Dr. Falk Naundorf bei der Quali Teamfinale Herren bei der Turn-EM | Foto: IAT
Turn-Team Deutschland

Erfolg ist planbar – aber kaum berechenbar

Warum Turn-Erfolg früh beginnt

Warum nachhaltige Leistung im Turnen früh beginnt, klare Strukturen braucht und dennoch nie garantiert werden kann.

 

Im Leistungssport wird der Wunsch nach einem garantierten Weg zum Erfolg erstaunlich häufig geäußert. Auch das Turnen bildet dabei keine Ausnahme – und das, obwohl sich kaum eine Sportart weniger für einfache Planungsversprechen eignet. Zu komplex sind die motorischen Anforderungen, zu früh beginnen die entscheidenden Entwicklungsphasen, zu groß sind die individuellen Unterschiede. Für Dr. Falk Naundorf, langjähriges Mitglied im Ausschuss für Leistungs- und Nachwuchsförderung Gerätturnen männlich des Deutschen Turner-Bundes und Mitarbeiter am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig, ist deshalb klar: 

„Planbar ist nicht die Karriere eines einzelnen Athleten, sondern das System, in dem Entwicklung stattfinden kann.“

Diese Differenzierung ist für Naundorf zentral. „Das größte Missverständnis besteht darin, Planbarkeit auf den einzelnen Turner zu beziehen“, betont er. Gerade im Nachwuchsbereich sei der Entwicklungsprozess dafür viel zu komplex. Ziel müsse es vielmehr sein, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Weg von der Talentsichtung bis zur internationalen Spitze wahrscheinlicher machten. Ausbildungsprogramme wie Pflicht, athletische Tests und technische Grundlagen dienten aus seiner Sicht nicht dazu, Karrieren festzuschreiben, sondern Orientierung zu geben – für Trainer*innen ebenso wie für Athlet*innen.

Wissenschaft als Entscheidungshilfe

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Orientierung ist die Unterstützung von Trainerentscheidungen durch wissenschaftlich fundierte Informationen. Am IAT arbeitet Naundorf in einem sogenannten Trainer-Berater-System. „Wir schreiben keine Trainingspläne“, erklärt er. Aufgabe des Instituts sei es vielmehr, Daten, Analysen und Empfehlungen bereitzustellen. Die Verantwortung bleibe dabei bewusst beim Trainer oder der Trainerin.

Wie diese Unterstützung konkret aussieht, verdeutlicht das Beispiel der biologischen Entwicklung. Mithilfe standardisierter Verfahren lasse sich abschätzen, wann ein Athlet oder eine Athletin seinen maximalen Wachstumsschub erreiche, erläutert Naundorf. Diese Information werde im Trainerportal sichtbar gemacht, etwa mit dem Hinweis, dass ein Turner oder eine Turnerin kurz vor oder nach dieser sensiblen Phase stehe. Das ersetze keine Entscheidung, könne aber helfen, Belastungen besser einzuordnen oder Risiken frühzeitig zu erkennen. Wissenschaft diene hier als Entscheidungsgrundlage, nicht als Entscheidungsinstanz.

Warum Planung früh beginnt

Obwohl Naundorfs Arbeit am IAT primär beim Bundeskader ab dem Nachwuchskader 1 (NK1) ansetzt, beginnt erfolgreiche Planung aus seiner Sicht deutlich früher. Der entscheidende Zeitraum liege nicht im Schulalter, sondern bereits davor.

„Der wichtigste Sichtungsbereich beginnt im Kindergarten“, stellt er klar.

Turnen sei eine Sportart, die von früher motorischer Prägung lebe. 

  • Körperspannung, 
  • Beweglichkeit, 
  • Raumgefühl und 
  • Koordination 

ließen sich im Vorschulalter besonders gut entwickeln. Programme, die erst in der dritten Klasse ansetzten, kämen für das Turnen häufig zu spät.

Vor diesem Hintergrund misst Naundorf den DTB-Turn-Talentschulen eine zentrale Bedeutung zu. Sie bildeten die strukturelle Brücke zwischen Breite und Spitze, ohne früh zu selektieren. Entscheidend sei, möglichst vielen Kindern qualitativ hochwertige Grundlagen zu vermitteln. Talent dürfe nicht davon abhängen, ob zufällig ein Bundesstützpunkt in der Nähe liege. Breite und verlässliche Strukturen im Kindesalter seien vielmehr die Voraussetzung dafür, dass spätere Leistungsplanung überhaupt greifen könne.

Übergänge und Bruchstellen

Aus seiner Erfahrung im Nachwuchsausschuss weiß Naundorf, wie entscheidend die früh gestellten Weichen sind. Gefordert sei eine umfassende Ausbildung, die alle Basiselemente und Teilbewegungen abdecke. „Das Turnen entwickelt sich in Zyklen“, gibt er zu bedenken. Wertungsvorschriften änderten sich, Anforderungen verschöben sich. Wer früh zu eng ausbilde, verbaue spätere Optionen. Planung bedeute daher auch, Ungewissheit mitzudenken und Entwicklungsspielräume offenzuhalten.

Die größten Brüche entstünden an Übergängen: beim Wechsel an eine Sportschule, beim Schritt ins Internat oder nach dem Schulabschluss. „Es gibt immer Karriereentscheidungen“, weiß Naundorf. Nicht jede Abkehr vom Leistungssport sei ein Verlust. Zugleich hingen Entwicklungschancen stark von regionalen Rahmenbedingungen und der Zusammenarbeit von Vereinen, Ländern und Bund ab.

Struktur statt Garantie

Die Rolle der Wissenschaft im Turnen sieht Naundorf klar begrenzt. Sie könne Entscheidungsgrundlagen liefern, Entwicklungen einordnen und Risiken sichtbar machen. „Ersetzen kann sie weder Trainerkompetenz noch Erfahrung oder Verantwortung“, betont er. Für nachhaltigen Erfolg brauche es deshalb klare Zuständigkeiten und verlässliche Strukturen.

Am Ende bleibt für Naundorf eine nüchterne Erkenntnis: „Erfolg lässt sich nicht garantieren, aber vorbereiten.“ Planung bedeute, Strukturen zu schaffen, die Entwicklung ermöglichen, ohne sie festzuschreiben. Oder, wie er zusammenfasst: 

„Struktur macht Erfolg wahrscheinlicher.“

AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Warum Turn-Erfolg früh beginnt
AUTOR             Nils B. Bohl