Irina Martens sitzt auf Kasten | Foto: Mariya Muzychenko
Turn-Team Deutschland

Im Takt des großen Traums

Ein Leben für die RSG

Die bedrohlichen Töne des „weißen Hais“ schallen durch die Halle. Melissa Diete wirbelt dazu ihre beiden schmalen Keulen durch die Luft. Mit waagerecht nach vorne gestrecktem Bein dreht sie auf dem weißen Teppich mehrere Pirouetten. Ihre Miene schwankt zwischen fokussiert und angriffslustig. Als ein Wurf nicht wie gewünscht funktioniert, stoppt Irina Martens die Musik und fordert die Gymnastin auf, es noch einmal zu versuchen. 

Die hessische Landestrainerin sitzt auf einem kleinen Kasten neben den beiden Flächen, auf denen ihr RSG-Kader konzentriert die komplizierten Jonglagen übt. Unaufgeregt erteilt Martens ihre Anweisungen. Neben ihrer Stimme und den Melodien sind es fast nur noch die Geräusche, die die Handgeräte verursachen, und die Landungen nach Sprüngen, die zu hören sind.

Vier bis fünf Stunden pro Nachmittag verbringt die Gruppe so täglich zusammen im Frankfurter Leistungszentrum. Vormittags bietet Martens zudem Zeiten an, für die sich die Sportlerinnen freiwillig melden können. In diesen wird mit einer kleineren Zahl von bis zu vier Athletinnen individueller trainiert. In der kalten Jahreszeit sind diese zusätzlichen Einheiten besonders wichtig, weil die Gymnastinnen nur dann in die nahegelegene und sonst von Teamsportarten genutzte Wintersporthalle umziehen können. Dort bietet die Decke mit einer Höhe von 14 Metern deutlich mehr Platz für die Würfe, während im Turnzentrum bei weniger als acht Metern schon Schluss ist mit der Flugbewegung von Ball und Reifen nach oben.

Meistens melden sich alle fürs Frühtraining.

Nicht nur die angebundene Eliteschule des Sports, die Carl-von-Weinberg-Schule, unterstütze mit Unterrichtsbefreiung. 

Das führt dazu, dass sie selbst manchmal von frühmorgens bis spätabends in der Frankfurter Sportschneise vor Ort ist. Möglich ist der dreifachen Mutter dieses intensive Engagement nur, weil ihr Mann zu Hause kräftig mithilft. „Er fängt morgens schon um 6 Uhr zu arbeiten an, damit er früher zurück ist“, erzählt Martens. Umso mehr genieße sie die freie Zeit, an einigen Wochenenden oder während der Ferien, die sie mit der Familie verbringt.

Ihr Beruf, sagt sie, sei eine Berufung.

Als sie damit anfing, fand sie es „lustig“, dass sie Geld für das bekam, was ihr so viel Spaß mache. Dabei hatte die gebürtige Russin ursprünglich gar nicht vorgehabt, diesen Karriereweg einzuschlagen. In ihrer Heimatstadt Sankt Petersburg hatte sie selbst mit Rhythmischer Sportgymnastik (RSG) angefangen. „Ich war ganz passabel“, sagt sie rückblickend; es habe für die Stadtmeisterschaften gelangt. Dass sie so viel Leidenschaft für den Sport entwickelte, der den Aktiven so viel abverlangt, habe auch mit dem Glück zu tun gehabt, das sie mit ihrer Trainerin, Olga Naliwajko, hatte: 

„Sie hat mich sehr geprägt.“

Nach Deutschland kam Martens mit 22 Jahren aus privaten Gründen.

Für ihre Tochter Anna suchte sie nach einer Möglichkeit, in die eigenen sportlichen Fußstapfen zu treten. Das sei sehr schwierig gewesen, auch weil hierzulande so viele verschiedene Angebote unter Gymnastik liefen. Bei Eintracht Frankfurt wurde sie schließlich fündig, und als die dortige Trainerin mal nicht da war, bat sie Martens, für sie einzuspringen.

Am Ende seien die Kinder „total rot, aber super zufrieden“ gewesen, und in ihr selbst war „das Kribbeln geweckt“.

Über ein Tanzstudio, dem sie ihre Dienste anbot, landete sie beim TV Eschborn, gründete dort eine erste Leistungsgruppe und erwarb die C-Lizenz.

2013 wurde Martens vom Hessischen Turnverband als Kadertrainerin angeheuert, erst für einen Tag pro Woche, mittlerweile hauptamtlich und mit einer zweiten Trainerin, Liubov Kar, an ihrer Seite, die sich um die Kleinsten kümmert. Parallel zur wachsenden Belastung in der Halle absolvierte Martens das auf drei Jahre angelegte Studium an der Kölner Trainerakademie. „Als uns bei der Einführung erzählt wurde, was schon alles passiert ist, dachte ich nur: Wie dumm kann man sein, während des Studiums schwanger zu werden“, berichtet sie amüsiert. Dann sei ihr das selbst passiert. „Aber ich habe wieder mal Glück gehabt.“ Ihr jüngster Sohn kam während der Pandemie zur Welt, in einer Zeit also, in der der Unterricht online stattfand. „Da konnte ich mit dem Baby vor dem Computer sitzen.“

Die lehrreichen Einheiten, der „tolle Austausch auf hohem Niveau mit Kollegen aus verschiedensten Sportarten“, begeisterten sie.

Aber das Studium sei auch sehr anspruchsvoll gewesen. „Meine erste Zwischenprüfung in Soziologie habe ich mit einer 3,7 abgeschlossen“; das kratzte an ihrem Ehrgeiz als Leistungssportlerin. Das Examen, das „so viel Energie aus mir heraussaugte“, bestand sie dann mit 1,3. In ihrer Arbeit befasste sie sich mit dem „bilateralen Training mit den Handgeräten“ und Fragen wie jener, inwiefern das Üben mit der weniger guten Seite auch die Koordination auf der anderen beeinflusse.

Zwischen acht und 14 Jahren sind die Schülerinnen, die Martens und ihre Kollegin trainieren. Kars Tochter Melissa hat es dabei bislang am weitesten gebracht: Sie nahm 2023 an den Juniorinnen-Weltmeisterschaften in Rumänien teil, wurde mit den Keulen Zehnte und mit der Mannschaft Achte. Danach beendete die Gymnastin der SKG Sprendlingen ihre Laufbahn.

Jetzt zählt Diete als größte Hoffnung: Seit die 13-Jährige von der TSG Neu-Isenburg vor drei Jahren erstmals bei deutschen Meisterschaften starten durfte, hat sie in allen Altersklassen den Titel im Mehrkampf gewonnen und auch sämtliche Goldplaketten in den Gerätefinals. 2026 will sich die als Neunjährige aus Rheinland-Pfalz nach Hessen gekommene Gymnastin für die Juniorinnen-Europameisterschaften Ende Mai im bulgarischen Varna qualifizieren. In absehbarer Zeit wird sie Frankfurt wohl verlassen und in den Bundesstützpunkt nach Schmiden wechseln. Schon jetzt darf die Bundeskaderathletin öfter dort mit Olympiasiegerin Darja Varfolomeev, Margarita Kolosov und Anastasia Simakowa zusammen trainieren. Martens, die sie dabei begleitet, kann gut damit leben, Zulieferin zu sein, auch wenn sie bei dem Gedanken an den Abschied „zwiespältige Gefühle“ nicht verhehlt. „Ich habe volles Vertrauen in Yuliya und Natalia Raskina und das ganze Team in Schmiden“, sagt sie mit Blick auf die Fellbacher Trainerinnen. Zudem geht sie davon aus, dass der Kontakt zu ihren Sportlerinnen nicht verloren geht.

Von den Erfolgen von Varfolomeev und Co. profitiere die gesamte Sportart. „Früher musste ich den Leuten erklären, was die RSG ist“, erzählt Martens. Jetzt wüssten viele, wovon sie redet und dass eine deutsche Gymnastin Olympiasiegerin ist. Die RSG genieße nun einen ganz anderen Stellenwert. Die nachrückenden Talente wie Diete hätten zudem gesehen, „dass sie groß träumen dürfen“, dass auch die höchstmöglichen Ziele zu erreichen sind.

Dass die Weltmeisterschaften im August in Frankfurt ausgetragen werden, macht Martens stolz.

Sie erhofft sich dadurch einen weiteren Schub für die Sportart, dass der Ansturm auf diese weiter wachse. Denn auch wenn sich mittlerweile viele Eltern und Mädchen für die RSG begeistern könnten und die Vereine wachsendes Interesse verzeichneten: Jene, die das nötige Talent mitbringen und bereit sind, so viel wie erforderlich dafür zu geben, sind weiterhin rar.

Das Niveau sei in Hessen in den vergangenen Jahren sehr gestiegen. Vier Vereine arbeiteten dem Zentrum mit sehr guter Ausbildung als Kooperationspartner zu: Eintracht Frankfurt, wo die frühere Europameisterin Aliya Garayeva tätig ist, die TSG Neu-Isenburg und die SKG Sprendlingen, die schon lange etabliert sind, und seit Kurzem Eintracht Wiesbaden. Auch Kassel würde sich laut Martens gerne beteiligen, „aber der Weg von dort nach Frankfurt ist zu weit“. Das sei eine der Schwächen im RSG-System: dass es noch zu wenige Stützpunkte und zu viele freie Flächen im Land gebe.

Martens selbst ist stets daran interessiert, sich weiterzubilden und die eigene Arbeit zu reflektieren. 

So schätzt sie auch die Gespräche mit den Psychologinnen und Psychologen des Olympiastützpunktes, sowohl was sie selbst als auch die Gymnastinnen angeht, und zeigt sich angetan von dem Präventionsprojekt, das der Hessische Turnverband zusammen mit der Uni Münster durchzieht. Mit Mikrofon und Kamera im Training begleitet zu werden, danach die Worte und das eigene Verhalten gemeinsam zu analysieren und Lehren daraus zu ziehen, darauf hat sie sich gerne eingelassen. Es habe sich in der Gymnastik schon viel bewegt, was die Zusammenarbeit von Trainern und Sportlerinnen betrifft. Das bezieht Martens auch auf die Methoden: Bei der Dehnung etwa, die für die hohe Flexibilität in der RSG erforderlich ist, „helfe ich nicht nach“. Zumindest die etwas älteren Gymnastinnen seien ehrgeizig genug, um denen mit viel Fleiß nachzueifern, die schon weiter sind; „wir beeilen uns da nicht, aber die wollen“, sagt Martens.

Das Talent steht bei uns an erster Stelle.

Auch verschließe sich die RSG der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu mehr Vielfalt nicht. „Das Talent steht bei uns an erster Stelle“, betont Martens. Auch wenn der Körper nicht den einst für diese Sportart als optimal geltenden Maßen entspricht. „Es gibt sehr viele Faktoren, die bei der RSG eine Rolle spielen, und wir müssen oft Abstriche machen. Aber die Kinder überraschen meist positiv. Und glücklicherweise denkt man in der RSG heutzutage auch kaum noch in den Kategorien „Körpermaße.“

In Frankfurt wird auch vieles für den Zusammenhalt getan

So erlebten die Gymnastinnen mit ihren Eltern die Weltmeisterschaften 2023 in Valencia und auch die Olympischen Spiele in Paris vor Ort. Die Erwachsenen werden zudem eingebunden, wenn es um das Entwerfen der glitzernden Anzüge geht.

Das Kreative ist auch das, was Martens in ihrer Sportart am meisten fasziniert. 

Die einzelnen Übungen zu choreographieren, passende Musik herauszusuchen, die die Persönlichkeiten der Gymnastinnen unterstreicht und die sie bei allen Schwierigkeiten auch ausdrucksstark über die Fläche tanzen lässt, „das ankert mich an diese Sportart“, sagt sie. 

„Ich bringe aus meiner Heimat die Erfahrung und Liebe zu ihr mit, aber den Rest habe ich hier im System gelernt und mich in Deutschland auch zu einer Trainerpersönlichkeit entwickelt.“ 

In ihrer eigenen Jugend habe sie erlebt, „wie viel von den Gymnastinnen verlangt wurde und wie wenig sie zurückbekommen haben“. Ihr selbst sei stets daran gelegen, „das anders zu machen“. Das verlange auch ihr viel ab. „Aber meine eigenen Kinder laden mich wieder auf“, sagt Martens. „Wenn ich mit ihnen Zeit verbringe und auch mal einen Vormittag für mich habe, dann kann ich anderen auch wieder etwas geben.“

AUSGABE        Talente 01-2026 | Turn-Team Deutschland | Ein Leben für die RSG
AUTORIN         Katja Sturm