Hallenansicht Frauenhalle | Foto: Gritt Ockert
Turn-Team Deutschland

Anja Neubert formt große Talente

Mit Herz fürs Berliner Turnen

Bezüglich des Spitzen- und Nachwuchsleistungssports und als zweitgrößte Sportanlage der Hauptstadt ist das Sportforum Berlin nahezu einmalig. Hier in Hohenschönhausen sind Sportarten wie Basketball, Leichtathletik, Schwimmen, Handball und Eishockey zu Hause – und eben auch Turnen am BTFB-Stützpunkt!

Eher ganz hinten im riesigen Sportkomplex an der Fritz-Lesch-Straße steht in großen Buchstaben Frauenturnhalle an einer fast unscheinbaren Sporthalle. Drinnen allerdings trainiert der hoffnungsvolle und derzeit sehr erfolgreiche Berliner Turn-Nachwuchs!

An einem Freitagnachmittag Mitte Januar: Während draußen Schnee liegt und es bitterkalt ist, ist es in der Halle warm und freundlich. Unzählige Profi-Turngeräte stehen bereit – mehrere Schwebebalken, Stufenbarren, Sprungtische. Dazu gibt es diverse Hilfsmittel, verschiedene Trainingsmatten, Schnitzelgruben, Sprossenwände und große Spiegel. Sechs Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren beginnen routiniert mit der etwa 60-minütigen Erwärmung und dem Athletik-Training. Heute setzt die Trainerin hier den Schwerpunkt auf den Mittelkörper und verschiedene Handstand-Positionen. Sie lobt, motiviert, fordert auch. Konzentriert wird geübt und der Körper auf die folgenden Herausforderungen vorbereitet.

Außergewöhnliche Juniorinnengruppe

Seit 2019 ist hier Anja Neubert, die Sportwissenschaft an der Universität Leipzig studiert hat, Turn-Trainerin und seit 2020 Cheftrainerin am Landesleistungszentrum Berlin bzw. DTB-Turnzentrum Geräturnen weiblich. Sie hat seitdem das Turnzentrum nicht nur maßgeblich aufgebaut und über die letzten Jahre erfolgreich vorangebracht, sondern verantwortet zurzeit eine der derzeit stärksten und außergewöhnlichen Juniorinnen- und Seniorinnengruppe im Deutschen Turnen mit drei Perspektivkader-Athletinnen. Namen wie  Yonca Özgül, Lucia Bracka, Frederika Suhl, Dina Safadi, Délani Zamorano Calmels und Paula Borrmann sollte man sich merken – schon jetzt überzeugen sie mit großen Erfolgen in ihren Altersklassen:

  • Zum Beispiel ist Yonca Özgül (15) von der Berliner Turnerschaft die erfolgreichste Berliner Turnerin, sie erreichte Platz 4 mit dem deutschen Juniorinnen-Team beim European Youth Olympic Festival (EYOF) in Osijek, Kroatien und der Junioren-WM. 
  • Lucia Bracka (14) vom Berliner TSC ist mehrfache Deutsche Jugendmeisterin und belegte beim DTB-Pokal in Stuttgart den 2. Platz mit der Mannschaft. 
  • Frederika Suhl (15) vom Berliner TSC erturnte zwei Silbermedaillen beim DTB-Pokal in Stuttgart, holte Silber mit dem Team und erreichte zwei Einzelfinals.

Nach dem Aufwärmen geht es an die großen Turngeräte. Die 39-Jährige erklärt: 

„Jeden Tag beim Training wird Barren, Balken, Sprung und Boden trainiert. In der Regel kommen die Turnerinnen 5- bis 6-mal pro Woche her und absolvieren 7 bis 8 Trainingseinheiten. Vormittags und nachmittags.“

Zuerst ist der Stufenbarren dran. Die Trainerin gibt genaue Anweisungen und erklärt ruhig und bestimmt, was zu üben ist. Die Mädchen turnen, wiederholen bestimmte Elemente, warten auf die „Wertung“ ihrer Trainerin, üben das Element nochmal, bekommen Lob, Fehlerkorrekturen oder auch Hinweise, wie es noch besser geht.

Im Berliner Turnzentrum „groß werden“

Für 2026 stehen in den ersten Monaten mehrere wichtige Wettkämpfe an. 

Anja Neubert: Los geht es schon Ende Februar mit der Qualifikation für die ersten internationalen Wettkämpfe. Die Qualifikation im Februar ist die Qualifikation für Gymnix in Kanada (relevant für Yonca und Frederika), für einen internationalen Wettkampf in Jesolo (relevant für Lucia) und für den internationalen DTB-Pokal in Stuttgart (relevant für Frederika, Yonca und Lucia). Wer wo turnt, ist völlig offen. Chancen auf gute Platzierung würde die Trainerin so nicht formulieren. Yonca und Frederika sind in ihrem ersten Seniorenjahr und sollen erst einmal Erfahrungen sammeln.

Strukturiert und ganz selbständig trainieren die Teenager ihre Elemente und auch komplette Übungen. 

Trotz der hohen Leistungsanforderung und der individuellen Trainingsansprüche herrscht in der Sporthalle ein sehr freundliches Miteinander – eine sehr gute Stimmung. Einige Mädchen wechseln nun an den Schwebebalken, andere üben am Sprungtisch oder ihre Akrobatik-Reihen auf der langen Bodenmatte. Dazwischen heißt es „Aushängen“ für eine Entspannung nach der Belastung.

Berlin als Sportstadt kann auf große Traditionen im Frauenturnen zurückblicken.

Karin Büttner-Janz oder Maxi Gnauck und Katja Abel sind hier turnerisch „groß geworden“ und konnten Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gewinnen.

Auch heute ermöglicht hochklassiger Turnsport mit erfahrenen Trainerinnen und Trainern, einem bestausgestatteten Geräte-Park und professionellen Strukturen turnerische Spitzenleistungen – in Kooperation mit dem Olympiastützpunkt Berlin, dem Landessportbund Berlin, dem Berliner Turn- und Freizeitsport-Bund sowie den Vereinen SC Berlin, Berliner Turnerschaft, TSG Berlin Steglitz und Berliner TSC. Mädchen ab 5 Jahren können an der Turn-Talentschule „Maxi Gnauck“ mit dem Turnen starten und sich unter Anleitung qualifizierter Trainer*innen und Übungsleiter*innen auf eine leistungssportliche Karriere vorbereiten.

Unfassbareres Engagement für die Mädchen

Als Anja Neubert hier als Trainerin begann, gab es keine garantierten Schulplätze für die Turnerinnen an der Sportschule und keine Kooperation mit dem Olympiastützpunkt. „Das hat sich alles erst über die Jahre entwickelt“, sagt sie. Doch auch heute haben die Mädchen, die nicht im Internat neben der Frauenturnhalle wohnen, noch ganz schöne Wege zurückzulegen – etwa bis nach Köpenick oder Lankwitz. Aber sie machen es gern, versichern sie. Mit größter Unterstützung der Eltern auf vielen Ebenen, ohne die das alles nicht zu stemmen wäre.

Das fast Unfassbare:

Auch Trainerin Anja Neubert wohnt nicht in der Nähe der Sporthalle – sie wohnt in Leipzig. Sie macht sich jeden Trainingstag früh am Morgen in der Sachsen-Stadt auf den Weg nach Berlin, um mit den Mädchen zu trainieren. Im Zug erledigt sie zum Beispiel Bürosachen wie das Beantworten von E-Mails oder sie schreibt Trainingspläne. Erst spät am Abend ist sie wieder zu Hause in Leipzig – was für ein Engagement!

Die Trainerin, für die es nichts Besseres als das Turnen gibt: „Wir haben hier über die Jahre so viel geschafft und jetzt sieht man, was wir bekommen. Es hat sich ein gutes System entwickelt. Darauf bin ich sehr stolz!“ Und sie schätzt sehr, dass sie in ihrem Umfeld großes Verständnis und große Unterstützung erhält – ohne das wäre alles gar nicht möglich.

Damit nicht genug: Zusätzlich engagiert sich die Trainerin intensiv bei den Nachwuchs-Lehrgängen des DTB, ist dafür viel unterwegs, meist am Wochenende und vor allem in Frankfurt – immer im Sinne der jungen Talente. Aber in der Sporthalle die Turnerinnen auf ihrem sportlichen Weg begleiten, sie zu fördern und zu fordern und dann gemeinsame Erfolge erleben – darauf liegt der Fokus.

Verstärkung ist dringend notwendig

Die Rahmenbedingungen für das Training hier in Berlin sind schon sehr gut, resümiert die Trainerin, die aktuell auch DTB-Kadertrainerin ist und in dieser Funktion im letzten Jahr viele Athletinnen bei ihren internationalen Wettkämpfen begleitet hat. Allerdings ist nicht alles Gold in der aktuellen Trainingssituation in Berlin: Sie ist hier die alleinige Trainerin der sechs Turnerinnen. Das Problem: Die Turnerinnen gehören verschiedenen Kaderkreisen an (Junioren, Senioren, Nachwuchskader 2) und haben demnach unterschiedliche Lehrgangsmaßnahmen, zu denen sie betreut werden, dazu kommen verschiedene Wettkämpfe und Wettkampfreisen. Währenddessen absolvieren die anderen Athletinnen ohne sie ihr Heimtraining...

An ihrer Seite hilft ihr aktuell Trainerlegende Steffen Gödicke, der im Jahr 2021 seine Trainertätigkeit am Stützpunkt offiziell beendete. Zwei- bis dreimal in der Woche unterstützt er die Mädchen beim Training oder übernimmt viel Organisatorisches wie das Anmelden für Wettkämpfe oder das Buchen von Hotels. Anja Neubert: „Das entlastet gut meine Arbeit. Trotzdem wäre es dringend notwendig, dass ein offizieller Co-Trainer hier dabei wäre und wenn man die Gruppe für noch intensivere Trainingsarbeit mal teilen könnte bzw. sie besser betreut sind, wenn ich mit einzelnen Athletinnen unterwegs bin.“

Anja Neubert wünscht sich, dass die Sportart noch weiter bekannt und mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Über die regelmäßigen Beiträge und das große Interesse im bzw. vom BTFB-Verbandsmagazin „BewegtBerlin“ freut sie sich sehr. Sie sieht das auch als Ansporn für ihre Turnerinnen, wenn über Erfolge positiv berichtet wird und die Mädchen vorgestellt werden. Vielleicht findet sich dadurch ja auch mal ein Sponsor, der Turnanzüge zur Verfügung stellt.

Niederlagen sind wichtig für den Erfolg

„Mein Anspruch an das Training und die Turnerinnen ist hoch. Es gibt Prinzipien und die Regeln sind klar kommuniziert, alle müssen sich daran halten“, sagt die Trainerin sehr deutlich. „Alles erfolgt auf Augenhöhe und mit Respekt, es ist ein Miteinander.“ Aus ihrer Sicht bedeuten Training und Wettkampf nicht, alles zu schaffen und alles zu gewinnen. Nur nach Fehlern kann man besser werden. Bei Niederlagen ist ihr wichtig, „dass man darüber reden kann und man analysiert, was vielleicht die Gründe sind. Niederlagen gehören mit dazu und sind ein ganz wichtiger Punkt auf dem Weg zum Erfolg.“

Anja Neubert macht immer öfter die Erfahrung, dass heute kaum noch jemand den Trainerberuf ausüben möchte. Generell sei der Beruf nicht attraktiv, es ist kein Beruf innerhalb einer Norm. Die Trainerin betont, dass es auch oftmals (in Abhängigkeit von den Rahmenbedingungen) kein familienfreundlicher Beruf ist und nichts für ein gesundes Sozialleben. Am Wochenende zum Beispiel, wenn man eigentlich frei hat, finden Wettkämpfe oder Fortbildungen statt. Und das Einkommen sei relativ gering und eher keine Motivation. In ihrer ganz persönlichen Situation ist die Arbeitsbelastung gerade sehr groß. Dadurch, dass so wenig Personal da ist, ruhe die Verantwortung auf wenigen Schultern.

Die Trainerin allerdings steht jeden Wochentag mit größter Freude in der Sporthalle – die Arbeit mit den Athletinnen macht ihr Trainersein schön: 

„Es ist abwechslungsreich und ich sehe die Fortschritte der Turnerinnen. Das Feedback bekommt man sofort! Man ist immer herausgefordert und muss auf jede einzelne Persönlichkeit eingehen. Mich hat schon immer fasziniert, auf welch hohem Level Turnen möglich ist. Relativ schnell wusste ich, dass ich Trainerin werden möchte. Meine Athletinnen sollen hier eine gute Ausbildung bekommen und ich würde mich freuen, wenn sie irgendwann zurückschauen und sagen, dass sie eine gute Zeit hatten, tolle Erfahrungen gesammelt und viel fürs Leben mitgenommen haben.“

Private Veränderungen – alles neu ab Mai

Für die Trainerin, für die es nichts Schöneres gibt, als junge Talente zu fördern, sie wachsen zu sehen und mit ihnen gemeinsam den sportlichen Weg zu gehen, wird sich jetzt einiges ändern. Denn privat gibt es ganz große Neuigkeiten: Sie verrät, dass sie im Mai ihr erstes Kind erwartet. Eine ganz neue Situation für alle! Auch für ihre sechs Mädchen!

Ab Mai 2026 wird ein Trainer-Kollege aus Argentinien das Training mit den Mädchen übernehmen. Ernesto Alomar (im Bild mit Anja Neubert) ist schon ab Februar zur Einarbeitung und für die gute Übergabe mit in der Sporthalle und lernt so das deutsche Trainingssystem kennen. Anja Neubert hat dabei ein gutes Gefühl. Ob und wann sie nach der Geburt ihres ersten Kindes als Trainerin wieder zurück zum Turnen kommt, weiß sie heute noch nicht.

Am Ende der Trainingseinheit an diesem Freitagnachmittag – jeden Tag gibt es für die Mädchen auch noch Ballett und Gymnastik – folgt das Feedback der Trainerin.

Die Turnerinnen hören aufmerksam zu, nehmen jedes Wort ernst. Anja Neubert erklärt: „Wir werten das Training kurz aus, also was heute gut gelungen ist und woran jede einzelne Turnerin weiter arbeiten muss. Das passiert aber nicht im zu großen Stil, sondern kurz und sachlich.“

Danke für die immer gute Motivation

Nach dem Team-Foto mit Anja Neubert und „ihren“ Turnerinnen kommen die Mädchen zu Wort. 

„Über sechs Jahre ist Anja unsere Trainerin und ich schätze an ihr ihre Aura sehr“, sagt die 14-jährige Lucia Bracka. „Wenn sie in der Halle ist, hat man gleich ein gutes Gefühl. Schade, dass sie uns bald verlässt. Ich danke ihr für die immer gute Motivation, die sie uns gegeben hat, und für ihr Dasein!“

 

Frederika Suhl (15) ergänzt: „Anja ist eine sehr gute Trainerin, sie versteht uns und kann auch nachvollziehen, wenn wir mal etwas nicht schaffen. Sie ist sehr nett, aber sagt auch direkt, wenn was nicht passt. Sonst kommt man ja nicht weiter, wenn der Trainer einen nicht verbessert. Das mit dem Baby freut mich sehr für sie. Ich möchte mich bei Anja bedanken, dass sie uns so lange unterstützt hat. Ohne sie wären wir nie so weit gekommen!“

Was für beeindruckende junge Mädchen. Und wie wunderbar, dass die Turn-Talente genau diese überaus engagierte und mit Herzblut tätige Trainerin „erwischt“ haben – für so viel Einsatz wurde Anja Neubert erst kürzlich vom Berliner Turn- und Freizeitsport-Bund mit einer Nominierung für den BTFB-Award 2025 in der Kategorie „Trainerin/Trainer“ geehrt.

⇒ LESETIPP

Die BTFB-Awards 2025 im Magazin BewegtBerlin

BTFB-Award 2025

AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Mit Herz fürs Berliner Turnen
AUTORIN          Gritt Ockert