Präsentation mit Ivonne Herr | Foto: Achim Schäfer
Fit & Gesund

Wenn das Leben mittrainiert

Die unbeachtete Seite der Gesundheit

Wer im Sport von Gesundheit spricht, meint oft zuerst den Körper. Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer, Belastbarkeit. Das ist naheliegend, zumal der Sport wie kaum ein anderer Bereich mit dem Sichtbaren arbeitet: mit Haltung, Muskelspannung, Technik, Leistung. Doch diese Vorstellung greift zu kurz. Denn Gesundheit erschöpft sich nicht im körperlichen Zustand. Sie hat, wissenschaftlich betrachtet, auch eine soziale und eine psychische Dimension.

Ivonne Herr kennt diese Dimensionen. Die 44-jährige Diplom-Sportwissenschaftlerin, die in Darmstadt und Stuttgart studierte, ist seit ihrer Kindheit mit dem Turnen verbunden. Sie stand bereits als Dreijährige in der Halle, wuchs in einem ländlichen Verein auf und blieb dem System auch über ihre aktive Zeit hinaus eng verbunden. Seit 2000 engagierte sie sich in verschiedenen Funktionen der Turnjugend, unter anderem im Vorstand der Hessischen Turnjugend sowie in Ausschüssen der Deutschen Turnjugend. Heute arbeitet sie u.a. als systemische Coach und Resilienz-Trainerin an den Schnittstellen von Sport, Kommunikation und psychischer Gesundheit.

Zentraler Bestandteil des Wohlbefindens

Wenn Ivonne Herr über psychische Gesundheit spricht, plädiert sie für einen erweiterten Blick. Sie sei kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Bestandteil des Wohlbefindens. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe Gesundheit bereits 1948 als Zusammenspiel körperlicher, sozialer und psychischer Faktoren beschrieben. Es existieren neuere Ansätze, die Gesundheit vor allem als keinen festen Zustand beschreiben. Es gebe nicht nur die Kategorien gesund oder krank. Vielmehr bewege sich jeder Mensch auf einem Kontinuum zwischen krank und gesund, manchmal über Jahre, manchmal von einem Tag auf den anderen.

Im (Sport-) Alltag zeigt sich psychische Gesundheit für Ivonne Herr dort, wo jemand seine Fähigkeiten nutzen, mit Belastungen umgehen und in sozialen Beziehungen bestehen kann. Auf den ersten Blick klingt das selbstverständlich. Bei näherem Hinsehen ist es anspruchsvoll. Wenn Gedanken, Emotionen, Verhalten oder Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten, können sich erste Auffälligkeiten zeigen. Nicht jede davon ist eine psychische Störung, aber sie kann ein Hinweis sein, dass etwas aus der Balance gerät. Bei Teilnehmenden in Trainingsgruppen kann viel passieren, was nicht immer sichtbar und messbar ist: Selbstzweifel, Druck, Überforderung - ob im Sport oder im Alltag begründet. Denn das Leben der Teilnehmenden – mit ihren persönlichen Erfahrungen und Belastungen – trainiert immer mit. Die Folge ist oft Stress, Überlastung und Rückzug - eben psychische Überlastungsreaktionen oder ernstzunehmende psychische Auffälligkeiten bis hin zu Störungen.

Vereine schaffen mehr als Trainingsangebote

Gerade deshalb sieht Ivonne Herr im Sport ein erhebliches präventives Potenzial. Vereine schaffen mehr als Trainingsangebote. Sie geben Struktur, Zugehörigkeit und Verlässlichkeit. Wer regelmäßig trainiert, erlebt Gemeinschaft, Routinen und oft auch Anerkennung. Das kann psychisch stabilisieren, ohne dass es ausdrücklich thematisiert wird. Die Grenze wird dort sichtbar, wo diese stabilisierenden Faktoren allein nicht mehr ausreichen und sich kritische Anzeichen im Trainingsalltag zeigen.

Trainerinnen und Trainer - eher Lotse als Problemlöser

Dann zeigt sich, was im System bereits trägt und wo es an seine Grenzen stößt. Viele Übungsleiter*innen und Trainer*innen nehmen wahr, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene häufiger psychische Auffälligkeiten zeigen. Gleichzeitig fühlen sie sich im Umgang damit unsicher. Das ist kein Versagen, sondern eine Folge der Ausbildung. Trainerinnen und Trainer sind fachlich gut geschult, aber keine Therapeut*innen. Das müssen sie auch nicht werden und dennoch fehlt es in vielen Ausbildungswegen bislang an Wissen über psychologische Grundlagen, über Gesprächsführung und darüber, wie psychische Belastungen erkannt und angesprochen werden können.

Die Rolle der Übungsleitenden und Trainer*innen im Verein ist komplexer geworden. Sie sind nicht nur Vermittler von Technik, sondern auch Vorbilder und Vertrauenspersonen. Gerade deshalb braucht es Klarheit und Sicherheit im Tun. Sie sollen sensibel sein, Veränderungen wahrnehmen und Gespräche ermöglichen. Aber sie sollen weder diagnostizieren noch therapieren. Ihre Aufgabe ist es, Orientierung zu geben und, wenn nötig, weiterzuführen. Eher Lotse als Problemlöser.

Wie ein solches Gespräch gelingen kann, beschreibt Ivonne Herr mit bemerkenswerter Nüchternheit. Es brauche vor allem eines: echtes Zuhören. Meiden von Bewertung, Würdigen des Problems und Zurückhalten darin, sofort eine Lösung anbieten zu wollen. Viele Reaktionen sind gut gemeint, verfehlen aber ihre Wirkung. Wer sich öffnet, will zunächst verstanden werden. Das Gesagte ernst zu nehmen, Emotionen stehen zu lassen und zu spiegeln, was man gehört hat, kann bereits entlasten. In einem Umfeld, das oft auf Effizienz und Ergebnis ausgerichtet ist, wirkt diese Haltung fast ungewohnt.

Psychische Probleme: keine Schwäche

Hinzu kommt die fortbestehende Stigmatisierung psychischer Probleme. Noch immer werden sie häufig als Schwäche gedeutet. Wer betroffen ist, hat schnell das Gefühl, nicht belastbar genug zu sein. Diese Zuschreibungen führen dazu, dass Schwierigkeiten lange verborgen bleiben. Für Herr ist deshalb klar, dass Verbände das Thema strukturell verankern müssen und Trainer*innen die Bereitschaft brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Es braucht mehr Wissen, mehr Aufklärung und die Bereitschaft, das eigene Handeln zu reflektieren. Kommunikation ist nie neutral. Sie beeinflusst, wie Menschen sich erleben und entwickeln.

Online-Fortbildung „Psychisch außer Balance“

Dass es dafür praktische Ansätze gibt, zeigt Ivonne Herr mit einer Online-Fortbildung, die sie für den Deutschen Turner-Bund entwickelt hat. Unter dem Titel Psyche aus der Balance richtet sie sich an Übungsleiter*innen und Trainer*innen aller Lizenzstufen. Die Fortbildung soll einen niedrigschwelligen Zugang schaffen, Grundlagen vermitteln und Sicherheit geben: 

  • Was sind psychische Auffälligkeiten? 
  • Wie spreche ich sie an? 
  • Welche Hilfesysteme gibt es? 
  • Wie kann ich für Betroffene Brücken schlagen?

Sie schafft Orientierung, ohne unter Druck zu setzen als Übungsleiter*innen und Trainer*innen Lösungen finden zu müssen.

Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Pointe.

Psychische Gesundheit darf im Sport präventiv und verantwortlich mitgedacht werden. Sie gehört von Anfang an dazu. Wer Menschen trainiert, arbeitet nie nur mit Körpern, sondern auch mit Erfahrungen, Erwartungen und Verletzlichkeiten. Resilienz, sagt Ivonne Herr, sei deshalb eine zentrale Persönlichkeitskompetenz. Gemeint ist nicht Härte oder Stärke, sondern die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, sich selbst zu regulieren und handlungsfähig zu bleiben. Das gilt für Athlet*innen ebenso wie für Trainer*innen. Gesundheit beginnt, so betrachtet, nicht erst bei der Frage, was ein Körper leisten kann. Sondern bei der Einsicht, dass Leistung ohne mentale, emotionale und seelische Balance nicht dauerhaft möglich ist.

Online-Fortbildung

Psyche im Blick behalten

Die von Ivonne Herr entwickelte Online-Fortbildung richtet sich an Übungsleitende und Trainer*innen aller Lizenzstufen – unabhängig von der jeweiligen Turnsportart. Das Thema ist bewusst überfachlich angelegt und eröffnet einen niedrigschwelligen Zugang zur psychischen Gesundheit im Sport. Die Schulung umfasst acht Lerneinheiten und kann im eigenen Tempo absolviert werden. Neben Grundlagenwissen zu psychischer Gesundheit und Auffälligkeiten vermittelt sie vor allem praktische Ansätze für den Trainingsalltag – von der Gesprächsführung bis hin zur Orientierung in bestehenden Hilfssystemen. Ergänzt wird das Angebot durch Materialien zum Download sowie interaktive Elemente.

Darüber hinaus können Vereine und Verbände individuelle Aus- und Fortbildungen anfragen. Ivonne Herr bietet Formate sowohl in Präsenz als auch online an und bringt neben ihrer fachlichen Expertise auch langjährige Erfahrung aus dem Turnen und der Verbandsarbeit ein. Im Zentrum steht dabei stets die Frage, wie Trainer*innen ihre eigene Rolle sicherer gestalten können. 

Denn Resilienz gilt als Schlüsselkompetenz: die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, sich selbst zu regulieren und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Wer diese Persönlichkeitskompetenz stärkt, wirkt nicht nur positiv auf sich selbst, sondern auch stärkend auf sein sportliches Umfeld.

Online-Schulung
 

AUSGABE         Gesundheit 02-2026 | Fit & Gesund | Die unsichtbare Seite der Gesundheit
AUTOR              Nils B. Bohl