Juliane Schattauer mit ihrer Gruppe | Foto: Juliane Schattauer
Fit & Gesund

Juliane Schattauer - von der Teilnehmerin zur Ausbilderin

Mit Gefühl und Verstand

Juliane Schattauer weiß, wann sie bremsen muss. Vor allem die Ehrgeizigen. Die Frauen, die seit Jahren Sport treiben, ihren Körper kennen und plötzlich feststellen: 

In der Schwangerschaft gelten andere Regeln.

 

Der Rücken meldet sich, der Körperschwerpunkt verschiebt sich, manches geht nicht mehr so wie vorher. Da muss man manchmal sagen: Mach heute ein bisschen weniger, sagt Schattauer.

Die 50-Jährige aus Otterndorf ist seit rund 25 Jahren Übungsleiterin. Hauptberuflich leitet sie Finanzen und Personal in einer kleinen Genossenschaft. Mit Sport hat das wenig zu tun. Umso mehr mit Sport zu tun hat der Rest ihres Lebens. Ihre Ausbildungen führten sie in der DTB-Akademie von Aerobic und Step-Aerobic bis zum Medical-Fitness-Training. Später spezialisierte sie sich auf prä- und postnatales Training. Heute bildet sie selbst Trainerinnen und Trainer für Fit in der Schwangerschaft aus.

Wenn plötzlich andere Regeln gelten

Dass dieser Bereich einmal zu ihrem Thema werden würde, war nicht geplant. Schattauer hat zwei Kinder, heute 13 und 17 Jahre alt. Während ihrer Schwangerschaften machte sie weiter Sport, bis zum allerallerletzten Tag, wie sie sagt. 

Nur fehlte ihr damals jemand, der ihr zuverlässig sagen konnte, was sinnvoll war und was nicht. Also hörte sie auf ihren Körper.

Später, nach der zweiten Geburt, entwickelte sie in ihrem Verein selbst ein Angebot für Mütter. Sie wollte trainieren, ohne dafür ihr Kind abgeben zu müssen. Sie suchte Gleichgesinnte, begann mit einer kleinen Gruppe – und erfuhr irgendwann, dass es beim Deutschen Turner-Bund (DTB) längst Konzepte in diesem Bereich gab.

Heute begegnet ihr in den Kursen eine andere Art von Problem: nicht zu wenig Information, sondern zu viel.

Man könnte meinen, durch Internet und soziale Medien wissen alle Bescheid. Aber häufig ist genau das Gegenteil der Fall. 

  • Dürfen Schwangere ihre Bauchmuskeln trainieren? 
  • Noch joggen? 
  • Aus der Puste kommen? 
  • Was ist mit dem Beckenboden?

Pauschale Antworten helfen wenig. Es kommt darauf an, sagt Schattauer mehrmals. Eine Frau läuft noch problemlos, eine andere steigt früher aufs Walken um. Was in der 20. Schwangerschaftswoche für die eine funktioniert, kann für die andere längst unangenehm sein.

Wissen statt fertiger Stundenpläne

Genau darauf müssen Kursleiterinnen und Kursleiter vorbereitet sein. Sie sollen nicht einfach zehn fertige Stunden auswendig lernen. Sie müssen wissen, was im Körper passiert, Beschwerden einordnen können, Belastungen anpassen und Alternativen anbieten. Und sie müssen erkennen, wann ihre eigene Zuständigkeit endet. Dann heißt es eben: Sprich bitte mit deiner Hebamme oder deiner Ärztin.

Schattauer beschreibt den Ansatz der Akademie mit einem Satz:

 Ich gebe das Werkzeug mit, aber was ihr damit baut, ist eure Sache.

Wer aus dem Tanz kommt, darf einen anderen Kurs geben als jemand aus dem Fitnessbereich. Eine Yogalehrerin wird andere Elemente einbauen. Entscheidend ist, dass alle verstehen, was sie tun – und warum.

Vom Schwangerschaftskurs in den Verein

Beim TSV Otterndorf lässt sich beobachten, was daraus entstehen kann. Ein- bis zweimal im Jahr bietet Schattauer dort Fit in der Schwangerschaft an. Otterndorf hat rund 7.500 Einwohnerinnen und Einwohner, Schwangere gibt es also nicht in unbegrenzter Zahl. Hebammen empfehlen den Kurs weiter, unter den Frauen spricht er sich herum.

Nach der Geburt kommen viele wieder. Dann heißt der Kurs MamaFit. Später wechseln sie vielleicht in Rückenfitness oder Kraft-Ausdauertraining. Irgendwann geht das Kind zum Kinderturnen. Vielleicht findet auch der Partner eine Abteilung. Aus einem Schwangerschaftskurs kann so eine ziemlich lange Beziehung zu einem Sportverein werden.

Schattauer kennt solche langen Beziehungen. Manche Teilnehmerinnen trainieren seit 25 Jahren bei ihr. Andere waren mit mehreren Kindern nacheinander in ihren Kursen. Das sei mehr wert als jede Bezahlung, sagt sie. Wenn jemand sagt: Wenn ich bei dir war, geht es mir am nächsten Tag besser – das ist das größte Lob.

Sie engagiert sich längst weit über ihre eigenen Stunden hinaus: als Vorsitzende des GYMWELT-Ausschusses Fitness im Niedersächsischen Turner-Bund und als Vorsitzende des Turnkreises Cuxhaven. Und damit kennt sie auch die andere Seite des Vereinssports: die Suche nach Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Dass niemand mehr helfen wolle, glaubt sie nicht.

Eher sei das Problem die Angst, ein Ehrenamt nicht wieder loszuwerden. Deshalb versucht sie es mit kleinen Schritten. Mal eine Stunde vertreten. Mal zu zweit oder zu viert eine Gruppe übernehmen. Vielleicht merkt jemand dabei: Das macht mir Spaß. Vielleicht folgt irgendwann die Übungsleiterlizenz.

Schattauer selbst ist diesen Weg längst gegangen. Von der Teilnehmerin zur Trainerin, von der Trainerin zur Ausbilderin. Und obwohl es bei ihren Weiterbildungen um Anatomie, Belastungssteuerung und Kontraindikationen geht, ist ihr wichtigstes Prinzip erstaunlich schlicht.

In jeder Stunde muss mindestens einmal gelacht werden.

Und schwitzen … darf man trotzdem.

DTB-Kursleiter*in
Fit in der Schwangerschaft

Bewegung tut gut – auch in einer besonderen Zeit wie der Schwangerschaft. 

Gerade deshalb ist es hilfreich sich einer Gruppe anzuschließen, die eine qualifizierte und vertrauenswürdige Kursleitung hat und dabei andere Frauen zu treffen, die diese Zeit ebenfalls sensibel und wachsam durchlaufen.

Damit Schwangere diese Zeit genießen können, sich rundum kugelwohl fühlen und die Geburt gut vorbereitet ist, ist das Konzept Fit in der Schwangerschaft entstanden. Oftmals sind werdende Mütter verunsichert, welche Art von Bewegung und mit welcher Intensität sie sie betreiben dürfen. Gerade deshalb ist es hilfreich sich einer Gruppe anzuschließen, die eine qualifizierte und vertrauenswürdige Kursleitung hat und dabei andere Frauen zu treffen, die diese Zeit ebenfalls sensibel und wachsam durchlaufen.

AUSGABE        Akademie 04-2026 | Fit & Gesund | Training mit Gefühl und Verstand
AUTOR            Nils B. Bohl