Menschen im Sprint
Mehr Sport

Mehrkampf zwischen Anspruch und Zukunft

Die Formel 1 der Vielseitigen

Warum die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften zu den anspruchsvollsten Wettbewerben im Deutschen Turner-Bund gehören – und weshalb ihre Zukunft vom Engagement Einzelner abhängt.

Als Udo Krauß im Frühjahr auf die Ausrichtersuche für die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften 2026 blickte, war die Sorge groß. Lange Zeit gab es keinen Verein, der bereit war, die Veranstaltung zu übernehmen. Erstmals seit Jahrzehnten stand damit ein Szenario im Raum, das im Deutschen Turner-Bund kaum jemand für möglich gehalten hätte: die Absage einer kompletten Deutschen Mehrkampfmeisterschaft.

Wir waren tatsächlich an einem Punkt, an dem wir über eine Absage nachdenken mussten, sagt Krauß. Der 67-Jährige ist Wettkampfbeauftragter für die Mehrkämpfe im DTB und beschäftigt sich seit fast drei Jahrzehnten mit dieser besonderen Disziplin. Umso größer war die Erleichterung, als sich mit dem MTV Heide schließlich doch noch ein Ausrichter fand. Am 19. und 20. September werden die Titelkämpfe nun in Schleswig-Holstein stattfinden.

Die Schwierigkeiten bei der Ausrichtersuche haben mehrere Ursachen. Die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften sind organisatorisch anspruchsvoll, die Kosten für Ausrichter sind gestiegen, ehrenamtliche Helfer werden knapper, und auch die Teilnehmerzahlen sind rückläufig. Was auf den ersten Blick wie ein einzelnes Organisationsproblem wirkt, ist jedoch in Wirklichkeit Ausdruck einer Entwicklung, die viele Bereiche des Vereinssports betrifft.

Die Königsklasse für Ausrichter

Die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften gehören organisatorisch zu den komplexesten Wettbewerben im gesamten Deutschen Turner-Bund. Während andere Meisterschaften meist in einer Halle oder auf einer Anlage stattfinden, müssen für die Mehrkämpfe mehrere Sportstätten parallel genutzt werden. Gerätturnen, Leichtathletik und Schwimmen werden an einem Wochenende miteinander verbunden. Entsprechend umfangreich sind die Planungen. Für einen Ausrichter ist das ein Projekt der Königsklasse.

Wir brauchen ein Stadion, mehrere Turnhallen und ein Hallenbad. Dazu kommen Kampfrichter, Helfer und eine sehr genaue Zeitplanung, erklärt Krauß. Allein auf Seiten des Ausrichters werden weit über 100 Helferinnen und Helfer benötigt. Hinzu kommen zahlreiche Kampfrichterinnen und Kampfrichter in den verschiedenen Disziplinen. Im Gerätturnen sind häufig mehr als zwei Dutzend Kampfrichter*innen im Einsatz, dazu kommen weitere Fachleute für Schwimmen, Kunstspringen und Leichtathletik. Die einzelnen Wettbewerbe müssen zeitlich so aufeinander abgestimmt werden, dass die Athletinnen und Athleten ihre Disziplinen ohne Überschneidungen absolvieren können.

Die Herausforderung wächst zusätzlich durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Viele Kosten, die früher überschaubar waren, haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Hallenmieten, Sicherheitskonzepte, Sanitätsdienste und Transportleistungen belasten die Budgets der Vereine zunehmend. Gleichzeitig sind Einnahmemöglichkeiten weggefallen. Früher konnten Ausrichter häufig Schulen als Gemeinschaftsunterkünfte nutzen und dadurch zusätzliche Erlöse erzielen. Heute stehen viele Schulgebäude aus organisatorischen oder versicherungstechnischen Gründen nicht mehr zur Verfügung.

Auch die Teilnehmendenzahlen spiegeln die Entwicklung wider. Während vor zehn Jahren noch zwischen 1.200 und 1.500 Sportlerinnen und Sportler an den Deutschen Mehrkampfmeisterschaften teilnahmen, liegt die Zahl inzwischen eher bei rund 800. Hinzu kommt, dass Veranstaltungsorte außerhalb der großen Ballungsräume für viele Athletinnen und Athleten mit langen Anfahrtswegen verbunden sind. Heide liegt für zahlreiche Teilnehmende mehrere Hundert Kilometer entfernt. Wer eine Reise quer durch Deutschland organisieren muss, überlegt sich eine Teilnahme heute oft genauer als noch vor einigen Jahren.

Mehr als nur ein sportlicher Titelkampf

Mindestens ebenso wichtig wie die sportliche Herausforderung ist für Krauß die besondere Kultur der Mehrkämpfe. Seit 1997 begleitet er die Disziplin als Trainer, Organisator und Funktionär. In dieser Zeit hat er viele erfolgreiche Athletinnen und Athleten erlebt, darunter Sportler*innen mit mehr als 20 Deutschen Meistertiteln. Was ihn bis heute am meisten beeindruckt, ist jedoch der Umgang der Teilnehmenden miteinander.

Ich habe selten eine Sportart erlebt, in der trotz Konkurrenz so freundschaftlich miteinander umgegangen wird, sagt Krauß. Viele Athlet*innen kennen sich seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Die gemeinsame Abendveranstaltung am Samstag gehört deshalb für viele genauso zum Wochenende wie die Wettkämpfe selbst. Dort werden Siegerinnen und Sieger geehrt, Erfahrungen ausgetauscht und Freundschaften gepflegt. Die besondere Gemeinschaft ist für viele Teilnehmende ein wesentlicher Grund, Jahr für Jahr wieder anzureisen.

Dass die Meisterschaften 2026 nun doch stattfinden können, ist auch dem Engagement Einzelner zu verdanken. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Kai Westensee. Der 25-malige Deutsche Meister im Schwimm-Fünfkampf stammt aus Heide und gilt als einer der Motoren hinter der Bewerbung. Nachdem andere Optionen gescheitert waren, stand die Veranstaltung kurz vor der Absage. Erst mit seinem Engagement entstand die Möglichkeit, die Meisterschaften nach Schleswig-Holstein zu holen. Ohne dieses Engagement würden wir heute vermutlich nicht über Deutsche Mehrkampfmeisterschaften 2026 in Heide sprechen, sagt Krauß.

Die Bedeutung der Mehrkämpfe geht dabei weit über die Vergabe Deutscher Meistertitel hinaus. Kaum eine andere DTB-Disziplin verbindet leistungsorientierten Wettkampfsport mit einem breitensportlichen Ansatz so konsequent. Junge Athletinnen und Athleten sammeln Erfahrungen in unterschiedlichen Disziplinen, während erfahrene Mehrkämpfer*innen häufig über Jahrzehnte aktiv bleiben. Die Meisterschaften bringen diese Generationen zusammen und bieten eine Plattform, die in dieser Form innerhalb des Deutschen Turner-Bundes einzigartig ist. Gerade deshalb gelten die Mehrkämpfe für viele als ein Schaufenster der sportlichen Vielfalt des Verbandes.

Förderverein Jahnkampf

Die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften sind ein besonderes Highlight für unsere Sportlerinnen und Sportler und ein wichtiger Bestandteil unseres Verbandslebens. Damit diese traditionsreiche Veranstaltung auch in Zukunft stattfinden kann, unterstützt der Förderverein gezielt ihre Ausrichtung.

Da es leider immer schwieriger wird, Vereine als Ausrichter für die DMKM zu gewinnen, möchte der Förderverein die ausrichtenden Vereine finanziell entlasten und so einen wichtigen Beitrag zur Zukunftssicherung der Meisterschaften leisten.

Jede Mitgliedschaft und jede Spende hilft dabei, dieses Ziel zu erreichen. Deshalb freuen wir uns über jede Unterstützung. Weitere Informationen zum Förderverein findet ihr auf seiner Website:

Förderverein Jahnkampf

Die Frage nach dem Morgen

Die Geschichte von Heide ist deshalb auch eine Geschichte über Ehrenamt. Die Mehrkämpfe leben von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt für Ausrichtende, Kampfrichterinnen und Kampfrichter und Helfende ebenso wie für Funktionär*innen. Krauß selbst engagiert sich seit fast drei Jahrzehnten für die Sportart. Neben seinen Aufgaben als Wettkampfbeauftragter hat er gemeinsam mit seinem Vorgänger die technische Abwicklung der Wettkämpfe und die Auswertungssoftware über Jahre weiterentwickelt. Heute unterstützt er damit auch Landesturnverbände bei Turnfesten und anderen Veranstaltungen.

Wer diese Aufgaben eines Tages übernehmen wird, ist bislang offen. Wenn es ihn gibt, hat er sich bei mir noch nicht vorgestellt, sagt Krauß mit einem Lächeln. Hinter dem Satz steckt jedoch eine Herausforderung, die weit über die Mehrkämpfe hinausreicht. Viele Sportarten suchen Nachwuchs für ehrenamtliche Führungs- und Organisationsaufgaben. Menschen zu finden, die Zeit, Fachwissen und vor allem langfristiges Engagement mitbringen, wird zunehmend schwieriger.

Die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften zeigen wie kaum ein anderer Wettbewerb die gesamte Bandbreite des DTB-Sports. Gleichzeitig stellen sie höchste Anforderungen an Ausrichter, Ehrenamt und Infrastruktur. Mit Heide wurde für 2026 ein wichtiger Gastgeber gefunden. Langfristig wird es jedoch darauf ankommen, Vereine stärker zu unterstützen und die Rahmenbedingungen für zukünftige Ausrichter weiter zu verbessern. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die Meisterschaften auch in den kommenden Jahren ihren festen Platz im Wettkampfkalender behalten.

Für die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften in Heide wünscht sich Krauß vor allem einen reibungslosen Ablauf und zufriedene Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sein größter Wunsch geht jedoch über das Wettkampfwochenende hinaus. Am liebsten würde er noch während der Meisterschaften erfahren, wer die Veranstaltung im Jahr 2027 ausrichten möchte. Denn für ihn wäre das das deutlichste Zeichen dafür, dass die Zukunft dieser außergewöhnlichen Sportart gesichert bleibt. Und dafür, das weiß Krauß, braucht es auch künftig Menschen wie ihn selbst. Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – auf der Wettkampffläche ebenso wie dahinter.
 

AUSGABE           Events 03-2026 | Mehr Sport | Die Formel 1 der Vielseitigen
AUTOR                Nils B. Bohl