Lukas Dauser bei der Stadiongala 2025 | Foto: Tom Weller
Turn-Team Deutschland

Was Lukas Dauser jetzt wirklich wichtig ist

Neue Wege, alte Marotten

Was seine Marotten angeht, ist Lukas Dauser nachlässig geworden. Die Badelatschen stellt der 32-Jährige zwar wieder ganz akkurat nebeneinander vor die Matte, bevor er an den Barren tritt; beim ersten Bundesligawettkampf nach seinem Rückzug von der internationalen Bühne hatte der Weltmeister das versäumt, und prompt war die Übung schiefgegangen.

Doch ob er morgens zuerst mit beiden Füßen gleichzeitig den Boden neben dem Bett berührt oder das Risiko eingeht, mit dem falschen Bein aufzustehen, das ist dem Turner nicht mehr so wichtig.

Sein Leben hat an Struktur und Ordnung verloren, seit Dauser bei den Olympischen Spielen in Paris vor einem Jahr sein letztes großes Event absolviert hat. Der geregelte Alltag eines Hochleistungssportlers sei das, was er seitdem am meisten vermisse, sagt der Unterhachinger. Aber dass es bei ihm jetzt deutlich entspannter zugeht, er abends auch mal länger weggehen kann und nicht immer um 9 Uhr morgens in der Halle stehen muss, ist gleichzeitig das, was er besonders genießt.

Unerkannt bleiben? Ausgeschlossen.

Die große Abschiedsparty gab es für den erfolgreichen Bewegungskünstler beim Internationalen Deutschen Turnfest in Leipzig. Hier war der Sportler des Jahres 2023 als Botschafter gefragt, erlebte den Rummel mal ganz anders als gewohnt. "Ich war natürlich viel auf der Messe unterwegs, habe Autogrammstunden gegeben und nicht nur bei den Europameisterschaften mitgefiebert", erzählt der langjährige Nationalturner. Ob Nachwuchs- oder Seniorensport, überall schnupperte er mal hinein, ließ sich von den vielen turnverrückten Menschen begeistern und stellte schnell fest, dass es für ihn in dieser großen Familie nicht möglich war, unerkannt zu bleiben. "Das war schon Wahnsinn, was da los war", sagt Dauser. 

Hoch hinaus

Bei der Stadiongala am Samstagabend flog er dann spektakulär ein, ließ sich nach seiner Luftnummer, bei der er hoch über den Köpfen des Publikums schwebte, auf den beiden Holmen seines Lieblingsgeräts absetzen und zeigte noch ein paar schöne Schwünge.

"Das war richtig cool",
kommentiert Dauser die Performance vor 40.023 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Er habe allerdings "ein bisschen Bammel" gehabt. Flugelemente am Reck oder Salti und Schrauben am Boden machen ihm nichts aus. "Aber ich habe durchaus Respekt vor der Höhe", gibt Dauser zu, und nur an Seilen in einen Gurt geschnallt, fehlte ihm der beruhigende Halt. Die Generalprobe sei "richtig übel" gewesen.

 

"Aber bei der Show selbst war ich natürlich voller Adrenalin und habe nicht mehr so viel nachgedacht."

Ganz so aufregend geht es in Dausers neuem Leben seitdem nicht mehr zu, doch der Olympiazweite von 2021 ist weiterhin viel unterwegs, nimmt Termine wie Ehrungen oder Vorträge wahr. Darüber hinaus freut er sich über die viele Zeit, die er mit seiner Frau Viktoria und dem gemeinsamen Sohn Willi verbringen kann, der im vergangenen Jahr auf die Welt kam. In diesem Sommer kurvt die Familie fünf Wochen lang mit dem Wohnmobil an der Adria-Küste herum.

"So lange habe ich noch nie Urlaub gemacht",
sagt Dauser.

Bachelorarbeit als Startschuss?

Im September, wenn Viktoria nach der Elternzeit wieder als Zahnärztin arbeitet und Willi in die Kindertagesstätte geht, widmet sich Student Lukas seiner Bachelor-Arbeit im Fach Internationales Management. "Mein letztes Modul habe ich im Mai abgeschlossen", berichtet er. Als Examensthema könne er sich gut einen "Business Case" aus seinem Sport vorstellen. Der Brite und frühere Reck-Europameister Nile Wilson besitze in seiner Heimat mittlerweile mehrere Turnhallen; ähnliche Modelle existierten in den USA und Russland. "In Deutschland haben wir natürlich das Vereinssystem“, sagt Dauser. Trotzdem interessiere ihn, ob ein solches Privatunternehmen auch hierzulande funktionieren könnte: eine Sportstätte, in der sich morgens Kindergartenkinder und Senioren bewegen und nachmittags an den Geräten geübt wird. In der der Turnsport mit anderen Disziplinen wie Klettern oder Crossfit kooperiert, in denen die Athleten an der einen oder anderen Stelle ähnlich trainieren. "Ein cooles Gesamtkonstrukt, in das die Kinder gerne kommen", sagt Dauser. Und in dem Nachwuchs aufgebaut wird, der dann in die größeren Zentren weitervermittelt wird.

"Wenn dabei herauskommt, dass das denkbar ist", könnte Dauser sich vorstellen, so ein Projekt auch in der Realität anzugehen. Aber er habe noch nicht über seine Zukunft entschieden, vertagt das auf das nächste Frühjahr. Angebote gibt es einige, darunter jenes, nach den Olympischen Spielen 2028 die Sportmarketingagentur seines Managers Klaus Kärcher zu übernehmen. "Aber ich will mich nirgendwo reinstürzen, wenn ich mir nicht sicher bin", sagt Dauser, der in diesem Bereich bereits über Erfahrungen verfügt. Er werde sich Zeit und Ruhe für seine Entscheidung nehmen. "Klaus und ich sind im Austausch, und das ist ein Feld, das mich interessieren würde." Er fände es sehr spannend, mit Athleten aus verschiedenen Sportarten zu arbeiten. "Aber dieses Business ist auch ein Haifischbecken, und man muss Klinken putzen, gerade in den Randsportarten."

Ein Pilotprojekt

Bei der Suche nach dem richtigen Weg hilft Dauser ein Coaching, an dem er in Ludwigsburg teilnimmt. Ein Pilotprojekt, das Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern bei dem Schritt in das Kapitel nach der Karriere helfen will. "Der ist schon sehr groß, wenn man mehr als 20 Jahre lang kaum etwas anderes gemacht hat", sagt der viermalige deutsche Mehrkampfmeister. Dem Turnen will er auf die eine oder andere Weise treu bleiben. In Monheim, wo er sich seit seinem Umzug aus Halle ins bayerische Neuburg fit hält für seine Auftritte in der Deutschen Turnliga, kümmert sich der Übungsleiter um drei elf- und 13-jährige Nachwuchstalente, darunter den Bundeskaderathleten Philipp Dörner. "Es ist cool, denen ein bisschen was mitzugeben", sagt das Vorbild. Im Hauptberuf Trainer zu werden, schließt Dauser nicht aus, "aber ich weiß nicht, ob ich den Rest meines Lebens in der Halle stehen will". Auch die Sportpolitik wäre eine Option. "Im Oktober wird ja zum Beispiel im Weltverband FIG ein neuer Athletensprecher gewählt", und beim Deutschen Turner-Bund füllte Dauser diese Rolle bereits aus.

Der kleine Willi soll auf jeden Fall einmal ein paar Jahre lang die gute Grundschule erleben, die seinem Vater den Weg in die Weltspitze ebnete. "Wir üben sogar schon Handstand", erzählt der stolze Papa, "aber bis er den kann, braucht es noch ein bisschen Zeit." Turnen sei "die beste Sportart", um ein Körpergefühl zu entwickeln, sich im Raum orientieren zu können und so eine Basis zu schaffen auch für alle anderen Disziplinen. "Ich will, dass Willi das zwei, drei Jahre macht", erklärt Dauser. "Ob er dann dabeibleibt, ist seine Entscheidung."

Im Team spielen – ein schöner Ausgleich

Er selbst spielt mittlerweile auch gerne Padel und merkt, wie sein Ehrgeiz dabei regelmäßig auflodert. "Die anderen Jungs sagen dann manchmal zu mir: Ey, wir spielen doch nur zum Spaß." Aber Dauser, der früher schon den Tennisschläger schwang, will auch da gewinnen. "Es ist ein schöner Ausgleich, so im Team zu spielen", sagt er. "Beim Turnen ist man ja allein am Gerät." Am Reck und am Barren ist er dabei noch immer fleißig, wird nach der Liga-Saison, die er erneut für den deutschen Meister KTV Straubenhardt bestreitet, auch erstmals und zusammen mit seinem langjährigen Nationalteamkollegen Andreas Toba um den Jahreswechsel herum mit der Akrobatikshow "Feuerwerk der Turnkunst" auf Tournee gehen. "Da sind wir vier Wochen lang unterwegs", erzählte Dauser. "Du bekommst keine Punkte, aber den Applaus der Zuschauer." Das werde ein herausforderndes, aber schönes Erlebnis.

Wann kommen die Riemchen an den Nagel?

Viermal in der Woche ist der Turner auch deshalb noch in der Halle zu finden, ein-, zweimal stemmt er Gewichte im Fitnessstudio. Selbst wenn man wie er nur noch an zwei Geräten vor die Juroren tritt, sei der Aufwand, den er für gute Leistungen betreiben muss, "enorm" groß. "Zu 95 Prozent", sagt er, "ist das mein letztes Jahr in der Bundesliga." Beim Finale in Heidelberg Ende November könnte er seinen abschließenden Abgang im Wettkampf landen und die Riemchen dann auch auf nationaler Ebene an den Nagel hängen. Noch etwas könnte er dann aussortieren: die Unterhose, die ihm bei großen Auftritten so oft Glück brachte und die er auch trug, als er vor zwei Jahren in Antwerpen Weltmeister wurde. Im neuen Leben des Lukas Dauser soll es solche Marotten nicht mehr geben.

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Turn-Team Deutschland | Neue Wege, alte Marotten
AUTORIN            Katja Sturm