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Turn-Team

Ein Projekt des Deutschen Turner-Bundes zeigt Wege auf

Führungsstärke im Leistungssport

In einer Zeit, in der der Leistungssport zunehmend von ethischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen geprägt ist und Vorwürfe über Trainingsmethoden geäußert wurden, hat der Deutsche Turner-Bund (DTB) mit dem innovativen Projekt "CULTurn" zur Verbesserung des Führungsverhaltens seiner Trainerinnen und Trainer ein Projekt auf den Weg gebracht.

Unter der Leitfrage "Wie führt man zum Erfolg?" hat sich der Verband bereits 2021 zum Ziel gesetzt, die Trainerinnen und Trainer bei der Entwicklung ihres Führungsverhaltens zu begleiten und nachhaltig zu stärken.

DIE IDEE

"Maike Tietjens und ich haben CULTurn gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen ins Leben gerufen", erinnert sich Sebastian Brückner von der Uni Münster.

Die Idee sei aus einem kleineren Projekt mit dem Niedersächsischen Turner-Bund (NTB) entstanden.

"Damals gab es eine Initiative des DOSB, in deren Rahmen verschiedene kleinere Projekte gefördert wurden. Wir unterstützten den NTB bei der Frage: Wie nehmen sich Trainerinnen und Trainer selbst wahr? – nicht nur im Leistungssport, sondern allgemein", erklärt der Wissenschaftler. Ausgehend von diesen Erfahrungen zielte das CULTurn-Projekt dann darauf ab, Trainerinnen und Trainern im Leistungssport konkrete Werkzeuge und Maßnahmen an die Hand zu geben, um ihre Führungskompetenzen nachhaltig zu entwickeln.

Der schwierige Weg zur Spitze

Der Start des vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderten Projekts fiel in eine Phase intensiver verbandsinterner Diskussionen um den Umgang mit Athletinnen und Athleten. "Leistung mit Respekt" war das prägende Motto, unter dem zahlreiche Workshops und Dialoge stattfanden. "Das hat uns von Anfang an stark begleitet. Als wir in das Projekt einstiegen, war dieser verbandsinterne Prozess ‚Leistung mit Respekt‘ gerade sehr präsent – mit all den Workshops und Diskussionen", erzählt Brückner. 

Die institutionelle Unterstützung sei von Beginn an gegeben gewesen, doch die praktische Umsetzung habe sich komplex gestaltet, räumt der international anerkannte Experte für angewandte Sportpsychologie ein. Und dennoch haben 21 Leistungstrainerinnen und -trainer diese Chance ergriffen und an dem Projekt teilgenommen.

Ein Grund für die anfängliche Skepsis war die Befürchtung, man wolle den Trainerinnen und Trainern vorschreiben, wie sie ihre Arbeit zu verrichten hätten.

"Doch es geht uns in den Veränderungs- und Coachingprozessen immer darum, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und gemeinsam mit ihnen an Verbesserungen zu arbeiten", betont Brückner.

"Dabei wurde uns klar, dass Führung ein hochaktuelles Thema ist – nicht nur im Turnen, sondern im gesamten organisierten Sport. Dennoch spielt es in der Traineraus- und -fortbildung keine übergeordnete Rolle", sagt Brückner. Oft gebe es zwei Extreme:

"Entweder wird autoritär geführt nach dem Motto: Ich sage, wo es langgeht, oder es wird die transformationale Führung nahegelegt – ein sehr demokratischer Ansatz, bei dem Athletinnen und Athleten überall mitbestimmen und dadurch langfristig in ihrer Persönlichkeit und ihren Kompetenzen wachsen sollen“, berichtet er. Doch diese Vorstellung sei nicht immer realistisch.

Denn gerade im Turnsport beginnen Kinder oft schon in sehr jungen Jahren mit leistungsorientiertem Training. "In diesem Alter sind sie kognitiv noch nicht in der Lage, in allen Belangen eigenständig Entscheidungen zu treffen. Das ist nicht nur ein Problem im Nachwuchsbereich. Selbst erwachsene Athletensprecher, die eigentlich eine vermittelnde Rolle einnehmen sollten, scheinen – zumindest aus meiner Außenperspektive – oft zu scheitern", hat der Wissenschaftler bemerkt.

Diagnostik als Fundament

Nach der Rekrutierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer begann die eigentliche Arbeit mit einer umfassenden Führungsdiagnostik. Mit Hilfe eines Fragebogens wurden die Trainerinnen und Trainer aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Athlet*innen, Kolleg*innen, Vorgesetzte sowie Fachpersonal wie Physiotherapeut*innen und Sportpsycholog*innen gaben Rückmeldungen. Diese Diagnostik war zentraler Bestandteil des Projekts und diente nicht nur der wissenschaftlichen Überprüfung des sogenannten Competing Values Model von Führung im Sport, sondern auch als Grundlage für die anschließende Interventionsphase.

Individuelle Förderung im Fokus

Im Anschluss an die Diagnostik erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer individuelle Kompetenzberichte, die in persönlichen Online-Gesprächen analysiert wurden. Dabei wurden Coaching-Themen identifiziert und in drei Einzelsitzungen vertieft. Ein weiterer wichtiger Baustein waren Präsenz-Workshops, die in Kleingruppen den praktischen Austausch und die praxisnahe Weiterentwicklung förderten.

Die Ergebnisse des Projekts zeigten, dass die teilnehmenden Trainerinnen und Trainer sowohl in ihrer Selbstwahrnehmung als auch in den Rückmeldungen anderer in den Führungsbereichen des Competing Values Model (Zusammenarbeit, Wettbewerb - Kreativität, Kontrolle) sowie im Bereich Charisma als sehr kompetent wahrgenommen wurden. Interessanterweise wurden Trainerinnen eher in den Bereichen Zusammenarbeit und soziale Führungskompetenz stärker eingeschätzt, während männliche Trainer in den Kategorien Wettkampf und Konkurrenz kompetenter wahrgenommen wurden.

"Das allein ist schon eine wertvolle Erkenntnis", sagt Brückner, allerdings stecke darin auch eine Herausforderung: "Man kann in allen Führungs-Bereichen gut aufgestellt sein, doch die entscheidende Frage ist, ob es in stressigen Situationen tatsächlich gelingt, das jeweils angemessene Führungs-Verhalten zu zeigen", findet er.

Es gebe jedoch immer verschiedene Handlungsmöglichkeiten,
ist er überzeugt.

"Man kann die Zusammenarbeit in den Vordergrund stellen oder stärker auf Wettbewerb und Ergebnisse fokussieren. Man kann offen für neue Ideen, Meinungen und Vorschläge sein oder eine klare Linie und Struktur vorgeben", zählt er auf. Entscheidend sei letztlich aber nicht nur, dass man verschiedene Führungsstile beherrsche, sondern vor allem, "ob man in der jeweiligen Situation die richtige Wahl trifft", betont er.

Nachhaltigkeit als Ziel

Trotz des Erfolgs des Projekts stellt sich die Frage nach seiner Nachhaltigkeit. "Zunächst haben 21 Trainer teilgenommen und von diesem Projekt profitiert", sagt der Sportpsychologe.

"Umso wichtiger ist es, die gewonnenen Erkenntnisse und Materialien in die bestehenden Aus- und Fortbildungsstrukturen des DTB zu integrieren und damit in die Breite zu bringen. Umgesetzt wurde unter anderem die Erstellung eines Arbeitsbuchs, das den Trainern als praktische Toolbox zur Verfügung steht", erzählt Brückner.

Fazit

Das CULTurn-Projekt des Deutschen Turner-Bundes zur Verbesserung des Führungsverhaltens seiner Trainerinnen und Trainer ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es zeigt, dass der Leistungssport, bei dem es auf körperliche und psychische Höchstleistungen ankommt, auch auf eine verantwortungsvolle und wertschätzende Führung angewiesen ist. Die Herausforderung besteht nun darin, die gewonnenen Erkenntnisse nachhaltig in die Breite zu tragen und die Strukturen so zu gestalten, dass Trainerinnen und Trainer kontinuierlich in ihrer Entwicklung unterstützt werden.

Auf die Frage, welche drei Dinge Brückner als erstes in die Trainerausbildung des DTB aufnehmen würde, muss er kurz überlegen. "Ich würde auf jeden Fall das Thema Selbstführung und Stressmanagement integrieren. Außerdem würde ich das Thema 'Charisma' zur Kommunikation und Führung einbauen, weil mich dieses Konzept sehr angesprochen und sich hier großes Potenzial gezeigt hat", formuliert er dann.

"Letztlich würde ich das Thema des Trainers als Führungsperson und die Grundlagen modernen Führens einfügen, also unser 5C-Modell mit den Aspekten Collaboration, Competition und so weiter. Das wäre der dritte Aspekt", sagt er. Der sei zwar ein bisschen theoretischer, aber die Wissenschaftler hätten tatsächlich die Rückmeldung erhalten, dass Trainerinnen und Trainer das für sich als äußerst hilfreich und wertvoll wahrgenommen hätten. "Einfach einen Rahmen zu haben, an dem sie sich orientieren können, aber auch zu reflektieren, wo sie heute eigentlich gestanden haben. Hat ihr Handeln zur jeweiligen Situation gepasst?" Ein Rahmen, der den Trainer*innen zu mehr Führungsstärke verhelfen kann.

 

Alle Informationen zum Projekt CULTurn

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AUSGABE           Bildung 02-2025 | Turn-Team Deutschland | Führungsstärke im Leistungssport
AUTOR                Nils B. Bohl