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Einblicke

Ein Blick auf die Gerätekoordination beim Turnfest

Behind the Scenes

Leipzig war ein Turnfest der SuperlativeWas innerhalb von fünf Tagen für Aktive und Besucher ein kurzes Feuerwerk der Emotionen wird, ist Ergebnis eines logistischen KraftaktesDie Koordination aller Gewerke, Wettkämpfe, Kultur- und Showprogramm, Mobilitätskonzept, Sponsoring und Partnermanagement, Material und Transport, Akademie, Personal und Volunteers, Übernachtungen, IT, Kommunikation und Marketing, Aussteller, Finanzen, Verpflegung und sooo vieles mehr … Über Monate und Jahre hinweg gehen Ideen und Pläne durch unzählige Hände und rauchende Köpfe – es wird geschraubt, gefeilt, geschnitzt und überarbeitet. Am Ende steht ein Gesamtpaket, das Erinnerungen schafft. Das Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit im Blick haben und doch in nur einem großen Showdown hunderttausende Besucher überzeugen und dem kritischen Blick der Weltöffentlichkeit standhalten muss …
Wir haben unter anderem mit der Projektmanagerin für die Sportgerätekoordination gesprochen und werfen in diesem Beitrag einen Blick auf die Kernfrage ihrer Aufgabe in der großen Turnfestmaschinerie: Was muss wann durch wen wohin? Und was passiert eigentlich nach einem Turnfest mit all den Groß- und Kleinsportgeräten?

7.164

Das ist die Zahl, die unter dem Strich der großen Tabelle steht, die Tatjana Lietz als Projektmanagerin für Gerätekoordination in den Monaten vor dem Turnfest rauf und runter bearbeitet hat. 7.164 Artikel davon 5.091 Klein- und 2.073 Großsportgeräte – die der Bedarfsanalyse zufolge gebraucht und über das gesamte Stadtgebiet zu den verschiedenen Veranstaltungsstätten verteilt und wieder abgeholt werden müssen.

Johanna Schuberth vom TSV Jetzendorf bei ihrer Bodenübung im Rahmen der DJM AK15/16 in der Halle 1 des Leipziger Messegeländes. Kurz vorher fanden hier die Europameisterschaften 2025 statt; der hochwertige Schwingboden geht nun ins bayerische Friedberg.

Diese Zahl umfasst alle Groß- und Kleinsportgeräte, die Hand in Hand mit den rund 800 Materialien der Gerätepartner BENZ Sport, Eurotramp und SPIETH Gymnastics für alle Aktionsflächen außer der Europameisterschaft angeliefert oder von A nach B transportiert werden mussten.
Hinzu kamen später natürlich noch jene Artikel, die von den zahlreichen Ausstellern direkt in die Standflächen und Veranstaltungsstätten gebracht wurden. 

Ein Pool von 29 routinierten Aufbauhelfern sowie weitere Transportdienstleister und Hilfskräfte standen Wochen vor dem Turnfest bereit, um neben Neuwaren aus Kauf und Sponsoring auch 1228 Gerätschaften aus 40 Schulen im Großraum an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Umliegende Vereine und Verbände trugen außerdem mit zahlreichen Leihgaben zum Erfolg des Turnfest bei. Dafür musste jeder Barren, jeder Schwebebalken, jedes Sprungbrett, jedes einzelne Kastenteil, die 166 Turnbänke und auch 390 Turnmatten teilweise im Set  einzeln inventarisiert werden. Jeder Artikel wurde erfasst und codiert, sein Zustand fotografisch dokumentiert. Schließlich muss jedes Teil im Nachgang auch wieder in gleichem Zustand in den Schulsport am Herkunftsort zurückkehren, das Organisationskomitee für Haftungsansprüche gewappnet sein. Was sich an einem Kasten vielleicht noch mit einem QR-Aufkleber erledigen lässt, muss bei der Oberflächenstruktur und dem Einsatzprofil einer Turnmatte schon über eigens gefertigte RFID-Karten im Reißverschluss erfolgen …
Natürlich muss im Vorfeld der Zugang zu den Geräten und die Anfahrtswege sichergestellt, ein penibler Zeit- und Tourenplan mit dem Montageteam und den Ansprechpartnern vor Ort abgestimmt werden. Jeder Schwebebalken kann nur mit einem 7,5-Tonner transportiert werden, selbst eine Turnbank benötigt schon einen Transporter mit langem Radstand. Hinzu kommen Unmengen an Bällen, Reifen, Seilen, Keulen, Steppern und vielem mehr.

Im Sinne der Nachhaltigkeit gehen die meisten Groß- und Kleinsportgeräte nach dem Turnfest über einen Geräteabverkauf landesweit in die Vereine. Die Gerätepartner stellen dafür schon während der Planungsphase Kataloge über ihre Eventware zu attraktiven Sonderkonditionen auf der Turnfestseite bereit. Nach dem Prinzip „First come, first served“ können die Vereine auf dem Wege fast neue Artikel mit satten Rabatten für ihre Abteilungen ankaufen

Ein „Goldbarren“ für den SV Halle

Nils Dunkel holte bei den Europameisterschaften in Leipzig überraschend die Goldmedaille am Barren und ist damit der erste deutsche Barren-Europameister seit Marcel Nguyen im Jahr 2012. Der 28-jährige gebürtige Erfurter feierte damit seinen bisher größten sportlichen Erfolg: Er qualifizierte sich als Achter für das Finale, zeigte dort eine fehlerfreie Übung und erhielt dafür die Bestnote von 13,900 Punkten.
Sein Heimatverein SV Halle kaufte „seinen“ Barren, der ihm so viel Glück brachte, im Anschluss spontan aus dem Gerätepool.

ZUM VIDEO

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Natürlich ist bei einem Jobprofil dieser Art immer mit spontanen Unwägbarkeiten zu rechnen und entsprechend Flexibilität gefragt: Der Zustand eines vorgesehenen Geräts ist für seinen Einsatzort nicht geeignet. Der vormals als Bausatz gelieferte Barren passt in Gänze leider nicht mehr durch die Tür der Halle, die erforderliche Demontage sprengt den Zeitplan. Manches Großgerät ist auch fest in der Hallensubstanz eines Leistungszentrums verbaut und kann gar nicht entnommen werden; ein anderes ist gar nicht mehr vorhanden, da manche Datenerhebungen noch aus der Planung des pandemiebedingt abgesagten Turnfests 2021 stammen. Oder es werden 130 Rollmatten à 12 und 14 Meter auf einmal geliefert und plötzlich belegen rund acht voluminöse Tonnen Material einen großen Teil der eigens angemieteten Lagerflächen … Hier bewährt sich ein robustes Nervenkostüm und natürlich wie überall ein gutes Netzwerk. Und so helfen spontan der Turnverein Markkleeberg mit Sprungtisch und Pauschenpferd aus, vom TV Machern werden kurz vor knapp noch ein Ringegerüst, eine Bodenturnfläche und ein Stufenbarren ausgeliehen, aus Riesa kommt ein Aerobicboden und Dresden steuert auch noch schnell eine Bodenturnfläche bei ... Wahnsinn!
Am Ende steht überall, was stehen soll und die Turnfamilie beweist wieder einmal, dass sie zusammenhält.

Und während das Turnfestpublikum noch auf der Heimreise ist und sich erschöpft von den aufregenden Tagen in Leipzig erholt, tritt das Team vor Ort die Rolle rückwärts an und setzt alles daran, dass rückgebaut und aufgeräumt wird.
Auf dass auch morgen in den Schulen der Region wieder munter getobt, geklettert und geturnt werden kann!

Alles in allem ziehen wir unseren Hut vor der logistischen Meisterleistung, die alle Beteiligten nicht nur bei der Gerätekoordination zum Gelingen dieses Turnfestes beigetragen haben. Gemeckert ist schnell, wenn Dinge einmal nicht klappen. Doch manchmal hilft ein kleiner Blick hinter die Kulissen, wo all die kleinen und großen Rädchen den Laden am Laufen halten, während vorne das Rampenlicht angeht.
 

Und deshalb gilt unser Dank dem Organisationskomitee des Deutsche Turnfeste e.V. und der Stadt Leipzig mit ihren Verantwortlichen, allen Besuchern und Aktiven aus den Vereinen und Verbänden, den Sponsoren, Partnern und Unterstützern und natürlich allen Helfern und Volunteers aus nah und fern: Ihr seid großartig!

EM-Boden geht nach Friedberg

Beim TSV im schönen Friedberg bei Augsburg wird wie in so vielen unserer BTV-Vereine eifrig geturnt. Sieben Tage die Woche wird hier auf dem alten Boden von 2003 geturnt, die männliche Jugend steht kurz vor dem Aufstieg in die Regionalliga und auch die sehr erfolgreichen Sportakrobaten sind wie die Ropeskipper mit ihrem Jumpinos Showteam für ihr Training auf einen funktionellen Schwingboden angewiesen. Doch „der Boden ist durch“ weiß Abteilungsleiterin Sabine Walter, „nach 22 Jahren im Dauereinsatz ist er wirklich in die Jahre gekommen und muss dringend ersetzt werden.“ Nach der Zusage für einen großzügigen Zuschuss aus dem Hauptverein haben sich die Friedberger den Moskauboden der Europameisterschaften gesichert. Nach der ebenfalls kostspieligen Sanierung des Hallendaches in den Sommerferien kommt der Turnboden samt Unterkonstruktion, auf dem eben noch die europäische Turnelite um die Medaillen kämpfte, nach Schwaben. Er ging für knapp 57.000€ statt der als Neuware fälligen 71.000€ über die Abverkaufstheke.
Möge die Vorgeschichte ihres neuen Bodens nun auch den Friedbergern Glück bringen.

Aktuell läuft noch eine Spendenaktion, um die Turnabteilung mit dem Eigenanteil von rund 30.000€ zu entlasten.

Weitere Informationen und den Link zur Gofundme-Kampagne für Friedberg gibt es bei der

AUGSBURGER ALLGEMEINEN

Airtrack für SV Fortuna Regensburg

Auch andere Turnfest-Schnäppchen fanden in der Vergangenheit bereits ihren Weg in unsere bayerischen Vereine. Schon 2017 reiste eine P3 Airtrack als Spontankauf für 6.000€ vom Turnfest in Berlin mit mehreren Umstiegen per S- und U-Bahn und später mit dem Zug nach Regensburg. Wer selbst hin und wieder eine Airtrack im Verein auf- und abbauen muss, bekommt eine Vorstellung, dass „die Dicke“ mit ihren 15 x 2,80 x 0,3m auch im aufgerollten Packmaß und knapp 140kg kein besonders handlicher Zugbegleiter ist … Trotzdem hat sie ihre Reise mit dem Team der GYMWELT vom SV Fortuna Regensburg damals unbeschadet überstanden und ist bis heute ohne Loch mit dem Akrobatik- und Showteam im Dauereinsatz.

AUSGABE         Turnfest 03-2025 | Einblicke | Gerätekoordination beim Turnfest
AUTORIN          Claudia Doenitz