Elisabeth Seitz verabschiedet sich bei der Turn-EM | Foto: Tom Weller
Turn-Team Deutschland

Elisabeth Seitz - Turnen war ihr Leben

Jetzt beginnt ein neues Kapitel

Sie weiß nicht, ob sie noch mal fliegen wird, den Holm loslassen, um durch die Luft zu wirbeln. "Aber ich hoffe, dass ich das irgendwann noch mal fühlen werde", sagt Elisabeth Seitz. Momentan kann sich die 31-Jährige solche akrobatischen Kunststücke nicht vorstellen.

Bei den Europameisterschaften in Leipzig hatte die Stuttgarterin das Ende ihrer erfolgreichen Karriere verkündet. Aber auch, dass für sie in noch ganz anderer Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Im November wird sie Mutter werden. "Ich spüre, wie mein Körper immer schwerer wird", sagt Seitz. Die Fitness, die erforderlich ist, um auf höchstem Niveau die Gravitation zu beherrschen, rückt in weite Ferne. Daran liege es allerdings nicht, dass sie in den Wochen nach den kontinentalen Titelkämpfen beim Internationalen Deutschen Turnfest in Sachsen nicht mehr im heimischen Kunst-Turn-Forum war.

Es blieb einfach keine Zeit dafür, denn die viel gefragte Athletin war ständig unterwegs: Nach einem Urlaub mit ihrem Freund Nils Heyden standen Sponsorentermine und mehrere Stationen der Sportabzeichentour für die Botschafterin der Aktion an. "Zu sehen, wie die Kinder, die morgens noch müde sind und keine Lust haben, später mit so viel Spaß und Freude Sport treiben, das ist richtig toll", sagt Seitz.

Da geht mir das Herz auf.

Ein Lebenstraum wird wahr

Wenn sie dann doch mal zu Hause ist und zu Ruhe kommt, beschäftigt sie sich bereits mit ihrer neuen Aufgabe, überlegt, wo das Babybett stehen soll oder welche Wickelkommode infrage kommt. "Ich will nicht alles auf einmal machen, und es ist ja auch noch Zeit." Aber sie möchte es sich und ihrer kleinen Familie "richtig schön machen".

Schon immer sei es ihr "Lebenstraum" gewesen,
irgendwann Mutter zu werden, sagt Seitz.

Die Entscheidung, ihre Karriere zu beenden, hatte sie bereits getroffen, bevor sie von der Schwangerschaft erfuhr. "Aber so war das für mich noch mal eine Bestätigung, dass das alles passt und richtig ist." Leicht war der deutschen Rekordmeisterin der Abschied aus der Aktivenzeit nicht gefallen; sie liebt ihren Sport so sehr, hatte sich auch nach Rückschlägen immer wieder aufgerappelt und oft genug selbst nach schwierigster Vorbereitung bewiesen, dass sie ein Wettkampftyp, eine "Rampensau" ist. 

Dass sie sich nach dem Achillessehnenriss im September 2023 noch einmal zurückkämpfte und sich dem Duell um das letzte noch freie Olympiaticket für Paris stellte, bereut sie nicht, obwohl sie dieses am Ende ihrer Clubkollegin Helen Kevric überlassen musste. "Ich habe in dieser Zeit noch mal so viel gelernt, über mich und dass ich bereit bin, alles dafür zu geben, meine Träume zu verwirklichen", sagt die dreimalige Teilnehmerin der Spiele.

"Ab dem Moment, in dem ich nach dem Achillessehnenriss am Boden lag, war mir klar, dass ich später nicht dastehen und mir sagen wollte:
Mensch, hättest du es doch wenigstens versucht."

Leipzig – die perfekte Bühne

Die nächsten Spiele 2028 in Los Angeles seien ihr schon damals zu weit weg gewesen, "ich wusste, dass es irgendwann dazwischen ein Ende nehmen würde". Die EM in Leipzig erschien ihr als perfekte Bühne für den finalen Abgang. Doch eine angerissene Supraspinatussehne machte der Stufenbarrenspezialistin einen Strich durch die Rechnung. "Während der Reha habe ich gemerkt, je länger sie dauert, desto kürzer ist die Aufbauphase für das Turnen selbst, und desto belastender ist es für die Schulter, vor allem am Barren", sagt Seitz. Da seien ihr die ersten Zweifel gekommen, ob sie das ihrem Körper antun sollte. "Ich wollte nicht 20. werden, sondern eine Übung zeigen, die meinen eigenen Ansprüchen genügt."

Nach Gesprächen mit der Familie und Trainer Robert Mai sei sie dann zu dem Entschluss gekommen, "dass es für die EM nicht reichen wird, aber dort trotzdem ein toller Zeitpunkt zum Aufhören wäre". Natürlich sei "viel Herzschmerz" dabei gewesen, "ich habe das ja mein Leben lang gemacht", sagt Seitz. Und als sie zwei Tage nach der Verkündung auf Wikipedia von sich als "ehemaliger Turnerin" las, habe sie schlucken müssen.

"Aber es ist jetzt so, und ich habe mich nur noch nicht daran gewöhnt."

Gefühlschaos

Die Zeit vor der EM sei "sehr speziell" gewesen, weil noch fast niemand von der Schwangerschaft und dem Entschluss wissen sollte. Beides wollte Seitz zur gleichen Zeit verkünden.

"Gefühlschaos" habe da in ihr geherrscht.

Doch sie kann auf eine einzigartige Laufbahn zurückblicken. "Ich bin dankbar für all das, was ich erleben durfte", sagt sie. Die Erfolge, die Reisen, die "tollen Menschen", die sie kennenlernte.

Da waren die Europameisterschaften 2011 in Berlin, bei denen sie Silber im Mehrkampf gewann. Die Weltmeisterschaften 2018 in Doha, bei denen sie sich mit Bronze an den Holmen dafür belohnte, dass sie nach dem enttäuschenden vierten Platz bei den Spielen in Rio zwei Jahre zuvor nicht hingeschmissen hatte. Und natürlich das EM-Gold 2022 in München, mit dem sie sich den großen Wunsch erfüllte, endlich mal auf internationaler Ebene ganz oben zu stehen. "Das ist schon echt besonders, dass ich meine erste WM 2009 geturnt habe", sagt Seitz. "Aber jeder Wettkampf hat eine eigene Geschichte", und viele zählten zur Kategorie "Nicht aufgeben und weiterkämpfen".

Was wird Eli vermissen?

Vermissen werde sie in Zukunft die Gemeinschaft mit den anderen Turnerinnen und den Menschen im Umfeld ihrer Riegen; selbst die Trainingslager in Frankfurt, aber vor allem "dieses Adrenalin", die "Aufregung, wenn man kurz vor der Übung steht". Sie dachte stets, sie werde froh sein, das irgendwann nicht mehr zu haben. "Aber es ist eine Extremerfahrung, die sich sonst im Leben wahrscheinlich nicht mehr wiederholt", und deshalb werde ihr das irgendwann fehlen.

Und in Zukunft?

Ein Teil der Turnfamilie will die gebürtige Heidelbergerin bleiben. Ihr Lehramtsstudium für Realschule in den Fächern Sport und Englisch wird sie beenden, und die Arbeit an einer Schule würde ihr bestimmt die sicherste Zukunft bieten.

"Aber ich möchte mir offen halten, auch hauptberuflich näher am Turnen zu bleiben", sagt sie. Unter den verschiedenen Optionen dafür könnte sie sich eine Tätigkeit als Trainerin grundsätzlich vorstellen. "Doch das käme auf die Rahmenbedingungen an.“ Das Engagement müsste mit ihrem Familienleben vereinbar sein. "Ich würde alles für den Job machen", sagt sie, aber Mann und Kind dürften nicht in den Hintergrund rücken.

Die B-Trainer-Lizenz erwirbt Seitz gerade, hat die Theorie abgeschlossen und neben den sportartspezifischen Stunden noch eine Hospitation vor sich. Die wird sie im August im Leistungszentrum in Chemnitz bei Tatjana Bachmayer und Anatol Ashurkov absolvieren. "Ich weiß, dass ich nicht auf Knopfdruck die perfekte Trainerin bin, nur weil ich eine gute Turnerin war", sagt Seitz. "Dafür muss ich noch vieles lernen und brauche Erfahrung." Aber sie könne sich gut ausmalen, irgendwann mal in dieser anderen Rolle bei einer WM auf dem Podium zu stehen.

Schon jetzt bietet sie Trainingscamps und Erlebnistage an, ist als Speakerin tätig und würde auch gerne weiter als Turnexpertin bei der ARD mitarbeiten, für die sie während der Spiele in Paris am Mikrofon saß. Das Aufgabenfeld als Moderatorin würde sie gerne auch auf andere Sportarten erweitern. Vor den World University Games im Juli im Ruhrgebiet führte Seitz durch das Kick-off-Event der Volunteers.

Die Bronzemedaillengewinnerinnen Emma Malewski, Sarah Voss, Pauline Schäfer-Betz , Elisabeth Seitz und Kim Bui (Team Deutschland) feiern nach der Medaillenzeremonie für das Teamfinale der Gerätturnerinnen am dritten Tag der Europameisterschaften München 2022 im Olympiapark.

Das Wichtigste ist so oft die Kommunikation

Ihre Funktion als Athletensprecherin will sie beibehalten. "Ich bin ja noch sehr nah an den Mädels dran", und sie wolle den Kulturwandel im deutschen Turnen begleiten. "Das Wichtigste ist wie so oft die Kommunikation", sagt die erfahrene Sportlerin. Aber von den Jüngeren könnte man nicht erwarten, dass sie sich einfach hinstellen und sagen, was sie gut finden und was nicht. "Ich habe da ein paar Ideen, wie man das vereinfachen könnte", sagt Seitz. "Damit wir von allen die Stimme hören."

Ihr eigenes Kind dürfe sich gerne fürs Turnen und für den Leistungssport entscheiden. Aber da ihr Partner Basketballer mit entsprechender Größe ist, könnten auch ganz andere Vorlieben infrage kommen. "Die einzige Wahl, die mein Kind nicht haben wird, ist, ob es überhaupt Sport macht oder nicht", betont Seitz. Denn Sport bringe so viel fürs Leben; "die Option, sich da rauszuhalten, die gibt es nicht".

Um die Zukunft des Turn-Teams, das sie nun verlassen hat, macht sich die langjährige Spitzenathletin keine Sorgen.

"Als Gerben Wiersma vor drei Jahren als Bundestrainer anfing, habe ich ihm gesagt, dass meine Karriere nicht mehr ewig gehen würde, aber dass der Zeitpunkt, sie zu beenden, noch nicht der richtige wäre." Auch, weil hinter dem erfahrenen Team, das in München Bronze holte, dann keine Lücke klaffen sollte. "Wenn ich jetzt auf Leipzig schaue", sagt Seitz, "ist das geglückt"; die deutschen Turnerinnen zeigten ihr großes Potential und kamen mit zwei Gold- und einer Silbermedaille zurück.

"Jetzt kann ich sagen:
Es ist der richtige Zeitpunkt zu gehen." 

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Turn-Team Deutschland | Jetzt beginnt ein neues Kapitel
AUTORIN            Katja Sturm