Chris Harvey | Foto: Minkusimages
Fit & Gesund

Chris Harvey hat zahllose Fitness-Trends erlebt

Der Trend vergeht. Die Stunde bleibt.

Chris Harvey hat Aerobic-Hypes, Step-Boom und zahllose Fitness-Trends erlebt. Geblieben ist seine Überzeugung, dass gute Trainerinnen und Trainer mehr brauchen als neue Übungen.


Chris Harvey erinnert sich noch gut an den Slide. Eine rutschige Fläche, Stopper an den Seiten, spezielle Überzieher für die Schuhe - und dann glitt man darauf hin und her wie ein Eisschnellläufer.

Dieses Seitliche, nicht nur immer geradeaus, hat andere Muskelpartien angesprochen - super für Figur, Hüftstabilität und Knie, erinnert sich der gebürtige Brite. Er war überzeugt, dass sich die Idee durchsetzen würde.

Der Slide verschwand. Step blieb.

Seine Step-Stunde heißt noch immer Step

Harvey, der seit den frühen Jahren der DTB-Akademie Trainer und Trainerinnen ausbildet, hat in den vergangenen Jahrzehnten einiges kommen und gehen sehen. Seine Step-Stunde heißt noch immer Step. Seine Aerobic-Stunde Aerobic. Ich bin Fan von klar und deutlich, sagt er. Bei manchen modernen Kursplänen hätten seine Teilnehmer und Teilnehmerinnen dagegen das Gefühl, erst mal so ein Wörterbuch zu brauchen, sagt Harvey schmunzelnd.

Dabei hat sich die Welt, in der Harvey arbeitet, grundlegend verändert.

Als er anfing, hieß GroupFitness noch gar nicht GroupFitness. Wer Menschen zu Musik bewegen wollte, machte eine Aerobic-Ausbildung. Herz-Kreislauf-Training, Kräftigung, ein bisschen Bauch - vieles steckte in einer einzigen Stunde. 

Harvey erlebte diese Zeit nicht nur als Trainer und Ausbilder, sondern auch als Athlet: 1998 stand er selbst bei der Aerobic-WM in Catania im Finale. Seitdem ist aus der einen Aerobic-Stunde eine ganze Kurswelt geworden - mit eigenen Angeboten für Kraft, Stabilität oder Beweglichkeit, mit Geräten oder ohne, ruhig oder schweißtreibend.

Nicht jedes Rad muss neu erfunden werden

Diese Vielfalt hält Harvey für einen Fortschritt. Schwieriger wird es für ihn dort, wo aus Neuem vor allem neue Verpackung wird.

Was ist diesen Sommer der neue Trend?, sei eine typische Frage in der Branche. 

Seine Antwort fällt inzwischen gelassener aus: Ich glaube, da müssen wir langsam davon wegkommen.

Denn längst gebe es genügend gute Trainingsformen. Wir haben inzwischen sehr, sehr viele super coole Trainingsstunden. Nicht jedes Kleingerät brauche deshalb ein eigenes Programm, nicht jede bekannte Trainingsidee einen neuen Namen. Manchmal, sagt Harvey, sei ein neues Gerät nett für ein oder zwei Übungen. Mehr aber auch nicht.

Bei Step war das anders. Harvey kannte das Gerät bereits aus Großbritannien, als Reebok es mit großem Aufwand auf der FIBO präsentierte. Da hat man sofort gesehen, dass es die Menschen mitreißt. Die Grundidee war simpel: Brett hinstellen, Musik an, los. Und trotzdem ließ sich daraus immer Neues entwickeln.

Harvey gibt noch immer regelmäßig Step-Stunden. Und noch immer kommen Menschen hinein und sagen:

Ich war noch nie auf so einem Ding, was macht man da?

Mehr als eine Übung vormachen

Verändert hat sich auch der Weg, auf dem Trainerinnen und Trainer in den GroupFitness-Bereich kommen. Früher stand meist eine längere Grundausbildung am Anfang. Dort lernte man, wie Musik als Werkzeug funktioniert, wie rechtzeitig angesagt wird oder wie schwierige Bewegungen so heruntergebrochen werden, dass eine ganze Gruppe folgen kann.

Heute, beobachtet Harvey, beginnen manche mit einer ein- oder zweitägigen Einführung in ein festes Markenprogramm. Für ihn ist das nicht dasselbe.

Auswendig lernen von Übungen ist eine Sache. Aber so richtig verstehen, wie man eine Gruppe bewegt, ist eigentlich das, was einen Instructor ausmacht.

Genau deshalb hält er bis heute viel von einer breiten Grundausbildung. Ein Trainer sei Lehrer, Animateur, Vorbild und Dienstleister - und müsse zugleich selbst Schüler oder Schülerinbleiben. Es ist nicht nur das, was wir machen, sondern wie wir es rüberbringen.

Als Lehrer müsse er Inhalte erklären und korrigieren können. Als Animateur müsse er Menschen mitreißen. Als Vorbild glaubwürdig sein.

Dann sagen die Teilnehmer ja auch: Das kauf ich dir ab. 

Und Dienstleistung beginne nicht erst mit der ersten Übung. Rechtzeitig da sein, den Raum vorbereiten, lüften, wahrnehmen, wer neu ist - auch das gehöre dazu.

60 Minuten, die jemand mitbringt

Überhaupt spricht Harvey auffallend oft über die Menschen, die vor ihm stehen. Sie haben Beruf, Familie, Termine. Vielleicht musste jemand organisieren, wer auf das Kind aufpasst, um genau an diesem Abend trainieren zu können.

Ich empfinde das als große Verantwortung als Trainer, dass ich diese 60 Minuten, die sie mitbringen, echt mal sinnvoll einsetze.

An der eigentlichen Faszination von GroupFitness hat sich für Harvey dagegen wenig geändert. Es passiert etwas ganz Interessantes, so Magisches, wenn man Menschen zusammenbringt in die Gruppe, wenn Musik dabei ist und wenn diese Anleitung ist. Der Teilnehmer muss im Grunde nur erscheinen. Ich tauche auf, Rest wird übernommen. Musik an, Menschen bewegen sich gemeinsam, jemand führt durch die Stunde. Ich kann sonst so müde sein als Teilnehmer, sagt Harvey. In einer Stunde geht es mir tausendmal besser als vorher.

Dass regelmäßiges Training lange tragen kann, verkörpert Harvey dabei selbst. Der 57-Jährige wird nach eigener Aussage häufig jünger eingeschätzt. Ich werde ja oft jünger eingeschätzt, als ich bin, sagt er. Besonders interessant werde es, wenn ihm jemand mit 40 oder 50 erkläre, er sei nicht mehr der Jüngste. Nennt Harvey dann sein eigenes Alter, verschiebt sich bei manchen der Blick auf das, was körperlich noch möglich ist. Nicht als Selbstinszenierung, sondern als ziemlich praktischer Hinweis: Wer dranbleibt, kann Bewegung sehr lange als selbstverständlichen Teil seines Lebens behalten. Die Übungen sind nach Harveys Ansicht dabei längst kein Geheimwissen mehr. YouTube, Instagram und andere Plattformen liefern täglich neue davon. Umso wichtiger werde die Fähigkeit des Trainers, zu erklären, auszuwählen und unterschiedliche Menschen zu erreichen, findet er. Manche hörten erst einmal zu, andere müssten eine Bewegung sehen, wieder andere wollten sofort ausprobieren.

Nicht jeder ist ein Zuhörer, sagt Harvey. Wer das verstehe, werde auch als Trainer bzw. Trainerin entspannter.
 

Kleine Stecknadeln auf der Landkarte

Am Anfang einer Ausbildung sitzt mitunter jemand vor Harvey, der bis vor Kurzem selbst nur Teilnehmer war und nun erstmals darüber nachdenkt, vorne zu stehen. Schnell wird klar, wie viel dabei gleichzeitig passieren muss: Musik hören, im Takt bleiben, die nächste Übung im Kopf haben, rechtzeitig ansagen und trotzdem beobachten, was in der Gruppe geschieht.

Multitasking pur da vorne als Trainer, nennt Harvey das.

Am Anfang komme deshalb durchaus der Moment: Ui, das wird schwerer, als ich dachte. Dann wird geübt. Irgendwann sitzt es.

Für Harvey gehört genau das zu den schönsten Augenblicken seiner Arbeit.

Ich denke immer an diese Multiplikatoren-Rolle. Irgendwo in einem Stadtteil oder einem kleinen Ort stehe anschließend jemand, der Woche für Woche Menschen bewegt. Da schicke ich jemanden bedenkenlos hin und sage: Geh da hin, wird dir guttun, da weiß jemand, was er macht.

Harvey stellt sich diese Trainerinnen und Trainer wie kleine Stecknadeln auf einer Landkarte vor. Jede markiert einen Ort, an dem eine gute Trainingsstunde stattfindet. Das war vom ersten Tag her für mich sehr faszinierend als Ausbilder und ist es nach wie vor, erklärt er.

Der Slide hat es nicht geschafft. Step schon. Und irgendwo kommt jede Woche eine neue Stecknadel auf Harveys Landkarte dazu.

DTB-Trainer*in GroupFitness

Die Ausbildung zum/zur DTB-Trainer*in GroupFitness bereitet auf die vielseitige Tätigkeit im Vereins- und Studiobereich vor. 

Lerne Kursformate wie BBP, Bodystyling, Step-Aerobic, Fatburner und mehr zu unterrichten, Gruppen kompetent anzuleiten und zu korrigieren.

In der Ausbildung erfährst du, wie eigene Stunden strukturiert geplant und einzelne Stundenphasen gestaltet werden. Dazu gehört auch die Kommunikation mit der Gruppe, das Anleiten und Korrigieren.

Zudem bist du nach der Ausbildung in der Lage, Musik sicher einzusetzen und Übungen so anzupassen, dass es das individuelle Level deiner Teilnehmenden trifft.

AUSGABE        Akademie 04-2026 | Fit & Gesund | Der Trend vergeht. Die Stunde bleibt.
AUTOR            Nils B. Bohl