Gruppe Hatha Yoga | Foto: Stefanie Kaiser
Fit & Gesund

Martina Mittag lehrt auch den Raum zu lesen

Eine Frage der Haltung

Irgendwann saß Martina Mittag in einer Yogastunde und wunderte sich. Erst Sitzen, dann Atemübungen – und anschließend direkt der Sonnengruß. Aus ihrer Fitnesswelt kannte sie das anders. Schultergelenke vorbereiten, Beinrückseiten dehnen, den Rücken mobilisieren. Ich dachte: Eigentlich müsste man sich darauf doch vorbereiten.

Martina Mittag begann, solche Übungen in ihre eigenen Stunden einzubauen. Mit einem gewissen schlechten Gewissen. Ich dachte: Verrate ich jetzt die ganze Yoga-Welt? Später lernte sie in ihrer vierjährigen Ausbildung, dass genau dieses systematische Hinführen sinnvoll ist. Heute gibt sie es selbst weiter.

Seit 2005 arbeitet Martina Mittag als Referentin beim Verband für Turnen und Freizeit (VTF) in Hamburg und im Umfeld des DTB. Yoga begleitet sie da längst seit Jahren. Mitte der 90er war sie eher zufällig hineingeraten. Damals leitete sie Kursbereiche im Meridian Spa, unterrichtete Aerobic, Step-Aerobic und alles, was zur damaligen Fitnesswelt gehörte. Eine Yogalehrerin lud sie in ihren Kurs ein. Martina Mittag ging hin. Und blieb. Heute zitiert sie gern einen Satz, dessen Urheber sie selbst nicht kennt:

 Nicht du entscheidest dich für den Yoga, der Yoga entscheidet sich für dich! 

Bei ihr zumindest hat es ziemlich genau so funktioniert.

Später folgten weitere Ausbildungen, unter anderem in Yogatherapie, Yoga bei Krebs und zum Atemcoach. Dass sie heute selbst für die DTB-Akademie ausbildet, passt zu diesem Weg: lernen, ausprobieren, verwerfen, noch einmal genauer hinschauen.

Mehr als eine Folge von Übungen

Was angehende Yogalehrer bei ihr lernen, beginnt nicht bei der Frage, wie eine Haltung möglichst sauber aussieht. Natürlich geht es um Asanas. Aber eben nicht nur.

Martina Mittag spricht gerne vom Warum mache ich was?

Eine Haltung kommt nicht an die Reihe, weil sie gerade im Plan steht. Sie muss vorbereitet sein, zur Gruppe passen, einen Sinn haben. Wer später selbst unterrichtet, soll solche Entscheidungen treffen können und nicht bloß einen Ablauf reproduzieren. Das ist für Martina Mittag ein Unterschied. Wissen allein reicht nicht. Es muss sich in einer Stunde anwenden lassen.

Dazu gehört Eigenpraxis. Gerade daran hapere es manchmal. Wer viel unterrichtet, findet irgendwann kaum noch Zeit, selbst Unterricht zu nehmen. Und merkt womöglich nicht, wie sehr sich die eigene Wahrnehmung dabei verengt. Yoga nur auf Körperhaltungen zu reduzieren, greift für Martina Mittag ohnehin zu kurz. Werden Übungen einfach aneinandergereiht, bekommt eine Stunde schnell Workout-Charakter. Dagegen sei nichts einzuwenden. Es sei nur nicht das Ganze.

Den Raum lesen

Mindestens so wichtig wie der Stundenaufbau ist das Gespür für die Menschen vor ihr. Man muss den Raum lesen können, sagt Martina Mittag. Kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erschöpft herein? Sind sie fahrig, unruhig, überdreht? Brauchen sie heute mehr Wiederholungen oder weniger Tempo? Vielleicht passt der schöne Plan, den man sich zu Hause gemacht hat, an diesem Abend überhaupt nicht. Genau solche Dinge lassen sich schwer aus einem Skript lernen. In der DTB-Akademie sollen angehende Yogalehrerinnen und -lehrer deshalb nicht nur Übungen kennenlernen. Sie sollen beobachten, reagieren, entscheiden. Und irgendwann auch merken, wann sie ihren eigenen Plan besser vergessen.

Martina Mittag sieht deshalb reine Online-Ausbildungen kritisch. Während der Corona-Zeit habe sie erlebt, wie viel über den Bildschirm verloren geht. Zuhause läuft der Partner mit dem Wäschekorb durchs Bild, der Hund kommt vorbei, jemand schaltet die Kamera aus. Vor allem aber fehlen die kleinen Signale. Ist jemand noch konzentriert? Hat er verstanden, was gemeint ist? Muss man noch einmal zurück?

Online-Yoga lehnt sie nicht ab. Sie selbst gibt regelmäßig einen Kurs im Netz. Zum Wiederholen und Vertiefen funktioniere das gut. Aber wer später selbst eine Gruppe führen soll, müsse Menschen auch wirklich vor sich haben. Und führen heißt für Martina Mittag nicht, es allen recht zu machen. So sind Handys in Yogaräumen ein absolutes No-Go. Wenn Taschen den Raum zustellen, kommen die Taschen raus. Und die Wolldecke wird nach der Stunde nicht irgendwie ins Regal gestopft. Ecke auf Ecke. Der Nächste soll sie nehmen und benutzen können. Manche verdrehten dabei innerlich die Augen, sagt Martina Mittag.

Das hält sie aus.

Lernen, obwohl man längst etwas kann

Vieles von dem, was Martina Mittag heute in der Ausbildung vermittelt, steckt auch in ihrem Buch: 34 Asanas, vorbereitende Übungen, Stundenbilder, Visualisierung und Entspannung. Früher bekamen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dafür Stapel kopierter Unterlagen. Irgendwann wurde daraus ein Buch. Es ist Material aus einer Ausbildungspraxis, die sich über Jahre verändert hat und weiter verändert.

Sie selbst besucht bis heute Fortbildungen. Dort passiert ihr regelmäßig etwas, das vermutlich jeder kennt, der lange in einem Beruf arbeitet: Jemand erklärt etwas – und plötzlich fällt einem ein, dass man genau das schon einmal wusste. Das hast du alles schon mal gelernt und wieder fein vergessen, sagt Martina Mittag.

 Wer sich nicht weiterbildet, fährt irgendwann in der eigenen Soße fest.

Für eine Ausbilderin ist das vermutlich die wichtigste Lektion: nie zu glauben, man sei fertig. Dann lacht sie. Und macht weiter.
 

 BUCHTIPP

Hatha Yoga - Das komplette Buch
Autorin: Martina Mittag

Aus der Reihe Wo Sport Spaß macht, zu beziehen über den Meyer & Meyer Verlag

Bestell-Nr. 137902
ISBN 978-3-8403-7902-4
Preis 34,00 Euro

Meyer & Meyer Verlag

DTB-Kursleiter*in
Yoga & DTB-Yogalehrer*in

Yoga bietet eine Vielfalt an Möglichkeiten, die Gesundheit und das Lebensgefühl der Menschen zu aktivieren und zu verbessern. Es hilft den Menschen, einen Ausgleich in ihrem hektischen, stressigen und überreizten Alltag zu finden.

Neben den körperlichen Aspekten der Yogapraxis (wie Verbesserung von Muskelkraft, Durchblutung, Gleichgewicht und Flexibilität) wirkt Yoga auf das mentale und emotionale Erleben.

Yoga unterstützt die Fähigkeit sich körperlich und mental zu entspannen, mit Stress besser umzugehen, in belastenden Situationen gelassener zu reagieren und neue Energien zu mobilisieren.

Zur Ausbildung

AUSGABE        Akademie 04-2026 | Fit & Gesund | Eine Frage der Haltung
AUTOR            Nils B. Bohl