Turnverein Missouri im Jahr 1860. Eine zeittypische, für viele Vereine angefertigte Bildmontage ihrer Mitglieder. Durch freundliche Vermittlung von Dr. Gerald Gems, Naperville, Illinois, USA.
Historisches

Verfemt, verfolgt, vertrieben, vergessen

Die 4-V der demokratischen Turner beziehen sich auf das Jahrzehnt nach den Revolutionen der Jahre 1848/49. Sie standen im Mittelpunkt des Beitrages in der Sprossenwand vom vergangenen September. Wir haben an den Umgang mit den Baden-Badener Turnern erinnert.

Unter den verfemten treffen wir z. B. den "Turnerdichter" Carl Heinrich Schnauffer, Freund von Struve und Hecker und Dichter in der amerikanischen Emigration. Einem weiteren Dichter, Johann Straubenmüller aus Schwäbisch Gmünd, begegnen wird in Baltimore, Cincinnati und schließlich in New York als Direktor der "Freien Deutschen Schule". Karl Blind aus Mannheim und Karl Heinrich Schaible aus Offenburg finden wir im Londoner Turnverein, ebenso den Freiburger Turnwart Baptist von Schweitzer. Professor Gottfried Kinkel, der von seinem ehemaligen Studenten Carl Schurz aus der Spandauer Festung befreit wurde, unterhielt enge Beziehungen zum Londoner Turnverein. Zum Turnfest in Paris 1965, wo er mit großem Jubel empfangen wurde, hat er ein Festgedicht vorgetragen.

Zahlreich finden sich Turner unter den Emigranten in den USA, wo sie auf Seiten der Nordstaaten eigene Kompanien zum Kampf gegen die Sklavenhalterstaaten des Südens aufstellten. Ehemalige "48er" finden sich unter den Gründern von Turnvereinen in Chile, Brasilien und Australien.

Ein Nebeneffekt der Vertreibungen:

Das Jahn´sche Turnen fand Verbreitung in aller Welt.

Lange wurde die Erinnerung an die Freiheitsbewegung verdrängt. Offiziell durfte nur an die Toten der Staatsintervention erinnert werden. Ihren Teilnehmern stiftete man Medaillen und Gedenksteine. Für die Verlierer blieben Spott und Häme. Aber die Volksbewegung war nicht vergessen.

Die älteren Mitbürger werden sich sicher noch an den 17. Juni als "Nationalfeiertag" der Bundesrepublik erinnern. Er stand für den Volksaufstand in der DDR des Jahres 1953. Ein früherer 17. Juni, auch er jahrzehntelang im Gedächtnis südwestdeutscher Bürger präsent, war da längst vergessen.

Am 17. Juni 1849 wurden bei Rückzugsgefechten der revolutionären Truppen siebzehn rheinhessische Freischärler, unter ihnen etliche Turner, im Schlossgarten von Kirchheimbolanden in der Pfalz von preußischen Soldaten niedergemetzelt. Ebenfall in Rückzugsgefechten fielen Aufständische in einer Talenge bei Rinnthal nahe Annweiler in der Südpfalz.

Denkmale der "trauernden Germania" in Kirchheimbolanden und Annweiler

Germania trauert

An beide Ereignisse erinnern die auf den Friedhöfen in Kirchheimbolanden und Annweiler errichteten Denkmale der "trauernden Germania".

Beide Denkmale gehen auf die Initiative von Bürgern in der jeweiligen Region zurück, die die Ereignisse der Revolutionsjahre und die Erinnerung an die Toten von 1849 stets verbanden mit den politischen Zielsetzungen, nämlich der Durchsetzung einer demokratisch verabschiedeten Reichsverfassung, mit der Gewährleistung von Bürgerrechten in einem vereinigten Deutschland ohne eine Vielzahl von kleinen souveränen Herrschaften.

Beide Denkmale haben eine lange und komplizierte Vorgeschichte, zumal ihre Errichtung in die Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg und der Gründung des Deutschen Reiches fiel.

Denkmale für "Staatsfeinde"?

Ein Vierteljahrhundert sollte es dauern, bis der Initiative endlich stattgegeben wurde. Fünfundzwanzig Jahre, in denen sich mancher Revolutionär an die neuen Verhältnisse angepasst hatte. Manchem "guten Bürger" in den wiedergegründeten Turnvereinen fiel es schwer, sich der Toten aus den eigenen Reihen zu erinnern.

"Auch sie starben für das Vaterland"

Das Umdenken lässt sich an der Inschrift des Denkmals in Annweiler ablesen: "Auch sie starben für das Vaterland". Die Toten des deutsch-deutschen und deutsch-französischen Krieges der Jahre 1866 und 1870/71 werden in eins gesetzt mit denen um die Durchsetzung der für Freiheitsrechte gefallenen Freischärler. Die "trauernde Germania" segnet beide. Mit dieser Lesart konnten sich besonders die Turner in der Emigration nicht anfreunden.

Beim Denkmal in Kirchheimbolanden hält die Germania ihre segnende Hand über die rheinhessischen Turner und Freischärler, die sicher nicht für den 1871 errichteten preußischen Polizeistaat gekämpft hatten.

Die an der Mannheimer Friedhofsmauer 1849 Erschossenen "Märtyrer der Freiheit" erinnert ein schlichter Obelisk mit den Namen der "Gestandrechteten", unter ihnen Turnvereinsmitglied Valentin Streuber.

Eine zusätzliche Gedenkplatte aus Spenden amerikanischer Turner, gemahnt mit der Inschrift:

Von Genossen aus der Fremde sei bekränzt die Gruft der Helden, die dem Standrechtsblei des Siegers stolz sich gegenüberstellten. Ob sie auch im Kampf erlegen, seien dennoch sie gepriesen. Schon beginnt die Saat der Freiheit ihrem Blute zu entspriesen.

St. Louis Missouri im Jahre 1874.

Welche Genossen dort für das Denkmal aktiv wurden, kann nur vermutet werden. Jedenfalls lebte in St. Louis zu dieser Zeit der aus Mannheim geflüchtete Vizepräsident des 1. Hanauer Turntages, Dr. Adam Hammer.

Von den Turnern Missouris ist ein Gruppenbild erhalten.

 

Turnverein Missouri im Jahr 1860. Eine zeittypische, für viele Vereine angefertigte Bildmontage ihrer Mitglieder. Durch freundliche Vermittlung von Dr. Gerald Gems, Naperville, Illinois, USA.

Bis die Saat der Freiheit aufgehen konnte, sollte es noch einige Jahrzehnte dauern. Das frisch aufsprossende Pflänzchen der Weimarer Zeit wurde 1933 von den Nationalsozialisten geknickt, bevor es nach dem Zweiten Weltkrieg unter Mithilfe von "Genossen aus der Fremde" zu einem 80jährigen Baum heranwuchs.

Die Denksteine für die "1849er" sollten daran erinnern, dass unsere demokratischen Freiheitsrechte erkämpft werden mussten. Sie zu schützen und zu verteidigen sollte gerade deshalb heute ein Anliegen der Turner sein.

AUSGABE        Förderung 05-2025 | Historisches | Verfemt, verfolgt, vertrieben, vergessen
AUTOR             Dr. Lothar Wieser