Karina Schönmaier und Katharina Kort | Foto: Picture Alliance
Turn-Team Deutschland

Wenn der Erfolg zu Hause beginnt

Großes Talent, kleiner Verein

Der Weg zum großen Erfolg führt über die Leistungszentren, aber die Tür wird viel früher und auf viel tieferer Ebene geöffnet. 

In kleinen Vereinen wie dem TuS Huchting. 

Dort fand Karina Schönmaier durch einen Nebeneingang den Weg, auf dem sie später zu EM-Gold sprang. Im wörtlichen Sinne, denn die Anlaufbahn musste durch eine Tür ins Freie verlängert werden, weil die Halle des Bremer Vereins einfach zu kurz ist. Improvisation gehört zum harten Leben an der Turnbasis. Davon kann Katharina Kort viele Geschichten erzählen.

Eine fängt so an:

„Sie hampelte durch die Halle und ich habe mich gefragt: 
Was macht die denn da? 
Sie hat sich Elemente angeschaut und sofort nachgeturnt.“ 

Das ist die Geschichte der kleinen Karina, die gut 15 Jahre später zweifache Europameisterin im Sprung und im Mixed werden sollte. Dazwischen liegt ein Weg, auf dem nicht nur eine zu kleine Halle und in die Jahre gekommene Geräte Hürden darstellten. 

„Du hast einen Diamanten in der Halle, gleichzeitig aber auch 40 Mädchen, die du begleiten musst." 

Ein Spagat, den Katharina Kort seit 25 Jahren betreibt.

Turntrainerin statt Friseurin

Seit sie mit 15 Jahren als Übungsleiterin begann, mangels Volljährigkeit noch ein Elternteil in der Halle an ihrer Seite brauchte, und später entschied: Turntrainerin statt Friseurin

Mittlerweile besitzt sie die A-Lizenz und konnte sich auch dank des Erfolgs von Karina Schönmaier stetig fortbilden. „Ich hatte das große Glück, dass ich dieses Talent bei mir hatte, und bin mit ihr in die Ausbildung gerutscht, das haben andere nicht.“ Weil Fortbildungsangebote rar und zu teuer seien für die kleinen Vereine, ohne deren Angebote und Herzblut es aber nun mal nicht den ersten Schritt zum großen Sprung gibt. „Es ist einfach meine Leidenschaft, diese tollen kleinen Menschen zu fördern, die sich dem Sport so hingeben“, sagt Katharina Kort, die im TuS Huchting schon lange auch Abteilungsleiterin ist.

In einem Leben, zu dem auch vier eigene Kinder gehören im Alter von zwei bis neun Jahren. Gefühlt war Karina Schönmaier ihr erstes Kind, ihr "Mäuschen". Weil sie nicht nur ihr Schützling, sondern ein Teil der damals noch kleinen Familie war. „Sie stand als Kind bettelnd vor der Halle und fragte: Darf ich trainieren? Wahnsinn, wenn ein Kind so eine Zielstrebigkeit hat", erinnert sich Katharina Kort, die selbst mit dem Erfolg gewachsen und gereift ist - als Trainerin wie als Mensch: „Das macht schon stolz, wenn man zeigen kann, dass es auch im kleinen Verein geht, Topturner zu entwickeln".

Das „Bremer System“ hat funktioniert, aber es stieß bald an seine Grenzen. „Wir sind mit ihr losgezogen, um bessere Trainingsbedingungen zu haben.“ Die fanden sich im 100 Kilometer entfernten Buchholz. Aber die persönliche Nähe blieb. „Ich bin mit Karina dreimal die Woche nach Buchholz gefahren, habe sie weiter begleitet, zu jedem Training, zu jeder Fortbildung zu jedem Wettkampf“, betont Katharina Kort, die nur das Startrecht an den Blau-Weiß Buchholz abgab.

2022 folgte schließlich der Wechsel an den Bundesstützpunkt in Chemnitz. Ein Bruch im bis dahin steil nach oben führenden Erfolgsweg. Weil die Trainerin sich umgangen fühlte von Mutter und Verband. Weil Karina Schönmaier erst einmal unglücklich war. „Im Nachhinein bin ich superstolz auf mein kleines Ich, dass ich diesen Schritt gewagt habe", sagt die Turnerin heute. Damals plagten sie Traurigkeit, Heimweh, Angst und Selbstzweifel.

Katharina Kort, Karina Schönmaier, Finja Säfken, Franziska Röder und Annette Lefebre (v.l.n.r.) bei den Finals 2021. Foto: Minkusimages

Katharina Kort ist sich bewusst, dass der Schritt in die Ferne für die Entwicklung Richtung Weltspitze irgendwann notwendig ist, würde sich aber einen sanfteren Übergang wünschen. „Erst einmal wochenweise in den Ferien am Leistungsstützpunkt trainieren, oder am Wochenende und dazwischen bei uns im Verein“. Denn die Trainerin ist überzeugt: „Am Ende können die Turnerinnen länger am Ball bleiben, wenn sie ihre Bezugsperson nicht verlieren.“

Sie lobt ausdrücklich die langjährige Unterstützung des früheren Bundesnachwuchs-Trainers Michael Gruhl und das Feedback vom Chemnitzer Bundesstützpunkttrainer Anatol Ashurkov, der ihr das Gefühl gegeben habe, gute Aufbauarbeit geleistet zu haben.

Von der Verbandsführung hätte sie sich wiederum mehr Unterstützung erhofft. Sie selbst hat sich in den schweren Zeiten natürlich gefragt: Warum mache ich das alles? 

Mit über 30 Stunden pro Woche in der Halle bei Mindestlohn-Bedingungen. Aber nicht das Geld macht den Reiz, sondern die Freude und Entwicklung der Kinder. Von denen gerade wieder eines große Sprünge erhoffen lässt. „In der Turnhalle ist alles gleich, aber ich werde nicht mehr so viel Privatleben einbringen“, beschreibt die Trainerin ihre Lehren aus den Erfahrungen mit Karina Schönmaier. Mit der sie sich weiterhin gut versteht, mit der sie sich freut bei Erfolgserlebnissen wie bei der EM in Leipzig, und mit der sie leidet bei Enttäuschungen wie der verpassten WM-Medaille in Jakarta.

Im Heimatverein hofft Katharina Kort auf den Spatenstich einer schon lange geplanten neuen Turnhalle. 
Damit sie ihren Turnerinnen bald Türen öffnen kann, ohne den Nebeneingang benutzen zu müssen.

LUST AUF MEHR?

NDR Sportclub Story:
Karina Schönmaier - der einzigartige Weg an die Turn-Spitze

Karina Schönmaier ist das neue Gesicht im deutschen Turnen. Bei der EM in Leipzig gewinnt sie überraschend zweimal Gold. Der bisherige Höhepunkt ihres emotionalen und ungewöhnlichen Weges. Anders als andere Talente geht Karina Schönmaier nicht früh auf ein Sportinternat. Sie lebt und trainiert in einem sozial schwachen Bremer Stadtteil. Die Turnhalle des TuS Huchting ist ihr zweites Zuhause.

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AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Großes Talent, kleiner Verein
AUTOR             Udo Döring