Barbara Bremes (links) und Isabell Sawade | Foto: Barbara Bremes
Turn-Team Deutschland

Barbara Bremes im Gespräch

Haltung statt Dogma

Barbara Bremes über Reformen, Widerstände und wie man Erfolg ermöglichen statt erzwingen kann

Erfolg ist im Leistungssport ein großes Wort. In der Rhythmischen Sportgymnastik ist er zugleich ein sensibles Versprechen – an Kinder, Eltern, Trainerinnen und Trainer. Barbara Bremes hat dieses Versprechen nie leichtfertig gegeben. Als Verantwortliche für Nachwuchs und Leistung im Technischen Komitee Rhythmische Sportgymnastik des Deutscher Turner-Bundes arbeitet sie seit Jahren an einem System, das Leistung nicht erzwingen, sondern ermöglichen soll. Ihr Ansatz ist nüchtern und konsequent: 

  • klare Strukturen, 
  • bundeseinheitliche Ausbildung und 
  • gesundheitliche Leitplanken 

– auch dann, wenn internationale Trends in eine andere Richtung weisen.

Erfolg muss geplant werden, steht natürlich auch auf ihrem Zettel. 

Was dahintersteckt, ist weniger ein Dogma als eine Haltung: Nachwuchsarbeit als langfristige Verantwortung, nicht als kurzfristiger Medaillenlauf. Im Interview spricht Bremes über Reformen, Widerstände und darüber, warum nachhaltige Spitzenleistung nur dort entsteht, wo Geduld und Konsequenz zusammenkommen.

Barbara, auf deinem Zettel steht als Überschrift: Erfolg muss geplant werden. Was steckt dahinter?

Barbara Bremes: Für mich bedeutet das vor allem, dass akribische Nachwuchsarbeit die Grundlage für alles ist. Talentsicherung, Sichtung, Findung und Entwicklung passieren nicht zufällig. Sie brauchen klare Strukturen, langfristige Konzepte und den Mut, Dinge konsequent umzusetzen – auch gegen Widerstände.

Wo hat diese Entwicklung im Nachwuchsbereich konkret begonnen?

Der Startpunkt liegt etwa acht Jahre zurück. Damals haben wir auf Anstoß des DOSB das komplette Kinder- und Nachwuchsprogramm reformiert. Ziel war eine bundesweit einheitliche Ausbildung – gleiche Inhalte, gleiche Leistungsüberprüfungen, gleiche Entwicklungsziele. Damit alle Kinder, egal aus welchem Verein sie kommen, dieselben Grundlagen mitbringen.

Warum war diese Vereinheitlichung so wichtig?

Früher kam es oft vor, dass Gymnastinnen völlig unterschiedlich ausgebildet waren. Die eine drehte links, die andere rechts, jede hatte andere technische Schwerpunkte. Wenn man solche Kinder in einer Gruppe zusammenführt, muss man enorm viel umtrainieren. Unser Ansatz war deshalb: von klein auf beidseitig arbeiten, in alle Richtungen, mit klar definierten Techniken.

Wie früh setzt dieses Konzept an?

Ab sieben Jahren. Jedes Jahr werden die Inhalte sukzessive gesteigert, sodass sich die Kinder langsam und sauber entwickeln können. Bis sie mit 13, 14 oder 15 in leistungsorientierte Gruppen kommen, sollen sie die grundlegenden Elemente bereits beherrschen.

Ein zentrales Thema ist der Gesundheitsaspekt. Welche Rolle spielt er?

Eine sehr große. Beidseitiges Arbeiten reduziert Überlastungen, auch wenn natürlich bestimmte Belastungen bleiben – etwa an Füßen und Hüfte. Aber wir sehen deutlich weniger schwere Rückenprobleme als früher. Zudem haben wir für Kinder bis zwölf Jahre einen Katalog verbotener Elemente eingeführt, etwa Sprünge mit Rückbeuge, die im Wachstum besonders schädlich sein können.

Gab es dafür Widerstand?

Ja, natürlich. Vor allem von Trainerinnen und Trainern. Aber das ist ganz normal. Aber wir hatten immer die volle Rückendeckung der jeweiligen Teamchefinnen, zuerst von Katja Kleinfeld, heute von Isabell Sawade. Ohne deren Unterstützung wäre so ein Programm nicht durchsetzbar gewesen.

Lässt sich der gesundheitliche Nutzen wissenschaftlich belegen?

Konkrete Studien haben wir nicht. Aber wir sehen es in der Praxis: weniger gravierende Rückenprobleme, eine stabilere Athletik. Und wir versuchen, die Mädchen so lange gesund wie möglich im System zu halten.

Trotzdem schaffen es von vielen Kindern nur wenige bis ganz nach oben. Ist das normal?

Ja. Wenn von 100 Kindern drei oder vier ganz oben ankommen, ist das bereits gut. RSG ist extrem trainingsintensiv. Es braucht nicht nur Talent, sondern auch die Bereitschaft, sehr viel zu investieren und auf vieles zu verzichten.

Ist Trainingseffizienz ein Ansatz, um mehr Gymnastinnen nach oben zu bringen?

Effizienz ist wichtig, aber auf internationalem Niveau reicht das allein nicht. Es geht um enorme Wiederholungszahlen und Automatismen. Diese Perfektion entsteht nicht durch wenige, intensive Einheiten, sondern durch jahrelange, systematische Arbeit.

Kann Erfolg also wirklich geplant werden?

Man kann die Rahmenbedingungen optimal gestalten. Aber eine Garantie gibt es nicht. Am Ende entscheiden die Athletinnen selbst, wie weit sie gehen wollen. Wir können den Weg ebnen, gehen müssen sie ihn alleine.

Welche Säulen trägt deine Arbeit im TK Nachwuchs und Leistung?

Die gesundheitliche Säule, die bundeseinheitlichen Rahmenrichtlinien und das Ziel, Gymnastinnen langfristig im System zu halten. Wir wünschen uns, dass sie älter werden, vielleicht auch zwei Olympiazyklen turnen – das gelingt leider nur bedingt.

Wird das System kontinuierlich weiterentwickelt?

Ja. Der Code of Points ändert sich alle vier Jahre, darauf müssen wir reagieren. Gleichzeitig halten wir an unseren Prinzipien fest. Auch wenn ungesunde Elemente höher bewertet werden, bleiben sie bei uns verboten. Zusätzlich schauen wir über den Tellerrand, etwa in der Athletik, und übernehmen sinnvolle Ansätze aus anderen Sportarten.

Hat sich das Training dadurch verändert?

Sehr. Früher wurde vor allem gedehnt und geübt. Heute gibt es deutlich mehr Kraft- und Stabilisationstraining. Die Mädchen sind athletischer, stabiler und insgesamt besser vorbereitet.

Was ist aus deiner Sicht der größte Erfolg deiner bisherigen Arbeit?

Dass uns prophezeit wurde, mit diesem Programm würden alle aufhören – und das Gegenteil ist eingetreten. Die Teilnehmerzahlen sind gestiegen. In der Meisterklasse hatten wir früher zehn Gymnastinnen, heute stehen dort bis zu 40. Darauf bin ich sehr stolz.

Und die größte Aufgabe für die Zukunft?

Das erreichte Niveau zu halten. Und vor allem: die Gymnastinnen gesund zu halten, damit sie länger im Leistungssport bleiben können. Das ist und bleibt die wichtigste Aufgabe.

AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Haltung statt Dogma
AUTOR             Nils B. Bohl