Gruppenfoto Ehemaligentreffen 2025 in Leipzig | Foto: Privat
Einblicke

Wo Turnlegenden Generationen vereinen

Legenden, Lorbeeren und Lebenswege

Es gibt diese Treffen, bei denen alle wissen: Man ist schon wieder älter geworden. Das kann ein Klassentreffen sein, ein Abitreffen – oder eben auch ein Ehemaligentreffen des deutschen Turnens. Anlässlich der Europameisterschaft in Leipzig haben sich rund 70 frühere Nationalturnerinnen und -turner versammelt. Leute, die schon dabei waren, als Ringe noch quietschten und das Reck noch aus Holz war. Aber auch andere, die vor wenigen Jahren noch in bunten Wettkampfanzügen aus Hightech-Materialien steckten.

Organisiert hat das Ganze Holger Wochnowski, WM-Turner in Montreal 1985 und selbst seit Jahrzehnten aktiver Teil der Turnszene. Einer, der tief im Turnen verwurzelt ist – und der weiß, wie schnell die Zeit nach der aktiven Karriere vergeht. "Der älteste Teilnehmer war 89, die Jüngsten waren gerade erst aus dem Leistungssport raus", erzählt er. Die Einladung ging an alle, die seit 1958 für Deutschland bei EM, WM oder Olympia am Start waren.

"Manche hatten sich 30 oder 40 Jahre nicht mehr gesehen."

Mit dabei waren bekannte Namen wie Eberhard Gienger, der bis heute als "König der Lüfte" gilt, Maxi Gnauck, Olympiasiegerin und eine der erfolgreichsten deutschen Turnerinnen überhaupt. Oder Sven Tippelt, Richarda Schmeisser, Andreas Japtok, Anja Wilhelm-Jones, Daniel Winkler – eine Liste, deren illustre Namen sich lesen wie ein Auszug aus dem Who's who der deutsch-deutschen Turngeschichte.

Whatsapp & Quizspiele

Nur dass bei manchen der Name zwar noch bekannt war, das aktuelle Gesicht aber nicht mehr. Kein Problem, fand der Marketingfachmann aus Norderstedt, eine WhatsApp-Gruppe regelt das nun. Wochen vor dem Treffen ging der Austausch bereits los: alte Fotos, kleine Quizspiele, "Ratet mal, wer das ist". So kam man sich langsam (wieder) näher, ohne gleich beim ersten realen Aufeinandertreffen nach Vornamen und Jahrgängen stochern zu müssen.

Schon während der Pandemie hatte es erste virtuelle Runden über den Alumni-Club der Deutschen Sporthilfe und dessen Managerin Daniela Jordan gegeben. Daraus entstand die Idee für ein echtes Wiedersehen. "Wir haben uns zuerst 2023 bei Die Finals in Düsseldorf getroffen, dann ein Jahr später in Frankfurt", erinnert sich Wochnowski. "Da haben wir gemerkt: Es fehlt noch etwas." Gemeint war: die Verbindung zwischen Ost und West.

Alle Regionen vertreten

Leipzig, mit seiner langen Turntradition und der Europameisterschaft als Anlass, war da geradezu ein perfekter Ort. Die Hoffnung: auch mehr ehemalige Ostdeutsche zu erreichen. Die Rechnung ging auf. "Das war sehr ausgewogen, wir waren aus allen Regionen vertreten", freut sich der 62-Jährige nun. Über drei Tage hinweg traf sich die Gruppe, besuchte gemeinsam die Wettkämpfe der Europameisterschaft. Ein Abendessen in Halle, lange Gespräche über das, was war – und das, was geblieben ist. Alte Fotos wurden ausgetauscht, Gesichter und Namen wieder zusammengebracht. Natürlich ging es um die alten Zeiten. Um Medaillen, um Boykotte, um gemeinsame Wettkämpfe – oder eben darum, wie schnell 30 oder 40 Jahre ins Land gehen können. 

Karrieren abseits der Matten

Aber auch die aktulle Situation des Gerätturnens und die Karrieren abseits der Matten waren Thema. Viele haben dem Turnen auch nach ihrer aktiven Zeit die Treue gehalten, als Trainerinnen, Trainer oder in anderen Funktionen – so wie Hubert Brylok oder Maxi Gnauck. Andere haben sich beruflich neu orientiert. Auffällig viele, wie Wochnowski findet, arbeiten heute im medizinischen Bereich – als Ärzte, Physiotherapeuten, Menschen, die nach dem Sport weiter Verantwortung übernommen haben.

Besonders eindrucksvoll aber: Der Badener Helmut Hillenbrand, mit 89 Jahren der älteste Teilnehmer des Treffens. "Der ist noch bis ins hohe Alter selbst geflogen", hegt Wochnowski große Bewunderung für den späteren Lufthansa-Kapitän. "Ein echtes Vorbild dafür, wie man fit und neugierig bleibt."

Und die EM? Die kam erstaunlich gut an. Vor allem die Älteren zeigten sich beeindruckt von der Professionalität, der Atmosphäre, dem ganzen Drumherum. "Manche waren 20 Jahre nicht mehr live bei einem internationalen Wettkampf – für die war das ein Quantensprung", erzählt Wochnowski. Das neue Mixed-Finale fand bei den Altvorderen breiten Zuspruch. Männer und Frauen, gemeinsam im Team – was beim IOC längst zum guten Ton gehört, kommt auch bei den Ehemaligen gut an. "Das fanden eigentlich alle spannend", berichtet Wochnowski.

Einmaliges Comeback oder Beginn einer langwährenden Tradition?

Bleibt die Frage: War dies nun ein einmaliges Comeback oder der Beginn einer langwährenden Tradition? Wochnowski hofft auf Letzteres. Noch längst seien nicht alle Ehemaligen erreicht worden, gerade die Jüngeren fehlten bisher. "Wenn Ehemalige wie Fabian Hambüchen, Lukas Dauser oder Kim Bui mit dabei sind, hat das natürlich Strahlkraft", sagt er. Auch Trampolinturnen und Rhythmische Sportgymnastik könnten nach seiner Ansicht perspektivisch eingebunden werden. Kontakte fehlen noch, Adressen sowieso – aber das kennt man ja bereits aus dem Sport: Ohne Grundlagenarbeit geht es eben nicht.

Eine Turnhalle, sagt man, vergisst nichts. Nicht die großen Momente, nicht die kleinen Geschichten – und auch nicht die Menschen, die diesen Sport einmal geprägt haben. Doch manchmal geraten Gesichter und Namen doch in den Hintergrund. Und manchmal braucht es ein Treffen wie dieses, um alte Erinnerungen wieder wachzurufen.

So ist das Treffen von Leipzig weit mehr als eine nostalgische Plauderrunde alter Heldinnen und Helden. Es ist ein Anfang. Für ein bisschen mehr Zusammenhalt, zwischen Jung und Alt, zwischen Ost und West, für ein bisschen mehr Wertschätzung auch nach der sportlichen Karriere – und dafür, dass Brücken dauerhaft gebaut werden.

Impressionen Ehemaligentreffen Leipzig 2025

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Einblicke | Legenden, Lorbeeren und Lebenswege
AUTOR                Nils B. Bohl