Deutsches Olympisches Jugendlager Rio 2016 | Bildquelle: dsj/DOA
Die Familie

Zwei Gymnastinnen und eine Turnerin sind dabei

Deutsches Olympisches Jugendlager

Der Geist der Ringe wird immer wieder in einem einzigen Satz beschworen:

Dabei sein ist alles.

Dieser Satz fußt auf einer Formulierung Pierre de Coubertins, der zum einen am 6. April 1896 den olympischen Geist der alten Griechen wiederbelebte und ihm zum anderen mit der Formulierung "Teilnehmen ist wichtiger als Siegen" auch in eine neue Richtung lenkte.

Neben vielfältigen Programmen steht selbstredend auch der Besuch von Wettkämpfen ganz oben auf der To-Do-Liste.

Diesem Geist des Teilnehmens folgt seit über 50 Jahren auch das Deutsche Olympische Jugendlager

Rund um die olympischen Wettbewerbe erhalten 40 bis 60 Nachwuchssportlerinnen und -sportler und junge Sport-Engagierte vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) die Möglichkeit, zwei Wochen lang in eine neue Welt einzutauchen. Und so den vertrauten Sport aus einem anderen kulturellen Blickwinkel zu erleben. 
Nach ersten Kontakten im Jahr 1953, ist seit den Spielen 1964 in Tokio auch Japan ein fester Partner der Deutschen, wenn es um Jugendlager geht. So hatten sich auch die beiden Rhythmischen Sportgymnastinnen Haruka Kodama (TV Eiche Horn) und Lillie Schupp (Blumenthaler TV) sowie die Turnerin Michelle Gerner (TV Elz) im Februar 2020 schon riesig auf das Ereignis gefreut. Zweieinhalb Wochen sollten die drei ausgewählten Teenager mit 47 weiteren deutschen Sportlern und 50 gleichaltrigen Japanern in einem Sportinternat in Tokio interkulturelle Brücken schlagen und neue Freundinnen und Freunde finden. 

Unsere drei Teilnehmerinnen

Haruka Kodama (18 Jahre)

  • Rhythmische Sportgymnastin aus Bremen, trainiert im Leistungszentrum Bremen.
  • Wurde 2019 mit der Gruppe von Bremen 1860 im Mehrkampf und im Finale Deutscher Meister.
  • Besucht in ihrer Freizeit gerne Kunstmuseen und zeichnet auch selbst. Insbesondere japanische Kaligraphie hat ihr Interesse geweckt.
  • Aber auch die Kreativität in der Rührschüssel ist ihr als begeisterte Hobbybäckerin nicht fremd.

"Ich mag es, Wettkämpfe anzuschauen oder gegeneinander anzutreten. Deswegen finde ich jede Sportart spannend."

Persönliche Ziele für das Jugendlager: 

  • Viele neue Leute kennenlernen, mit denen man sich gut verstehen kann. 
  • Viel über den Sport im Allgemeinen dazulernen, zum Beispiel über Sportpolitik oder Doping.
  • Eine schöne Woche mit den anderen Sportlern haben und gemeinsam die Olympischen Spiele im Fernsehen oder online verfolgen.

Lillie Schupp (18 Jahre)

  • Rhythmische Sportgymnastin aus Bremen
  • Studiert Wirtschafts-Psychologie und trainiert im Leistungszentrum Schmiden
  • Nahm 2017 mit der Gruppe an den Jugend-Europameisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik in Budapest teil.
  • Spielt in ihrer Freizeit gerne Klavier, zeichnet oder trifft sich mit Freunden.

"Besonders cool finde ich, dass so viele verschiedene Sportarten in unserer Gruppe aufeinandertreffen."

Persönliche Ziele für das Jugendlager: 

  • Neue Freunde finden.  
  • Sich mit der japanischen Kultur auseinandersetzen und neues über Tokio erfahren.
  • Japanische Sportler kennenlernen. 

Michelle Gerner (19 Jahre)

  • Turnerin aus Limburg
  • 15 Jahre lang Turnerin beim TV Elz
  • War dreimal mit «Jugend trainiert für Olympia» in Berlin.
  • Hat die Turn-WM 2019 in Stuttgart als Volunteer live miterlebt.
  • Zum Kopf frei kriegen hört sie gerne Musik und malt.
  • Auch stehen bei ihr gemeinsame Unternehmungen mit Freunden ganz hoch im Kurs.

"Ich war als Volunteer bei der Turn-WM in Stuttgart dabei. Ich könnte mir vorstellen, dass auch bei Olympia zu machen."

Persönliche Ziele für das Jugendlager:

  • Neue Freunde finden. 
  • Sich mit der japanischen Kultur auseinandersetzen und neues über Tokio erfahren.
  • Japanische Sportler kennenlernen.

Corona-Virus durchkreuzt Pläne

Doch das Corona-Virus durchkreuzte die Pläne jäh, Spiele und Jugendlager 2020 mussten verschoben werden. Mit einem Jahr Verzögerung kann das Großereignis nun höchstwahrscheinlich stattfinden. Für die Träume von Haruka, Lillie und Michelle ließ die japanische Regierung mit ihrer Entscheidung, keine ausländischen Zuschauenden bei den Olympischen Spielen in Tokio zuzulassen, jedoch keinen Raum mehr. Olympia nun nicht mehr live vor Ort erleben zu können, war für die Athletinnen natürlich eine herbe Enttäuschung.
 

Es fällt ja vieles weg, was geplant war. Zum Beispiel das Treffen mit den japanischen Sportlern.

Die 18-Jährige Kodama hat selbst japanische Wurzeln. Ihre Großeltern wohnen in der Millionenstadt Chiba östlich von Tokio. Und die hätten sich sehr gefreut, wenn die Enkelin das Jahrhundertereignis im Land der aufgehenden Sonne hätte miterleben dürfen.

Hybrid und binational

Doch die drei DTB-Athletinnen zeigten olympischen Kampfgeist. Statt den Kopf enttäuscht in den Sand zu stecken, plant die ehemalige Reisegruppe Tokio nun vom 29. Juli bis 5. August gemeinsam ihr Jugendlager in Frankfurt. Als hybride Veranstaltung, irgendwie doch noch binational und mit jeder Menge sozialer Innovation. Während die beiden Gymnastinnen sich in der Gruppe "Fan-Projekte" darum kümmern werden, dass das richtige Japan- und Olympia-Feeling aufkommt, wird Nachwuchstrainerin Michelle mit ihrer "Mediengruppe" für die richtige Außenwirkung in den sozialen Medien sorgen.

Ein kleiner Trost

"Wir versuchen einfach das Beste daraus zu machen. Natürlich ersetzt es nicht, dass man live dabei ist. Aber es ist wenigstens ein kleiner Trost", ist Kodama froh, wenn das Jugendlager in Frankfurt stattfinden kann. "Das ist allemal besser, als wenn es nur digital stattfindet oder sogar ganz ausfällt", ist sie überzeugt.
Denn für alle drei steht eines klar im Mittelpunkt: neue Leute kennenlernen, sich mit ihnen über ihren Sport auszutauschen und schöne Dinge zu unternehmen. "Und natürlich freue ich mich darauf, meine Sportart und mich selbst präsentieren zu dürfen", erklärt Kodama.

Okonomiyaki* - japanische Pfannkuchen

Okonomiyaki (jap. お好み焼き) ist ein japanisches Gericht. Okonomi bedeutet „Geschmack“, „Belieben“ im Sinne von „was du willst“; yaki bedeutet „gebraten“ oder "gegrillt". Traditionell wird Okonomiyaki am Tisch auf einer heißen Eisenplatte (jap. Teppan) mithilfe eines Spatels gebraten. Die Grundzutaten sind Wasser, Kohl, Mehl, Ei und Dashi, weitere Zutaten werden nach Belieben hinzugefügt; sie variieren je nach Region Japans. 

Quelle: Wikipedia

Dialog der Kulturen

14 Sportarten vertreten

Ende Mai haben sich alle in einer dreitägigen Zoom-Konferenz schon einmal ein bisschen kennengelernt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus völlig unterschiedlichen Facetten des Sports. "Ich glaube wir waren insgesamt 14 Sportarten", erinnert sich Schupp. "Manche davon hatte ich noch nie gehört, Shorttrack zum Beispiel", fügt Kodama hinzu. Aber gerade das findet sie spannend. Ähnlich erging es Gerner mit Trials: "Da fährt man Fahrrad ohne Sattel und absolviert Geschicklichkeitsprüfungen in schwerem Gelände", erzählt sie.

Auch 50 japanische Jugendliche dabei

Die bunt zusammengewürfelte Gruppe fand dennoch schnell zusammen. "Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass wir uns ganz gut werden verstehen können", findet Kodama. Dass man die 50 japanischen Jugendlichen nun bestenfalls digital kennenlernt, finden die Drei schade. "Aber wir werden mit ihnen eine Art Austausch machen. Wie genau das ablaufen soll, weiß ich noch gar nicht, aber das wird online bestimmt nicht so ganz leicht werden. Da bin ich schon sehr gespannt darauf", freut sich Schupp. Ein Dolmetscher soll helfen, etwaige Sprachbarrieren zu überwinden. "Mich würde auf jeden Fall interessieren, wie deren Tagesablauf so aussieht", ist auch Gerner schon neugierig auf den Dialog der Kulturen. 

Okonomiyaki

Damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon einmal einen Vorgeschmack auf das Olympialand bekommen, haben sie an ihrem Vorbereitungswochenende Okonomiyaki gebacken. Japanische Pfannkuchen. "Da sind Zutaten drin, die man nicht an jeder Ecke bekommt", erzählt Schupp. Gefunden haben sie sie am Ende alle. Und geschmeckt haben die fluffigen Eierkuchen tatsächlich den meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. 

Einkleidung mit offizieller Olympiakollektion

Damit der Bogen zum deutschen Olympiateam auch optisch geschlagen wird, werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom DOSB ähnlich wie die Athletinnen und Athleten auch aus der offiziellen Olympiakollektion einheitlich eingekleidet. Aber auch von der Vielfalt untereinander haben sie bereits viel erfahren. Kodama zum Beispiel lernte in einem Vorbereitungsspiel bereits die Tücken des Basketballspiels kennen. "Wir haben uns gegenseitig Videos geschickt und versucht, das Gezeigte nachzumachen. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwer ist. Wir haben in der RSG ja schließlich auch Bälle. Aber als ich es probiert habe, ging das von der Koordination der Hände und dem Prellen erst einmal gar nicht", erinnert sie sich mit einem Lachen.

Geht es um die olympischen Wettbewerbe, hat so jeder seine eigenen Vorlieben. "Ich will gerne Volleyball oder Fechten schauen. Aber eigentlich schaue ich alles mit Interesse, wenn es zu so großen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen geht", sagt Schupp. So sieht es auch Kodama: "Ich mag es einfach, Wettkämpfe anzuschauen oder gegeneinander anzutreten. Deswegen finde ich jede Sportart spannend", erklärt sie. Gerner faszinieren dagegen eher Sportarten, die dem Turnen ähnlich sind. "Turmspringen würde mich da interessieren", verrät sie. 

Sportler- und Völkerverständigung im Fokus

Doch was das Olympische Jugendlager in seinem Innersten zusammenhält, darüber sind sich die drei Teenager einig: "Es geht nicht nur darum, die Spiele anzuschauen. Es geht auch darum, andere Aktivitäten zu verfolgen und gemeinsam Spaß zu haben", formuliert es Kodama. Sportler- und Völkerverständigung eben. Die Aussicht, nach der virtuell geprägten Corona-Zeit mit all dem Online-Unterricht und den ständigen Videokonferenzen wieder von Angesicht zu Angesicht auf spannende, neue Menschen zu treffen, lässt die Drei beinahe vergessen, dass sie die Reise nicht weit in den fernen Osten führen wird. Und doch freut sich Schupp:

Wir können uns jetzt alle persönlich kennenlernen, darauf freue ich mich vor allem.

Der Traum von Japan

Kodama will sich ihren Traum von Japan nun selbst erfüllen. "Wenn alles klappt, werde ich dort im September ein Auslandsjahr beginnen", erzählt sie. Eine Überlegung, mit der auch Gerner bereits geliebäugelt hat. "Das ist aber gar nicht so einfach im Moment", sagt sie. Schupp dagegen will weiter ihren olympischen Traum leben, für ein Auslandsjahr ist da gerade keine Zeit. "Paris 2024 wäre natürlich auch eine Chance, zu den Olympischen Spielen zu kommen. Und Paris ist ja schließlich auch eine coole Stadt", sagt sie.

AUSGABE  Olympia 01-2021Die Familie | Deutsches Olympisches Jugendlager
AUTOR       Nils Bohl