Turnerpyramide des Mannheimer Turnvereins bei der Turnhalleneinweihung 1903
Historisches

"Ein vereinigtes, harmonisches Zusammenwirken vieler Männer"

Das Pyramidenturnen

Zu den Attraktionen von Vereinsfeiern und Turnfesten gehörten über Jahrzehnte Gruppenübungen in Form von Pyramiden. Angefangen bei Kleinstgruppen von zwei oder drei Turnern, konnten bei einer größeren Zahl und unter Verwendung von Geräten kunstvolle Bauwerke konstruiert werden. Regelmäßiges Üben und gewissenhafte Vorbereitungen waren hierfür unabdingbar und wurden als ernsthafte Gymnastik betrieben.

Über Turnerpyramiden wurde bereits in den 1840er Jahren berichtet, wo sie dem praktischen Zweck als Vorübung für die Turner-Feuerwehren dienten. Der Mannheimer Turnlehrer Franz Wilhelm Metz soll 1846 mit seinen Turnern Pyramiden gestellt haben, um mit seiner Löschtruppe drei Mann hoch in die oberen Stockwerke der Häuser zu gelangen.

Abbildung: Pyramide mit Fähnchen. Häcker, o. J.


Turnlehrer C. Leibl aus St. Johann, der 1861 in Dortmund mit seinen Turnern das Pyramidenturnen zum Zwecke der Verschönerung der dortigen Turnfeste eingeübt hatte, veröffentlichte seine Gruppenformationen mit choreografischen Zeichnungen in der Deutschen Turnzeitung (DTZ) vom 5.12.1862:

Die Pyramiden gehören in diejenige Gruppe von Freiübungen, welche sowohl zu ihrer Ausführung erforderlichen Kraft und Gewandtheit vieler vereinigt wirkender Turner, [im Original gesperrt] als auch ihrer Schönheit und Künstlichkeit halber von besonderem Werthe sind. […] Es mag hierdurch auch die edle Turnkunst in schönster Weise versinnlichen, was durch ein vereinigtes, harmonisches Zusammenwirken vieler Männer, von denen Jeder am rechten Platze steht, erreicht werden kann.

Wie wichtig nicht nur das harmonische Zusammenwirken, sondern auch absolute Verlässlichkeit und die Qualität der Geräte war, ist einer Warnmeldung in der DTZ zu entnehmen: Beim Auftritt des Arbeiterturnvereins Löbtau in einem Gasthof des nahen Roßthal (heute Dresden), ereignete sich ein folgenschwerer Unfall bei der Stellung einer Leiterpyramide. Durch den Bruch der Leitern entstand nicht nur erheblicher Sachschaden an Wand- und Kronleuchtern sowie Inventar. Einige Turner erlitten leichte Verletzungen, einer zog sich einen komplizierten Beinbruch zu. Der Artikel warnte: Jetzt ist die Zeit solcher Vorführungen wieder da. Also Vorsicht vor allem beim Einüben und auch bei der Aufführung! (DTZ 1909, S. 857)

Die Zeit, das waren üblicherweise die Wintermonate, in denen in Behelfshallen oder Gasthöfen geturnt wurde und die Turnerpyramiden besondere Höhepunkte von Bällen oder Weihnachtsfeiern bildeten.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Pyramidenturnen zu einer Modeerscheinung. Verwandlungsgruppen mit Zier-Kränzen, Fähnchen, Girlanden oder Flaggen, schließlich mit der beliebten „bengalischen Beleuchtung“ beeindruckten das Publikum.

Bekannte Verlage für Turnliteratur, wie J. C. Lion in Hof oder der Mähler-Verlag in Stuttgart, veröffentlichten Bauanleitungen mit teils farbigen Tafeln. Auch Vorlagen des Schweizer Turnlehrers A. Rietmann aus St. Gallen, 60 Pyramiden an einem und an zwei Pferden oder Pferd-, Stuhl- und Leiter-Pyramiden von J. Reinhardt aus Lörrach, finden sich in deutschen Turnvereinsbibliotheken.

Die Flach-Pyramiden

In der Illustrirten Zeitschrift für das Vereins-Turnen, Der Turner widmete sich Herausgeber Gustav Pohlmann im Jahr 1887 in einem größeren Beitrag den dankbarsten und beliebtesten derartiger turnerischer Vorführungen. Sie böten sowol an Concertabenden, wie in den Kaffepausen der Kränzchen und Bälle eine ansprechende, stets angenehme Abwechslung; … (S. 48 f). Den Empfehlungen zum Aufbau, zu Vorübungen und Sicherheitsmaßnahmen sind einige Abbildungen von C. W. Zahn zu Flach-Pyramiden beigegeben.

Beim Kaiserbesuch in Maria Laach im Juni des Jahres 1897 gehörte eine große Turnerpyramide zum Teil des Festprogramms.

Eine besondere Attraktion bildete wohl der Eifel-Thurm, gestellt von 40 Turnern, wie aus der Vorlage von Heinrich Wäffler aus Aarau in der Schweiz zu ersehen ist.

Vereine, wie in diesem Fall der Mannheimer Turnverein von 1846, ließen Postkarten mit Pyramiden ihrer Turner drucken, andere, wie der Neusser Turnverein warben um Spenden für den Baufonds einer neuen Turnhalle.

Mit deutschen Auswanderern fand diese spezielle Form des Turnens sogar den Weg nach Übersee und beeindruckte das dortige Publikum. In vielen Festschriften wird darüber berichtet. Hier Abbildungen aus dem Jahrhundertalbum der Stadt Rio Negro im brasilianischen Bundesstaat Paraná und der Turnabteilung des Handwerker-Unterstützungs-Vereins der Staatshauptstadt Curitiba.

Pyramidenturnen aus der Mode?

Pyramidenturnen ist mit der Zeit aus der Mode gekommen. Hinweise finden sich nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch. Dann meist in Verbindung mit Vorführungen der alten Turner, mit zackigen Aufmärschen und angeklebten Schnurrbärten. Mit dem ernsthaft betriebenen Pyramidenturnen der früheren Jahrzehnte kann dies kaum noch verglichen werden.

AUSGABE        Events 03-2026 | Historisches | Das Pyramidenturnen
AUTOR             Dr. Lothar Wieser