Jens Milbradt und Waldemar Eichorn beim Weltcup Cottbus 2025 | Foto: Minkusimages
Turn-Team Deutschland

Eichorns Weg als Trainer

Noch lange nicht ausgelernt

Waldemar Eichorn hat einen großen Teil seines Lebens in Turnhallen verbracht. Er war internationaler Leistungsturner, kam auf rund 25 Bundesliga-Saisons und beendete erst im vergangenen Jahr seine Karriere in der Deutschen Turnliga. Am Pauschenpferd entwickelte er ein eigenes Element. Auch als Trainer ist er längst kein Anfänger: Seit 2013 arbeitet er beim Saarländischen Turnerbund, inzwischen als Landestrainer und Cheftrainer im männlichen Leistungsbereich.

Und nun ist Eichorn wieder derjenige, der zuhört, mitschreibt und Fragen stellt.

Sein Weg durch die Trainerausbildung hat ihn über die C-, B- und A-Lizenz bis zur Diplom-Trainer-Ausbildung in Köln geführt. Ausbildung, Trainerjob und Familie unter einen Hut zu bekommen, sei nicht immer einfach.

 Ein bisschen bin ich auch raus aus dem Lernen, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Trotzdem mache es tierisch Spaß. Besonders gefällt ihm der Austausch mit Trainerinnen und Trainern anderer Sportarten. Man lernt auch von denen, betont er.

Es macht tierisch Spaß.

Was außerhalb der Bewegung passiert

Als Turner hat Eichorn unzählige Bewegungen selbst gemacht, als Trainer ebenso viele erklärt. Lange half ihm dabei der eigene Körper. Bei vielen Elementen kennt er nicht nur den technischen Ablauf, sondern erinnert sich daran, wie sich eine Bewegung angefühlt hat und worauf er selbst dabei geachtet hat.

Inzwischen trainiert er allerdings Turner, die auch Elemente beherrschen, die er selbst nie gemacht hat. Dann reicht die eigene Erfahrung alleine nicht mehr. Wenn man dann einfach nur irgendwas erzählt, was auf einem Zettel steht, sagt Eichorn, aber selbst als Trainer nicht hundert Prozent die Logik dahinter verstanden hat, wird es schwer.

Noch stärker verändert hat sich sein Blick auf das, was gar nicht unmittelbar am Gerät passiert. Zum Beispiel, wenn ein Turner eine Bewegung nicht hinbekommt. Das muss nicht heißen, dass er sie technisch nicht verstanden hat, weiß Eichorn mittlerweile. Vielleicht hat er einfach nur schlecht geschlafen, vielleicht beschäftigt ihn etwas außerhalb der Halle.

In der Ausbildung beschäftigt sich Eichorn deshalb viel intensiver mit psychischen Prozessen, Kommunikation und dem Umfeld eines Sportlers. Nicht alles lasse sich eins zu eins aufs Gerätturnen übertragen. Aber vieles kann ich ableiten und später ausprobieren, erzählt er. Gerade dieses Rundherum, sagt er, sei für ihn interessant.

Locker, aber nicht beliebig

Einige Turner seiner heutigen Haupttrainingsgruppe kennt Eichorn, seit sie acht Jahre alt sind. Mittlerweile sind sie 20 oder 21. Mehr als 13 gemeinsame Jahre haben auch verändert, wie Trainer und Athleten miteinander reden. Ein Turner müsse sagen können: Trainer, ich fühle mich heute nicht gut. Oder: Ich sehe das anders als du. Lass uns darüber reden. Je älter die Athleten geworden seien, desto wichtiger sei dieser Austausch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich von den Athleten auch was lerne, sagt er.

Auch der Trainingsbeginn verrät einiges über seinen Stil. Bei Eichorn tritt die Gruppe selten in Reih und Glied an. Einer dehnt sich schon, ein anderer zieht sich noch um, der Trainer fragt erst einmal, wie es allen geht. 

Ziemlich locker, nennt Eichorn das. 

Manchmal auch ein wenig chaotisch.  

Locker heißt für ihn allerdings nicht beliebig. Wenn die Athleten keinen Respekt vor mir mehr haben, dann habe ich, glaube ich, schon ein bisschen verloren.

Diesen Respekt möchte er sich nicht einfach über die Rolle des unangreifbaren Chefs verschaffen. Er spricht vielmehr von Wissen und Vertrauen – und davon, dass die Athleten merken sollen, dass gemeinsames Arbeiten irgendwann Früchte trägt.

Foto: Waldemar Eichorn 2018 bei den Deutschen Meisterschaften in Leipzig

Wenn die Verletzung bleibt

Gerade erlebt Eichorn allerdings auch, wie wenig sich Trainerarbeit manchmal planen lässt. Einer seiner Athleten, den er seit mehr als 13 Jahren begleitet, wurde zweimal am Ellbogen operiert. Zwischenzeitlich stand die Prognose im Raum, dass Leistungssport möglicherweise nicht mehr möglich sein würde. Es folgten viele Gespräche. Inzwischen ist der Turner wieder in der Halle, trainiert am Boden, wo der Ellbogen weniger beansprucht wird, und nimmt wieder an Lehrgangsmaßnahmen teil.

Wir haben uns entschieden, von Schritt zu Schritt zu gehen, erklärt er. 

Wohin dieser Weg führt, wissen beide nicht.

Eichorn beschäftigt die Geschichte auch nach Trainingsende. Das nimmt mich als Trainer schon auch sehr viel mit, räumt er ein. Nach so vielen gemeinsamen Jahren frage man sich, was man vielleicht falsch gemacht habe und ob etwas anders hätte laufen können. Man zerbricht sich auch ab und zu mal den Kopf, verrät er.

Nicht in der eigenen Blase

Dass jemand seine Arbeit von außen betrachtet, sucht Eichorn inzwischen bewusst. Einer dieser Menschen ist Valentin Potapenko. Der Akrobatiktrainer arbeitet seit vielen Jahren mit ihm zusammen und kommt regelmäßig in die Halle. Eichorn nennt ihn einen Mentor. Potapenko entdeckt bisweilen Dinge, die Eichorn übersieht, widerspricht oder schlägt eine andere Lösung vor. Wenn ich nur für mich alleine arbeiten würde und nicht nach links und rechts schaue, würde ich irgendwann in meiner Blase leben, ist er überzeugt.

Diesen Blick von außen bekommt Eichorn auch in der Diplom-Trainer-Ausbildung: durch neue Inhalte, Referent*innen und Trainer*innen aus anderen Sportarten. Nicht jede Idee passt zum Gerätturnen. Aber immer wieder bringt er etwas Neues mit, das er mit in die eigene Halle nimmt.

Auch ich bin noch nicht so der Laptop-Trainer

Dass es auch technisch noch Felder und Trends gibt, in denen er dazulernen kann, sagt Eichorn selbst ziemlich offen. Die Datenströme, die im Profifußball längst gang und gäbe sind, sind in den Turnhallen noch längst nicht angekommen. Auch ich bin noch nicht so der Laptop-Trainer, gibt auch Eichorn zu. Das bedeutet aber nicht, dass er die sich ergebenden Möglichkeiten nicht längst erkannt hätte. Mehr und schnellere Videoanalyse in seiner Halle würde er sich nämlich durchaus wünschen. Denn darin sieht er bereits eigenes Entwicklungspotenzial.

Wohin ihn sein Weg beruflich einmal führt, lässt Eichorn bewusst offen. Ein Ziel hat er sich aber in jedem Fall gesteckt: Er würde gern dazu beitragen, das deutsche Männerturnen international wieder weiter nach vorne zu bringen. Mit dem Lernen will er daher auch in Zukunft nicht aufhören. Ich hoffe, ich lerne mein ganzes Leben lang dazu, sagt er.

Auf die Frage, was einen wirklich guten Trainer denn ausmache, braucht Eichorn einen kleinen Augenblick für eine passende Antwort.

Ein guter Trainer, sagt er dann, der muss immer flexibel sein.

AUSGABE        Akademie 04-2026 | Turn-Team Deutschland | Noch lange nicht ausgelernt
AUTOR            Nils B. Bohl