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Philipp Kleidernigg beim Training | Bildquelle: Claudia Doenitz
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Philipp Kleidernigg auf dem Sprung nach ganz oben

Ein Talent hebt ab

Philipp Kleidernigg hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt für dieses Jahr: „Die Qualifikation für die World Age Group Competitions in China im November. Die Europameisterschaften im Doppelmini in Portugal im April. Und natürlich die Deutsche Meisterschaft nach München holen.“
Der 2007 geborene Trampolinturner von den Munich Airriders verliert die Bodenhaftung im Wortsinne aber nur auf dem Gerät, denn seine steile sportliche Karriere ist das Ergebnis von harter Arbeit, Ehrgeiz und viel Disziplin. Wir haben Philipp und seinen Trainer am Doppelmini-Trampolin beim Kadertraining in Erlangen getroffen und stellen euch hier ein Turntalent vor, von dem wir zukünftig bestimmt noch viel hören und sehen werden.

„Im Turnen bin ich nie aus Bayern rausgekommen“ sagt der sympathische Münchner Philipp Kleidernigg rückblickend auf seinen sportlichen Werdegang. Denn seine Begeisterung für den Turnsport fand ihren Ursprung wie so viele mit nur fünf Jahren im Gerätturnen. Mit den turnerischen Grundlagen im Bereich Kraft, Ausdauer, Technik und Beweglichkeit und einigen Erfolgen bei regionalen Wettkämpfen hatte er beim TSV Unterhaching eine hervorragende Basis geschaffen, um später im Trampolinturnen seine Paradedisziplin zu finden. Philipp war gerade 12 und damit in der körperlich wichtigsten Entwicklungsphase eines Turners, als Corona und die einhergehenden Lockdowns ihn maßgeblich ausbremsten. Zwar hatte er bereits als Turner Bekanntschaft mit dem Doppelmini-Trampolin gemacht, der formale Wechsel der Disziplinen kam jedoch erst als Folge dieser Phase des Stillstandes mit 14 Jahren. Noch im ersten Jahr holte er sich 2022 den Deutschen Vizemeistertitel im Doppelmini und qualifizierte sich damit für die Jugend-EM in Rimini. Und danach gab es kein Halten mehr.

Sprung für Sprung höher hinaus

„Ohne die Familie und den uneingeschränkten Rückhalt der Eltern geht es nicht.“ unterstreicht der 18-Jährige dankbar mit Blick auf den Support aus der Familie. „Meine Eltern haben mich immer gefahren und zu Wettkämpfen begleitet; jeder Urlaub wurde passend geplant.“ Bis zu neun Mal in der Woche trainiert Philipp heute, dazu kommen physikalische Therapien und physiotherapeutische Sitzungen, um die hohe körperliche Belastung auszugleichen. Muskelentspannung und die gezielte Stärkung des Bewegungsapparates sind eine wichtige präventive Maßnahme um Verletzungen und Trainingsausfall vorzubeugen.

Dass er 2025 dennoch erfolgreich sein Abitur ablegte, ist Zeugnis für seinen unbedingten Willen und jede Menge Ehrgeiz, um Schule und Karriere unter einen Hut zu bekommen und im Spitzensport langfristig dabei zu bleiben. „Viel Zeit für Leben und Freizeit blieb da neben der Schule nicht!“ lacht Philipp und freut sich, dass er mit seinem Studium im Fach Sport und angewandte Trainingswissenschaft inzwischen mehr Freiheit und Flexibilität im Wochenplan gefunden hat. Bei einer so fitness- und kraftbetonten Sportart ist das Zeitfenster verhältnismäßig kurz, es wachsen fortwährend sehr starke Turner nach. Bei vielen Wettkämpfen werden Athleten bereits ab 17 Jahren in der AK 17+, spätestens jedoch ab 21 Jahren in einer Wettkampfklasse zusammengefasst. Entsprechend konsequent betont der Student seinen aktuell strikten Fokus auf den Trampolinsport.
 

Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit & Technik
Als äußerst komplexe Sportart erfordert Trampolinturnen umfassende körperliche Fitness, höchste Konzentration und Körperkontrolle.

Keine halben Sachen – Topathlet zweier Welten

Philipp Kleidernigg gehört zu den wenigen Athleten, die es schaffen, in zwei Untersportarten des Trampolinturnens ganz oben dabei zu sein. Während die meisten Turner sich auf eine Disziplin spezialisieren, gehört er sowohl am Großgerät als auch auf dem Doppelmini-Trampolin zu den Top-Athleten in Deutschland, wurde 2026 in den Nachwuchskader 1 des DTB aufgenommen.

Auf dem Großtrampolin werden dabei Sprunghöhen von 7m und mehr erreicht. Eine Übung besteht aus zehn aufeinanderfolgenden Sprüngen, die ohne Unterbrechung und mit sicherer Endlandung geturnt werden müssen. In die Gesamtpunktzahl fließen unterschiedliche Bewertungskriterien ein: zunächst die Haltung bzw. Ausführung – Körperstreckung, Spannung, Öffnung der Salti, Schraubenachse und Standkontrolle werden hier beurteilt. Die Schwierigkeit ergibt sich aus Anzahl und Kombination von Salti und Schrauben; je komplexer die Elemente, desto höher der Ausgangswert. Ergänzend wird die Time of Flight gemessen, also die gesamte Flugzeit aller zehn Sprünge – sie steht für Sprunghöhe und Dynamik. Hinzu kommt der Horizontal Displacement (HD)-Wert, der die Abweichung vom Mittelpunkt des Tuchs erfasst und damit die Raumkontrolle bewertet. Zusammengenommen spiegeln diese Kriterien Technik, Athletik, Risikograd und Präzision wider.

 

Größte Erfolge

  • 2022 DMT Silber Jugend-EM Mannschaft
  • 2025 TRA GymCity Open Gold AK 17-21
  • 2025 DMT Silber Scalabis Cup Portugal
  • 2025 TRA Finals Dresden 4. Platz Herren
  • 2025 WAGC Pamplona
              13. Platz DMT
              29. Platz TRA

Philipp Kleidernigg (obere Reihe, 3.v.re.) und das Turn-Team Deutschland im November 2025  bei den World Age Group Competitions in Pamplona.

Der unbekannte kleine Bruder

Das Doppelmini-Trampolin (DMT) ist eine spektakuläre Disziplin des Trampolinturnens, der trotz ihrer schon längeren Historie erst in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit zuteil wird. Auf Bundesebene wurden erst kürzlich Kaderstrukturen geschaffen und Fördermittel für nichtolympische Sportarten bereitgestellt: ein wichtiger Aspekt, da Vereine und Turner für Wettkampfaktivitäten bis dato einen hohen Eigenanteil aufbringen mussten.
Geturnt wird auf einem schräg stehenden Gerät mit zwei Sprungzonen („Doppel-Mini“): einer Aufsprung- und einer Absprungfläche. Die Turnerinnen und Turner nehmen Anlauf, springen auf das Gerät, zeigen dort zwei aufeinanderfolgende Elemente und landen anschließend kontrolliert auf einer Matte. Doppelmini gilt als dynamisch, kraftbetont und technisch anspruchsvoll. Es verbindet die Präzision des Gerätturnens mit der Athletik akrobatischer Sprungformen – und hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer eigenständigen, international stark beachteten Wettkampfsportart entwickelt.

International wird die Sportart vom World Gymnastics (ehemals FIG) geführt und zählt neben Großtrampolin und Tumbling zu den Trampolinturn-Disziplinen. Ihren Ursprung hat sie in den 1970er-Jahren, als aus Trainingsformen des Großtrampolins ein eigenständiger Wettkampf entstand. Weltmeisterschaften im Trampolinturnen – inklusive Doppelmini – werden seit 1964 ausgetragen, DMT ist dort fest etabliert.
Bewertet werden anders als auf dem Großgerät nur Schwierigkeit (Anzahl und Komplexität der Salti und Schrauben), Ausführung (Körperhaltung, Technik, Stabilität) sowie die Landung. Ein Wettkampf besteht i.d.R. aus Pflicht- und Kürübungen bzw. Qualifikations- und Finaldurchgängen.

Die Stimme des Trainers – Was macht ein Talent aus?

Philipp trainiert bei den Munich Airriders auf dem Großtrampolin unter Landestrainer Markus Thiel und seinem Trainerstab. Am DMT hat ihn Michael Dobert, selbst DMT-Vizeweltmeister mit der Mannschaft 1999, unter seinen Fittichen. „Trampolinspringen ist komplexer als viele denken” sagt er. Als „Schlüssel zum Erfolg” in diesem Sport und damit wichtigste Eigenschaft eines Talents bezeichnet er die Fähigkeit zur Körperkontrolle, also die gezielte motorische Ansprache einzelner Körperteile zu einem ganzheitlich harmonischen Zusammenspiel, „Kraft, Beweglichkeit und Technik sind erlernbar.”

Eine weitere Eigenschaft, die besondere Talente auszeichnet, ist die Trainierbarkeit, also die Fähigkeit zur Umsetzung äußerer Impulse. Wenn man als Trainer neue Elemente sukzessive aufbaut oder die Ausführung gemeinsam mit dem Athleten optimiert, ist es ungemein wichtig, dass die Kommunikation stimmt und der Turner Anweisungen annehmen und auf das Tuch bringen kann. Ein gutes technisches Verständnis sei sicher noch hilfreich, weil schon kleine Änderungen große Wirkung erzielen können.
Während man als Laie in Anbetracht der schwindelerregenden Höhen und spektakulären Sprungelemente vielleicht auch gern großen Mut attestieren möchte, winkt Michael Dobert ab: „Das alles ist ja ein Prozess und wird Schritt für Schritt aufgebaut. Höhe und Anspruch wachsen mit der Sicherheit, einen Sprung auch wirklich turnen und landen zu können.”
Über Philipp sagt Michael Dobert, dass er sich neben besagten Eigenschaften vor allem durch großen Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Disziplin auszeichne. Er wolle wirklich Grenzen verschieben und die Trainer seien hin und wieder auch gefragt, ihn in seiner Ungeduld ein wenig zu bremsen.
Philipps ausgewiesenes Ziel für eine Olympiaqualifikation 2032 auf dem Großgerät nimmt Michael wohlwollend und mit einem Schmunzeln zur Kenntnis. „Das ist ein gutes und ehrgeiziges Ziel. Mit 25 ist er dann im besten Alter.”

Doch zunächst wünschen wir Philipp am 28. Februar viel Erfolg bei den Deutschen Meisterschaften DMT in Biberach und eine erfolgreiche Qualifikation für die EM in Portugal.
Interessierte können Philipp auf seinem Instagramprofil folgen oder hier regelmäßig von seinen Erfolgen für den BTV und das Turn-Team Deutschland lesen.

AUSGABE        Talente 01-2026 | Mehr Sport | Talent Philipp Kleidernigg
AUTORIN         Claudia Doenitz