihrem kleinen Mädchen eine Übung einzuturnen", erinnert sie sich.

Mit "Hand in Hand" sei dann noch eine mitreißende Musik hinzugekommen. "So haben meine Tochter und ich mit ihnen die Choreographie einstudiert und dann erstmals mit der Gruppe auf der Weihnachtsgala des Vereins aufgeführt. Dort wurde das zum emotionalen Höhepunkt der Veranstaltung", erzählt sie.

Die Dreamdaddys – bekannt aus Funk und Fernsehen

Natürlich hätten die Väter dann auch noch beim Auf- und Abbauen geholfen. "Denn Männer sind ja oft logistisch stärker als Frauen", hat Faber die Erfahrung im Verein gelehrt. So sei etwas entstanden, dass sich für den Verein in der Folge tatsächlich zum Erfolgsrezept entwickelt habe: ein familiäres Gemeinschaftsgefühl. "Die Männer sind in die Halle und dort fast jedes Mal an ihre Grenzen gekommen. Sie hatten nun einmal fast überhaupt keinen turnerischen Background. Auch nach außen wirkte das Projekt plötzlich. Zeitungen, Radio und TV wurden auf die "Dreamdaddys" aufmerksam. Die kleinen Mädchen waren ja auch zu niedlich, als sie in den Medien doch sehr kritisch die turnerischen Leistungen ihrer Väter analysierten", schmunzelt sie.

Turntrainerin Birgit Faber

Faber selbst ist Turntrainerin von Beruf, studierte in Leipzig. Als nach der Wende die meisten Turntrainerinnen und Turntrainer entlassen wurden, zog es auch sie in Richtung Westen. Doch 1995 kehrte sie aus Baden-Württemberg wieder in ihre Heimat zurück.

"Meine Leidenschaft war es immer, aus Mädchen, die Talent haben, das Beste rauszuholen. Und Ihnen diesen Spaß, den ich selbst an der Sportart habe, beizubringen. Und vielleicht, mit etwas Glück, die Besten von ihnen auch einmal zu Olympia zu bringen", sagt sie.

Nach ihrer Rückkehr nach Falkensee hatte sie das Glück, in ihrem Verein als hauptberufliche Trainerin tätig zu sein zu können. "Und natürlich auch als Vorstand. Das habe ich auch 20 Jahre gemacht", lächelt Faber. Eine sehr sinnvolle berufliche Aufgabe, wie sie findet.

Denn Kinderturnen sei das schönste Betätigungsfeld für alle Kinder, sagt sie,
und zitiert DTB-Präsident Alfons Hölzl:

Er hat unlängst gesagt, eigentlich müsste jedes Kind ein Grundrecht darauf haben, eine Rolle vorwärts, eine Rolle rückwärts, einen Kopfstand und ein Rad schlagen zu lernen.

Faber würde das jedenfalls sofort unterschreiben.

Weihnachtsgala – Deutsches Turnfest – Welt-Gymnaestrada – Sterne des Sports

So erkannte die scharfsinnige Turntrainerin aus Falkensee auch intuitiv, dass sich in der Weihnachtsgala-Nummer "Dreamdaddys" noch viel mehr Potenzial verbarg.

"Wir haben diese Übung dann tatsächlich weiterentwickelt und über das Deutsche Turnfest auch bis zur Welt-Gymnaestrada 2007 im österreichischen Dornbirn gebracht", erzählt sie. Und auch dort hatte die Nummer durchschlagenden Erfolg: "Es war eines der absoluten Highlights", sagt sie.

Danach wurde die Gruppe sogar noch zu "Sterne des Sports" eingeladen, Deutschlands wichtigstem und erfolgreichstem Vereinswettbewerb.

Feuerwerk der Turnkunst 2014

Welt-Gymnaestrada 2007 in Dornbirn

Feuerwerk der Turnkunst 2014

Familienangelegenheit Ehrenamt

Irgendwann, sagt sie, sei aus dem Turnen von Tochter und Vater ein Turnen der Familie geworden. "Weil natürlich auch die Muttis irgendwann mit ins Training gegangen sind und den Background organisiert haben. Vom Catering bis zu den Kostümen haben sie alles vorbereitet. Somit war plötzlich die ganze Familie eingebunden in den Sportverein", berichtet sie.

Das Training selbst habe sie irgendwann abgeben müssen, als sie begonnen habe, den Verein hauptberuflich zu leiten. "An einen ganz tollen Trainer, der vorher Fußballer war. Zum Glück hat er aber dann eine Tochter bekommen", lacht sie. Doch die kleinen, niedlichen Mädchen wuchsen zu Teenagern und jungen Frauen heran, wurden mit der Zeit größer, kritischer und schwerer. "Ich habe dann auch noch eine Gruppe gebildet, "Men Power", um den Vätern ein bisschen mehr Kraft zu geben, damit sie ihre Töchter noch heben konnten", erinnert sich Faber.

Vier von den ursprünglichen Vatis hätten noch vor fünf Jahren mit auf der Matte gestanden, als die Gruppe beim Turnfest in Berlin 2017 ihren emotionalen Abschied gegeben habe. Einige Väter seien noch heute in "Men Power" aktiv. "Einer davon ist noch im Aufsichtsrat und einer anderer ist Referent des Vorstandes geworden. Sie sind somit in ganz tolle ehrenamtliche Positionen hineingewachsen. Obwohl ihre Töchter mittlerweile erwachsen sind und auch beruflich ihre eigenen Wege gehen".

Auch wenn Faber von Anfang an das richtige Gespür entwickelte: "Was sich daraus am Ende entwickelt hat, konnte ich damals natürlich noch nicht sehen. Für mich war immer wichtig Emotionen zu verkaufen", gibt sie zu. Ob in Falkensee ein "Dreamdaddys II" gelingen kann, weiß sie nicht. "Die Arbeitswelt hat sich doch sehr verändert. Viele Vatis sind ja um 16 Uhr noch gar nicht zuhause", sagt sie. Was Faber und der TSV Falkensee aber gelernt haben, ist, dass der Turnverein zur Familienangelegenheit werden könne. "Neben dem sportlichen und emotionalen Effekt war das für den Verein ein absoluter Mehrwert", betont sie.

Gemeinschaftsgefühl Verein

Es sind die positiven, aber auch die gemeinsam bewältigten negativen Erfahrungen, die einen dazu bewegen, sich ein Leben lang im Verein zu engagieren.

Beim Deutschen Turner-Bund tue man sich häufig schwer, was Mannschaftswettbewerbe angehe. "Ich wollte aber neben dem harten Einzelturnen die Mannschaft mehr in den Vordergrund rücken", erklärt Faber. Denn es sei das Gemeinschaftsgefühl, das einen Verein zusammenhalte. "Ich sage immer, wenn wir uns nicht nach außen zeigen und nicht viel zeitiger damit beginnen, das auch als Show zu machen, dann werden wir auch nicht viele Kinder oder Eltern finden, die bereit sind, diesen Weg mitzugehen", kritisiert sie. Gäbe es diese turnerischen Großveranstaltungen nicht mehr und könnten die Familien da auch nicht mehr mitspielen, sich präsentieren, gemeinsam Zeit verbringen, wäre es aus Fabers Sicht fatal. "Die gemeinsamen Erlebnisse und die Zeit, die man bei längeren Trainingslagern oder Reisen miteinander verbringt, sind sehr wichtig. Es sind die positiven, aber auch die gemeinsam bewältigten negativen Erfahrungen, die einen dazu bewegen, sich ein Leben lang im Verein zu engagieren", ist Faber überzeugt. "Vom ich zum wir, das müssen wir unbedingt wieder hinkriegen. Das wird nach der Pandemie noch für ein paar Jahre unsere große Herausforderung sein", glaubt sie. 

Denn alle Kinder, die zu dieser Zeit in der Weihnachtsfeier zugeschaut hätten, hätten natürlich auch gewollt, dass ihr Vater mit in die Halle kommt. "Alle wollten sie bei den "Dreamdaddys" mitmachen. Das hat sich zu einem riesigen Multiplikationsfaktor entwickelt. Und das ist noch immer noch so", sagt sie. Trotz der Pandemie bedingten Pausen erinnerten sich noch viele daran und fragten immer wieder nach, ob es denn die "Dreamdaddys" noch gebe. "Deswegen war es aus unserer Sicht wirklich eine zündende Idee", findet Faber.

Mehr Angebote für die ganze Familie

Vereinen sollten nach ihrer Ansicht wesentlich mehr Angebote für die ganze Familie machen.

"Denn für Kinder sind Eltern und Großeltern sehr oft das Allergrößte", sagt sie. Doch Vater und Mutter gingen meist nur getrennt und alleine zum Sport. Auch die Kinder würden oft nur irgendwo abgegeben. "Deswegen würde ich empfehlen, macht parallele, macht gemeinsame Angebote. Gerade die Wettkampfsportarten haben viel größeres Potenzial als viele denken. Wenn die Kinder gemeinsam Fitness mit den Eltern machen können. Daraus entstehen immer ganz tolle Sachen. Das reine Leistungs- und Wettkampfturnen wird uns zukünftig im Turnen nicht weiterbringen. Aber auch da sollten wir die Eltern viel früher einbinden", findet sie.

Der Dank - lange Verbundenheit

Trotz aller Begeisterung war auch für die erste Generation der "Dreamdaddys" einmal Schluss.

Irgendwann, sagt sie, sei der ursprüngliche Kern zu alt geworden und habe es nicht mehr geschafft, immer wieder neuen Nachwuchs ranzuholen. Ob es wieder Dreamdaddys geben wird, Faber weiß es nicht. "Natürlich gilt es dafür auch Übungsleitende und Trainerinnen und Trainer zu finden, die das genauso mit Herzblut machen und die Familien reinholen. Wir brauchen Menschen, die da vorne brennen, damit das läuft", erklärt Faber. Die Mädchen von damals zeigten jedenfalls ein Dankeschön, in dem sie heute noch als Trainerinnen im Verein aktiv seien. "Und auch die Väter können wir immer anschreiben, ihnen sagen wir brauchen Euch und dann sind die einfach vor Ort", sagt Faber nicht ohne Stolz.

AUSGABE  Familie 02-2022 | Die Familie | Dreamdaddys
AUTOR       Nils Bohl