Einzug in die Paulskirche | Foto: Picture Alliance
Historisches

Der DTB und die demokratische Tradition des Turnens

1848/49 – und danach?

Bekanntlich feierte der Deutsche Turner-Bund 2023 sein 175-jähriges Jubiläum. Der Festakt in der Frankfurter Paulskirche sollte bewusst an die Gründung des ersten nationalen Turnverbandes in Hanau im April 1848 und die Beteiligung der Turner an der demokratischen Bewegung in den beiden Revolutionsjahren erinnern.

 

Abbildung: Turnerspalier beim Einzug der Abgeordneten in die Frankfurter Paulskirche im Mai 1848

Bei der Rückbesinnung auf den April tritt meist die Gründung des zweiten deutschen Turnverbandes, nämlich die des "Demokratischen Turnerbundes" im Juli des gleichen Jahres, in den Hintergrund. Dabei waren es eher die demokratisch orientierten Turner, die in den Kämpfen um die Einführung der Reichsverfassung des Jahres 1849 ihr Leben aufs Spiel setzten.

 

Abbildung: Die beiden Revolutionsführer des Jahres 1848, Friedrich Hecker (Mitte, links) und Gustav Struve, Mitgründer des Mannheimer Turnvereins 1846, im Kreis von aufständischen Bürgern, mit der Fahne der "Republik Deutschland", dem politischen Ziel der Anhänger des Demokratischen Turnerbundes

Gründung zweier nationaler Turnverbände

Ohne auf die recht verzwickte Geschichte der verschiedenen nationalen Bünde dieser Jahre näher eingehen zu können, darf festgehalten werden, dass es zur Gründung zweier nationaler Turnverbände kam und, dass der Deutsche Turnerbund die Reaktionszeit der 1850er Jahre überlebte. Die Vereine des Demokratischen Turnerbundes wurden von den Behörden unterdrückt.

 

Abbildung: Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Ziele äußern sich in den "Zweckparagraphen". Hier: Formeln aus den Jahren 1848/49

Indizien für den Fortbestand gibt es viele

Einmal gab es bis zum Jahr 1852 die in Dresden erscheinende Zeitschrift "Der Turner", der über die erfolglosen Einigungsverhandlungen der Turner berichtete. Als sein Nachfolgeorgan darf ab 1853 die unter Redakteur Theodor Georgii in Eßlingen erschienene "Turn-Zeitung" angesehen werden, an die auch der "Vorort" des Deutschen Turner-Bundes, der Männer-Turnverein in Hannover, seine Berichte lieferte.

Zeitungstitel von "deutschen" Turnzeitungen 1849 bis 1860

Existenz des Verbandes

Die wichtigsten Belege sind jedoch die in den späten 1980er Jahren aufgefundenen Protokolle des Deutschen Turnerbundes im Archiv des niedersächsischen Vorortvereins, dem heutigen VfL Hannover von 1848.

Über sie ließ sich eindeutig die lückenlose Existenz des Verbandes bis zur Gründung der Deutschen Turnerschaft belegen.

Die Traditionslinie des DTB bis zu den Revolutionsjahren zurückzuziehen, fiel manchem Konservativen noch in den 1990er Jahren schwer, zumal sich die Deutsche Turnerschaft nach der Reichsgründung des Jahres 1872 zunehmend von ihren "Jugendsünden" absetzte und besonders unter der Herrschaft der Nationalsozialisten die demokratischen Wurzeln verteufelte. Allein der 1893 gegründete Arbeiter-Turnerbund (ab 1919 Arbeiter-Turn- und Sportbund) berief sich auf die demokratischen Traditionen. Er wurde 1933 von den Nationalsozialisten unterdrückt.

Zum 100. Jubiläum 1948 und unter dem Eindruck der Zerstörungen und des Leids der Kriegsjahre, haben sich die deutschen Turner, nicht zuletzt unter dem Einfluss oder auf Druck der Besatzungsmächte, ihrer Wurzeln im Revolutionsjahr 1848 erinnert. Für kurze Zeit galt die historische Sicht der Arbeiterturner ehe sich wieder die konservative Lesart der Revolutionsjahre als Vorgeschichte mit ihren Jugendsünden und ideologischen Verirrungen durchsetzte. Die Zählung der "deutschen" Turnfeste begann (und beginnt noch) mit dem Deutschen Turn- und Jugendfest des Jahres 1860 und selbst in Kreisen der Sportgeschichte wird die Verbandsgeschichte der frühen Jahre nicht mehr wahrgenommen. Besonders die 1850er Jahre sind ein noch unbeackertes Feld.

"Gegen Demokraten helfen nur Soldaten"

Gemäß dieses Spruches ließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV 20 000 seiner Soldaten zur Niederschlagung der demokratischen Bewegung für die Durchsetzung der vom Frankfurter Parlament beschlossenen Reichsverfassung in die Pfalz und nach Baden einmarschieren. Aus allen Teilen Deutschlands waren Freiwillige, darunter viele Turner, herbeigeeilt, um sich der Volksbewegung anzuschließen. Bekannt wurden größere Einheiten der Fuldaer, Hanauer und Heilbronner Turner. Sehr aktiv war auch die Heidelberger Turnfeuerwehr, die regierungstreuen fliehenden Militärs bei Sinsheim ihre Kanonen abjagte.

Das badische Militär war auf die Seite der Aufständischen übergetreten, doch die zahlenmäßig weit unterlegenen und schlecht bewaffneten Einheiten waren gegen das durch Hessen und Mecklenburger verstärkte Bundesheer chancenlos. In ständigen Rückzugsgefechten wurden sie nach Süden zurückgedrängt. Viele Turner flüchteten in die nahe Schweiz.

Die letzten Einheiten, die sich in die Festung Rastatt zurückgezogen hatten, kapitulierten im Juni 1849.
 

"Demokratenriecherei"

Die Turnvereine, besonders die des Demokratischen Turnerbundes, waren massiven Verfolgungen ausgesetzt. Viele vernichteten vorsorglich ihre Akten, den Schriftverkehr und versteckten ihre Fahnen. Die Fahndungen erstreckten sich auch auf Turnkleidung und Heckerbilder, rote oder schwarz-rot-goldene Cocarden, Hüte mit Federn, generell "Abzeichen jeglicher Art der Parthei der Feinde". Selbst nach Bärten und Liederbüchern wurde gefahndet. Das Denunziantentum hatte Konjunktur.

Wer sich nicht rechtzeitig abgesetzt hatte, lief Gefahr der standrechtlichen Behandlung durch das preußische Militär. Unter den Hingerichteten finden sich auch Turner, so der in Freiburg erschossene Max Dortu und der an der Mannheimer Friedhofsmauer hingerichtete Valentin Streuber. In der Zentraldatei badischer Revolutionäre begegnen uns Hinweise auf viele Turnvereinsmitglieder und deren Schicksale als Verfolgte und Emigranten in aller Welt.

Vom Turnverein Baden-Baden von 1847, der der demokratischen Bewegung nahe stand, ist eine Episode dieser Zeit überliefert an der sich belegen lässt, wie es anderen Vereinen ebenfalls ergangen sein dürfte. Eine anonyme Anzeige machte die Karlsruher Behörden auf das merkwürdige Treiben in einem Gasthaus aufmerksam, wo Turner und Demokraten sich versammelten und die Freiheit hochleben ließen. Sogar "Turnerkleider" seien dort versteckt worden.

Der Schriftführer des Vereins, Alois Kühn, hatte sich unter Mitnahme schriftlicher Unterlagen in sein Elternhaus nach Steinbach abgesetzt und sie so gut versteckt, dass sie von den preußischen Soldaten bei einer Hausdurchsuchung 1851 nicht gefunden wurden. Aber der Besitz eines Buches über die Turnkunst und eines Turner-Abzeichens reichten aus, um ihm den Bart zu stutzen und ihn für sechs Wochen in die Kasematten der Festung Rastatt zu stecken. Nach seiner Rückkehr hat er dann die Akten vernichtet. Allein ein Siegel aus der Gründungszeit hat die Reaktionsjahre überdauert. Die schwarz-rot-goldene Vereinsfahne mit der Aufschrift "Freiheit – Gleichheit – Brudersinn" galt schon seit dem Jahr 1849 als verschollen. In vielen Vereinen gibt es deshalb kaum noch Unterlagen aus den Gründungsjahren. 

Während in Baden mit zwei Ausnahmen alle Turnvereine verboten wurden, bestanden sie und ihre regionalen Turnverbände in anderen deutschen Staaten weiter. Wie eingangs betont, ging die Vorortschaft des Deutschen Turnerbundes mit einigen Zwischenstufen an den Männer-Turn-Verein zu Hannover über. Die überwiegend in Norddeutschland beheimateten Vereine versuchten, 1858 unter der Vorortschaft des Hamburger Turner-Bundes und ab 1859 mit Vorort Stade, "den Bund für Zeiten, die der Turnerei günstiger sind, zu erhalten". Es ist ihnen geglückt. Bereits vor dem immer wieder kolportierten "Ruf zur Sammlung" der beiden Schwaben Kallenberg und Georgii, haben norddeutsche Turner den "Ruf zum Turnen" ergehen lassen.

Turnerschicksale

Am Beispiel vierer Mitglieder des Baden-Badener Turnvereins lässt sich nahezu die gesamte Bandbreite des Umgangs mit der Opposition zeigen:

Einer konnte rechtzeitig nach Amerika entkommen, ein weiterer wurde verhaftet und in Rastatt eingesperrt, konnte aber fliehen und sich ins nahe Ausland absetzen. Ein Mitglied wurde zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und später "zur Auswanderung begnadigt". Von einem weiteren hat sich jede Spur verloren.

Die meisten Turner hatten sich in die Schweiz retten können, von wo aus der Großteil nach Nordamerika auswanderte. Dort kam es zur Gründung zahlreicher Turnvereine und eines nationalen Turnverbandes. "1848er" finden sich als Vereinsgründer aber auch in der Schweiz, in England und Frankreich, in Südamerika und selbst im fernen Australien.

AUSGABE        #BeActive 04-2025 | Historisches | Der DTB und die demokratische Tradition des Turnens
AUTOR             Dr. Lothar Wieser