Stadiongala 2025 beim Turnfest in Leipzig | Foto: DTB/ Turnfestfotos.de
Einblicke

Hinter den Kulissen der Stadiongala

Gänsehaut, Glitzer, Gemeinschaft

Das ganze Turnfest ist doch nur Show. Da kann Agnes Hartmann kaum widersprechen. Denn genauso hat sie die fünf Tage in Leipzig erlebt. Allerdings nicht vor, sondern hinter, allenfalls mal neben der Bühne.

Oder eben im großen Stadion, wie bei der Stadiongala. Für deren Inhalt war die hauptamtliche DTB-Referentin als "Teamleiterin Shows und Galas" beim Internationalen Deutschen Turnfest ebenso verantwortlich wie bei anderen Shows, ob Internationale Gala, Turnfest-Gala oder Rendezvous der Besten.

Nach ein paar Tagen Urlaub gab uns Agnes Einblicke in ihre Arbeit und auch Gefühlswelt rund um die von 40.023 Zuschauern gefeierte Stadiongala mit 3.500 Mitwirkenden in der Leipziger Red Bull Arena.

Hallo Agnes, ich meine, ich hätte direkt nach der Stadiongala da von dir etwas gehört… War das eher ein erleichtertes Durchatmen, dass es endlich vorbei ist? Oder ein seelenschwerer Seufzer, dass schon wieder alles vorbei ist?

Es war schon eher ein Jubelschrei: Juhu, geschafft! 

Aus Erleichterung und Freude, dass die Show gut angekommen ist, dass der Funke übergesprungen ist, dass das Publikum mitgefeiert und mitgetanzt hat, die Handy-Lichter eingeschaltet hat und mitgegangen ist. Und vor allem, dass die Show reibungslos und verletzungsfrei über die Bühne gegangen ist.

Wir hatten ja zum Beispiel ein großes Bild mit 321 Kindern aus Leipzig und Umgebung, die teilweise sechs, sieben Jahre alt waren. Wenn diese wieder fröhlich, sicher und heil bei ihren Eltern, Betreuerinnen und Betreuern angekommen sind, wenn nichts passiert ist, wenn die Show gut zu Ende gegangen ist, dann bin ich natürlich erlöst und sehr dankbar, dass alles geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt haben. Aber die Tage danach ist man auch erst einmal erschöpft. 

Du hast schon einige Shows und allein bei vier Turnfesten die Stadiongala geplant. Wie sortierst du die Stadiongala in der Red Bull Arena von Leipzig qualitativ und atmosphärisch ein?

Jede Gala ist anders. Was diesmal ganz besonders war, war die Verbindung des Turnfestes mit der Turn-EM. Das hatten wir noch nie. Da war klar, dass wir die Goldmedaillengewinner und -gewinnerinnen in die Show einbinden und auf der Bühne nochmal feiern wollen. Es hat mich auch wahnsinnig gefreut, dass das Konzept funktioniert hat, die Stadt Leipzig in den Mittelpunkt zu stellen und auch Die PRINZEN dabei waren, die als Band ja für Leipzig stehen. Wir haben uns bewusst ein neueres Lied ausgesucht, das positiv in die Zukunft gerichtet ist. Eine Liebeserklärung an alles, was vor uns liegt. Das war uns ein großes Anliegen, dass wir trotz allem, was gerade in der Welt passiert, einen positiven, zuversichtlichen Blick in die Zukunft richten. Das hat funktioniert, die Handy-Lichter sind angegangen.

Wer kam auf die Idee, Lukas Dauser durchs Stadion fliegen zu lassen?

Diese Idee der Flugshow war schon 2020 geboren, als wir für das ja eigentlich schon 2021 geplante Turnfest planten. Und nachdem Lukas in Paris 2024 bei den Olympischen Spielen bereits seinen Abschied erklärt hatte, war es naheliegend, dass wir ihn als Überraschung reinfliegen lassen. Den Turnweltmeister und Turnfest-Botschafter quasi als Überflieger. Es war eine super Zusammenarbeit mit Lukas, sehr professionell und sympathisch. Und ich fand ja seine Interaktion mit dem Fitness-Bild phänomenal, wie er zu den Gruppen runterfliegt und sich Spitzensport und Breitensport abklatschen. Ein tolles Symbol.

Jetzt kannst du es uns ja sagen: Ist irgendwas richtig schief gegangen oder hat zumindest mal gehakt?

Dieses Puzzle aus verschiedenen kleineren Auftritten und den Großgruppenbildern, aus Musik-Acts und Artisten und Artistinnen, aus internationalen Gruppen und Ehrengästen setzt sich ja erst in den Tagen vor der Show so richtig zusammen. Das hat schon bei der Generalprobe am Freitag super funktioniert, alle Mitwirkenden waren super diszipliniert und konzentriert. Da dachte ich: Für eine Generalprobe, die ja eigentlich schief gehen muss (lacht), fast zu gut. Aber tatsächlich ist auch bei der Gala dann nichts so richtig schief gelaufen. Am Ende hätte ich mir vielleicht noch gewünscht, dass die vielen Mitwirkenden noch mal eine Zugabe bekommen und die Chance mit dem Publikum diese tolle Show noch etwas zu feiern.

Ein riesiges Kompliment möchte ich an dieser Stelle an die vielen, vielen ehrenamtlichen Mitwirkenden aus unseren Vereinen aussprechen, die bei unseren vier Großgruppenchoreografien in der Stadiongala mitgewirkt haben.

Diese waren einfach spitze!

Luftartistin Vanessa Schweekhorst und die Musikband Die PRINZEN.

Akrobatik-Bild: Darstellerinnen und Darstellen bilden mit Rettungsfolien das Wort Zukunft.

Nittaidai Gymnastics Club "Gymmix 2025" aus Japan

Du musst ja als Chefin neutral sein... aber was war dein persönliches Highlight der Stadiongala?

Für mich gab es in dieser Show viele Highlights. Jeder Part hatte sein besonderes Etwas. Und das war mein Wunsch, viele verschiedene Facetten von Turnen zu zeigen. Gänsehaut habe ich bekommen als bei Die PRINZEN auch noch die Luftartistin Vanessa Schweekhorst eingeschwebt ist mit dem Vertikaltuch. Das fand ich atemberaubend in dieser wunderbaren Red Bull Arena. Oder als aus dem Akrobatik-Bild die Darstellerinnen und Darsteller mit diesen goldenen Rettungsfolien das Wort Zukunft gebildet haben.

Und auch unsere Internationalen Gruppen empfand ich als große Bereicherung: Es war schon immer mein Wunsch, dass wir eine Schaukelring-Vorführung von unseren schweizerischen Freunden in eine Stadiongala integrieren. Wir hatten sie schon 2017 in Berlin eingeplant. Aber das Wetter war so schlecht, dass der Verein damals nicht auftreten konnte. Jetzt waren der TV Ziefen vom Schweizerischen Turnverband dabei und das war einfach toll. Und Gänsehaut habe ich natürlich bekommen, als alle Aktiven nochmal zum Finale zu Kamrad auf den Rasen gekommen sind und alle miteinander getanzt haben!

Wenn du irgendwann weit vor einer Stadiongala ein weißes Blatt vor dir hast, auf dem nur steht: Stadiongala. Was schreibst du zuerst drauf?

Am Anfang haben wir erst mal keine Schranken – „Think outside the box!“ Wir machen Kreativ-Meetings und schauen, dass wir aus verschiedenen Bereichen kreative Leute für ein-zwei Tage zusammenholen und einfach mal Wünsche, Träume, Vorstellungen und Ideen aufschreiben. Wir nutzen immer die Welt-Gymnaestrada des Weltturnverbandes, um zu sichten. Das ist schon ein Ideen-Pool und inspiriert. Und nach der Welt-Gymnaestrada, die immer jeweils zwei Jahre vor dem Turnfest stattfindet, laufen die Vorbereitungen an. Aber am Anfang dürfen wir erst einmal auch ein bisschen spinnen.

Wie schwer ist es technisch und logistisch, solche Riesengruppen ins Programm einzubauen und am Abend selbst dann auch zu koordinieren?

Die Großgruppen sind schon eine Herausforderung und die Logistik ist enorm, für alle Beteiligten Bereiche zu schaffen, in denen sie sich vorbereiten, umziehen und auch schminken können. Auf der Nordanlage direkt neben der Red Bull Arena hatten wir mehrere größere Aufenthaltsbereiche wo wir zum Beispiel unser Akrobatik-Bild mit 942 Teilnehmenden untergebracht haben. Das Dance-Bild mit 835 Mitwirkenden haben wir in drei verschiedenen Bereichen untergebracht, ein Zelt und zwei bestehende Hallen. Auf der Festwiese haben wir das Zelt, das bei der Eröffnung noch der VIP-Bereich war, als Umkleide umfunktioniert für das Fitness-Bild mit den Finnen und den Dänen. Und die Künstlergruppen haben wir alle im Stadion untergebracht. Alleine diese Planung und Abstimmung war sehr intensiv.

"Wir hatten ein super Team, das das organisiert und koordiniert hat mit super Volunteers."

Und bis zum Auftritt dieser Riesengruppe Show ist es ja auch ein ganz weiter Weg …

Richtig. Das sieht man nicht, was hinter so einer Großgruppenchoreografie mit hunderten Mitwirkenden steckt. So eine Choreografie muss ja auch erstmal entwickelt werden. Für die Großgruppenchoreografien haben wir kreative Choreografinnen aus Vereinen, Gruppen und Landesturnverbänden engagiert, die die Konzeptionen erstellt haben. Diese sind dann durch die Landesturnverbände gereist und haben die Choreos geschult und geprobt.

Und wir haben die Großgruppenbilder eingekleidet und mit den notwendigen Materialien (Yogamatten, Nordic Walking Stöcke, etc.) ausgestattet. Das sind auch sehr komplexe Prozesse, die wir hier von der DTB-Geschäftsstelle gesteuert haben. Zum Beispiel das Akrobatik-Bild mit den 942 Teilnehmenden. Da haben wir für die Anzüge ein öffentliches Ausschreibungsverfahren durchgeführt und dann eine Spezialfirma mit der Produktion von 942 Anzügen beauftragt. Die Anzüge haben wir designen lassen mit Blau und Gold als Sinnbild für friedliche Revolution. Dann müssen bei den Vereinen erstmal die Größen abgefragt, die Anzüge alle geliefert und vereinsweise sortiert und verteilt werden.

Die haben wir übrigens jetzt alle wieder nach Frankfurt bringen lassen, wo sie alle gereinigt werden und dann nochmal nachhaltig für die Welt-Gymnaestrada in Lissabon verwendet.

 

Großgruppen: alle teilnehmenden Vereine

Ich persönlich nehme durch dieses einzigartige Miteinander trotz viel Arbeit und wenig Schlaf immer mehr Energie aus einem Turnfest als ich investiere. Empfindest du es bei aller Anspannung auch als beseelend, in einem Stadion, in dem beim Fußball eine eher aggressive Grundstimmung auf den Rängen herrscht, ein solch friedfertiges und im positiven Sinne energiegeladenes Fest zu erleben?

Absolut. Dieses friedliche Miteinander ist einfach faszinierend. Bei mir waren meine Kinder dabei, zehn und 14 Jahre alt. Meine Schwiegermutter war dabei, 86 Jahre alt, mein Bruder, 46 Jahre alt und seine beiden Zwillingstöchter, 9 Jahre. Und alle feiern gemeinsam, friedlich, sind fasziniert, haben auch mal Tränen in den Augen, weil sie so bewegt sind.

Die Stadiongala und das Turnfest sind für alle!

Und all das ohne Gewalt in all den Tagen. Das ist schon etwas ganz besonderes, was die Turner*innen da schaffen, die ja auch in den Wettkämpfen bei aller Konkurrenz gemeinsam Spaß haben wollen. So ein Turnfest ist einfach Wahnsinn.

Die Publikumslieblinge waren, so glaube ich, die bayrischen Breakdancer... Womit wir den Bogen in Richtung 2029 spannen können. Hast du schon Ideen für die Stadiongala beim Internationalen Deutschen Turnfest in München?

Tatsächlich sind wir noch in der Abwicklung von Leipzig. Aber die DDC waren tatsächlich phänomenal, die sind abgefahren, witzig und spritzig. So stelle ich mir das Turnfest in München auch vor, das soll auch eine bunte Mischung sein. Natürlich haben wir Wünsche und Träume, aber noch ist das Blatt weiß – oder etwas blau-weiß.

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Einblicke | Hinter den Kulissen der Stadiongala
AUTOR                Udo Döring