Ernennung Nick Klessing | Bildquelle: Bundespolizei
Turn-Team Deutschland

Dual zum Erfolg

Sportler suchen den Erfolg im Team mit der Bundespolizei

Eines stellt Andreas Hirsch gleich zu Beginn klar: "Nur wer internationale Spitzenleistungen erarbeiten kann, sich im Leistungssport zu Hause fühlt, also zum deutschen Spitzensport zählt, kann sich bei der Bundespolizeisportschule bewerben. Gemeinsam mit den Sportlern aus den anderen geförderten Sportarten an einer gesicherten Zukunft feilen und die sportlichen Ziele im Fokus zu haben, das macht aus meiner Sicht Sinn.", erklärt der ehemalige Chefcoach der deutschen Turn-Nationalmannschaft der Männer.

Seit 2020 ist der 63-Jährige verantwortlicher Trainer der Bundespolizeisportschule Kienbaum, die ihren Dienstsitz auf dem Gelände des Olympischen und Paralympischen Trainingszentrums für Deutschland (KOPT) hat.

Dort förderte die Bundespolizei in einem dualen Ausbildungssystem bereits über 250 Sportlerinnen und Sportler aus dem gesamten Bundesgebiet. 75 Förderstellen stehen permanent zur Verfügung. 

Während den Athletinnen und Athleten weiter ermöglicht wird, unter idealen Voraussetzungen zu trainieren, erhalten sie gleichzeitig eine vollwertige Berufsausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst innerhalb der Bundespolizei.

Hohe Erfolgsquote

Dass dieses System funktioniert, beweist unter anderem seine Erfolgsquote: Fast 90 Prozent der Spitzensportler*innen setzen im Anschluss an ihre sportliche Laufbahn weiter auf eine Karriere bei der Bundespolizei.

Auch für die Behörde ist die Einrichtung ein außerordentlich guter Deal: Sportlertypische Charakterzüge wie Leistungswille und -fähigkeit, Gemeinschaftsgefühl und Fairness, sind Eigenschaften, die auch später im Polizeidienst sehr gefragt sind.

"Es sind viele, die sich da bewerben - jährlich mehr als doppelt so viele, wie letztendlich genommen werden", lässt Hirsch durchblicken.

Dabei haben die Sportverbände bereits eine Vorauswahl getroffen und schicken nur ihre aussichtsreichsten Kandidaten ins Rennen um die begehrten Förderplätze.

Nationalturner Nick Klessing im dualen System

Zwei, die das duale System durchlaufen, sind die Nationalturner Nick Klessing und Dario Sissakis. Der 24 Jahre alte Klessing hat seine Ausbildung bereits beendet und trägt als Polizeimeister zwei blaue Sternchen auf der Uniform.

"Ich war nie ein Fan von studieren. Ich brauche immer etwas Festes in der Hand. Bei der Bundespolizei habe ich eine Ausbildung und einen festen Job. Und weiß schon jetzt, dass ich nach dem Turnen abgesichert bin",
schildert Klessing seine Beweggründe.

An das Auswahlverfahren erinnert er sich noch sehr gut. Drei oder vier Bewerbergruppen habe es gegeben, immer mit sechs oder sieben Leuten. Am Ende hätten es zwölf Leute in seine Klasse geschafft.

"Du musst Dich also schon durchsetzen. Es ist nicht so, dass Du da einfach sagst, ich habe Bock und die antworten, ok, dann komm einfach", erzählt er. 

Polizeimeisteranwärter Dario Sissakis

Sissakis steckt dagegen als Polizeimeisteranwärter noch mitten in der Ausbildung.

"Ich wollte schon als Kind zur Polizei. Deswegen hat das ganz gut gepasst",
verrät er.

Auch für ihn sei die "Sicherheit, eine Ausbildung und später einen Job zu haben" ein weiterer ausschlaggebender Grund für seine Wahl gewesen. "Sonst hätte ich mich nach der Sportlerkarriere neu orientieren müssen. Und da weiß ich ehrlich gesagt nicht, was ich da so gemacht hätte", räumt er ein.

Wo genau er sich innerhalb der Polizei sieht, weiß Sissakis allerdings auch noch nicht. Doch die Möglichkeiten seien äußerst vielfältig, vom Bahnhof über den Flughafen bis zur Grenze. In welche Richtung er gehen möchte, darüber erhofft er sich Inspiration von seinem ersten Praktikum im kommenden Jahr.

"Wenn ich da anfange zu arbeiten, werde ich wohl erst einmal ein bisschen Action wollen. Raus auf die Straße und für Ordnung sorgen",
glaubt Sissakis.

Objektschutz oder etwas vergleichbar Ruhiges seien für ihn dagegen erst einmal kein Thema.

Trainings- und Dienstzeit – alles abgestimmt

Dass das Konzept "Duales System" funktioniert, unterstreichen die Erfolge der Sportlerinnen und Sportler, die es durchlaufen.

Insgesamt 27 Medaillen sammelten Athletinnen und Athleten der Bundespolizei bei den vergangenen drei Olympischen Spielen, 13 davon waren aus Gold. "Von September bis Februar ist eine Anwesenheitspflicht in der Ausbildung", erklärt Andreas Hirsch. Den Rest des Jahres sei die Trainingszeit die von den angehenden Polizisten erwartete Dienstzeit.  

Diese Terminierung bringt aber gerade Turner regelmäßig in Schwierigkeiten, da der Saisonhöhepunkt Weltmeisterschaft Ende Oktober vor der Tür steht. "Die anderen Sportarten haben alle im Sommer ihren Höhepunkt", weiß Hirsch. Doch die Polizei sei auch da flexibel. So flexibel, dass sie die Kaderathleten, die die Nationalmannschaft verstärken können, gegebenenfalls auch freistelle.

"Die Bundespolizei sieht sich ja nicht isoliert. Wir arbeiten eng mit den Spitzenverbänden zusammen, damit wir konform sind. Wir leisten in dem System unseren Beitrag", betont der frühere Bundestrainer.

Freistellungen, die Klessing und Sissakis regelmäßig in Anspruch nehmen, wenn sie vier Monate im Leistungszentrum vor den Toren Berlins trainieren und lernen. "Die müssen abgesprochen, geklärt sowie vom Chef und den Lehrern abgesegnet werden. Dann gibt es Aufgaben, die Du dann am Wochenende oder in Deiner Freizeit nachholen musst", beschreibt Klessing das allgemeine Prozedere.

Doch bei aller Flexibilität gilt es, die beruflichen Ziele immer im Blick zu behalten.

"Wir wollen, dass da am Ende ein Polizeibeamter rauskommt, der ein Fachmann auf seinem Gebiet ist", sagt der Trainer. Und auch sportlich geht es trotz aller Förderung nicht ohne Leistungsdruck ab. "Die Bundespolizei hat so viele Top-Sportler, das ist schon heftig. Der Anspruch, an dem ich mich messen lassen muss, ist hoch. Medaillen sind die Währung, in der abgerechnet wird, ob und wie lange ich gefördert werde", bestätigt Klessing.

Ein typischer Tagesablauf

Vor jeden Erfolg haben die Götter allerdings bekanntlich den Schweiß gesetzt.

Um sieben Uhr antreten, den Tagesablauf planen und dann Unterricht bis 16 Uhr, lautet die erste Etappe in den Ausbildungsmonaten.

"Danach gehen wir zum Sport und trainieren zweieinhalb bis drei Stunden. Anschließend wird gelernt und dann ist der Tag auch schon wieder vorbei", schildert Sissakis den typischen Tagesablauf im letzten Drittel des Jahres. Seine Entscheidung hat er dennoch bislang keine Minute bereut.

"Auch wenn mir in den vier Monaten Lernen, Prüfungen und Trainieren oft einmal zu viel werden, kriege ich es immer wieder hin. Und dann kann ich mich acht Monate nur auf den Sport konzentrieren", sagt er und wartet noch mit einer überraschenden Feststellung auf: "Das Sportlerleben ist schon hin und wieder ein bisschen einseitig. Deswegen freue ich mich jetzt schon wieder auf den Unterricht. So blöd das vielleicht jetzt klingt. Aber ich finde es ist cool, neue Sachen zu lernen und mich weiterzuentwickeln."

Die Förderung der Bundespolizei macht das Leben einfacher

Die Förderung der Bundespolizei jedenfalls macht Klessings und Sissakis Sportlerleben um einiges einfacher.

Da sind sich die beiden Top-Sportler einig.

"Ohne duales System wäre es zeitlich so gar nicht machbar“, sagt Klessing.

Zwar hätte er auch ohne das System den geliebten Turnsport wohl nicht an den Nagel gehängt. "Aber ich hätte vermutlich lange gesucht, bis ich eine andere Lösung gefunden hätte", betont er.

Das sieht auch Sissakis so:

"Es wäre auf jeden Fall viel schwieriger. Schon allein finanziell. So hat man ein monatliches Einkommen, das man von der Polizei bekommt. Geld gibt Sicherheit", findet er.

Der Blick über den Tellerrand

Doch die Polizei bietet nicht nur Ausbildung, Einkommen, Trainer*innen und Trainingszeiten.

"Sie bieten den Athleten an, dass sie mit anderen Spitzensportlern zusammen sind. Praktisch den Blick über den Tellerrand", sagt Hirsch. Der sei ungemein wichtig, um voneinander lernen zu können. Zum Beispiel beim Umgang mit Verletzungen.

Auch Hirsch selbst hat als Angestellter der Bundespolizei nun den sicheren Hafen gefunden, der seinen Bedürfnissen entspricht.

"Der Unterschied ist, die Heimtrainer sollten früher die Ideen von Andreas Hirsch umsetzen. Nun ist es genau umgekehrt. Eigentlich sollen sie mir nun sagen, was sie bis Januar oder Februar von mir erwarten“, erklärt er.

Und ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. "Ich habe jetzt eben eine andere Funktion. Ich sehe nun zu, wie ich in Abstimmung mit dem verfügbaren Zeitbudget, die mir anvertrauten Sportler bis dahin bringe."

Bewerbungsaufruf & Bewerbungsvorgang

Einem jährlichen Bewerbungsaufruf (jeweils zum Jahresbeginn) folgend können sich Sportler*innen über den DTB bzw. den jeweiligen Spitzensportverband für eine Aufnahme in die Spitzensportförderung der Bundespolizei bewerben.

Neben den allgemeinen Voraussetzungen für den Polizeivollzugsdienst in der Bundespolizei müssen Bewerber*innen dem Bundeskader angehören und nach einer individuellen Prognose das Potenzial besitzen, Höchstleistungen auf Weltniveau zu erzielen.

Im Zuge des Auswahlverfahrens verschafft sich eine Kommission u. a. ein Bild von der Berufsmotivation der Bewerber*innen. Es kommen nur Sportler*innen in Betracht, die glaubhaft eine polizeiliche Ausbildung anstreben, da das Verständnis von dualer Karriere bei der Bundespolizei den Aspekt einer dauerhaften Berufsausübung nach dem sportlichen Karriereende umfasst.

Jedes Jahr stellt die Bundespolizei bis zu 12 Bewerber*innen zum 1. September in Kienbaum ein, wobei die Förderplätze nicht nach Sportarten quotiert sind.

Aufstiegsmöglichkeit in den gehobenen Dienst

Seit 2020 bietet die Bundespolizei die Möglichkeit, noch während der aktiven Leistungssportkarriere den Grundstein für eine Karriere im gehobenen Polizeivollzugsdienst zu legen.

Nach Abschluss der regulären Ausbildung im mittleren Polizeivollzugsdienst können Sportler*innen innerhalb der Spitzensportförderung der Bundespolizei einen ca. sechsmonatigen Lehrgang als verkürzten Praxisaufstieg in den gehobenen Polizeivollzugsdienst absolvieren.

Ihr Ansprechpartner: Sven Drese | Telefon: 033434 8029-102 | E-Mail: presse.kienbaum@polizei.bund.de

AUSGABE  Karriere 03-2022 | Turn-Team Deutschland | Dual zum Erfolg
AUTOR       Nils Bohl