Verabschiedung Andy Toba | Foto: Tom Weller
Turn-Team Deutschland

Andreas Toba startet neu – auf der anderen Seite der Turnhalle

Karriereende? Von wegen!

Manchmal fühlt es sich für Andreas Toba so an, als hätte sein Körper Heimweh nach dem Turnen. Dann meldet sich sein Rücken und erinnert ihn an die vielen Stunden, in denen er sich quälte, um fit zu sein für die Herausforderungen auf der großen Bühne.

Zwar steht der 34-Jährige weiterhin zweimal täglich in der Halle, doch seine Aufgabe ist jetzt eine andere. Als Bundesstützpunkttrainer Nachwuchs will und soll der Hannoveraner anderen nun das vermitteln, was er selbst über so viele Jahre hinweg an den Geräten lernte.

Ihm selbst ist dabei besonders wichtig, dass er den "Spaß an der Arbeit" weitergibt. Der sei vielen in der Gesellschaft heutzutage abhandengekommen, "man ist gemütlicher geworden", wie Toba es formuliert. Er will zeigen, was alles möglich ist in seinem Sport, wenn nicht nur der nötigste, sondern maximaler Aufwand betrieben wird, um das, was man sich vornimmt, zu schaffen. Wenn man Grenzen überwindet, auch wenn das noch so schwer fallen sollte. "Bisher machen die Jungs da echt gut mit", sagt der neue Coach. "Man sieht die Fortschritte auf jeden Fall."

Silbermedaille am Reck, Turn-EM 2025 in Leipzig. Foto: Tom Weller

Rollenwechsel – von heut‘ auf morgen

Direkt nach den Europameisterschaften beim Internationalen Deutschen Turnfest in Leipzig hatte Toba den Rollenwechsel vollzogen. Am Samstag ließ er sich noch feiern für die Silbermedaille am Reck, die er bei seinem allerletzten Auftritt auf dem Podium mit einer optimalen Leistung gewonnen hatte. Zwei Tage später wachte er in seiner Heimatstadt auf, um andere dabei zu unterstützen, einen ähnlichen Weg zu gehen.

"Ich wusste ja, dass das passiert, und konnte mich schon darauf einstellen", sagt Toba. Die Chance, die sich ihm durch die Stelle bot, die der Deutsche Turner-Bund nach Niedersachsen vergeben hatte, hatte seine Entscheidung mit beeinflusst. Schon vor der EM im vergangenen Jahr in Rimini hatte der zweimalige nationale Mehrkampfmeister für sich entschieden, "dass es demnächst irgendwann reicht". Es hatte für ihn immer mehr Mühe bedeutet, sich fit zu machen für die wichtigen Herausforderungen. "Ich wusste, lange wird das nicht mehr gehen", gibt Toba zu. Als sich dann die Heim-EM andeutete, "habe ich mir überlegt, es wäre cool, mich dort zu verabschieden". Noch einmal vor eigenem Publikum, vor Familie und Freunden, die nicht oft die Gelegenheit hatten, ihn live bei einem Großereignis zu sehen, "Danke zu sagen" für all die Unterstützung in den vergangenen Jahren. Eine notwendig gewordene Schulteroperation Ende 2024 und Rückenprobleme sollten Toba den Weg zum Finale seiner Laufbahn nicht einfach gestalten. Spät stieg er in die Saison ein, wollte eigentlich eine schwierigere Übung am Königsgerät vorbereiten als jene, mit der der Silbermedaillengewinner der EM 2021 in Basel dann noch einmal reüssierte. "Diese Grundübung habe ich immer zum Einturnen genutzt", erzählt Toba. Deshalb sei sie für ihn dann im entscheidenden Moment nicht mehr so schwer gefallen, "ich konnte mich auf jedes einzelne Element so konzentrieren, wie ich es mir immer gewünscht hatte".

Traumhafte Karriere?

Es war das Highlight, das "Nonplusultra" einer Karriere, die er selbst nicht als "traumhaft" bezeichnen würde. "Dazu haben mir noch mehr Erfolge gefehlt", sagt Toba. Aber er habe mehr erreicht, als er zu wünschen wagte, nicht zuletzt vier Olympiateilnahmen, und er habe seine "eigenen Fußstapfen hinterlassen".

Dazu gehören auch jene bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio, als er sich während der Qualifikation am Boden einen Kreuzbandriss zuzog und trotzdem noch mal für sein Team ans Pauschenpferd ging. Als "Hero de Janeiro" zog er viel Aufmerksamkeit auf sich, konnte "den einen oder anderen Sponsor generieren" und wurde zu einem Gesicht der damaligen Turnergeneration. "Das hat mir sehr viel bedeutet und mein Leben wesentlich verändert", sagt Toba, auch wenn die Ursache dafür sehr schmerzhaft war.

Perspektivwechsel

Spät hat der Routinier sich noch einmal neu erfunden. Er, der vorher vielleicht alles ein bisschen zu ernst genommen hatte, wechselte 2019 die Perspektive. Vor dem Teamfinale des DTB-Pokals in Stuttgart, bei dem die deutschen Turner Silber gewannen, habe ihm sein Kollege Lukas Dauser damals gesagt, man solle das "einfach nur genießen, hier turnen zu können, und Spaß haben". Da habe es bei ihm "irgendwie Klick im Kopf gemacht". Fortan ging Toba die Wettkämpfe mit mehr Freude an, sah die Zuschauer "als Kraft" und auf seiner Seite. 2023 habe er dann sogar noch mit der Zusammenarbeit mit einer Psychologin angefangen, um mit mehr Selbstsicherheit an die Geräte zu gehen.

"Vielleicht hätte ich das früher machen sollen, aber letzten Endes kam das zur richtigen Zeit."

Alles für die Perfektion

Wettkämpfe seien ihm nie so wichtig gewesen; er habe es vorgezogen, für die Perfektion zu trainieren. Sich von Versuch zu Versuch zu verbessern, habe er immer mehr geliebt, als nur diese eine Chance vor den Juroren zu bekommen. Es für sich zu machen und dabei stets Vollkommenheit anzustreben, das hat den Sohn des früheren rumänischen und deutschen Nationalturners Marius Toba immer getrieben, und das macht seine besondere Zuneigung zu dieser Sportart aus. "Alles aus sich herauszupressen, was man so hat im Körper, das war immer ein richtig geiles Gefühl", sagt Andreas Toba.

Der Vater – Berater und Kritiker zugleich

Der Vater begleitete den Sohn nicht nur als Berater und Kritiker. "Er hat mich zum Turnen gebracht und ist schuld, dass ich so lange dabei geblieben bin." Auch dass Andreas Toba nun ohne Zeit zu verlieren die Seite wechseln kann, hat er dem Drängen seines Vorbilds zu verdanken. Noch während seiner Karriere schloss der Jüngere ein Sportstudium in Rumänien ab. "Wir haben anstrengende Gespräche darüber geführt, und ich wollte das auf später verschieben", erzählt er. Doch Marius Toba ließ nicht locker, und heute ist ihm der Spross dankbar dafür. Den C-Trainer-Schein besitzt er ebenfalls schon, für den A-Trainer müsse er nur noch die Prüfung ablegen.

Um den Jahreswechsel herum wird er zusammen mit Dauser bei der Showtournee "Feuerwerk der Turnkunst" auftreten. Zum zweiten Mal will er die ganze Zeit, vier Wochen, mit dem Ensemble verbringen, "zusammenkleben", wie er es ausdrückt.

Bundesliga & Feuerwerk der Turnkunst

In der Bundesliga bleibt Andreas Toba für den TV Schwäbisch Gmünd-Wetzgau vorerst weiter aktiv, will die Saison auf jeden Fall zu Ende turnen und dann schauen, "ob ich nächstes Jahr auch noch einmal anfange". Das hänge nicht zuletzt davon ab, ob der Körper die Belastung noch mitmacht. Aktuell kommt Toba nicht allzu oft zum Training. "Ich vermisse das Schwitzen und ein bisschen mehr Dehnung", sagt er, aber zu seinem Erstaunen eher weniger das Schwingen an den Geräten. Auch zum Laufen, was er, anders als die meisten Turner, sehr schätzt, reiche es gerade nicht.

Vorher, nach den Sommerferien und den Deutschen Meisterschaften im August in Dresden, wird er dann auch schon die Gruppe der zwölf bis 15 Jahre  alten Turner übernommen haben, für die er dann mit zuständig ist. Aktuell teilt er sich mit seinem eigenen Trainer Adrian Catanoiu die Arbeit bei den "Großen", zu denen auch sein langjähriger Gefährte Glenn Trebing zählt. Untereinander hatte man sich schon vorher immer mal Tipps gegeben. Aber jetzt sei seine Aufgabe eine andere. Bei Elementen halten, ins Training eingreifen und "gewisse Sachen" auch mal umstellen, das sei jetzt möglich. "Mein Stand ist noch immer ähnlich", sagt Toba, "und wir reden auch immer noch genauso miteinander." Aber er stehe nun auf der anderen Seite.

Der schmale Grat

Von dieser aus will er die Turner auf dem schmalen Grat zwischen harter Arbeit und Spaß begleiten. Ihnen aufzeigen, welches ihre Ziele sind, und dass es auf dem Weg dorthin auch Tage geben wird, die nicht einfach sind. "Wir müssen trotzdem versuchen, uns bei Laune zu halten, denn es hat niemand etwas davon, wenn wir den Kopf in den Sand stecken." Er werde aber auch einiges anders machen, als er selbst es pflegte. Etwa den Turnern nach großen Wettkämpfen oder bei Tiefs auch mal eine Pause geben, damit sie sich erholen. "Das kam bei mir deutlich zu kurz und ist ein bisschen schade", sagt Toba. "Eventuell hätte ich sonst weniger Probleme gehabt." Er ist zufrieden damit, wie lange seine Laufbahn an Pauschen und Holmen währte, aber man könnte das für Kopf und Körper angenehmer gestalten. "Ich habe mir die Luft zum Atmen nicht sehr oft gegeben", resümiert Toba.

Er hoffe, dass seine Sportler "eine gewisse Liebe" zum Turnen entwickeln, es "cool" finden, aber auch bereit sind, so viele Opfer zu bringen, dass sie das Beste aus sich herausholen können. Eine Botschaft ist Andreas Toba dabei sehr wichtig: 

"Es ist schöner, wenn man auch durch schwierige Zeiten mit einem Lächeln geht."

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Turn-Team Deutschland | Karriereende? Von wegen!
AUTORIN            Katja Sturm