Deutsche Seniorenmeisterschaften 2026 in Koblenz | Foto: Mark Dieler
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Seit 26 Jahren Herz der Senioren-DM

Der Mann mit den roten Turnschuhen

Manfred Knigge zwischen Organisation, Gemeinschaft und der Liebe zum lebenslangen Turnen.

Wenn Manfred Knigge eine Turnhalle betritt, dauert es meist keine fünf Minuten, bis jemand fragt: Wo sind deine roten Turnschuhe?

Die Frage gehört mittlerweile zu den Deutschen Seniorenmeisterschaften wie Medaillen, Urkunden und die traditionelle Abendveranstaltung. Seit 26 Jahren ist Knigge Wettkampfleiter der Meisterschaften, organisiert Zeitpläne, koordiniert Kampfrichterinnen und Kampfrichter, moderiert Wettkämpfe und sorgt dafür, dass alles läuft. Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist er längst selbst ein Teil der Veranstaltung geworden. Dabei hätte sein Weg auch ganz anders verlaufen können.

Der heute 70-Jährige war Turner, Kampfrichter, Handballspieler, Trainer, Justizbeamter und Soldat. Zehn Jahre diente er bei der Bundeswehr, zuletzt als Oberfeldwebel. Dort war er unter anderem für Ausbildung und Organisation zuständig. Später arbeitete er in der Justizverwaltung. Struktur, Planung und Verlässlichkeit gehörten während seines gesamten Berufslebens zum Alltag. Vielleicht erklärt genau das, warum er sich bis heute in großen Sportveranstaltungen so wohlfühlt.

Organisation war immer mein Ding, sagt er. Schon lange bevor er beim Deutschen Turner-Bund Verantwortung übernahm, plante er Wettkämpfe, Turnfeste und Großveranstaltungen. Allein in Oldenburg organisierte er Tanzveranstaltungen mit bis zu 1.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Seit mehr als drei Jahrzehnten engagiert er sich ehrenamtlich im Deutschen Turner-Bund und wurde dafür mit der Friedrich-Ludwig-Jahn-Plakette ausgezeichnet.

Startschuss im Jahr 2000

Als die ersten Deutschen Seniorenmeisterschaften im Jahr 2000 beim Deutschen Turnfest in Leipzig stattfanden, war Knigge deshalb schnell zur Stelle. Damals war die Veranstaltung noch ein Experiment. Einige Testwettkämpfe hatten gezeigt, dass es Bedarf gab. Doch niemand wusste, wie groß das Interesse tatsächlich werden würde. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist die Antwort eindeutig. Fast 300 Turnerinnen und Turner reisen an diesem Wochenende nach Koblenz. Der älteste Teilnehmer ist 91 Jahre alt, die älteste Teilnehmerin 87.

Für Knigge sind das keine kuriosen Randnotizen. Es sind die Geschichten, die den Kern dieser Meisterschaften ausmachen.

Ich bewundere jeden Einzelnen, der sich das noch zutraut, sagt er. Viele dieser Turnerinnen und Turner trainieren regelmäßig und stehen mit einer Selbstverständlichkeit an den Geräten, die man manchmal bei deutlich jüngeren Menschen vermisst. Wer ihn sprechen hört, merkt schnell, dass ihn weniger die sportlichen Ergebnisse interessieren als die Menschen dahinter.

Eine große Familie

Die Seniorenmeisterschaften seien über die Jahre zu einer großen Familie geworden. Viele Teilnehmer kennt er seit Jahrzehnten. Er hat erlebt, wie junge Turnerinnen und Turner heirateten, Kinder bekamen und Jahre später mit ihren Familien wieder zu den Meisterschaften zurückkehrten. Man begleitet viele Menschen praktisch durch ihr ganzes Leben, sagt er. Eine Geschichte erzählt er besonders gern. Bei den Meisterschaften in Pirna traf er plötzlich eine ehemalige Turnerin wieder, der er Jahre zuvor in Oldenburg selbst das Turnen beigebracht hatte. Inzwischen war sie nach Hamburg gezogen, hatte geheiratet und Kinder bekommen. 

Solche Momente vergisst man nicht.

Gemeinschaft wichtiger als Platzierung

Zu seinen prägendsten Erinnerungen gehört auch Johanna Quaas. Die inzwischen weltweit bekannte Seniorenturnerin wurde bei einer Veranstaltung geehrt, die Knigge moderierte. Plötzlich standen Fernsehteams in der Halle, Kameras liefen, Journalisten drängten sich um die damals älteste aktive Turnerin der Welt. Doch solche Momente sind eher die Ausnahme. Die eigentliche Stärke der Seniorenmeisterschaften liegt für ihn woanders. Die Gemeinschaft ist wichtiger als die Platzierung.

Während im Nachwuchsleistungssport häufig Tränen fließen, wenn eine Übung misslingt, erleben die Zuschauenden bei den Seniorinnen und Senioren ein anderes Bild. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trösten sich gegenseitig, lachen über Fehler und freuen sich gemeinsam über gelungene Übungen. Natürlich gebe es Ehrgeiz, sagt Knigge. Aber keinen Leistungsdruck. Viele wissen ganz genau, dass sie nicht gewinnen werden. Trotzdem fahren sie quer durch Deutschland, bezahlen ihre Reisen selbst und trainieren das ganze Jahr dafür. Das machen sie nicht wegen der Medaille. Sie machen es, weil sie das Turnen lieben.

Für den Deutschen Turner-Bund sind die Meisterschaften deshalb weit mehr als eine weitere Deutsche Meisterschaft. Knigge ist überzeugt, dass kaum eine andere Veranstaltung die Vereine so stark erreicht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind in ihren Heimatvereinen aktiv, leiten Gruppen, engagieren sich im Gesundheitssport, sitzen in Vorständen oder helfen bei Wettkämpfen. Die tragen ihre Erfahrungen direkt zurück in die Vereine, sagt er. Die erzählen von den Meisterschaften, zeigen ihre Medaillen und Urkunden und berichten von ihren Erlebnissen. Die Wirkung nach unten in die Vereine ist enorm.

Hinzu kommt die wachsende Präsenz in den sozialen Medien. Besonders die jüngeren Teilnehmer über 30 dokumentieren ihr Training, posten Wettkampfbilder und berichten online über ihre Erfolge. Dadurch entsteht Werbung, die der Deutsche Turner-Bund selbst gar nicht leisten könnte.

Dabei sieht Knigge die Meisterschaften auch als Gegenmodell zu einer Gesellschaft, die sich immer weniger bewegt. Viele Kinder lernten grundlegende Bewegungen heute gar nicht mehr, sagt er. Turnen finde in Schulen oft nur noch eingeschränkt statt. Dabei sei gerade das Turnen die Grundlage für viele andere Sportarten.

Wer früh turnt, profitiert ein Leben lang davon.

Vielleicht erklärt das auch, warum die ältesten Teilnehmer für ihn eine besondere Bedeutung haben. Seit einigen Jahren erhalten die älteste Turnerin und der älteste Turner eine eigene Urkunde, die Knigge persönlich entworfen hat. Man weiß nie, ob man sie im nächsten Jahr wieder sieht, sagt er.

Die Worte wirken nach.

Denn genau das unterscheidet diese Meisterschaften von vielen anderen Veranstaltungen. Das Alter ist hier keine Randnotiz. Es erinnert daran, wie kostbar gemeinsame Zeit sein kann. Und deshalb endet der Wettkampf für viele auch nicht mit der letzten Übung. Am Abend wird gefeiert. Mit Musik, Tanz und langen Gesprächen. Für Knigge gehört die Abendveranstaltung genauso dazu wie die Wettkämpfe selbst. Eine Seniorenmeisterschaft ohne Abendveranstaltung kann man vergessen.

Für die Zukunft hat er klare Wünsche. Vor allem soll die besondere Atmosphäre erhalten bleiben. Die Gemeinschaft darf nie verloren gehen, sagt er.

Gleichzeitig hofft er auf eine stärkere internationale Entwicklung. Die ersten Senioren-Länderkämpfe hätten gezeigt, wie groß das Interesse weltweit inzwischen sei. Aus wenigen Nationen seien innerhalb kurzer Zeit Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus acht Ländern geworden. Mein Wunsch wäre, dass sich dieser internationale Gedanke weiterentwickelt und noch stärker gefördert wird.

Und er selbst? 

Aufhören möchte er noch nicht. Immer wieder habe es Momente gegeben, in denen er darüber nachgedacht habe. Doch solange die Gesundheit mitspiele und die Freude bleibe, sehe er keinen Grund dafür. Schließlich gibt es jedes Jahr denselben Moment: Er veröffentlicht in seinem WhatsApp-Status die Nachricht, dass es wieder zu den Seniorenmeisterschaften geht. Wenige Minuten später treffen die ersten Antworten ein.

Wir sehen uns dort.

Ich freue mich schon.

Dann weiß Manfred Knigge, warum er auch nach 26 Jahren noch dabei ist.

Und spätestens wenn er seine roten Turnschuhe anzieht, beginnt für ihn wieder das, was längst viel mehr ist als ein Wettkampf: ein Wiedersehen mit einer großen Familie.

AUSGABE        Events 03-2026 | Mehr Sport | Der Mann mit den roten Turnschuhen
AUTOR             Nils B. Bohl