Turn-Abteilung der freiwilligen Turner-Feuerwehr Walsrode, 1900. Atelier Gronemann. Freiwillige Feuerwehr Walsrode, Sammlung
Historisches

Turner-Feuerwehren im 19. Jahrhundert

Einer für Alle, Alle für Einen

Beim Stichwort Feuerwehr wird man nicht unbedingt sofort an Turnen denken. Und doch gibt es enge Verbindungen zwischen der Entwicklung des Turnens im 19. Jahrhundert und den Anfängen des systematischen Feuerlöschwesens. Fachhistorikern ist dies durchaus geläufig.1 

Es soll im Folgenden jedoch nicht um eine weitere Geschichte der freiwilligen Turner-Feuerwehren gehen, sondern anhand unserer Fundstücke einmal (wieder) an das Phänomen erinnert werden, zum anderen an das spezifisch „turnerische“, wie man es zu seiner Zeit verstand, verbunden mit einigen zeitgenössischen Aussagen.

So viel zur Einordnung vorweg:

Der Beginn der Turner-Feuerwehren, mal „freiwilliges Feuerlösch- und Rettungskorps“ des Turnvereins genannt, mal „Pompiers“, „Steigercorps“, „Spritzengesellschaft“ oder „fliegende Wehrschaar“ o. ä., reicht zurück bis in die 1830er Jahre, mit Schwerpunkten in Sachsen und Südwestdeutschland.2

Einem in der Deutschen Turn-Zeitung des Jahres 1890 ausgetragenen Disput dürfte auch Braunschweig hinzugerechnet werden. Danach waren die ältesten Kommandanten F. W. Naumann in Braunschweig (seit 1832 und 1890 immer noch aktiv), Michael Wirsching in Mannheim (seit 1839 und 1890 noch im Dienst) und Heinrich Heiland aus Wiesbaden (seit 1840 und 1890 noch Führer einer Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr).

Die „4F“ des Turnerzeichens, für „frisch, frei, fröhlich, fromm“ (so die ursprüngliche Reihenfolge) symbolisieren die turnerische Grundeinstellung, wobei das fromm für das mittelhochdeutsche „frumb“ steht, mit dem Bedeutungsgehalt von brav (mutig voran), tüchtig, tapfer und hat erst mit der Zeit die heute meist so verstandene religiöse Wendung genommen.

Eingeübt und ausdauernd musste der Feuerwehrmann sein, um in Zeiten vor der Motorisierung die Handspritze, an Deichsel oder Gurten ziehend, im Laufschritt an den Brandort zu bringen; tapfer und mutig, um sich den lodernden Flammen entgegenzuwerfen, tüchtig und geübt, um auf Mauern und Dächern zu balancieren und Menschen und Sachen zu retten.

Ja, zu hehrem Ziel, führet unser Spiel“ und „Kraft und Mut geleite uns zum Ziel hinan“ heißt es in dem wohl bekanntesten Lied „Turner auf zum Streite …

Oft wird den Turnern übersteigerter Nationalismus und Militarismus unterstellt, ein vielfach nachhängendes Erbe aus den Zeiten von Kaiserreich und Nationalsozialismus, doch es gibt auch die „bürgerschaftliche“ Komponente, nämlich, seine im Turnen erworbenen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer und Gewandtheit zum Wohl der Allgemeinheit als dem „hehren Ziel“ einzusetzen. 

Dies kommt treffend in einer Zuschrift an die Mannheimer Abendzeitung es Jahres 1847 zur Geltung, als sich der Turnverein bei der Stadtgemeinde um den Erwerb einer „Feuerspritze“ bemühte:

„Jedem Unbefangenen muß es auch klar sein, daß die verschiedenartigen Körperübungen, deren sich der Turner theilhaftig macht, ihn vorzugsweise befähigen, gerade bei Brandunglücken wirksame Hülfe zu leisten, denn das Stangen- und Tauklettern, das Gehen auf dem Klettergerüste und Schwebebaum – das Leitersteigen und Springen ec. sind insgesammt Uebungen, welche ihn bei der Hülfeleistung mannigfach unterstützen. Außerdem wird durch die verschiedenen sonstigen Uebungen seine Kraft gestählt, und er dadurch größerer Anstrengungen fähig gemacht. Die Ordnungsliebe, welche ihm durch die gemeinschaftlichen Uebungen eingepflanzt wird, dürfte ebenfalls in Berücksichtigung gezogen werden.”3

Aus den Benennungen lässt sich gut die damalige Ausstattung der Turnplätze ableiten; denn geturnt wurde üblicherweise im Freien. Hallen hatten nur ganz wenige Vereine und deren Ausstattung richtete sich nach den Turnplätzen.

Gustav von Struve

Der spätere Revolutionär in den Jahren 1848/49, war der Hauptinitiator des Mannheimer Turnvereins im Jahr 1846. Sein Eintreten für bürgerliche Freiheitsrechte und sein Einsatz „zum Wohle der arbeitenden Klassen“ und einer „Badeanstalt zur Unterstützung des Volksbadens im Rheine“ sind bekannt. Mit Sicherheit stand er hinter dem Antrag an die Stadtgemeinde zur Errichtung der Feuerwehr.

Von Franz Wilhelm Metz, Freund Struves und seit 1846 Turnlehrer des Vereins, wird berichtet, er habe mit einer Turnriege den „Pyramidenbau“ eingeübt, um so im Brandfall „zwei Stockwerke hoch“ in die oberen Etagen der Häuser zu gelangen. Als „Emigrant“ des Jahres 1848 war er in den frühen 1850er Jahren in Hannover am Aufbau einer „freiwilligen Feuerlösch- und Rettungsschaar“, der späteren Turner-Feuerwehr, beteiligt. Der Bonner Jugend wurden 1858 die Turner des Männer-Turn-Vereins Hannover als Beispiel vorgestellt, nach dem man sich, neben der Gründung einer „freiwilligen Rettungsschaar“, um die „Bildung einer Turner-Gesellschaft“ bemühen sollte; denn die hannoverschen Turner hatten 1857 während des Schützenfestes „eine glänzende Feuerprobe bestanden“. Sechs Häuser hatten Feuer gefangen während sich fast die gesamte Einwohnerschaft auf der Festwiese vergnügte.

Zurückgeeilte Bürger fanden weder Spritze noch Löschmannschaften vor Ort. „Nur jugendlich weiße Gestalten befanden sich mitten in den Flammen und retteten, was zu retten war, indem sie mit bewunderungswürdiger Gewandtheit wie Katzen in die Zimmer kletterten und den Inhalt theils auf die Straße warfen, das Zerbrechliche ec. aber auf andere Weise hinausschafften.“ 4

Als die Löschmannschaften eintrafen, hätten die Turner schon durch Einschlagen von Wänden und Dächern die Brandbekämpfung vorbereitet. „Das war das Werk der Turner-Rettungsschaar in Hannover!“, fährt der Artikel fort, um der städtischen Bürgerschaft die Bildung einer solchen zu empfehlen; denn „die gymnastischen Uebungen stärken den Körper, machen den Geist muthiger und bewahren vor der immer größer werdenden Verweichlichung der Jugend!“ Bemerkenswert erschien dem Berichterstatter, dass die Stadt Hannover den Turnern geeignete Häuser zu Übungen für ihre Steiger zur Verfügung stellte.

Vom "schwäbischen Turnvater" Johannes Buhl, der im Turnerbund Schwäbisch Gmünd seit 1847 einen "Steigerdienst" einübte, soll die Entwicklung und Anwendung von Hakenleitern herrühren, mit denen man schnell in die oberen Stockwerke der Häuser gelangen konnte.

Die Leipziger Turnerfeuerwehr galt als vorbildlich, wie sich einer Zuschrift an die Kölnische Zeitung vom 18. Juni 1860 entnehmen lässt: „Die treffliche Organisation und vorzügliche Leistungsfähigkeit der leipziger Turner-Feuerwehr (Sperrdruck) scheint auch in weiteren Kreisen immer größere Geltung zu erlangen.“ Infolge häufiger Anfragen ergingen Einladungen an benachbarte „derartige Genossenschaften“, eine öffentlichen Übung teilzunehmen. Wie die „Kölnische“ unter Berufung auf die in Leipzig erscheinende „Allgemeine Zeitung“ berichtete, waren Zuschauer aus Zwickau, Crimmitschau, Reichenbach i. V. und sogar aus dem böhmischen Rumburg angereist, um über die gezeigten „Marschübungen in Schritt und Laufschritt … Klettern, in Rotten und im Gebrauch der Spritze“ Anregungen mitzunehmen. Wohl zur vollsten Befriedigung, wie die Zeitung weiter schreibt: „Möge dieser Tag recht viele Früchte bringen und dazu beitragen, solchen freiwilligen Rettungs- und Lösch-Compagnieen immer weitere Verbreitung und vollkommnere Einrichtung und Gliederung schaffen und so deren Zweck, gemeinnützige Verwendung jugendlicher Thatkraft mit Heranbildung zu zweckmäßiger Manneszucht und Gewandtheit zu verbinden, immer vollständiger zu erfüllen.“

Diese turnerischen Fertigkeiten, oft als „kriegerisch“ eingestuft, können durchaus auch im zivilen Leben „dem Nächsten zur Wehr“ eingesetzt werden, wie aus dem Antrag an die Gemeinde der sächsischen Stadt Frankenberg aus dem Jahr 1859, „ein freiwilliges Rettungskorps gründen zu dürfen“, hervorgeht. Die „gemeinnützige Korporation“, so wird zum 40jährigen Jubiläum berichtet, sei „allseitig bekannt und geschätzt“ und habe bewiesen, „welche gemeinnützige aufopferungsvolle Thätigkeit sie bei den vielfachen Schadenfeuern … entfaltet habe.“

Mancher Feuerwehrmann hat seinen mutigen Einsatz im Dienst am Nächsten mit dem Leben bezahlt.

Die Uniformierung, mal in hellem „Turnerdrillich“, mal kombiniert mit blauer Bluse oder grüner Jacke, bewehrt mit Helm und mit Beil bewaffnet, hatte schon einen militärischen Anstrich. Aber disziplinierte Schulung und sachgerechte Übung zur Feuerbekämpfung waren ja Voraussetzung für eine effektive Hilfe im Brandfall. Und was sich manche Feuerwehr heute wünschte: Es gab mit Gewehren bewaffnete Abteilungen (wie z. B. in Heidelberg und Heilbronn), die im Brandfall Gaffer und Plünderer auf Distanz halten konnten. Gerade die Heidelberger Turnfeuerwehr [so!] hat in der Revolution des Jahres 1849 auf Seiten der Revolutionäre aktiv in das Geschehen eingegriffen. Andernorts trat die Feuerwehr der Turner in Kriegszeiten an der Seite von Schützenvereinen als lokale Ordnungsmacht auf.

Vom sächsischen Hohenstein-Enstthal ist überliefert, dass die Turner-Feuerwehr bei einem Streit auf der Landesversammlung der Volkspartei am 6. März 1869 zum Einsatz kam, als das Lokal von „bewaffnete(n) Hatzfeldeaner(n)“ gestürmt wurde. „Vahlteich und der Bürgermeister Förster erlitten Mißhandlungen; das Versammlungslokal wurde durch die Turner-Feuerwehr geräumt.“ 5

Feuerwehr-Requisiten

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, seien es Turner-, Sänger-, Schützen- oder Sportvereine, wurde bis in die 1950er Jahre (in vielen Fällen auch darüber hinaus) mit gewissem Stolz öffentlich zur Schau getragen: als Anstecknadel am Revers oder als Nadel mit Emblem für jeden sofort erkennbar an Schirm- oder Ballonmütze.

Und warum sollte man sich nicht zu seiner sozialen Einstellung bekennen?

„Einer für alle. Alle für einen“ oder „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“. Der Mitherausgeber des Frankfurter Nachrichtsblattes, der Hanauer Mülot, hat, in seinem Grundsatzartikel "Der Turner in seiner Stellung zum Leben" die Einstellung der Turner zur Zeit der Gründung der ersten freiwilligen Feuerwehren auf den Punkt gebracht: Dieser habe die moralische Verpflichtung, seine durch das Turnen erlangte "körperliche Ausstattung" zum Wohl des Nächsten einzusetzen.

Gilt es, einen Mitmenschen aus einer Gefahr zu retten, so ist es vor allem des Turners Pflicht, ihm beizuspringen; denn er vor Allen hat Kraft, der Gefahr zu begegnen." 6 Doch nicht allein Kraft, Ausdauer, Gewandtheit und Festigkeit, auch Scharfblick, Mut, Entschlossenheit und fester Wille würden dem Turner abverlangt; mit  Blick auf das vaterländische Ziel, durfte die "sittliche Ausstattung", Gehorsam, Ordnungssinn und Pünktlichkeit nicht fehlen.7 

Mülots Fazit lautete: 

Für den Turner also vor allen Andern gilt in jeder Lage des Lebens der Satz: ´Du sollst, denn du kannst!´8

In Hanau entstand eine der ersten Turnerfeuerwehren in Süddeutschland. Sie stand unter der Leitung des späteren Revolutionärs August Schärttner.

„… denn Werkzeuge sind tot“

Die bürgerlich-solidarische Einstellung, der Einsatz "zum Wohl des Mitmenschen" oder, wie sich Spritzenfabrikant Carl Metz aus Heidelberg ausdrückte, aus "Nächstenliebe", kommt treffend in einer Weiherede des Jahres 1846 zum Ausdruck. Die Anschaffung von Gerätschaften allein genüge nicht, "... denn die Werkzeuge sind tot, aber die Nächstenliebe und der feste Wille, im Falle der Not helfen zu wollen, müssen lebendig sein." 9 Wer sei "geschickter zu einem Muth und Entschlossenheit erfordernden Unternehmen, als der wackere frische Turner, wer bereitwilliger ein Menschenleben aus der Gefahr zu retten, als der geübte frische Turner", heißt es dort bei der Erklärung des Turnerwahlspruches.10  Nur sich um der Kraft willen zu üben oder sich wohl zu fühlen, sei eines Mannes unwürdig, geht aus einem Disput im Dresdener Turnverein hervor. Den "edlen Endzweck" seiner Körperübung habe der Turner stets im Auge zu halten: "Andern Hülfe zu bringen in der Noth."11

Es ist dies die turnerische Grundeinstellung, die leider derzeit verloren zu gehen droht, in einer Zeit, in der das kommerzielle Denken immer stärker alle Bereiche des Sports durchdringt, wo gesellschaftliche Individualisierung und Egoismus um sich greifen.

Wie die Turnvereine selbst, waren die Turner-Feuerwehren entweder als Abteilungen geführt oder sie verwalteten sich selbst als Vereine, mit all ihren zugehörigen Versammlungen, Festen und Feiern. Insofern sind von Turner-Feuerwehren alle Requisiten überliefert, wie man sie von diesen Gesellschaften kennt: Neben den Ausrüstungsgegenständen, wie Uniform, Helm, Beil, Seil, Hakenleitern und Feuerspritze, auch Gruppenaufnahmen, Urkunden, Postkarten, Tabakspfeifen, Pokale oder Trinkhörner.

Durchsucht man das Internet nach Turner-Feuerwehren, stößt man derzeit mehrmals auf die Turner-Feuerwehr Tann in der Rhön. Es scheint derzeit die einzige unter diesem Namen noch aktive Turner-Feuerwehr zu sein. Hinweise in Internetauftritten von Freiwilligen Feuerwehren oder städtischen Berufsfeuerwehren belegen, dass ihre Ursprünge vielfach auf die Initiative von Turnvereinen oder Turner-Feuerwehren zurückgehen.

Danksagung

Mein Dank geht an die Archive, die mir in entgegenkommender Weise Abbildungen zur Verfügung gestellt haben: Stadtarchiv Bielefeld, Freiwillige Ortsfeuerwehr Walsrode, Heidekreis, Niedersachsen (Herrn Jens Führer), Feuerwehr Heiligenstadt, Thüringen (Herrn Thomas Müller).
Mein besonderer Dank gilt Herrn Günter Herber, Wiesbaden, der einige Abbildungen aus seinem reichhaltigen Fundus beigesteuert hat.

Quellen:

1  CTIF (Hrsg): 19. Tagung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Feuerwehr- und Brandschutzgeschichte im CTIF vom 12. bis 14. Oktober 2011. Pribyslav, Tschechien. Im Internet verfügbar: www.ffb.kit.edu/ctif_tagungsbaende/19_2011_Feuerwehr_und_Turnerb 
2  Vgl. Wieser, Lothar:„Der praktische Nutzen der Turnerei“ - Die Feuerlösch- und Rettungskorps der Turnvereine im deutschen Vormärz. In: Ehlers, Martin / Friedrich, Markus / Mayer Karl J. (Hg.): Dokumentation zur Tagung „200 Jahre Turnen in Württemberg“ am 18. Mai 2016 in Calw-Hirsau. Stadtarchiv Calw, Kleine Reihe 33, 57-76. 
3  Mannheimer Abendzeitung, 8. 3. 1847, S. 259.
4  Bonner Zeitung, 4.11.1858, S. 3.
5  Mannheimer Abendzeitung, 10.3.1869.
6  Nachrichtsblatt für Deutschlands Turnanstalten und Turngemeinden, Frankfurt 1846, 39.
7  Ebd., das letzte Argument mit Blick auf den "Vaterlandsvertheidiger", aber auch Kampf gegen "innere Feinde".
8  Ebd., Unterstreichung im Original gesperrt.
9  Zit. Nach Fleck 1963, 38. Obwohl Metz die Bildung von freiwilligen Löschkorps durch Turnvereine befürwortete, war er kein Turner oder, wie bisweilen behauptet, Turnlehrer. Er hat sie jedoch gerne, ganz Fabrikant und Unternehmer, an seinen Produkten eingeübt. Vgl. dagegen Thielecke 2008, Bildunterschrift. Auf der Seite der Aufständischen stand er gleich gar nicht.
10  Der Turner 1846, S. 295 f.
11  Ebd., S. 356.

AUSGABE        Talente 01-2026 | Historisches | Einer für Alle, Alle für Einen
AUTOR             Dr. Lothar Wieser