Gymnastikrollen- und Ballwagen | Foto: DOSB
Fit & Gesund

NEBB-Update: Bewegung neu denken

Warum Vereine jetzt profitieren

Die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung (NEBB) werden derzeit überarbeitet. Warum dieser Prozess wichtig ist, welche Rolle der organisierte Sport dabei spielt und was Vereine vor Ort davon haben können, darüber spricht Nils B. Bohl mit Dr. Michaela Werkmann, Vorständin des Deutschen Turner-Bundes (DTB), und Dr. Mischa Kläber, Ressortleiter Breiten- und Gesundheitssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Warum das Update jetzt wichtig ist.

Dr. Michaela Werkmann
Vorständin des Deutschen Turner-Bundes

Dr. Mischa Kläber
Ressortleiter Breiten- und Gesundheitssport beim Deutschen Olympischen Sportbund 

Was genau steckt hinter dem NEBB-Update, und warum ist diese Überarbeitung gerade jetzt so wichtig?

Dr. Mischa Kläber: Die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung werden aktuell überarbeitet, weil das Thema nach wie vor eine hohe Brisanz hat. Es geht letztlich darum, dem Bewegungsmangel in Deutschland auf einer guten wissenschaftlichen Grundlage entgegenzutreten. Noch immer erreichen viel zu viele Menschen das Mindestmaß an Bewegung nicht. Bei Erwachsenen sind es rund 40 Prozent, bei Kindern und Jugendlichen etwa 80 Prozent.1)

Gleichzeitig entwickelt auch die WHO ihre Empfehlungen weiter. Vor diesem Hintergrund braucht es ein Update für Deutschland, sowohl mit Blick auf die Bewegungsdosis als auch auf die Frage, wie wir die Strukturen so weiterentwickeln, dass mehr Menschen in Bewegung kommen und möglichst auch den Weg in den Sportverein finden.

Dr. Michaela Werkmann: Wichtig ist, dass es dabei nicht nur um Freizeitaktivitäten geht, sondern um ein grundsätzliches Umdenken in allen Lebensbereichen. Bewegung ist ein elementarer Bestandteil von Gesundheit. Dieses Update verleiht dem Thema noch einmal eine andere gesellschaftliche und politische Bedeutung. Für uns als Teil des organisierten Sports ist das wichtig, weil wir genau dafür stehen, Bewegung in die Gesellschaft zu bringen – weit über das hinaus, was in Turnhallen oder auf Sportplätzen stattfindet.

Wer hat den Prozess zur Aktualisierung angestoßen?

Dr. Mischa Kläber: Ausgangspunkt waren auf Ebene der damaligen Bundesregierung zwei Bewegungsgipfel. Hintergrund waren klare Daten: Zu viele Menschen bewegen sich zu wenig – Erwachsene ebenso wie Kinder und Jugendliche.1)

Danach gab es einen Runden Tisch im Bundesministerium für Gesundheit. Auftraggeber des Prozesses ist das Bundesministerium für Gesundheit. Es hat die FAU Erlangen-Nürnberg um den Lehrstuhl von Prof. Dr. Klaus Pfeifer beauftragt, die Nationalen Empfehlungen zu aktualisieren und zugleich zu erweitern – etwa mit Blick auf die Bedarfe von Menschen mit Behinderung, aber auch auf Themen wie globale Gesundheit und Digitalisierung. (Anm. der Redaktion: aktuelle Zielgruppen: Kinder/Jugendliche, Erwachsene; ältere Erwachsene; Erwachsene mit chronischen Erkrankungen)

Welche Akteure wirken an diesem Prozess mit?

Dr. Mischa Kläber: Der Prozess ist sehr umfassend. Beteiligt sind Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen und der organisierte Sport. Hinzu kommen weitere Verbände, Krankenkassenverbände und nachgeordnete Behörden des Bundesministeriums für Gesundheit. Für uns ist wichtig, dass der organisierte Sport hier breit vertreten ist – nicht nur der DOSB, sondern auch der Deutsche Turner-Bund, der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband, Kneipp, die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft. Gerade weil der organisierte Sport der größte Bewegungsanbieter in Deutschland ist, muss das, was jetzt erarbeitet wird, zu den Strukturen in unserer Sportvereinslandschaft passen.

Warum ist es so wichtig, dass der organisierte Sport dabei nicht nur beobachtet, sondern aktiv beteiligt ist?

Dr. Michaela Werkmann: Weil es um die grundsätzliche Frage geht, wie Bewegung als Grundlage für die Gesundheit der Gesellschaft stärker verankert wird. Zuschauen kann und darf für den größten Bewegungsanbieter Deutschlands – den organisierten Sport – keine Option sein. Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen ein anderes Bewusstsein dafür entwickeln, wie relevant Bewegung für präventive Gesundheitsförderung ist. Das ist für uns als DTB zentral, weil genau das in unseren Vereinen Tag für Tag gelebt wird. Dafür braucht es aber verlässliche Rahmenbedingungen, für die wir uns aktiv einsetzen müssen, damit zum einen die Bedarfe der Vereine, aber zum anderen auch ihr gesellschaftlicher Mehrwert sichtbar wird.

Dr. Mischa Kläber: Wir müssen die Bewegungsförderung in Deutschland insgesamt besser positionieren. Im Ernährungsbereich gibt es deutlich stärkere Strukturen, mehr Sichtbarkeit und mehr Förderung. Im Bereich Bewegungsförderung haben wir hier einen klaren Schiefstand – wir brauchen dringend eine koordinierende Instanz für das Thema. Deshalb ist dieses Update auch ein wichtiges Signal. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass Bewegungsförderung nicht nur auf Alltagsaktivität reduziert wird. Natürlich gehören Fahrradfahren, Gartenarbeit oder aktive Mobilität dazu. Aber Sportvereine sind als bewegungsorientierte Lebenswelt der Ort, an dem nachhaltige Lebensstilveränderungen entstehen können. Wer regelmäßig in den Verein kommt, bleibt dauerhaft in Bewegung.

Frau Dr. Werkmann, welche besondere Perspektive kann der DTB in diesen Prozess einbringen?

Dr. Michaela Werkmann: Der DTB bringt eine sehr relevante Perspektive ein, weil ein großer Teil unserer Mitglieder in den Bereichen Fitness, Gesundheits- und Freizeitsport aktiv ist. Das unterscheidet uns von anderen Spitzenverbänden, die stärker von einzelnen Sportarten und Wettkämpfen geprägt sind. Der DTB hat historisch ein sehr breites Bewegungsverständnis und bringt genau diese Kompetenz in die Debatte ein: Menschen mit Spaß und Freude in Bewegung zu bringen. Das geschieht tagtäglich in unseren Vereinen in ganz Deutschland.

Für uns ist wichtig, dass diese Arbeit auch anerkannt wird – gesellschaftlich, politisch und letztendlich auch finanziell. Denn das, was jeden Tag in den Vereinen stattfindet, braucht Förderung, Ressourcen und politische Unterstützung. Wenn wir diese Perspektive und damit verbundene Forderungen auf Bundesebene nicht einbringen, wird am Ende auch in den Vereinen nichts ankommen.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: In solchen Prozessen sind unterschiedliche Bewegungsanbieter beteiligt, u.a. auch Vertreter*innen von kommerziellen Sportangeboten. Deshalb ist es umso wichtiger, die besondere gesellschaftliche Wirkung der Vereine herauszustellen. Vereine stehen auch für Gemeinschaft und soziales Miteinander und damit wiederum für weitere Aspekte der allgemeinen Gesundheitsförderung. Auch dafür müssen wir in diesem Prozess eintreten.

Herr Dr. Kläber, warum braucht es aus Sicht des DOSB die Stimme der Sportverbände, wenn über Bewegungsförderung in Deutschland gesprochen wird?

Dr. Mischa Kläber: Aus dem einfachen Grund, dass Bewegungsförderung nicht ohne die Mittel, Möglichkeiten und Bedarfe der Sportvereine gedacht werden kann. Wir sind flächendeckend der größte Bewegungsanbieter, wir sind gemeinnützig, wir haben niedrigschwellige Programme für jedermann und -frau und wir stehen für nachhaltige Lebensstilveränderung. Deshalb muss der organisierte Sport politisch gewürdigt und in entsprechende Maßnahmen eingebunden werden.

Ohne diese Strukturen bleiben häufig nur zeitlich befristete Projekte. Wenn dort die Kümmerer-Struktur wegfällt, fällt vieles wieder auf Null zurück. In den Sportvereinen ist das anders. Dort gibt es gewachsene, verlässliche Strukturen für regelmäßige Bewegung und Sport. Gerade in der Turnstruktur ist Gesundheitsförderung und Prävention ein Teil der DNA. Das ist so stark ausgeprägt wie in kaum einem anderen Spitzenverband.

Welche konkreten Vorteile hat der Verein vor Ort davon, dass sich der DTB in diesen Prozess einbringt?

Dr. Michaela Werkmann: Zunächst geht es um eine grundlegende Anerkennung dessen, was im Verein bereits passiert. Vereine können dadurch in ihrer Kommune sichtbarer werden und sich als Bewegungsanbieter noch klarer positionieren. Darüber hinaus geht es aber auch ganz konkret um Ressourcen und Fördergelder, die häufig auf Bundesebene angestoßen und über Länder oder Programme bis in die Vereine hinein weitergegeben werden.

Wenn wir in solchen Prozessen deutlich machen, welche Bedeutung die Vereinslandschaft für Prävention und Gesundheit hat, stärkt das am Ende auch die Vereine. Das betrifft Programme, Bildungsangebote, wissenschaftliche Erkenntnisse und Qualitätsstandards, die später in die Praxis übertragen werden – etwa in die Ausbildung von Übungsleitungen oder in konkrete Programme z.B. im Kinderturnen oder in Präventionskursen. Davon profitieren die Vereine unmittelbar, und davon profitieren auch ihre Mitglieder.

Könnte man sagen, dass es die Aufgabe des organisierten Sports ist, aus wissenschaftlichen Empfehlungen alltagstaugliche Praxis zu machen?

Dr. Michaela Werkmann: Absolut. Genau darum geht es. Natürlich wirkt so ein Prozess auf den ersten Blick abstrakt. Aber wenn wir auf dieser Ebene nicht dafür eintreten, dass Empfehlungen für Bewegungsförderung so formuliert werden, dass sie politisch ernst genommen und praktisch umsetzbar werden, dann hat das am Ende sehr konkrete Folgen für die Vereine. Alles, was wir in diesen Diskussionen einbringen, dient letztlich dazu, dass vor Ort gute Bewegungsangebote stattfinden können.

Was ist notwendig, damit Bewegungsförderung in Deutschland tatsächlich stärker im Alltag ankommt?

Dr. Mischa Kläber: Statt immer nur Milliardenlöcher im Gesundheitssystem zu stopfen, sollte man sehr viel stärker in Prävention investieren – auch in den organisierten Sport. Gerade im Hinblick auf Bewegungsförderung auf qualitativ hohem Niveau mit gut ausgebildeten Übungsleitungen und Trainer*innen liegt hier ein enormes Potenzial. Der Return on Investment ist wissenschaftlich belegt. Natürlich braucht es daneben weitere Maßnahmen in der Verhältnisprävention. Aber mehr Bewegung verhindert viele Probleme, bevor sie entstehen. Und Sportvereine sind dabei ein Schlüssel und Teil der Lösung.

Können die neuen Empfehlungen Vereinen auch im Austausch mit Kommunen, Schulen, Kitas, Ärzt*innen oder Krankenkassen zusätzliche Argumente liefern?

Dr. Mischa Kläber: Ja, sie schaffen eine gemeinsame Grundlage, an der man sich orientieren kann. Zum einen wird noch einmal deutlich belegt, welche Bewegungsdosis sinnvoll ist. Zum anderen geht es nicht nur um Bewegung, sondern auch um Bewegungsförderung: Welche Strukturen brauchen wir in Deutschland, damit Menschen überhaupt wieder dauerhaft für Sport und Bewegung gewonnen werden?

Dazu gehört auch Sichtbarkeit. Wenn Menschen konkret sehen, welche Angebote es in ihrer Umgebung gibt, und wenn Multiplikator*innen wie Ärzt*innen, Apotheker*innen oder Gesundheitsämter darauf verweisen können, dann finden sie eher den Weg in den Verein. Dort erleben sie Bewegung, Gemeinschaft und weitere positive Effekte für die Gesundheit. Die Bewegungslandkarte (BeLa) ist hier ein wertvolles unterstützendes Tool, welches die zahlreichen Sport- und Bewegungsangebote des organisierten Sports sichtbar macht.

Dr. Michaela Werkmann: Hinzu kommt die kommunale Vernetzung. Ob Schule, Kita, Kirche oder Seniorentreff – überall können gemeinschaftliche Strukturen geschaffen werden, um Menschen in Bewegung zu bringen. Vereine bringen hier eine große Expertise mit und bieten niederschwellige Zugänge, fachlich wie sozial. Genau das unterscheidet die Vereinsstrukturen von vielen anderen Bewegungsanbietern. Deshalb ist es auch auf kommunaler Ebene so wichtig, dass Entscheidungsträger wissen: Der Sportverein kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten.

Woran würden Sie am Ende erkennen, dass sich das Engagement von DTB und DOSB in diesem Prozess gelohnt hat?

Dr. Michaela Werkmann: Für mich wäre ein Erfolg, wenn der organisierte Sport in diesem Prozess mit einer starken gemeinsamen Stimme auftritt. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Rolle der Sportvereine und Sportverbände in den Empfehlungen stark verankert wird. Erfolg wäre für mich, wenn wir bei künftigen politischen Entscheidungen zu Bewegung und Gesundheitsförderung selbstverständlich mit am Tisch sitzen, wenn die Empfehlungen politisch und strukturell verankert werden und wenn dieser Mehrwert am Ende auch bei den Vereinen ankommt. Dann wären Sportvereine noch stärker als zentrale Bewegungsanbieter in den Köpfen der Menschen verankert.

Dr. Mischa Kläber: Für mich wird sich der Erfolg auch daran messen, ob tatsächlich wieder mehr Menschen das Mindestmaß an Bewegung erreichen. Ein weiterer Indikator ist, ob mehr Sportvereine Gesundheitsförderung und Prävention ausdrücklich als Teil ihres Profils begreifen. Daraus ergeben sich auch ganz praktische Chancen – etwa bei der Profilschärfung, bei der Mitgliedergewinnung oder bei der Sponsorensuche im Gesundheitsbereich.

AUSGABE         Gesundheit 02-2026 | Fit & Gesund | Warum Vereine jetzt profitieren
AUTOR              Nils B. Bohl