#BeActive Night TSV Jöhlingen | Foto: TSV Jöhlingen
Fit & Gesund

Wie das badische Jöhlingen die Kraft von #BeActive entdeckte

Vom Sofa in die Halle

Es ist ein Montagabend am Rande des Kraichgaus. Die Halle des TSV Jöhlingen liegt in buntes Licht getaucht, Musik hallt über den Parkettboden. Rund 15 km nordöstlich von Karlsruhe tanzen sich Menschen beim Zumba fit. Andere rollen sich auf der Suche nach Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele durch verschiedene Yoga-Übungen wie "Baum", "Krieger" und "Herabschauender Hund". Manche versuchen, beim Pilates ihren Körper aus der Mitte heraus zu kräftigen. Was von außen betrachtet wie eine gewöhnliche Vereinsstunde wirkt, ist es tatsächlich nicht. Es ist eine "#BeActive Night", Teil der Europäischen Woche des Sports, die am 29. September nun schon zum vierten Mal auf dem Vereinsgelände steigen wird. Organisiert vor Ort von Claudia Westphal und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

Der Verein, der Türen öffnet

Der TSV Jöhlingen, 1890 gegründet, ist einer jener klassischen Mehrspartenvereine, die das Rückgrat des deutschen Breitensports bilden. Turnen, Tanzen, Tischtennis, Volleyball, neuerdings auch Boule. Tief verwurzelt im Ort. Wer in der Gemeinde Sport treiben will, landet früher oder später hier. Westphal leitet die Abteilung "Turnen, Tanzen, Fitness". Sie war es auch, die den Verein vor vier Jahren in die #BeActive-Woche führte. Der Badische Turner-Bund hatte dafür geworben, die europäische Initiative in den Regionen sichtbar zu machen.

Westphal erzählt, wie pragmatisch damals der Einstieg war: "Wir wollten keine zusätzliche Last für die Ehrenamtlichen schaffen." Stattdessen: lieber eine Schnupperwoche, bei der jede Abteilung ihre Türen öffnet. Und das alles an einem Abend, an dem ohnehin Training stattfand. Ein einfacher Gedanke – und doch ein Konzept, das trägt. Denn so kamen nicht nur die regulären Mitglieder, sondern auch Neugierige, die sich sonst vielleicht nie getraut hätten.

Ein Abend, der bleibt

Die Zahlen sind beachtlich: mindestens 20 Teilnehmende beim ersten Mal, inzwischen doppelt so viele. Sie tanzen, sie dehnen, sie probieren aus.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Wer an einem Abend Zumba oder Pilates testet, muss keine Kursgebühr bezahlen und keine zehn Wochen lang Verpflichtungen eingehen. "Viele finden schnell heraus, ob es passt", sagt Westphal. Und wenn es das tut, lernen sie gleich die Menschen kennen, die die Kurse später anleiten.

Eine Geschichte sticht dabei heraus: die von Angelina Ludwig-Schwall. Neu im Ort, Lust auf Tanz, zunächst Teilnehmerin. Nebenbei hatte sie eine Zumba-Ausbildung absolviert, ohne konkrete Pläne und Hintergedanken. Bei einer #BeActive Night übernahm sie dann zum ersten Mal selbst eine Einheit – nervös, aber neugierig. Es wurde ein voller Erfolg. Heute leitet sie feste Zumba-Kurse, die regelmäßig voll sind. Ein Musterbeispiel dafür, wie aus einer #BeActive-Teilnehmerin eine dauerhafte Übungsleiterin werden kann. Für den TSV ist das ein seltener Glücksfall: denn viele Vereine suchen händeringend nach Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Zwischen Sofa und Sporthalle

Die #BeActive-Wochen haben im Ort Spuren hinterlassen. Sie sind nicht nur Werbung für neue Angebote, sondern auch eine Abwechslung für bestehende Mitglieder. Manche bringen Freunde mit, andere wechseln für eine Stunde in eine andere Abteilung. Und sie sind ein Gemeinschaftserlebnis für die Übungsleiterinnen, die sonst meist nur in ihren eigenen Kursen arbeiten.

"Es ist fast wie eine kleine Party", sagt Westphal.

Um die Männer im Ort zu überzeugen, liegt die Hürde allerdings meist höher, hat Westphal beobachtet.

"Viele brauchen einen Wettkampfcharakter", glaubt sie.

Deshalb entstand "Run and Burn": Rundenlaufen kombiniert mit Stationstraining. Und siehe da: hier meldeten sich fast nur Männer an. Die Altersmischung in der Jahnhalle dagegen ist groß: junge Erwachsene neben 40-Jährigen, dazwischen Mütter, am Rand auch Menschen über 70.

Europa im Kleinen – und Neues im Jahr 2025

Von einem gesamteuropäischen Kontext ist in Jöhlingen wenig zu spüren, sieht man einmal vom griechischen Vereinsrestaurant ab. Das muss es aber auch gar nicht. In der 6000-Seelen-Gemeinde zwischen Weinbergen und kleineren Tälern gilt es eher, Brücken zum Ortsnachbarn Wössingen zu schlagen. Der Deutsche Turner-Bund verschickt Aktionspakete mit T-Shirts und kleinen Geschenken, die EU-Logos stehen auf den Plakaten. Auch wenn diese Pakete, bemängelt Westphal, in diesem Jahr kleiner geworden seien.

"Gerade die T-Shirts finden die Übungsleiter ganz toll. Es ist etwas Bleibendes, das man in den Stunden anziehen und so die Aktion weitertragen kann", sagt sie.

Für die Teilnehmenden zählt dagegen eher der konkrete Abend, das Miteinander, die Gelegenheit, etwas Neues zu wagen. Und doch steckt dahinter ein größeres Bild: ein europäisches Förderprogramm, das erst in den Regionen sichtbar wird.

In diesem Jahr stellt der TSV seine #BeActive-Woche noch breiter auf.

So gibt es erstmals ein Angebot für ganz kleine Kinder ab acht Monaten – ein Signal an junge Familien, dass Sport und Vereinsleben früh beginnen können. Volleyball öffnet sein Training für alle, die einmal unverbindlich mitspielen wollen. Und die neue Boule-Anlage auf dem Vereinsgelände wird mit Schnupperzeiten belebt. "Das sind Angebote, die wir ohnehin aufbauen wollen", erklärt Westphal. Und #BeActive sei einfach die ideale Plattform, um diese bekannt zu machen.

Der Weg von lokalem Impuls zur nachhaltigen Wirkung

Für Westphal ist das Wesentliche aber etwas anderes: "Ich freue mich jedes Mal, wenn Menschen kommen, die sonst auf dem Sofa geblieben wären", sagt sie. In solchen Momenten wird die Halle zu mehr als nur einem Trainingsort. Sie wird zu einem sozialen Raum, in dem sich Gemeinschaft bildet – und in dem ein europäisches Projekt spürbar wird, ohne dass es jemand laut ausspricht.

So zeigt sich in Jöhlingen, wie sich europäische Impulse in lokales Vereinsleben übersetzen lassen. Nicht als große Kampagne, sondern als kleine Veränderung im Alltag. Und vielleicht liegt genau darin die Stärke:

  • Wenn Eltern mit ihren Babys die Halle besuchen,
  • wenn Volleyballerinnen neue Mitspieler gewinnen,
  • wenn Boule-Anfänger den ersten Wurf wagen
– dann hat die Idee von #BeActive ihr Ziel erreicht.

AUSGABE           #BeActive 04-2025 | Fit & Gesund | Vom Sofa in die Halle
AUTOR                Nils B. Bohl