Christoph Haase steht in der Halle | Foto: Udo Döring
Turn-Team Deutschland

Hohe Motivation, bessere Atmosphäre

Neue Kultur beim BTB

Der Badische Turner-Bund (BTB) setzt seit fünf Jahren auf die Methodik „Motivierendes Coaching“ des Sportpsychologen Dr. Johannes Raabe. Landestrainer Christoph Haase erklärt, wie sich die Trainings- und Wettkampfkultur positiv verändert hat.

Kompetenzerwerb

Autonomie

soziale Eingebundenheit

Drei Elemente, an die junge Turner mit Sicherheit nicht denken, wenn sie sich für diesen Sport entscheiden. Aber es werden drei Säulen sein auf ihrem Weg zu möglichem Erfolg. 

So besagt es zumindest das Konzept „Motivierendes Coaching“, seit gut fünf Jahren praktiziert beim Badischen Turner-Bund. „Die Trainingsatmosphäre ist deutlich entspannter geworden, wir haben deutlich weniger Konfliktpotenzial“, sagt Christoph Haase, der dieses Modell als Landestrainer des BTB mit Hauptsitz in Heidelberg praktiziert und auch lehrt.

Positive Nebenwirkungen sind auch sportliche Erfolge (dazu später mehr), doch der Antrieb lag nicht in der Verbesserung der Ergebnisse, sondern in der Verbesserung der Wege dorthin. „Wie kriege ich bei jedem Turner alle drei Bedürfnisse angesprochen in dem Maße, wie er es braucht?“ Zu dieser Ausgangsfrage liefert eine von Dr. Johannes Raabe erarbeitete Methodik Antworten. Ein in den USA arbeitender Sportpsychologe, der u.a. Schwimmer, Hockeyspieler und Fußballer ebenso schon betreut hat wie Air-Force-Piloten.

Vor dem Kontakt zu den badischen Turnern brauchte es aber eine Grundsatzentscheidung. „Wollen wir die Trainer im badischen Verbandsgebiet auf technischer Seite fortbilden, damit wir noch mehr Kompetenzen in der Halle haben, um Bewegung zu vermitteln und Lernzeit zu verkürzen - oder gehen wir mehr in den psychologisch-pädagogischen Bereich.“ Christoph Haase weiß sehr wohl, dass es beides braucht. Am Ende entschieden das Bewusstsein, im technischen Bereich gut aufgestellt zu sein, aber auch die finanziellen Mittel.

So erlebte Haase selbst eine Evolutionsstufe seiner Laufbahn, die nach der Ausbildung an der Deutschen Sporthochschule Köln zum Trainerberuf führte mit den Stationen: 

  • Vereinstrainer in Köln, 
  • Stützpunkttrainer am StP Heidelberg und 
  • Landestrainer für den BTB. 

„Wir wollen gar nicht erst angreifbar werden, wir wollen produktiv und präventiv unsere Trainer schulen, so dass sie gar nicht erst in die Schusslinie kommen“, erinnert sich Haase an die Ausgangslage, die fünf Jahre zurückliegt und doch hochaktuell erscheint.

Bewerten, Feedback, Interaktion

Sportpsychologe Raabe schaute sich zu Beginn des Projektes das Training vor Ort an und baute darauf das individuelle Coaching der Trainer auf. „Diese Sichtweise von außen ist enorm wertvoll. Er steht uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, wir müssen nur eine Whatsapp schreiben“, erklärt Haase zur steten Zusammenarbeit mit Raabe, auch wenn dieser in den USA weilt. Seine Methodik basiert auf den eingangs definierten psychischen Grundbedürfnissen. Die drei Elemente packt Haase in ein praktisches Beispiel:

„Wenn wir ein Element trainieren, gibt es meist den klassischen Stationsbetrieb. Der Kompetenzerwerb ist bei einer Station, an der ich helfe. Autonomie herrscht an Zwischenstationen, wo die Turner das, was ich mit ihnen erarbeiten will, eigenständig vorbereiten können. Für die soziale Eingebundenheit gebe ich Aufträge: Achte darauf, wie dein Kamerad es übt und hilf ihm. Bewerten, Feedback, Interaktion, so dass sich die Jungs als soziale Gruppe entwickeln.“

Für die Trainer gilt es auch, die Balance zu finden, welcher Turner mehr und welcher weniger Ansprache und Unterstützung braucht. 

Bei aller Individualität betont Haase: „Das ist keine Kuschelpädagogik. Wir fordern auch viel ein, aber wir wollen bei den Kindern das Verständnis entwickeln, wie diese Sportart funktioniert und was nötig ist, um etwas Neues zu lernen und sich auch im Erwachsenenalter noch weiterzuentwickeln zu können.“ Das Prinzip Druck und Angst funktioniere auf Dauer nicht. „Man wird zwar laute Trainer nicht leise kriegen. Aber laut muss ja nicht beleidigend und herabsetzend sein, es kann auch motivierend sein.“

Angstfrei und motiviert in den Wettkampf

Was sich im Training positiv entwickelte, sollte ab 2024 dann auch in den Wettkampf getragen werden. Nächste Frage: „Wie können wir die Jungs so vorbereiten, dass sie angstfrei und hochmotiviert in den Wettkampf gehen und ihre beste Leistung abrufen?“ 

Wieder kam Dr. Johannes Raabe in Präsenz ins Trainingslager, an den Abenden wurde lange zusammengesessen und analysiert, der Wettkampfablauf mit den jungen Turnern im Training simuliert.

Der Erfolg waren neben der Entspannung aller Beteiligten auch unverhoffte Medaillen beim Deutschland-Pokal. 

Die Konkurrenz belächelte schon mal die veränderten Umgangsformen, fragte auch nach dem Ansatz, bislang aber nicht konkret nach dem Programm. „Wir würden auch nicht alles verraten, können es aber nur weiterempfehlen.“ Schließlich kann es kein lobenswerteres Leitmotiv geben als:

 „Wir müssen die Jungs dazu bringen, dass sie aus dem Verständnis heraus diese Sportart geil finden und weiter machen wollen“, sagt Christoph Haase und ist stolz auf die veränderte Trainings- und Wettkampfkultur im Badischen Turner-Bund.

AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Neue Kultur beim BTB
AUTOR             Udo Döring