Yoga-Gruppe vorm Eingang Zoo Leipzig | Foto: DTB/ Turnfestfotos.de
Fit & Gesund

Mehr als ein PR-Gag

Ein Elefantengruß am Morgen

Leipzig, sieben Uhr dreißig an einem Sonntagmorgen. Die Sonne steht noch tief, ein kühler Hauch liegt über den Holzstegen am Elefantenhaus.

Während in der Stadt die ersten Bäckereien ihre Türen öffnen, treffen sich hier rund zwanzig Menschen in bequemer Sportkleidung. Sie rollen ihre Yogamatten aus, atmen tief durch – und warten. Nicht etwa auf einen prominenten Gast oder eine Trainerin aus Übersee. Sondern auf die Elefanten.

Es ist ein besonderer Moment, einer jener leisen Auftakte, die dem großen Spektakel vorausgehen. Das Internationale Deutsche Turnfest hat Leipzig für fünf Tage in eine Turn- und Bewegungslandschaft verwandelt. Mehr als 80.000 aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dazu Hunderttausende Gäste, Bühnen, Wettkämpfe, Mitmachaktionen – ein Fest der Körperkultur. Doch mitten im Trubel hat sich ein kleines, feines Format etabliert: Yoga im Zoo.

"Die Idee war von Anfang an da", erzählt Marlene Bosold. Sie leitete die Turnfest-Akademie, den größten Sportpraxis-Kongress Europas, der im Rahmen des Turnfestes stattfand. Geplant waren über 400 Workshops, realisiert wurden am Ende rund 335. Ein logistisches Mammutprojekt. Doch eines stach heraus – nicht durch Größe, sondern durch Atmosphäre.

"Wir hatten die Kongresshalle direkt am Zoo", berichtet Bosold. "Da lag es nahe, zu überlegen, wie wir den Zoo einbinden können." Was banal klingt, erwies sich als organisatorische Gratwanderung. Die Tiere sollten nicht gestört werden, der reguläre Zoo-Betrieb durfte nicht beeinträchtigt sein, und die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Doch die Gespräche mit dem Zoo Leipzig verliefen überraschend unkompliziert. "Wir durften die Kurse vor den Öffnungszeiten durchführen, wenn der Zoo noch ganz leer ist», sagt Bosold. «Damit hätte ich nicht gerechnet."

Bewegung, Achtsamkeit und Naturverbundenheit

Die Wahl fiel auf Yoga. Das lag nicht nur geografisch, sondern auch inhaltlich auf der Hand. Kaum eine Praxis vereint Bewegung, Achtsamkeit und Naturverbundenheit so unmittelbar. Die Wurzeln des Yoga reichen über 2.500 Jahre zurück, sein Ursprung liegt im alten Indien, seine Traditionen sind vielfältig. Was im Westen oft als reine Gymnastik verstanden wird, ist in Wahrheit ein komplexes System aus Atemübungen, Meditation und Körperhaltungen – Asanas genannt –, das Körper, Geist und Seele in Einklang bringen soll.

Doch was hat das mit einem Zoo zu tun?

Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. "Wir wollten bewusst die Tierwelt einbeziehen", sagt Bosold. So entstand ein spielerisches Konzept mit Übungen wie dem "Elefantengruß" oder der "herabschauenden Giraffe". Die Kulisse tat ihr Übriges: Holzstege, asiatisch gestaltete Überdachungen, sogar eine Ganesha-Statue schmückte das Areal am Elefantenhaus.

"Es passte einfach", sagt Bosold.

Geräusche und Gerüche der Tiere schärfen die Sinne

Doch es blieb nicht beim Yoga. Ergänzend wurden zwei weitere Bewegungsangebote entwickelt, die sich ebenso an der Umgebung orientierten. Ein meditatives Gehen, bei dem bewusst Geräusche und Gerüche der Tierwelt einbezogen wurden, schärfte die Sinne für das, was im Alltag leicht untergeht. Und ein tierisch inspiriertes Fitness-Workout griff Bewegungsabläufe aus dem Tierreich auf – eine körperbetonte Hommage an die geschmeidige Kraft der Natur.

Die Resonanz?

Überwältigend. Der Yogakurs war so schnell ausgebucht, dass kurzerhand ein zweiter am Sonntag angeboten wurde – ebenfalls voll. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genossen nicht nur die ungewohnte Stille im Zoo, sondern auch die Nähe zu den Tieren.

Bemerkenswert war dabei nicht nur die Atmosphäre, sondern auch das Maß an Unterstützung, das der Zoo selbst beisteuerte. "Die Zusammenarbeit war wirklich außergewöhnlich", sagt Bosold. Bereits vorab durften die Referentinnen und Referenten den Zoo kostenlos besichtigen, um den besten Ort für die Kurse auszuwählen. Für jeden Kurs stellte der Zoo einen eigenen Mitarbeitenden zur Begleitung ab – vom Finanzbuchhalter bis zur Pressesprecherin, die sogar selbst zur Matte griff.

"Man hat gemerkt, das war für sie nicht einfach nur ein weiteres Event.
Sie wollten, dass es für alle gelingt", sagt Bosold.

Immer im Blick die Tiere

Ein kleines Detail blieb den meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern verborgen, zeigte aber, wie ernst es der Zoo mit der Kooperation meinte: Die Elefanten wurden extra früh aus dem Stall geholt, entgegen der üblichen Fütterungszeiten, damit sie auf der Außenanlage präsent waren, als die Yogagruppe ihre Übungen begann. "Das war kein Zufall", sagt Bosold. "Der Zoo hat das aktiv so gesteuert – mit Rücksicht auf die Tiere natürlich –, um dieses besondere Erlebnis möglich zu machen."

Dass Yoga und Zoo so gut zusammenpassen, überrascht vielleicht nur auf den ersten Blick. Denn Yoga ist längst mehr als ein sportlicher Trend. Die jahrtausendealte Praxis verbindet Bewegung, Atmung, Achtsamkeit – und steht sinnbildlich für den Wunsch vieler Menschen nach Entschleunigung. Gerade in der Natur fällt es leichter, den Kopf freizubekommen, die eigene Mitte zu finden. Studien belegen: Bewegung im Grünen tut Körper und Seele besonders gut. Und wer kann schon behaupten, seinen Sonnengruß unter den wachsamen Blicken eines Elefanten geübt zu haben?

Natürlich lief nicht alles von selbst. Yogamatten mussten improvisiert im Auto gelagert, die passenden Plätze im Zoo gefunden, Mitarbeiter für die frühmorgendliche Betreuung organisiert werden. "Aber das war es wert", sagt Bosold. "Die Stimmung war einfach einmalig."

Die Teilnehmer*innen jedenfalls wollten kaum wieder gehen. Nach der Session schlenderten sie durch den Zoo, nutzten die ruhige Atmosphäre, um die Tiere zu beobachten. Sogar spontane Gäste tauchten auf – Leipzigerinnen, die vom Kurs in der Zeitung gelesen hatten und kurzerhand ihre Matte einpackten. Auch sie wurden – ausnahmsweise – aufgenommen. "Wenn jemand so früh aufsteht, um dabei zu sein, schickt man ihn nicht wieder nach Hause", sagt Bosold lachend.

Bleibt die Frage: Wird es das beim nächsten Turnfest in München auch geben?

Möglich, meint Bosold, aber das hänge von der Kooperationsbereitschaft des jeweiligen Zoos ab. In Leipzig jedenfalls hat das Experiment gezeigt: Bewegung, Natur und ein bisschen Mut zum Ungewöhnlichen können zusammen etwas ziemlich Schönes ergeben.

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Fit & Gesund | Ein Elefantengruß am Morgen
AUTOR                Nils B. Bohl