Prof. Dr. Kathrin Kohake | Foto: DTB
Turn-Team Deutschland

Prof. Dr. Kathrin Kohake lehrt Sportpädagogik in der Trainerausbildung

Führen, fördern, fordern, fragen

Wer im Leistungssport Trainerin oder Trainer werden will, muss viel wissen. Über Technik und Belastungssteuerung, über Wiederholungszahlen und darüber, wann eine Bewegung korrigiert werden muss. Das ist die eine Seite. Die andere beginnt dort, wo dieses Wissen auf Menschen trifft.

Prof. Dr. Kathrin Kohake beschäftigt sich mit diesem zweiten Teil. Seit etwa 2018 ist sie in der B- und A-Lizenz-Ausbildung tätig, gemeinsam mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Alfred Richartz hat sie die sportpädagogischen Inhalte mitgeprägt. Was nach einem ergänzenden Theoriegebiet klingt, reicht tief in den Trainingsalltag hinein.

Dass Trainerinnen und Trainer Verantwortung für ihre Athletinnen und Athleten tragen, müsse man ihnen kaum noch erklären, sagt Kohake. 

Die Frage ist eher: Was mache ich dann? 

Genau dort setzt die Sportpädagogik an.

Nicht nur nett sein

Kohake kennt das Vorurteil, Pädagoginnen und Pädagogen seien vor allem dafür zuständig, dass alle freundlich miteinander umgehen. Dabei beschäftigt sie eine sehr viel handfestere Frage: Wie soll das Training aussehen, damit Kinder und Jugendliche effektiv lernen, hoch motiviert sind und vertrauensvolle Beziehungen haben?

Motivation gehört dazu, ebenso Kommunikation, Feedback und der Umgang mit Konflikten. Auch die Frage, was eine Trainerin oder ein Trainer tut, wenn Ärger aufkommt. Wer eine Athletin oder einen Athleten anschreit, weil dieser nicht zuhört oder sich nicht konzentriert, dem fehlen womöglich andere Handlungsmöglichkeiten. Was können wir denn stattdessen machen?, beschreibt Kohake die Frage, die sie dann mit Trainerinnen und Trainern diskutiert.

Gemeinsam mit Alfred Richartz entwickelt sie auch über die Ausbildung hinaus Materialien für Trainerinnen und Trainer: 

  • Wie führt man ein Gespräch, wenn Leistungen ausbleiben oder eine Athletin oder ein Athlet womöglich die Trainingsgruppe verlassen muss? 
  • Wer sollte daran teilnehmen? 
  • Wie bereitet man es vor, wie nach? 

Für solche Situationen gibt es Leitfäden und Gesprächsskripte, die Orientierung geben, ohne den einzelnen Fall in ein starres Schema zu pressen.

Pädagogik erscheint hier nicht als Korrektiv des Leistungssports. Sie soll helfen, ihn besser zu machen.

Wenn "Der Trainer sagt" nicht mehr reicht

Verändert hat sich auch das Verhältnis zwischen Trainer*in und Athlet*in. Das Modell Der Trainer sagt, der Athlet macht hielt Kohake in dieser Pauschalität noch nie für zielführend. Dass Kinder und Jugendliche sogar ein verankertes Recht auf Mitsprache haben, ist jedoch heute auch in der Gesellschaft anerkannter als früher. In der Ausbildung gehört die Förderung von Autonomie deshalb ausdrücklich zu den Merkmalen pädagogischer Qualität.

Das bedeutet nicht, dass in der Halle jeder machen darf, was er möchte. Die Trainerin bzw. der Trainer strukturiert das Training, setzt Grenzen und trägt Verantwortung. Im Turnen kann eine spontane Abweichung von einer abgesprochenen Bewegung gefährlich werden. Kohake verschiebt deshalb die Frage: nicht, ob eine Athletin oder ein Athlet am Sprung plötzlich zwei Schrauben turnen darf, wenn die Trainerin bzw. der Trainer mit einer rechnet – das darf er aus Sicherheitsgründen nicht.

Sondern: 

  • Wer hat vorher entschieden, dass es eine Schraube sein soll?
  • Was traut sich die Athletin/der Athlet zu? Was möchte er versuchen?

Mitbestimmung heißt also nicht, Verantwortung abzugeben. Sie verändert vielmehr, wie Entscheidungen zustande kommen. Kinder und Jugendliche sollen aber auch altersgerecht selbst Verantwortung mitübernehmen.

Forschung in der Turnhalle

Die pädagogischen Inhalte der DTB-Ausbildung sollen nicht von den persönlichen Überzeugungen einzelner Referent*innen abhängen. Kohake betont, dass sie sich an empirischen Befunden orientieren. Entscheidend ist, für welche Verhaltensweisen sich wissenschaftlich begründen lässt, dass sie Lernen, Motivation oder Entwicklung fördern.

Auf B-Lizenzniveau arbeiten die Teilnehmenden deshalb mit Aufnahmen aus echten Trainingssituationen. Sie lernen Qualitätsmerkmale kennen und beobachten, wie andere Trainerinnen und Trainer sie umsetzen. In der A-Lizenz folgt die eigene Praxis: In kleinen Micro-Teaching-Einheiten stehen die Trainer*innen selbst in der Halle und geben einander anhand dieser Merkmale Rückmeldung.

Die Turn-Akademie versucht damit, einen schwierigen Übergang zu organisieren: vom Wissen darüber, was gutes Training ausmacht, zum eigenen Verhalten im Training.

Besonders anschaulich wird das beim Feedback. Ein Gut gemacht kann motivieren und für eine gute Atmosphäre sorgen. Fachliches Feedback ist es für Kohake noch nicht. Dafür braucht die Athletin oder der Athlet eine Information, mit der er weiterarbeiten kann: 

  • Wo will ich hin? 
  • Wo stehe ich? 
  • Was ist der nächste Schritt?

Anschließend muss die Trainerin oder der Trainer beobachten, was daraus wird. Ist die Rückmeldung angekommen? Wird sie umgesetzt? Muss er noch einmal nachsteuern? Feedback ist keine Einbahnstraße, sagt Kohake.

Zwei Dinge, die schon gut sind

Am Ende ihrer B-Lizenz-Einheiten bittet Kohake die Trainerinnen und Trainer, vier Punkte für sich festzuhalten: zwei Dinge, die sie bereits gut machen, und zwei, bei denen sie sich weiterentwickeln möchten.

Der erste Teil ist ihr wichtig. Ausbildung soll nicht nur Defizite sichtbar machen. Oft stellen Trainerinnen und Trainer fest, dass sie vieles längst richtig tun, nur bisher nicht bewusst. Kohake wendet damit auf die Trainerinnen und Trainer dasselbe Prinzip an, das diese später bei ihren Athletinnen und Athleten nutzen sollen: bei dem beginnen, was bereits funktioniert.

Wie sehr sich die Themen einer solchen Ausbildung verändern können, erlebt sie bei der Prävention von Gewalt. Fragte sie Trainerinnen und Trainer vor einigen Jahren nach möglichen Risikosituationen, wurde häufig die Hilfestellung genannt. Heute fallen eher Begriffe wie Umkleide, Einzelfahrten oder Einzeltraining. Das Wissen darüber, dass Eins-zu-eins-Situationen besondere Risiken bergen, sei deutlich gewachsen.

Auch darauf reagiert die Ausbildung. Gemeinsam mit dem DTB wurden konkrete Verhaltensregeln entwickelt, die über allgemeine Grundsätze hinausgehen und Trainerinnen und Trainern Orientierung für den Alltag geben. Kohakes Eindruck: Seitdem konnten sich bestehende Unsicherheiten in der Praxis deutlich abbauen.

So reicht Sportpädagogik in der Turn-Akademie von Motivation und Feedback über Konfliktbearbeitung und Mitbestimmung bis zum Gewaltschutz. Zusammengehalten werden diese Themen von einer Frage, die sich kaum in einen Trainingsplan schreiben lässt: 

Wie sollte eine Trainerin oder ein Trainer handeln, damit seine Erfahrung, sein Wissen und sein Engagement bei der Athletin oder dem Athleten tatsächlich etwas bewirkt?

Kohake verweist dafür auf eine Zahl aus der Unterrichtsforschung. Die Lehrperson mache ungefähr 30 Prozent des Lernerfolgs aus. Man könne sagen, das sei wenig, weil zahlreiche andere Faktoren außerhalb des Einflusses einer Trainerin bzw. eines Trainers lägen.

Man kann es aber auch anders lesen: 
30 Prozent sind eine ganze Menge.

Trainerausbildungen im Bereich Olympischer Spitzensport

Der Deutsche Turner-Bund bietet Trainerausbildungen für B-Lizenzen und A-Lizenzen im Leistungssport in den Olympischen Sportarten Gerätturnen männlich, Gerätturnen weiblich, Rhythmische Sportgymnastik und Trampolinturnen an.

Zu den Ausbildungen

AUSGABE        Akademie 04-2026 | Turn-Team Deutschland | Führen, fördern, fordern, fragen
AUTOR            Nils B. Bohl