Gruppenfoto Nguyen, Szilier und Dauser bei den Europameisterschaften 2017 in Cluj | Foto: Kurt Szilier
Turn-Team Deutschland

Kurt Szilier über die zentrale Rolle von Turn-Talentschulen

Wo Erfolg beginnt

Warum Kurt Szilier überzeugt ist, dass sportlicher Erfolg nicht zufällig entsteht – und weshalb Turn-Talentschulen dabei eine zentrale Rolle spielen.


Kurt Szilier spricht leise, wenn er über Nachwuchsarbeit redet. Keine großen Gesten, keine Versprechen.

„Man erkennt Talent früh“, sagt er.
„Nicht an Medaillen, sondern an Bewegungen.“ 
An der Art, wie ein Kind die Halle betritt, wie es springt, landet, Spannung aufbaut. „Und vor allem daran, ob es gerne turnt.“

Szilier weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Rumäne gehörte einst selbst zur Weltspitze, ehe politische Umstände seine Karriere abrupt unterbrachen. 1982 setzte er sich während eines Wettkampfs in Deutschland ab, verlor durch eine anschließende Sperre mehrere Jahre seiner besten Zeit. Später wurde er Trainer – und einer der prägenden Köpfe der deutschen Nachwuchsarbeit. Unter seiner Anleitung entwickelten sich Turner wie Olympia-Medaillengewinner Marcel Nguyen, Barren-Weltmeister Lukas Dauser und der mehrfache Deutsche Meister Felix Remuta.

Dass solche Karrieren möglich wurden, führt Szilier nicht auf Zufall zurück. Sondern auf Strukturen. Auf Orte, an denen Kinder früh richtig angeleitet werden. „Man kann vieles nachholen“, sagt er. „Aber je früher die Basis stimmt, desto leichter wird der Weg.“

Die Arbeit an der Basis

In Turn-Talentschulen beginnt dieser Weg. Nicht spektakulär, nicht mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Sondern vielmehr systematisch. „Hier geht es nicht darum, früh etwas darzustellen“, sagt Szilier. „Hier geht es darum, richtig zu arbeiten.“ Beweglichkeit, Kraft, Koordination, Körperspannung. Vor allem aber Technik – sauber erlernt, ohne Abkürzungen.

Gerade im frühen Alter seien die Bedingungen entscheidend, sagt Szilier. Kleine Trainingsgruppen, qualifizierte Trainer, klare Strukturen. Kinder, die regelmäßig trainieren können, ohne dass Schule und Alltag darunter leiden. „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt er, „können Kinder viel leisten – und sie machen es gerne.“

Fehler, die in dieser Phase entstehen, bleiben oft ein Leben lang. „Nehmen Sie die Kopfhaltung“, sagt Szilier. „Wenn die nicht stimmt, lernt ein Kind eine falsche Bewegungsvorstellung. Und die kehrt dann immer wieder zurück.“ Deshalb müsse man gerade am Anfang präzise arbeiten. Nicht schnell, sondern korrekt. „Sauberkeit vor Schwierigkeit“, nennt er das. Ein Prinzip, das nicht nur Verletzungen vorbeugt, sondern langfristig auch leistungsfähiger macht.

Turn-Talentschulen sind für Szilier keine Orte der frühen Selektion, sondern eher der Orientierung. Kinder werden beobachtet, begleitet, eingeschätzt. Nicht jedes Talent muss zwangsläufig den Weg in den Hochleistungssport gehen. Aber jedes Kind erhält die Chance, sein Potenzial kennenzulernen – in einem Umfeld, das genau dafür geschaffen ist.

Erfolg ist planbar – aber nicht erzwingbar

„Erfolg ist im Turnen in gewissem Maß planbar“, sagt Szilier. 
„Aber nur langfristig.“ 

Planung bedeute Struktur: abgestimmte Trainingsumfänge, klare Belastungs- und Erholungsphasen, körperliche und mentale Entwicklung. Wer Leistungssport betreibt, trainiert an sechs Tagen in der Woche. Das funktioniere nur, wenn die Kinder Freude behalten – und wenn das Umfeld mitzieht.

Dabei seien Sportler sehr unterschiedlich. „Es gibt die, die immer früher kommen und mehr machen“, sagt Szilier. „Und es gibt sehr talentierte Turner, die effizienter arbeiten.“ Das dürfe man nicht verwechseln. „Das darf man nicht mit Faulheit verwechseln. Diese Sportler sind oft einfach sehr ökonomisch.“ Aufgabe des Trainers sei es, diese Unterschiede zu erkennen. „Man darf niemanden bestrafen, nur weil er anders arbeitet.“

Ein Vorteil gut aufgestellter Turn-Talentschulen liege genau darin: Trainer und auch Trainerinnen haben Zeit, genau hinzuschauen. Entwicklungen über Jahre zu begleiten. Nicht nur Leistung, sondern auch Persönlichkeit. 

„Die Entwicklung ist sehr oft so unterschiedlich. Von vielen Sportlern ist gesagt worden, es wird nichts“, sagt Szilier. „Und es ist trotzdem gut geworden oder auch umgekehrt. Das ist alles nur relativ.“

Der kritische Punkt Pubertät

Die größte Herausforderung komme später. In der Pubertät. „Das ist der Knackpunkt“, sagt Szilier. Schule, Freunde, neue Interessen verändern den Blick. Viele hören auf. Nicht aus mangelndem Talent, sondern weil sich Lebensziele verschieben. Szilier bewertet das nüchtern. „Nicht jeder will oder kann diesen Weg gehen.“

Gerade deshalb seien stabile Grundlagen wichtig. Wer früh gelernt habe, strukturiert zu trainieren, Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen, könne später leichter entscheiden – ob für den Leistungssport oder für andere Wege. Turnen, sagt Szilier, sei eine hervorragende Grundlagensportart. Viele ehemalige Turner wechseln erfolgreich in andere Disziplinen. Die Ausbildung aber bleibt.

Dass unterschiedliche Persönlichkeiten unterschiedliche Wege gehen können, zeigen auch seine erfolgreichsten Athleten.

Marcel Nguyen habe früher immer gezweifelt.
„Er hat gesagt: Die Japaner, Chinesen sind besser als ich.“
Lukas Dauser dagegen sei ein ganz anderer Typ gewesen:
„Der hat gesagt: Ich will das. Ich schaffe das.“ 

Am Ende wurden beide erfolgreich. „Das zeigt“, sagt Szilier, „dass man jeden Sportler so behandeln muss, wie er ist.“

Am Ende verdichte Szilier seinen nahezu unendlichen Erfahrungsschatz zu ein paar einfachen Sätzen. Die Sätze, die er auch jungen Athleten und Trainern immer wieder mit auf den Weg gibt. 

„Geduld haben“, sagt er. „Dranbleiben.“ 

Talent allein, davon ist er überzeugt, reicht in keinem Fall. Auch habe jeder Turner seine Grenzen. „Ob das sich in seinem Kopf abspielt, ob das jetzt körperlich ist oder psychologisch. Weil, die Psyche ist auch ein wichtiger Faktor.“ Am Ende, davon ist Szilier aber überzeugt, sei es vor allem eine Frage von Zielen und wie lange man bereit sei, diese zu verfolgen.

AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Wo Erfolg beginnt
AUTOR             Nils B. Bohl