Handy in der Hand | Foto: Jan Holze
Einblicke

DSEE fördert und unterstützt

Engagement unter Druck

Das Ehrenamt gilt als Fundament der Zivilgesellschaft – doch es bröckelt an vielen Stellen. In Turnvereinen, Sportverbänden und kulturellen Initiativen fehlt es an Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Bürokratie, Haftungsfragen und gesellschaftlicher Wandel haben Spuren hinterlassen. Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt versucht gegenzusteuern. Ihr Gründungsvorstand Jan Holze sieht die Vereine an einem Wendepunkt.

Holze, 1981 in Stralsund geboren, lebt heute in Schwerin. Der Betriebswirt und Jurist ist seit Jahren ehrenamtlich im Handball tätig und kennt die innere Mechanik des Vereinswesens. In Warnemünde traf er jüngst auf die Geschäftsführungen der Landesturnverbände, um über Wege zur Stärkung des Ehrenamts zu diskutieren.

"Wir haben in einer Befragung festgestellt, dass 77 Prozent der Engagierten den Aufwand mit Bürokratie als hoch oder besonders hoch ansehen", sagt Holze.
in durchschnittlicher Sportverein verbringe rechnerisch 42 Tage im Jahr mit Verwaltungstätigkeiten. Zeit, die den Engagierten für den eigentlichen Zweck fehle. 

Bürokratie und Haftung als Kernprobleme

Die Stiftung, 2020 vom Deutschen Bundestag gegründet, versteht sich als bundesweite Servicestelle für freiwilliges Engagement. Ihre Arbeit reicht von Qualifizierungsmaßnahmen über Förderprogramme bis zur politischen Interessenvertretung.

Eines der größten Hemmnisse, so Holze, sei die Furcht vor rechtlicher Verantwortung. Viele Ehrenamtliche wüssten nicht, welche Haftungsrisiken sie tragen oder wie ihr Verein versichert ist. Die DSEE bietet daher gezielte Beratungen und Schulungen an, die Haftungsfragen ebenso behandeln wie Datenschutz, Steuerrecht oder Fördermittelakquise.

Auch strukturell will Holze Bewegung bringen. Vereine sollten, sagt er, flexiblere Modelle erproben. Etwa geteilte Leitungsfunktionen, Mentor-Mentee-Programme oder zeitlich begrenzte Mandate. Damit solle der Einstieg in Verantwortung erleichtert werden. "Man kann Verantwortung im Team aufteilen und muss nicht immer gleich ein Vierjahresmandat übernehmen", findet Holze.

Gerade im Turnen, einer der traditionsreichsten Sportarten Deutschlands, stößt dieser Gedanke an Grenzen. Vieles sei historisch gewachsen, manches überholt. Holze verweist auf die Notwendigkeit, "alte Strukturen zu hinterfragen, ohne Bewährtes vorschnell aufzugeben". Das Turnen stehe exemplarisch für das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Modernisierung. Der Widerstand gegen Veränderung sei groß, obwohl die Herausforderungen unübersehbar seien: Mitgliederschwund, Überalterung und fehlender Nachwuchs im Ehrenamt.

Programme für eine neue Engagementkultur

Die Stiftung hat für 2025 sechs Schwerpunktfelder formuliert. Sie reichen von der Qualifizierung Ehrenamtlicher über die Nachwuchsgewinnung bis zur Digitalisierung. Die Volunteer Akademie, 2024 gestartet, soll zur zentralen digitalen Lernplattform ausgebaut werden. Daneben werden die 1:1-Beratung zu Versicherungs- und Förderfragen sowie die bundesweite Förderdatenbank erweitert. Auch niedrigschwellige Angebote wie Fahrsicherheitstraining, Selbstverteidigungs- oder Erste-Hilfe-Kurse für Engagierte sollen fortgeführt werden.

Mit dem Programm "transform_D" reagiert die DSEE auf die Herausforderungen der Digitalisierung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. "Engagiertes Land" stärkt gezielt Strukturen in ländlichen Regionen. Zudem wird der Wettbewerb "machen!2025", der Engagementinitiativen in Ostdeutschland würdigt, weiter fortgesetzt. Holze betont, dass solche Programme "nicht Selbstzweck, sondern Werkzeuge" seien, um Menschen den Zugang zu erleichtern und Verantwortung schrittweise zu ermöglichen.

Auf politischer Ebene sind die Erwartungen hoch.

Erstmals verfügt die Bundesregierung über eine Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Dr. Christiane Schenderlein, die im Bundeskanzleramt angesiedelt ist. Mit dem "Zukunftspakt Ehrenamt" sollen Vereine steuerlich entlastet und von Berichtspflichten befreit werden. Holze begrüßt die Initiative, mahnt aber weitere Schritte an: "Datenschutz, Veranstaltungsrecht, steuerliche Auflagen – überall braucht es spürbare Vereinfachung."

Zugleich will die Stiftung den Wissenstransfer zwischen Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft stärken. Geplant sind Roundtables mit Unternehmensvertretern, die Pro-Bono-Leistungen für Vereine anbieten, und Forschungsprojekte, die bürokratische Hemmnisse systematisch untersuchen. Holze spricht von einem "ökosystemischen Ansatz", bei dem Staat, Wirtschaft und Bürgerschaft gemeinsam Verantwortung tragen sollen.

Die Suche nach Sinn

Dass die Zahl der Engagierten insgesamt wächst, hält Holze für ein ermutigendes Zeichen. Doch die Motivation habe sich verändert. "Heute geht es weniger um Geselligkeit, sondern um gesellschaftliche Wirksamkeit", sagt er. Menschen wollten spüren, dass ihr Einsatz Sinn stiftet. Das Ehrenamt müsse darauf reagieren, indem es Qualifikationen, Anerkennung und persönliche Entwicklung ermögliche.

Für Holze liegt darin keine Schwächung, sondern die zeitgemäße Weiterentwicklung einer alten Idee.

Der größte Motivationsfaktor bleibt über alle Generationen hinweg: Spaß und Freude, sagt er.

Doch damit das so bleibt, müssten die Rahmenbedingungen stimmen – im Turnen ebenso wie in allen anderen Bereichen bürgerschaftlichen Engagements.

Ein bundesweites Angebot für Engagierte

Als Bundeseinrichtung bietet die DSEE deutschlandweit finanzielle Förderung, individuelle Beratung und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Weitere Informationen gibt es unter

AUSGABE       Förderung 05-2025 | Einblicke | DSEE fördert und unterstützt
AUTOR            Nils B. Bohl