Welt-Gymnaestrada Amsterdam 2023
Einblicke

Gemeinsam zur Welt-Gymnaestrada 2027

Connect the World

Es beginnt mit einer Unterhaltung auf einer Tribüne. Keine große Zeremonie. Keine offizielle Delegation. Keine Verbandsvertreter. Einfach zwei Trainer, die sich bei einer Welt-Gymnaestrada zufällig nebeneinandersetzen und ins Gespräch kommen. Heute, Jahre später, könnte aus genau dieser Begegnung eines der ungewöhnlichsten Projekte der Welt-Gymnaestrada 2027 in Lissabon entstehen. Wie eine Showgruppe aus Sindelfingen und eine Showgruppe aus Mexiko gemeinsam Geschichte schreiben wollen.

Die Air Cracks aus Sindelfingen und eine Showgruppe aus Mexiko, die Halcones UNAM, arbeiten an einer gemeinsamen Vorführung. Rund 90 Aktive aus zwei Kontinenten, getrennt durch mehr als 10.000 Kilometer, sollen gemeinsam auf einer Fläche stehen. Was zunächst wie eine organisatorische Herausforderung klingt, ist für Air-Cracks-Trainer Carsten Stenitschka vor allem eine Botschaft. Wenn das Motto schon ‘Connect the World’ heißt, muss man das auch leben, findet er.

Die größte Breitensport-Veranstaltung der Welt

Die Welt-Gymnaestrada ist die größte Breitensportveranstaltung der Welt. Alle vier Jahre treffen sich Zehntausende Turner*innen, Gymnast*innen, Akrobat*innen und Tänzer*innen aus fast allen Kontinenten. Es gibt keine Sieger*innen, keine Verlierer*innen, keine Medaillen. Stattdessen stehen Begegnungen, Kreativität und gemeinsames Erleben im Mittelpunkt. Das ist es auch, was Stenitschka seit Jahren fasziniert. Bei Wettkämpfen diskutiert man manchmal über Wertungen oder Fehlentscheidungen. Bei der Welt-Gymnaestrada feiern sich die Teilnehmer gegenseitig, sagt er. Da treffen Kulturen, Länder und Kontinente aufeinander und verbringen friedlich Zeit miteinander. Genau das finde ich so besonders. Für die Air Cracks ist die Veranstaltung längst ein fester Bestandteil ihrer Geschichte. Die Gruppe wurde 2001 gegründet und vertrat Deutschland bereits bei den Welt-Gymnaestradas in Lissabon, Dornbirn, Lausanne und Helsinki. Rund 50 Aktive zwischen zehn und 55 Jahren gehören heute zur Gruppe.

Doch die Idee einer kontinentalen Zusammenarbeit entstand erst während einer späteren Gymnaestrada. Auf der Tribüne lernte Stenitschka Trainer einer mexikanischen Gruppe kennen. Man sprach über Training, Shows und die Begeisterung für den Sport. Nach der Rückkehr blieben beide Seiten in Kontakt. Wir haben uns ausgetauscht, wie das Training in Mexiko aussieht, wie es bei uns läuft und welche Ideen wir haben, erzählt Stenitschka.

Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Bis dahin hatten die Air Cracks ihre gemeinsamen Projekte meist mit anderen deutschen Gruppen umgesetzt. Warum also nicht einmal einen Schritt weitergehen? Ich habe irgendwann gesagt: Eigentlich wäre es doch viel spannender, etwas Internationales zu machen. Die Antwort aus Mexiko kam schnell. Die Trainerin war begeistert. Ihr Verband ebenfalls. Selbst der internationale Verband signalisierte Unterstützung. Plötzlich wurde aus einer spontanen Idee ein reales Projekt. Um herauszufinden, ob daraus tatsächlich mehr entstehen könnte, flog Stenitschka nach Mexiko-Stadt. 

Dort erlebte er nicht nur eine andere Kultur, sondern auch eine andere Sicht auf den Sport. Er lacht und sagt:

 Die Uhr tickt dort einfach anders.

Während deutsche Vereine oft langfristig planen und Termine möglichst schnell festlegen möchten, gehen viele Dinge in Mexiko entspannter zu. Wenn wir sagen, lass uns in den nächsten Tagen sprechen, dann verstehen wir darunter etwas anderes als die Mexikaner. Doch genau diese Unterschiede machten den Reiz aus.

Die Leidenschaft der Aktiven

Viel stärker beeindruckte ihn etwas anderes: die Leidenschaft der Aktiven. Mexiko-Stadt zählt zu den größten Metropolregionen der Welt. Einige Mitglieder der Gruppe fahren zweieinhalb Stunden zum Training, trainieren mehrere Stunden und verbringen anschließend dieselbe Zeit auf dem Heimweg. Da merkt man schnell, wie wichtig ihnen das Ganze ist. Auch die Trainingskultur unterscheidet sich deutlich. Während bei den Air Cracks Ideen gemeinsam entwickelt werden und die Turnerinnen und Turner aktiv mitgestalten können, herrscht in Mexiko eine stärkere Hierarchie. Die Trainer geben die Richtung vor, die Gruppe folgt.

Trotzdem entdeckte Stenitschka erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Die haben einfach dieselbe Begeisterung wie wir. Besonders fasziniert ihn die Ausdrucksstärke der Mexikanerinnen und Mexikaner. Viele kommen aus dem Tanz oder der Rhythmischen Sportgymnastik und bringen eine enorme Musikalität mit.

Die leben die Musik und die Bewegungen.

Die Deutschen – die Verrückteren?

Die Deutschen wiederum gelten als die etwas Verrückteren. Menschenpyramiden, spektakuläre Würfe und akrobatische Elemente gehören seit Jahren zur Handschrift der Air Cracks. Wenn jemand einen Rückwärtssalto von einer vier Meter hohen Leiter springen soll, dann sind meistens wir diejenigen, die sagen: Machen wir. Vielleicht ist genau diese Mischung der Grund, warum beide Gruppen so gut harmonieren.

Der gemeinsame Auftritt für Lissabon wird derzeit digital vorbereitet. Videos werden ausgetauscht, Choreografien abgestimmt und Programme gemeinsam entwickelt. Jede Gruppe trainiert ihren Teil zunächst für sich. Erst in Portugal soll alles zusammengeführt werden. Wir werden wahrscheinlich nur sehr wenig gemeinsame Trainingszeit haben, sagt Stenitschka. Aber ich bin überzeugt, dass wir das schaffen. Ob die Gruppe am Ende offiziell für Deutschland oder Mexiko startet, ist derzeit noch offen. Die Verbände arbeiten an einer Lösung.

Für Stenitschka spielt das ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Mir ist wichtig, dass wir gemeinsam auf der Fläche stehen. Noch wichtiger ist ihm die Symbolik dahinter. In einer Zeit, in der häufig über Konflikte, Spannungen und Grenzen gesprochen wird, möchte er zeigen, dass Sport auch anders funktionieren kann. Es geht nicht darum, die beste Gruppe zu sein. Es geht darum zu zeigen, dass Menschen mit derselben Leidenschaft gemeinsam etwas schaffen können.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte hinter diesem Projekt. Denn längst geht es nicht mehr nur um eine Vorführung. Besagte mexikanische Trainerin war inzwischen in Deutschland zu Besuch. Stenitschka wohnte während seines Aufenthalts bei Freunden in Mexiko-Stadt. 

Kontakte entstanden weit über den Sport hinaus.

Es geht um Menschen

Wer von der Welt-Gymnaestrada spricht, spricht deshalb selten zuerst über Choreografien. Viel häufiger geht es um Menschen. Um Belgier, die Jahre später noch zu Jubiläumsveranstaltungen nach Deutschland reisen. Um griechische Trainer, die man zufällig im Urlaub wiedertrifft. Oder um mexikanische Freunde, die plötzlich Teil des eigenen Lebens werden. Man sieht sich manchmal nur alle vier Jahre, sagt Stenitschka. 

Aber wenn man sich wiedersieht, ist es sofort wieder so wie vorher.

Genau darauf freut er sich in Lissabon vielleicht sogar mehr als auf die eigentliche Show. Auf das Wiedersehen. Auf die Begegnungen. Und auf den Moment, wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam auf einer Fläche stehen und zeigen, dass Sport manchmal etwas schafft, woran Politik und Gesellschaft oft scheitern. Nämlich Verbindungen über Grenzen hinweg. Ganz ohne Wertung.

AUSGABE           Events 03-2026 | Einblicke | Connect the World
AUTOR                Nils B. Bohl