Mitmachangebote beim Turnfest auf der Festwiese | Foto: DTB/ Turnfestfotos.de
Die Familie

Bierfässer, Hangeln und viel Fantasie

Wenn das Turnfest zur Baustelle wird

Von außen betrachtet wirkt Dennis Pelikan nicht wie jemand, der die Welt des Sports nachhaltig prägen möchte. Eher wie einer, der am liebsten selbst mittendrin ist und auch gerne mit anpackt: kurze Haare, drahtige Statur, den wachen, verschmitzten Blick eines Tüftlers – und im Kopf ständig die neueste, oft ziemlich ungewöhnliche Idee.

Doch wer sich mit dem 39-Jährigen aus Rostock unterhält, ahnt rasch: Hinter dem ersten Anschein steckt eine Idee, die weit über Medizinbälle, Bierfasswürfe und drehbare Klimmzugstangen hinausreicht.

Dennis Pelikan baut Bewegung.
Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Wer Ende Mai über das Gelände des Internationalen Deutschen Turnfests in Leipzig schlenderte, konnte seine Handschrift kaum übersehen.

Zwischen Turngeräten, Showbühnen und Infozelten ragte auf der Festwiese ein Areal aus dem Boden, das mehr an einen Abenteuerspielplatz für Erwachsene erinnerte als an einen klassischen Sportpark. "Wir wollten ein bisschen was anderes machen", sagt Pelikan.

"Nicht nur Turnhalle, sondern draußen, sichtbar, spielerisch."

Tatsächlich zieht sich diese Haltung durch alles, was der gelernte Veranstaltungskaufmann und ehemalige Messebauer anfasst. Vor rund zwölf Jahren gründete er den "Straßensport e.V.", einen Verein, der funktionelles Training unter freiem Himmel organisiert. Aus dieser Idee heraus entstand schließlich die Straßensport GmbH – ein Unternehmen, das mobile Fitnessanlagen, Trainingsmodule und Aktionsflächen entwickelt. Oft individuell, oft unkonventionell, selten gewöhnlich.

Bekannt geworden ist Pelikan nicht zuletzt durch das, was auf dem Turnfest am meisten Aufsehen erregte: das Dosenwerfen XXL. Eine Art überdimensioniertes Dosenwerfen mit Medizinbällen auf leere Bierfässer. Die Idee dazu kam ihm, wie so viele, auf einer langen Autofahrt. "Wenn ich unterwegs bin, arbeitet mein Kopf. Ich denke mir dann die dümmsten Sachen aus – und setze sie um."

Doch was auf den ersten Blick wie eine Jahrmarktbelustigung wirkt, folgt bei Pelikan einer klaren Logik: Bewegung soll niederschwellig, lustvoll und spielerisch sein. "Wenn du das Training in Spiel und Spaß verpackst, hast du einen guten Job gemacht», sagt er. Und ergänzt: «Am Ende ist alles Training, auch wenn es erst mal aussieht wie Quatsch."

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigte sich in Leipzig eindrucksvoll.

Vor allem an den Haupttagen bildeten sich lange Schlangen vor dem Areal der Rostocker. Neben dem Bierfasswurf lockten ein überdimensionales Hamsterrad zum Hangeln, eine drehbare Klimmzugstange, Ninja-Parcours und die sogenannte Atlas-Box – angelehnt an den Kraftsport, aber für alle Altersgruppen geeignet.

Pelikan weiß, dass klassische Turnfeste ein anderes Publikum ansprechen. Doch gerade das reizt ihn. "Die Turner sind die Schweizer Taschenmesser unter den Sportlern", sagt er. "Die können werfen, klettern, balancieren – das ist die perfekte Grundlage." Auch seine Tochter schickt er ins Kinderturnen. Nicht, um sie früh auf Leistung zu trimmen, sondern weil Bewegung, wie er sagt, "die größte Investition in die Zukunft ist".

Dabei führt Pelikan selbst ein Leben, das diesen Gedanken mit Widersprüchen füllt.

Ursprünglich kommt er aus dem Veranstaltungs- und Messebau, hat jahrelang für große Events Bühnen, Anlagen und Konstruktionen geplant. Heute kombiniert er seine handwerkliche Erfahrung mit seiner Leidenschaft für Bewegung. Heraus kommt ein Geschäftsmodell, das bundesweit Beachtung findet.

Mehr als hundert Sportprojekte hat Straßensport bislang umgesetzt. Von Rostock bis nach Bayern, für Vereine, Städte, Festivals. Alles individuell, alles aus robustem Material, das, wie Pelikan sagt, "einfach ewig halten soll". Sein größter Traum: eine eigene große Produktions- und Sporthallehalle, zwei- bis dreitausend Quadratmeter, Werkstätten, Außenflächen. "Wir haben jetzt eine kleine 600 m2 Batman-Höhle in einer alten Disco", sagt er. "Aber das reicht auf Dauer nicht."

Für Pelikan ist es mehr als ein Job. Es ist Überzeugung.

Die Realität ist oft weniger glamourös.

Für das Turnfest beispielsweise reiste Pelikan mit drei Kleinlastern voller Material an. Alles schwer, alles sperrig. "Früher oder später muss ich wohl einen Lkw-Führerschein machen", sagt er und lacht. Die langen Strecken, die Logistik, das Auf- und Abbauen – es gehört dazu. Und doch spürt man: Für Pelikan ist es mehr als ein Job. Es ist Überzeugung.

Was bleibt, ist die Frage, wie nachhaltig solche Aktionen tatsächlich sind. Bringt ein Bierfasswurfstand Menschen wirklich zum Sport? Oder bleibt es beim kurzweiligen Erlebnis auf dem Festgelände? Pelikan glaubt an den Effekt. "Manchmal sehen die Leute: Hey, ich kann ja doch was. Und vielleicht entdecken sie so die Freude an Bewegung wieder." Es ist eine stille Hoffnung, keine wissenschaftliche Erkenntnis. Aber eine, die ihn antreibt.

Dass dabei nicht jeder den Sinn hinter den Aktionen sofort erkennt, nimmt er gelassen. Auch auf dem Turnfest sei sicher der eine oder andere prominente Besucher am Stand gewesen. Namen? Fehlanzeige. "Meine Trainer sind keine klassischen Turner oder im Leistungssport verwurzelt", sagt er. "Fabian Hambüchen kennen wir schon. Die meisten Top-Turner werden eher von den Sportlern erkannt, die richtig in der Szene stecken, denke ich", so Pelikan.

Am Ende zählt für Pelikan ohnehin nicht die Prominenz, sondern die Bewegung selbst – die kleinen Erfolgserlebnisse, das Staunen, wenn Erwachsene wieder spielen, klettern, werfen. "Wir spielen mit den Menschen draußen das, was viele längst aufgehört haben zu tun, weil sie irgendwann ‚erwachsen‘ geworden sind", sagt er. "Und genau da fängt es an."

Es klingt so simpel. Vielleicht ist es das auch.
Und vielleicht braucht es genau das, um Bewegung wieder dorthin zu bringen, wo sie ursprünglich einmal war:
ins Leben.

AUSGABE           Turnfest 03-2025 | Die Familie | Wenn das Turnfest zur Baustelle wird
AUTOR                Nils B. Bohl