Helen Kevric | Foto: Stiftung Deutsche Sporthilfe
Turn-Team Deutschland

Rückenwind für Talente

Die Sporthilfe im Blick

Was wäre der deutsche Leistungssport ohne die Stiftung Deutsche Sporthilfe?

Karin Orgeldinger spricht als Vorstandsmitglied im Sprossenwand-Interview über die Förderung von aktuell 4.000 Athletinnen und Athleten, zu denen auch 120 Turnerinnen und Turner gehören, über ein Trampolin-Highlight und die Vorfreude auf die WM der Rhythmischen Sportgymnastik.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe sorgt für eine unverzichtbare Basis für den deutschen Leistungssport – nicht nur finanziell, sondern durch ein breites Spektrum an Fördermaßnahmen. Seit der Gründung 1967 wurden rund 57.000 deutsche Athletinnen und Athleten mit insgesamt 447 Millionen Euro und vielen begleitenden Maßnahmen unterstützt. Karin Orgeldinger steht seit 2024 gemeinsam mit Karsten Petry und seit 2025 auch Max Hartung an der Spitze der gemeinnützigen Stiftung. Sie kann von einem kontinuierlich verdichteten Netz der Förderung erzählen, aber auch noch vielen Wünschen an Politik und Wirtschaft – und besonderen Erlebnissen dank des Turnsports. 

Franz-Josef Neckermann, der erste Vorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe, wurde einst als "Bettler der Nation" bezeichnet. Fühlen Sie sich 58 Jahre später immer noch so?

Die Diskussion um die finanzielle Situation von Spitzensportlerinnen und -sportlern wird häufig auf Existenzsicherung reduziert. Die Sporthilfe hat in der Vergangenheit die Einkommensverhältnisse mit dem gesetzlichen Mindestlohn verglichen – ein sinnvoller Indikator, um Missstände sichtbar zu machen. Mit der Einführung der neuen Sporthilfeförderung im Jahr 2025 argumentieren wir jedoch noch stärker für adäquate Rahmenbedingungen, unter denen Spitzenleistungen möglich sind. Es geht uns um Wertschätzung und Förderung einer gesellschaftlichen Elite, die wir dringend brauchen. 

Wo genau kommt denn das Geld her, mit dem die Sportler monatliche Unterstützung erhalten? Und in welchen Bereichen sind Sie am erfolgreichsten bei der Suche nach Förderung?

Unsere Finanzierung ruht auf mehreren starken Säulen. Etwa ein Drittel generieren wir aus der Zusammenarbeit mit unseren langjährigen Wirtschaftspartnern, insbesondere unseren Nationalen Förderern, ein weiteres Drittel stammt aus Bundesmitteln. Darüber hinaus werden wir von unseren 300 Kuratoren sowie Kleinst- und Großspendern und Lotterien unterstützt. Einen hohen Erlös erzielen wir auch mit unserer größten Benefizveranstaltung, dem Ball des Sports, der in der Frankfurter Festhalle am 21. Februar 2026 zum 55. Mal stattfindet. Dieses breite Fundament macht uns unabhängig und verlässlich.

Der traditionsreiche Ball des Sports gilt als Europas größte Benefiz-Veranstaltung im Sport und bringt einmal jährlich Deutschlands Elite aus Sport, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen. Die Gäste des Gala-Abends dürfen sich jedes Jahr auf ein unvergessliches Sport- und Showprogramm freuen: ein Abend ganz im Zeichen des Spitzensports und zugunsten der Athletenförderung. 

Der 55. Ball des Sports findet am 21. Februar 2026 in der Festhalle Frankfurt statt.

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Sie fördern jährlich 4.000 Athleten in rund 50 Sportarten. Welche Kriterien müssen Athletinnen und Athleten erfüllen, um eine solche Förderung zu erhalten?

Seit dem 1. Januar 2025 gilt unsere neue Sporthilfe-Förderstruktur. Dem zugrunde liegt ein mehrjähriger Evaluierungsprozess, den die Sporthilfe seit den Olympischen und Paralympischen Spielen 2021 in Tokio entwickelt hat. Das Ergebnis ist ein "4-3-3"-System, in dem vier Teams in drei ineinandergreifenden Förderbereichen entlang von drei finanziellen Stufen gefördert werden: Im Talent-Team, Potenzial-Team, Top-Team und später in der Karriere im Alumni-Team.

Dabei haben wir drei Förderbereiche: erstens die finanzielle Förderung, zweitens die Kompetenzförderung sowie drittens unsere Partner- und Serviceangebote. Und den Rahmen geben drei Förderschwerpunkte: die Grundförderung, verschiedene Individualbausteine – insbesondere zur Berufsvorbereitung – und letztlich die Prämienzahlungen. Die Förderung steht Bundeskaderathleten und -athletinnen vom Nachwuchskader bis zum Olympia-, Paralympics- und Deaflympicskader in allen olympischen, paralympischen, deaflympischen sowie den nicht-olympischen Disziplinen offen, sofern die Leistungs- und Zugangskriterien für die einzelnen Förderprogramme erfüllt sind.

Welche Geschichte geht ihnen besonders ans Herz, die unmittelbar mit der Förderung durch die Sporthilfe verbunden ist?

Jede Erfolgsgeschichte zeigt uns, dass unsere Förderung wirkt und macht uns stolz. Besonders berührend sind aber die Begegnungen mit den Menschen hinter den Medaillen und Spitzenleistungen – etwa beim Sporthilfe Club der Besten, bei der Wahl zum Juniorsportler des Jahres oder bei unseren Seminaren und Workshops, die wir den geförderten Athletinnen und Athleten anbieten. Diese Momente machen deutlich, dass wir mehr als eine Förderinstitution sind – wir sind eine echte Sporthilfe-Familie. Ein tolles Beispiel dafür ist Elisabeth Seitz. Wir haben sie seit 2007 über ihre gesamte Karriere hinweg begleitet – durch alle Höhen und Tiefen, bis hin zu ihrem kürzlichen Karriereende. Sie ist ein herausragendes Vorbild an Disziplin, Ausdauer und Haltung, und sie wird auch innerhalb der Sporthilfe-Community sehr geschätzt, zum Beispiel wählten die Athletinnen und Athleten sie 2017 zur Sportlerin des Monats.

In 58 Jahren privater Sportförderung wurden rund 57.000 Athletinnen und Athleten aus 50 Sportarten unterstützt, in Summe mit über 500 Millionen Euro Fördermitteln. Das hört sich sehr viel an und ist im Einzelfall doch nur eine ganz kleine Hilfe …

Wir verstehen uns als verlässliche Begleiter – von den ersten Schritten im Nachwuchsbundeskader über die Karrierehöhepunkte bis hin zum Übergang in den Beruf – und setzen dabei auf eine kontinuierliche, ganzheitliche Förderung, die nicht nur finanziell, sondern auch persönlich und beruflich unterstützt. Im Jahr 2024 konnten wir rund 23 Millionen Euro an Fördermitteln ausschütten, davon allein 3,5 Millionen Euro an die 360 Olympia- und Paralympicskaderathletinnen und - athleten in den zwölf Monaten vor Paris. Insgesamt betreuen wir derzeit rund 4.000 Athletinnen und Athleten in über 50 Sportarten. Damit hat die Sporthilfe als wichtigste Förderinstitution in Deutschland maßgeblichen Anteil an den bisherigen und zukünftigen Erfolgen unserer Athletinnen und Athleten. Aber klar: Der Status quo reicht nicht. Wir schlagen vor, die Grundförderung der Spitzensportlerinnen und -sportler im Top-Team auf 1.500 Euro zu erhöhen, steuerliche Entlastungen bei Prämienzahlungen, flexiblere Individualbudgets für Ausnahmeathletinnen und -athleten und eine bessere soziale Absicherung durch Versicherungsschutz durch die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) für alle Bundeskader. Nur mit diesen konkreten Schritten schaffen wir die nötigen Rahmenbedingungen, damit unsere Athletinnen und Athleten ihr volles Potenzial entfalten können. Dafür setzen wir uns mit unserem Positionspapier "Mehr Leistung wagen" entschieden ein.

Die Forderungen in diesem Positionspapier richten sich vor allem an die noch recht junge Bundesregierung. Fehlt dieser nun der Mut, oder einfach nur das Geld, um ihre Forderung zur Leistungssteigerung erfüllen?

Wir sehen eher Chancen. In der neuen Regierung gibt es erstmals eine eigene Staatsministerin für Sport und Ehrenamt. Das werten wir als positives Zeichen, um auch den Leistungssport verstärkt in der Bundespolitik zu positionieren. Das geplante Sportfördergesetz kann eine Wende bringen, wenn die Mittel tatsächlich dort ankommen, wo Leistung entsteht – bei den Athletinnen und Athleten selbst. Mit dem im Gesetz geplanten Individualbudget steht zukünftig ein Instrument zur Verfügung, das ab 2026 über die Sporthilfe operativ umgesetzt werden kann. Durch die Vermeidung neuer Strukturen ließen sich zusätzliche Bürokratie und Kosten sparen und eine spürbare Wirkung noch vor den Olympischen Spielen 2028 erzielen. Wir stehen bereit, unsere Erfahrung einzubringen, damit das Ganze schnell, unbürokratisch und wirksam geschieht.

Wenn Sie selbst internationale Wettkämpfe wie Olympia oder Weltmeisterschaften schauen, wieviel mehr freuen Sie sich mit Athletinnen und Athleten, die von der Sporthilfe gefördert werden?

Wir freuen uns über alle deutschen Erfolge gleichermaßen – ganz unabhängig davon, ob die Athletinnen und Athleten von uns gefördert werden oder nicht. Aber natürlich sind wir besonders stolz darauf, dass Sporthilfe-geförderte Athletinnen und Athleten an rund 90 Prozent aller deutschen Medaillengewinne beteiligt sind – darunter 294 Olympia- und 372 Paralympics-Goldmedaillen. Diese Erfolge sind weit mehr als sportliche Leistungen. Sie stiften Identität und Zusammenhalt, sie zeigen, was mit Hingabe, Disziplin und Leidenschaft möglich ist – Werte, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Gerade in Zeiten, in denen vieles auseinanderzudriften scheint, kann der Sport verbinden, inspirieren und Orientierung geben.

Stichwort Olympia … welche Bedeutung hätte eine erfolgreiche deutsche Bewerbung für die Sporthilfe?

Für die Sporthilfe wäre eine erfolgreiche Bewerbung ein starker Impuls, weil sie den gesamten deutschen Leistungssport in den Mittelpunkt rückt – von der Nachwuchsförderung bis zur internationalen Spitze. Olympische Spiele in Deutschland bedeuten nicht nur sportliche, sondern auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Chancen: Sie schaffen Aufmerksamkeit für unsere Athletinnen und Athleten, zieht neue Partner an und inspiriert junge Menschen, selbst aktiv zu werden. Olympia im eigenen Land kann Begeisterung und Stolz entfachen, der weit über den Sport hinausreicht. Das wäre ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

Die wichtigste Einnahmequelle ist der alljährige Ball des Sports, bei dem zuletzt die deutschen Trampolinturner eine große Show ablieferten. Erinnern Sie sich?

Aber natürlich! Die Trampolinturnerinnen und -turner haben mit ihrer mitreißenden Show das Publikum begeistert – das war eines der Highlights des Abends. Der Ball des Sports ist seit über fünf Jahrzehnten unser Leuchtturm-Event und zugleich Europas größte Benefizveranstaltung. Er ist nicht nur finanziell von enormer Bedeutung, sondern bringt Sport, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf einzigartige Weise zusammen.

Im kommenden Jahr werden wir mit einem neuen Ballkonzept frischen Wind hineinbringen:

Neben der klassischen Gala wird es eine zusätzliche Ticketkategorie geben, die sogenannte "Night Session", mit der wir gezielt neue Zielgruppen ansprechen möchten. Die Night Session beginnt nach der Gala, bietet ebenfalls ein hochwertiges Erlebnis zu einem deutlich günstigeren Preis.

Uns interessiert natürlich besonders, welche Rolle die Disziplinen des Turnsports in der Förderung durch die Sporthilfe spielen und ob es dabei sogar Besonderheiten gibt …

Als traditionsreiches Element des Sports ist der Turnsport ein fester Bestandteil unseres Förderprogramms. Aktuell fördern wir insgesamt 120 Turnerinnen und Turner: 61 im Gerätturnen, 33 in der Rhythmischen Sportgymnastik und 26 im Trampolinturnen. Darunter befinden sich drei im Top-Team, 41 im Potenzial-Team, 75 im Talent-Team und eine Athletin im Aufbau-Team. Zwölf Talente sind darüber hinaus Teil der Nachwuchselite-Förderung. Ganz besonders freuen wir uns natürlich auch darauf, dass die Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik im kommenden Jahr in Frankfurt stattfinden, direkt hier bei uns vor der Haustür der Sporthilfe.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten in der Entwicklung der deutschen Sporthilfe, wie würden die lauten?

Mein erster Wunsch wäre, dass den Spitzensportlerinnen und -sportlern in der Gesellschaft noch mehr Wertschätzung und Respekt für ihre Leistungen entgegengebracht werden. Das bedeutet unter anderem, dass alle geförderten Athletinnen und Athleten in Deutschland die Möglichkeit und Rahmenbedingungen erhalten, sich maximal gut auf ihren Sport und die Leistungsentwicklung zu konzentrieren – ohne finanzielle Sorgen oder strukturelle Hindernisse. Zweitens wünsche ich mir, dass die Sporthilfe zu einem strategischen Partner der Bundesregierung wird – also aktiv mitgestaltend, wenn es um die Zukunft des Leistungssports geht. Und drittens: Ich hoffe, dass wir Spitzensport, Wirtschaft und Gesellschaft noch enger miteinander vernetzen, um gemeinsam ein modernes, leistungsfähiges und werteorientiertes Sportsystem zu gestalten. Nur wenn wir diese Kräfte bündeln, können wir sicherstellen, dass unsere Athletinnen und Athleten ihre Talente optimal entfalten – und dass der Sport als gesellschaftlicher Motor wirkt.

AUSGABE       Förderung 05-2025 | Turn-Team Deutschland | Die Sporthilfe im Blick
AUTOR            Udo Döring